Romeo und Julia auf dem Dorfe


Romeo und Julia auf dem Dorfe

Romeo und Julia auf dem Dorfe ist eine Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller. Erstmals 1856 in der Sammlung Die Leute von Seldwyla veröffentlicht, gehört sie bis heute zu den meistgelesenen Erzählungen der deutschsprachigen Literatur und gilt als Beispiel für die Stilrichtung des poetischen Realismus. Keller erzählt die Geschichte von Shakespeares unglücklichem Liebespaar Romeo und Julia neu, indem er ihre Handlung ins 19. Jahrhundert und ihren Schauplatz ins bäuerliche Milieu seiner Heimat verlegt: Zwei junge Leute, Sohn und Tochter wohlhabender Bauern, lieben sich trotz der erbitterten Feindschaft ihrer Väter. Als diese Feindschaft den Ruin beider Familien herbeiführt und die Aussicht der Kinder auf eine gemeinsame Zukunft zerstört, sieht das Paar keinen anderen Ausweg, als gemeinsam in den Tod zu gehen.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Der steinige Acker. Wie die folgenden Illustrationen Holzschnitt von Ernst Würtenberger, 1919.

An einem Septembermorgen pflügen die Bauern Manz und Marti bedächtig ihre Äcker, die nahe beisammen liegen, nur von einer mit Steinen und hohem Unkraut bedeckten Fläche getrennt. Als die Sonne höher steigt, bringen zwei Kinder, Sali (Salomon), Manz’ siebenjähriger Sohn, und Vrenchen, Martis fünfjährige Tochter, den Imbiss für die Feldarbeiter. Die Väter, gute Nachbarn, nehmen ihn gemeinsam ein. Dabei unterhalten sie sich über den brach liegenden Acker zwischen ihren Feldern. Beide möchten ihn gerne besitzen, doch er steht nicht zum Verkauf, da der ehemalige Eigentümer längst verstorben ist und die Behörden erst feststellen müssen, wem er jetzt gehört.

Die Kinder Sali und Vrenchen.

Zwar hat sich ein Heimatloser gemeldet, der mit fahrendem Volk in den Wäldern lebt und bald als Kesselflicker, bald als Musikant auf Kirchweih und Hochzeiten sein Brot erwirbt. Man nennt ihn den schwarzen Geiger. Dieser behauptet, er sei der Enkel des einstigen Eigentümers und der Acker gehöre ihm als dessen rechtmäßigem Erben. Manz und Marti geben wie alle älteren Dorfbewohner zu, dass der Heimatlose dem verstorbenen Eigentümer wie aus dem Gesicht geschnitten gleicht. Doch er besitzt keinen Taufschein, und ohne ein solches Papier ist niemand verpflichtet, ihm Herkunft und Anrecht zu bezeugen. Manz: „Sollen wir unsern Taufstein tragbar machen und in den Wäldern herumtragen? Nein, er steht fest in der Kirche!“[1] Am Ende der Unterredung sind sich die Nachbarn einig, abzuwarten: herrenlose Äcker werden nach Ablauf einer Frist versteigert, – Gelegenheit, sie billig zu erwerben. Während ihre Kinder auf dem steinigen Feld spielen und unter Mohnblüten ein Mittagsschläfchen halten, setzen die Väter ihr Tagewerk fort. Zum Schluss schneidet sich jeder mit seinem Pflug noch eine tüchtige Furche von dem Stück Brachland zwischen ihren Äckern ab.

Der Beginn des Streits von Manz und Marti.

Es kam eine Ernte um die andere, und jede sah die Kinder größer und schöner und den herrenlosen Acker schmäler zwischen seinen breitgewordenen Nachbaren. Endlich ist die Frist verstrichen, der Acker wird versteigert. Es finden sich nur zwei Bieter, Manz und Marti. Manz erhält den Zuschlag und verlangt von Marti sofort den Flicken Land zurück, den dieser sich zuletzt durch schiefes Pflügen zusätzlich angeeignet hat. Als Marti darauf nicht eingeht, lässt Manz die vielen Steine auf seinem neuen Land einsammeln und zu einem Haufen aufschichten, genau auf dem strittigen Dreieck. Marti zieht vor Gericht und von diesem Tage an lagen die zwei Bauern im Prozess miteinander und ruhten nicht, ehe sie beide zugrunde gerichtet waren.

Die leere Gaststube.

Zehn Jahre dauert der Niedergang und macht aus angesehenen Männern, die kein Wort zu viel redeten und keinen Pfennig zu viel ausgaben, Prahler und Verschwender, die in Wirtshäusern ihre falschen Ratgeber – Seldwyler Advokaten und Spekulanten – bei Laune halten und in ständiger Geldnot auf jeden Lotterieschwindel hereinfallen. Niemand nimmt sie mehr ernst. Sie lassen ihre blühende Landwirtschaft verkommen und tyrannisieren ihr Gesinde und ihre Familien. Je tiefer beide ihr Unglück empfinden, desto höher lodert ihr Hass: Sie spieen aus, wenn sie sich nur von weitem sahen; kein Glied ihres Hauses durfte mit Frau, Kind oder Gesinde des Andern ein Wort sprechen, bei Vermeidung der gröbsten Misshandlung. Die glückliche Kindheit Salis und Vrenchens ist dahin. Vrenchen, kaum 14 Jahre alt, verliert ihre Mutter, die von Zank und Kummer krank wird und stirbt. Manz' Frau folgt dem schlechten Beispiel ihres Mannes und wirtschaftet den Hof vollends herunter. Für sein letztes Geld kauft sich Manz eine elende Seldwyler Schenke, obwohl er zum Wirt so wenig taugt wie seine Frau zur Wirtin. Anfangs füllt sich die Gaststube noch mit Leuten, die aber nur kommen, um sich über die ungeschickten Wirtsleute zu amüsieren.

Handgemenge auf schmalem Steg.

Als die Gäste ausbleiben, kehren Müßiggang und Mangel ein. Sali, inzwischen 19, stellt sich mit seinem Vater zu den Seldwyler Arbeitslosen an den Fluss, um mit Angeln die Zeit zu verbringen und nebenbei etwas Essbares aufzutreiben. Eines Tages wandern sie ein Stück flussaufwärts. Am Himmel drohen düstere Wolken. Auf halbem Weg zwischen Stadt und Dorf stoßen sie auf Marti, auch er getrieben von Not und Langeweile. Vrenchen muss ihm das Angelzeug nachtragen. Während das Gewitter ausbricht, beginnen die alten Männer, sich zu beschimpfen. Es folgen Schläge und ein Handgemenge auf schmalem Steg, bei dem einer den anderen ins Wasser zu stoßen versucht. Gemeinsam gelingt es Sali und Vrenchen, die Kämpfenden zu trennen. Dabei berühren sich zum ersten Mal seit der Kindheit ihre Hände. Ein Strahl des Abendlichts erhellt Vrenchens Gesicht. Sie lächelt flüchtig und Sali ist erstaunt über ihre Schönheit.

Auf dem Rückweg spürt Sali weder Sturm noch Regen und tags darauf sieht und hört er nichts vom elenden Streit der Eltern. Er versucht, sich Vrenchens Gesicht vorzustellen, und als das nicht gelingt, wandert er hinaus ins Dorf, um es zu sehen. Unterwegs begegnet ihm Marti und wirft ihm böse Blicke zu, hat es aber eilig, in die Stadt zu kommen. Sali findet Vrenchen im halbverfallenen Elternhaus. Aus Furcht vor der Rückkehr des Alten und vor dem Gerede der Dorfbewohner verabreden die beiden ein heimliches Treffen auf dem Acker, wo sie einst als Kinder spielten, dem einzigen, der Marti noch gehört. Unbemerkt von den Leuten gelangen sie dorthin und schlendern den Hügel hinab zum Fluss, in dem sich die weißen Wolken des Julihimmels spiegeln; dann wieder hügelauf, glückselig Hand in Hand, ohne viel miteinander zu sprechen. Plötzlich geht vor ihnen ein schwarzer Kerl. Sie erkennen ihn an der Geige, die er unter dem Arm trägt, und folgen ihm wie gebannt zu dem Steinhaufen, den Manz errichtet hat und der nun feuerrot vom blühenden Mohn überwachsen ist. Der Kerl schwingt sich hinauf und redet sie an: „Ich kenne euch, ihr seid die Kinder derer, die mir den Boden hier gestohlen haben!“ Sie hören nun zum ersten Mal vom Unrecht, das ihre Väter begingen, als sie noch Kinder waren. Es betrübt sie; aber nicht lange. Denn kaum hat der Geiger sie verlassen – ohne ihnen zu drohen oder Böses zu wünschen – muss Vrenchen über sein komisches Aussehen lachen. Lachend legen sich die beiden ins hohe Korn. Sie küssen sich, hören den Lerchen zu und führen verliebte Gespräche. Vrenchen windet sich einen Kranz aus Mohnblumen und setzt ihn auf.

Mittlerweile hat Marti Verdacht geschöpft und ist ihnen nachgeschlichen. Als sie aus ihrem Versteck treten, stürzt er sich tobend vor Wut auf Vrenchen, schlägt ihr den Kranz herunter und reißt sie an den Haaren mit sich fort. Da ergreift Sali, halb in Angst um Vrenchen und halb im Jähzorn, einen Stein und schlägt ihn damit auf den Kopf. Der Alte fällt, liegt ohnmächtig, atmet aber noch. Verzweifelt versprechen Sali und Vrenchen einander, nichts von dem Vorfall zu verraten, und trennen sich, nachdem Sali ein Kind ins Dorf um Hilfe geschickt hat. Marti erwacht zwar wieder, entsinnt sich aber nur dunkel an das Vorgefallene und so, als sei ihm etwas Lustiges passiert. Vrenchen pflegt ihn wochenlang und bringt ihn wieder auf die Beine. Doch er bleibt geistig verwirrt, ein harmlos-fröhlicher Narr, den die Behörde auf Kosten der Dorfgemeinde in eine Anstalt einweist. Zugleich wird sein letzter Besitz gepfändet und Vrenchen verliert das Dach über dem Kopf.

Sali und Vrenchen auf der Kirchweih.

Sali hat erfahren, was geschehen ist, und sucht Vrenchen auf. Sie sprechen über ihre trostlose Zukunft: es bleibt ihnen nichts übrig, als sich in der Fremde eine Stelle zu suchen, Vrenchen als Dienstmagd, Sali als Soldat oder Bauernknecht; denn auch ihn treibt es von zuhause fort, nachdem seine Eltern sich inzwischen mit Dieben eingelassen haben und zu Hehlern geworden sind. Am traurigsten aber macht sie der Gedanke, dass sie verschiedene Wege gehen werden. So fassen sie den Plan, noch einen einzigen schönen Tag zusammen zu verbringen und, da gerade Kirchweih ist, miteinander zu tanzen. Um dafür etwas Geld zu haben und Vrenchen Tanzschuhe zu besorgen, verkauft Sali seine silberne Taschenuhr, das letzte, was ihm aus bessern Tagen geblieben ist. Als Vrenchen ihr Haus endgültig verlassen muss – an einem schönen Sonntagmorgen im September – wandern sie ins Land hinaus, um in irgendeinem Dorf am Tanz teilzunehmen. Da sie ein hübsches Paar darstellen und sich so gut gekleidet haben als ihre Armut erlaubt, begegnet ihnen jedermann mit Achtung. Beim Mittagsmahl hält eine freundliche Wirtin sie sogar für ein Brautpaar auf dem Weg zur Trauung. Sie widersprechen nicht, ziehen weiter und je näher sie dem Festplatz kommen, desto mehr glauben sie selber daran, Braut und Bräutigam zu sein. Sie kaufen sich vergoldete Ringe und Geschenke aus Lebkuchen, er ihr ein Haus, sie ihm ein Herz: „Ach,“ seufzte Vrenchen, „du schenkst mir ein Haus! Ich habe dir auch eines und erst das wahre geschenkt; denn unser Herz ist jetzt unser Haus“.

Sali und Vrenchen am Fluss.

Als Besucher aus ihrem Heimatdorf sie erkennen und zu tuscheln beginnen, meiden sie den Tanzboden des reichen Gasthofs und suchen ein abgelegenes Wirtshaus auf, das „Paradiesgärtlein“, wo sich die armen Leute vergnügen. Dort begrüßt sie der schwarze Geiger wie alte Bekannte: „Ich habe doch gewusst, dass ich euch noch einmal aufspielen werde. So macht euch nur recht lustig, ihr Schätzchen!“. Sie mischen sich unter die Tanzenden. Der Mond geht auf und beleuchtet das seltsame Fest der Heimatlosen, das immer mehr einer Hochzeit ähnelt. Der schwarze Geiger rät Sali und Vrenchen, sich ihnen anzuschließen und ihr ungebundenes Leben in den Bergen zu teilen: „da brauchet ihr keinen Pfarrer, kein Geld, keine Schriften, keine Ehre, kein Bett, nichts als euren guten Willen“. Die heimatlosen Hochzeitsgäste, von Sali mit Wein und Speisen frei gehalten, beglückwünschen das Brautpaar und veranstalten mit ihm eine spaßhafte Trauung. Nach Mitternacht führt der schwarze Geiger die trunkene, singende und tanzende Gesellschaft über die nächtlichen Felder in Richtung Berge. Sali und Vrenchen lassen sich mitreißen, und als es durch ihr Heimatdorf, an ihren verlorenen Vaterhäusern vorbei geht, ergriff sie eine schmerzhaft wilde Laune und sie tanzten mit den Andern um die Wette hinter dem Geiger her, küssten sich, lachten und weinten.

Das Heuschiff treibt zur Stadt.

Auf dem Hügel aber, bei den drei Äckern, bleiben sie hinter dem tollen Zug zurück und warten, bis Musik und Gelächter in der Ferne verklingen. „Diesen sind wir entflohen,“ sagte Sali, „aber wie entfliehen wir uns selbst?“ Da sie beide nur zu gut wissen, dass es ohne lange Trennung und Gefahr der Untreue keine Zukunft für sie gibt, beschließen sie, einander auf der Stelle anzugehören und dann zu sterben. Sie tauschen ihre Ringe. Unten rauscht der Fluss. Sie wählen ein am Flussufer angebundenes, mit Heu beladenes Schiff zu ihrem Hochzeitsbett, klettern hinauf und machen es los. Der untergehende Mond, rot wie Gold, legte eine glänzende Bahn den Strom hinauf, und auf dieser kam das Schiff langsam überquer gefahren. Als es sich der Stadt näherte, glitten im Frost des Herbstmorgens zwei bleiche Gestalten, die sich fest umwanden, von der dunklen Masse herunter in die kalten Fluten. Am Tag darauf findet man in der Stadt das verlassene Heuschiff und wenig später weiter flussabwärts die beiden Leichen.

Über das Werk

Hintergrund und Entstehung

Im September 1847 las der 28-jährige Gottfried Keller, als radikaler politischer Lyriker in Zürich stadtbekannt, in der konservativen Zürcher Freitags-Zeitung folgende Meldung:

Sachsen. − Im Dorfe Altsellerhausen, bei Leipzig, liebten sich ein Jüngling von 19 Jahren und ein Mädchen von 17 Jahren, beide Kinder armer Leute, die aber in einer tödtlichen Feindschaft lebten, und nicht in eine Vereinigung des Paares willigen wollten. Am 15. August begaben sich die Verliebten in eine Wirthschaft, wo sich arme Leute vergnügten, tanzten daselbst bis Nachts 1 Uhr, und entfernten sich hierauf. Am Morgen fand man die Leichen beider Liebenden auf dem Felde liegen; sie hatten sich durch den Kopf geschossen. [2]
Text der Fragment gebliebenen poetischen Version von 1848/49 [3]

Offenbar reizte die bewegende Nachricht den Dichter, die spärlichen Angaben aus seiner Phantasie zu ergänzen. Wenig später hielt er in seinem Tagebuch den Anfang einer Erzählung fest. In dieser Skizze, noch ohne Titel, ist bereits der Vorgang geschildert, aus dem in der fertigen Novelle die tödliche Feindschaft der Nachbarn und das tragische Schicksal ihrer Kinder entsteht:

Zwei stattliche, sonnengebräunte Bauern pflügen mit starken Ochsen auf zwei Äckern, zwischen welchen ein dritter großer brach und verwildert liegt. Während sie die Pflugschar wenden, sprechen sie über den mittleren schönen Acker, wie er nun schon so manches Jahr brach liege, weil der verwahrloste Erbe desselben sich unstät in der Welt herumtreibe. Frommes und tiefes Bedauern der beiden Männer, welche wieder an die Arbeit gehen und jeder von seiner Seite her der ganzen Länge nach einige Furchen dem verwaisten Acker abpflügt. Indem die Ochsen die Pflüge langsam und still weiterziehen und die beiden Züge hüben und drüben sich begegnen, setzen die beiden Bauern eintönig ihr Gespräch fort über den bösen Weltlauf, führen dabei mit fester Hand den Pflug und tun jeder, als ob er den Frevel des andern nicht bemerkte. Die Sonne steht einsam und heiß am Himmel. [4]

Bis zur Vollendung der Erzählung vergingen sieben Jahre. Ende 1848 versuchte er in Heidelberg den Stoff in Verse zu bringen, der Text blieb Fragment (nebenstehendes Bild). Erst 1855 in Berlin, nach Abschluss seines autobiographischen Romans Der grüne Heinrich, glückte ihm die Ausführung in Prosa. Anfang 1856 erschien die Novelle unter dem Titel „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ im ersten Band der Leute von Seldwyla.

Form und literarisch-politisches Programm

Im Unterschied zu den anderen Novellen des Bandes wird die Geschichte von Sali und Vrenchen von zwei Bemerkungen des Erzählers eingerahmt:

Die Vorbemerkung

Erstdruck der Novelle (1856) mit ursprünglichem Wortlaut der Vorbemerkung.
Diese Geschichte zu erzählen würde eine müßige Nachahmung sein, wenn sie nicht auf einem wirklichen Vorfall beruhte, zum Beweise, wie tief im Menschenleben jede jener Fabeln wurzelt, auf welche die großen alten Werke gebaut sind. Die Zahl solcher Fabeln ist mäßig; aber stets treten sie in neuem Gewande wieder in die Erscheinung und zwingen alsdann die Hand, sie festzuhalten.

Mit dem Hinweis auf die großen alten Werke knüpft der Erzähler an den Titel und an Shakespeare an. Er erläutert, warum ihm seine Geschichte erzählenswert erscheint: nicht als müßige Nachahmung eines poetischen Meisterwerks, sondern weil sie auf einem wirklichen Vorfall beruht. Gerade diesen, den realen Hintergrund der Erzählung samt Quelle, hält er jedoch im Dunkeln. Das geschieht mit Bedacht; denn mittlerweile hat die Geschichte eine ganz neue Gestalt angenommen: die Ursachen der Familienfeindschaft wurden hinzugefügt, die Umstände des Freitods geändert, die Liebenden erhielten Namen und Gesicht, die Landschaft schweizerisches Lokalkolorit. Aus der knappen Meldung eines Tatbestands wurde eine novellistisch-ausführliche Fiktion. Erhalten blieben der soziale Schauplatz und die Zeit. Sali und Vrenchen sind arm, ihre Geschichte spielt auf dem Dorf und in der Gegenwart. Was verbindet sie dann noch mit Shakespeares Romeo und Julia, den Kindern reicher städtischer Edelleute des 16. Jahrhunderts? Nichts außer der Hauptsache, für die der Erzähler das Wort „Fabel“ gebraucht.

Unter Fabeln versteht man in der Erzählkunst die Handlungen von Geschichten. Im Alltag gebraucht man den Begriff eher abwertend, spricht von „Fabeleien“ und meint damit Unwahres, freie Erfindungen, Lügengeschichten. Demnach wären die Fabeln poetischer Werke Phantasiegebilde ohne Realitätsgehalt, Niederschlag der dichterischen „Lust am Fabulieren“. Gegen diese Auffassung führt der Erzähler nun die Lebenswahrheit seiner Geschichte ins Feld, zum Beweise, dass die großen alten Werke (nur von solchen, die Jahrhunderte überdauern, ist die Rede) allesamt auf Fabeln gebaut sind, die tief im Menschenleben wurzeln. Ihre Zahl sei mäßig (nicht übermäßig viel Werke werden groß und alt), doch ereigneten sie sich immer wieder und stets in neuem Gewande. Man könnte dagegen einwenden, dass der eine wirkliche Vorfall, der zudem im Dunkeln bleibt, nichts für jede jener Fabeln beweist. Dem Erzähler geht es aber nicht um eine empirische Literaturtheorie, vielmehr formuliert er, als Sprachrohr des Autors, Kellers literarisches Programm, seine Auffassung vom „poetischen Realismus“: Um Dauerhaftes zu schaffen, soll der Poet sich ins Reale, ins Menschenleben vertiefen. Dort, nicht im Luftreich der freien Erfindung, wachsen die poetisch tragfähigen Handlungen. Das macht aber die Phantasie nicht entbehrlich. Welche Rolle sie spielt, geht aus der Entstehungsgeschichte der Novelle hervor: Ohne sie wäre es dem Dichter unmöglich, das Fabelhafte in den stets wechselnden Erscheinungen zu entdecken und es, entsprechend den Bedürfnissen seiner Zeit, neu einzukleiden.

Die Nachbemerkung

1856, beim Erscheinen der ersten Fassung, war die Nachbemerkung zwei Druckseiten lang. Als Paul Heyse die Erzählung 1870 in seinen Deutschen Novellenschatz aufnahm, ließ er sie mit Erlaubnis des Autors ganz weg. Zwei Jahre später fügte Keller sie stark gekürzt wieder ein. In der von nun an endgültigen Fassung beschränkt sich der Erzähler darauf, wiederzugeben, was – im Rahmen der Fiktion – die Seldwyler Zeitungen über den mutmaßlichen Hergang und die Bedeutung des Geschehenen schreiben:

Als man später unterhalb der Stadt die Leichen fand und ihre Herkunft ausgemittelt hatte, war in den Zeitungen zu lesen, zwei junge Leute, die Kinder zweier blutarmen [bitterarmen] zu Grund gegangenen Familien, welche in unversöhnlicher Feindschaft lebten, hätten im Wasser den Tod gesucht, nachdem sie einen ganzen Nachmittag herzlich miteinander getanzt und sich belustigt auf der Kirchweih. Es sei dies Ereignis vermutlich in Verbindung zu bringen mit einem Heuschiff aus jener Gegend, welches ohne Schiffsleute in der Stadt gelandet sei, und man nehme an, die jungen Leute haben das Schiff entwendet, um darauf ihre verzweifelte und gottverlassene Hochzeit zu halten, abermals ein Zeichen von der um sich greifenden Entsittlichung und Verwilderung der Leidenschaften.

Die fiktive Seldwyler Pressestimme fällt nach einigen mitleidigen Worten in den Ton moralischer Entrüstung. Das Beilager des Liebespaares ohne kirchlichen Segen gilt dem Zeitungsschreiber als „gottverlassene Hochzeit“. Indem er die Tat Salis und Vrenchens als Zeichen fortschreitender sittlicher Verwahrlosung deutet, stellt er die Liebenden nachträglich an den Pranger. Wie wenig Keller von dieser Methode hält, zeigt er, indem er den Artikel zitiert und dann schreibt: gemessen an dem, was Sali und Vrenchen erlebt haben, erweist sich der Spruch der Sittenrichter als leeres Gerede. [5]

Durch den Schnitt an der richtigen Stelle erhielt die Erzählung so eine scharfe Pointe. Keller griff mit Romeo und Julia auf dem Dorfe eine Moralauffassung an, die Salis und Vrenchens Verhalten als sündhaft, ihren Freitod als Selbstmord und damit als besonders verwerflich betrachtete. Diese Auffassung kennzeichnete (und kennzeichnet noch) den christlichen Fundamentalismus. Indem er sie zurückwies, bekannte der Autor auch politisch Farbe: die fundamentalistische Strömung war in den kirchlichen Gruppen und konservativen Parteien seiner Zeit stark und übte politischen Einfluss aus, in der Schweiz kaum weniger als im übrigen deutschen Sprachgebiet. Mit der Pointe verlieh er der Novelle somit eine merkliche politische Tendenz, was die poetischen Realisten sonst eher zu vermeiden suchten. Keller schrieb aber nicht, um ein literarisches Programm zu erfüllen, vielmehr sah er sich als Schriftsteller verpflichtet, für Menschlichkeit einzutreten. Unter diesem Aspekt wird der letzte Satz der Vorbemerkung verständlich. Von den alten Fabeln heißt es dort, dass sie in neuem Gewande auftreten, und weiter: sie zwingen alsdann die Hand, sie festzuhalten. Hier ist von der erwähnten Pflicht die Rede. Keller erfüllt sie, indem er die Geschichte eines unglücklichen Liebespaares, die er einer vergänglichen Zeitung entnimmt, in dauerhafte, „klassische“ Form bringt.

Die Moral der Erzählung

Romeo und Julia auf dem Dorfe wurde im christlich-konservativen Lager ganz richtig als Angriff verstanden. Kellers Biograph berichtet: „Nicht lange nach dem Erscheinen dieser Novelle ging in Zürich ein Liebespaar ins Wasser. Die sogenannten Frommen deuteten mit Fingern auf Kellers ‚Romeo und Julia‘.“[6] Als 1875 in Dänemark eine Übersetzung erschien, brach ein Sturm der Entrüstung los. Bigotte Kritiker denunzierten die Erzählung als unsittlich und bezeichneten Keller, Kellers deutschen Herausgeber Heyse und seinen dänischen Übersetzer, den Literaturwissenschaftler Georg Brandes, als „Prediger des Evangeliums des Genusses“. [7]

Es ist deshalb nicht überflüssig, einen Absatz aus der Nachbemerkung zu zitieren, der durch die Kürzung wegfiel:

Was die Sittlichkeit betrifft, so bezweckt diese Erzählung keineswegs, die Tat zu beschönigen und zu verherrlichen; denn höher als diese verzweifelte Hingebung wäre jedenfalls ein entsagendes Zusammenraffen und ein stilles Leben voll treuer Mühe und Arbeit gewesen, und da diese die mächtigsten Zauberer sind in Verbindung mit der Zeit, so hätten sie vielleicht noch alles möglich gemacht; denn sie verändern mit ihrem unmerklichen Einflusse die Dinge, vernichten die Vorurteile, stellen die Ehre her und erneuen das Gewissen, so daß die wahre Treue nie ohne Hoffnung ist. Was aber die Verwilderung der Leidenschaften angeht, so betrachten wir diesen und ähnliche Vorfälle, welche alle Tage im niederen Volke vorkommen, nur als ein weiteres Zeugnis, daß dieses allein es ist, welches die Flamme der kräftigen Empfindung und Leidenschaft nährt und wenigstens die Fähigkeit des Sterbens für eine Herzenssache aufbewahrt, daß sie zum Troste der Romanzendichter nicht aus der Welt verschwindet. […] [8]

Rezeption

Moralische Proteste gegen Romeo und Julia auf dem Dorfe, wie die oben beschriebenen, blieben vereinzelt. Die Novelle gehört seit Heyses Deutschem Novellenschatz zum festen Bestand von Erzählungs-Anthologien und fand bis heute in einer schwer überschaubaren Zahl von Einzelausgaben Verbreitung. Sie nimmt einen festen Platz auf den Lektürelisten des Deutschunterrichts ein und ist in dem seit 2002 von Marcel Reich-Ranicki herausgegebenen Sammelwerk Der Kanon vertreten.

Übersetzungen

Erstmals übersetzt wurde die Novelle 1858 ins Französische. Es folgten Übersetzungen ins Englische, Italienische, Niederländische, Russische, Schwedische, Spanische, Tschechische, Ungarische und andere europäische Sprachen.

Oper

  • 1901 schrieb der englische Komponist Frederick Delius die Oper A Village Romeo and Juliet (uraufgeführt in Berlin 1907).

Verfilmungen

Textausgaben (Auswahl)

Sekundärliteratur

  • Rolf Füllmann: Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe. Interpretation. In: Rolf Füllmann: Einführung in die Novelle. Kommentierte Bibliographie und Personenregister. Wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt 2010, ISBN 978-3-534-21599-7, S. 109-118.
  • Beate Hermes: Lektürehilfen Gottfried Keller "Romeo und Julia auf dem Dorfe". 8. Aufl. Klett, Stuttgart 2002 (= Klett Lektürehilfen). ISBN 3-12-922322-3
  • Christina Haberl: „Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe“, in: Deutsch, Unterrichtsmaterialien für die Sekundarstufe I (Zeitschrift), ISSN 1431-0716
  • Edgar Hein: Romeo und Julia auf dem Dorfe. 2. Aufl. Oldenbourg, München 1988 (= Oldenbourg Interpretationen Bd. 19). ISBN 3-486-88607-X
  • Gerhard Friedl: Gottfried Keller "Romeo und Julia auf dem Dorfe".Schöningh, Paderborn 2004 (= EinFach Deutsch Unterrichtsmodelle). ISBN 3-14-022298-X.
  • Gert Sautermeister: Gottfried Keller "Romeo und Julia auf dem Dorfe". Reclam, Stuttgart 2003. ISBN 3-15-016032-4
  • Hans Gonzenbach: Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe : Untersuchungen zum Wesen des Sprachkunstwerks und zu Kellers Weltbild . Weiß, St. Gallen 1949.
  • Jürgen Hein: Gottfried Keller. Romeo und Julia auf dem Dorfe. Erläuterungen und Dokumente. Reclam, Stuttgart 2003. ISBN 3-15-016032-4
  • Klaus-Dieter Metz: Gottfried Keller. Romeo und Julia auf dem Dorfe. Lektüreschlüssel. Reclam, Stuttgart 2003. ISBN 3-15-015324-7
  • Peter Haida: Romeo und Julia auf dem Dorfe. Editionen mit Materialien. Klett, Stuttgart 2006 (= Lesehefte für den Literaturunterricht). ISBN 3-12-354101-0.
  • Reiner Poppe: Keller. Romeo und Julia auf dem Dorfe. Analysen und Reflexionen. Anregungen für die Unterrichtsgestaltung. Beyer, Hollfeld 1982. ISBN 3-921202-83-3
  • Rudolf Kreis: Gottfried Keller: Romeo und Julia auf dem Dorfe. 'Diesterweg, Braunschweig 1995. ISBN 3-425-06262-X
  • Walpurga Freund-Spork: Romeo und Julia auf dem Dorfe. Bange, Hollfeld: 2003 (= Königs Erläuterungen und Materialien Bd. 251). ISBN 3-8044-1647-0
  • Yoshio Abe: Gottfried Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe": eine erzähltheoretische Untersuchung. Lang, Frankfurt 1989 (= Narratio Bd.2). ISBN 3-261-04108-0
  • Klaus Jeziorkowski: "Der Stein". (Geänderte Fassung des Nachworts zur o.g. Textausgabe). In: Der Text und seine Rückseite. Aisthesis-Verlag, Bielefeld 1995, S. 118–131. ISBN 3-89528-110-7

Weblinks

Einzelnachweise

  1. In Schrägschrift: wörtliche Zitate nach dem Text der Fränkelschen Ausgabe von Kellers Werken, Bd. 7, S. 83−187.
  2. Ausgabe vom 3. September 1847, zitiert nach Gottfried Keller: Sämtliche Werke, Bd. 7, hrsg. von Jonas Fränkel, Erlenbach-Zürich und München 1927, S. 391.
  3. Textbild aus den Gesammelten Werken, Bd. 7, S. 329 f. (Wörter in [] sind im Manuskript ausgestrichen. Der Herausgeber merkt an, dass es sich in Zeile 3 bei „Hat“ wohl um ein Schreibversehen handelt und liest „Hebt“).
  4. Eintrag unter dem 20. September 1847, zitiert nach Sämtliche Werke, Bd. 7, S. 391.
  5. Auch die beiden Bauern äußern in der 1847 skizzierten Anfangsszene ihr frommes und tiefes Bedauern über den bösen Weltlauf. Das hindert sie nicht, kräftig daran mitzuwirken.
  6. Jakob Baechtold: Gottfried Kellers Leben. Seine Briefe und Tagebücher, Berlin 1894–97, Bd. 2, S. 96. In späteren Keller-Biographien fehlt diese Einzelheit.
  7. Brandes an Keller, 13. Dezember 1875, in: Gottfried Keller. Gesammelte Briefe, hrsg. von Carl Helbling, Bern 1954, Bd. 4, S. 161.
  8. Sämtliche Werke, Bd. 7, S. 396 f.
  9. Mit erklärendem Nachwort (S. 67-72) und Worterläuterungen (S. 64-66).

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