Rotmaulseuche


Rotmaulseuche

Die Rotmaulseuche (engl. Enteric Redmouth Disease oder ERM, Salmonid Blood Spot) ist eine durch das Bakterium Yersinia ruckeri verursachte generalisierte, akut oder chronisch verlaufende Infektionskrankheit, für die vor allem Salmoniden, insbesondere Regenbogenforellen empfänglich sind.[1] Sie gehört zu den Yersiniosen.

Erstmals diagnostiziert wurde die Krankheit von R. Rucker in den frühen 50er Jahren des letzten Jahrhunderts im Hagerman Valley, Idaho, USA bei Regenbogenforellen. Viele Fische tragen den Erreger Yersinia ruckeri frei von Symptomen, als sogenannte „Carrier“ (Träger) in sich, bis dieser unter Stress, ausgelöst durch schlechte Haltungs- oder Wasserbedingungen zu hohen Verlusten führt (HORNE & BARNES 1999). Aus den Nieren erkrankter Tiere wurden gramnegative, begeißelte, leicht gebogene Stäbchenbakterien isoliert, die erst 1978 der Gattung Yersinia zugeordnet wurden (EWING et al. 1978).

Inhaltsverzeichnis

Ursachen

Die Größe der Fische spielt für den Ausbruch der Krankheit eine entscheidende Rolle (RUCKER 1966, DULIN et al. 1976,). Fische mit einer Größe bis 10 cm sind besonders empfänglich gegenüber dem Bakterium. Bei größeren Tieren nimmt die Erkrankung einen eher chronischen Verlauf bis hin zu seuchenhaften Ausbrüchen, die bei Tieren von 17–20 cm (RÜBSAMEN & WEIS 1985) und 29,5 cm (FUHRMANN et al. 1983) Länge beschrieben sind. Vor diesem Hintergrund sind aber, wie bei den meisten Fischkrankheiten, Stressfaktoren der maßgebliche Faktor die dann zum Ausbruch der Krankheit führen. Dies sind, neben der eigentlichen Empfänglichkeit des Wirtes und der Virulenz des Erregers, eine zu hohe Besatzdichte, Futterwechsel, schlechte Wasserqualität mit hohem Ammonium- und/oder niedrigem Sauerstoffgehalt oder Transport der Tiere (BUSCH & LINGG 1975, DULIN et al.1976, HUNTER et al. 1980, FRERICHS et al.1985, ROBERTS 1985, RÜBSAMEN & WEIS 1985, SCHLODTFELDT et al. 1985).

Unter Zugabe von Kupfer, in nicht tödlichen Dosen, ist die Anfälligkeit der Fische für ERM höher als bei den Kontrolltieren laut KNITTEL (1981). Laut Untersuchungen existiert keine saisonale Abhängigkeit zum Ausbruch der Krankheit. Ein seuchenhafter ERM-Ausbruch beginnt meist allmählich, die Inkubationszeit beträgt ca. eine Woche, ist jedoch abhängig von den Haltungsbedingungen. Die Mortalität ist anfangs gering, steigert sich jedoch im Verlauf, und es kann zu großen Verlusten kommen, wenn keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden (NEWMAN & MAJRNARICH 1982, WARREN 1983).

Infektion

Yersinia ruckeri befällt den Fisch über die Kiemen und die Haut durch direkten Kontakt von Fisch zu Fisch , aber auch über kontaminiertes Wasser (ROSS et al. 1966), Geräte und Transportbehälter. Vögel können das Bakterium ebenfalls übertragen. Yersinia wurde im Darminhalt von Greifvögeln (BANGERT et al. 1988) und Möwen (WILLUMSEN 1989) nachgewiesen. Fische die diese Krankheit überleben können zu Carrierfischen werden und bilden so ein permanentes Erregerreservoir. Über den Kot der Fische wird das Bakterium ausgeschieden und dient so als erneute Infektionsquelle für nicht infizierte Fische. In den letzten Jahren wurden weitergehende Untersuchungen durchgeführt, bei denen sich herausstellte, dass Yersinia ruckeri sogar Brackwasser (Salzgehalt 0-20 ppt) mindestens 4 Monate überleben kann (THORSEN et al. 1992). ROMALDE et al. (1994) berichteten, dass der Keim mehr als 100 Tage lang in Fluss-, Seewasser und Sediment überlebensfähig ist.

Es wurde außerdem festgestellt, dass einige Yersinia ruckeri-Stämme die Fähigkeit besitzen, einen Biofilm zu bilden. Dies ermöglicht ihnen, an festen Oberflächen im Wasser anzuhaften und zu wachsen, eine Eigenschaft, die im Zusammenhang mit der Fähigkeit zur Beweglichkeit des Bakteriums mittels Flagellen steht. Sie erhöht die Resistenz und Überlebensfähigkeit des Bakteriums im Wasser (COQUET et al. 2002).

Krankheitsverlauf

Die Symptome der Infektion sind identisch wie bei anderen durch gramnegative Bakterien verursachte Septikämien. Anorexie, Dunkelfärbung der Haut und Lethargie sind fast immer krankheitsbegleitend, außer bei junger Brut, bei der Todesfälle ohne sichtbare Krankheitsanzeichen auftreten können (KAWULA et al. 1996).

Die Rötung des Mauls und des Rachens wird durch subkutane Einblutungen verursacht und ist üblicherweise, aber nicht immer vorhanden. Beim atypischen Verlauf der Infektion wird nur die Haut zunehmend dunkel und die Fische schwimmen nahe der Wasseroberfläche (FRERICHS et al. 1985). Wenn die Krankheit unbehandelt fortschreitet, können Erosionen an Kiefer und Gaumen auftreten (HORNE & BARNES 1999). Hämorrhagien treten auf der Körperoberfläche, den Kiemenspitzen, den Flossenbasen und entlang der Seitenlinie auf. In späteren Stadien der Infektion können oft ein- oder beidseitiger Exophthalmus und Blutungen in die Augenhöhle und die Iris, manchmal bis zur völligen Trübung des gesamten Auges, beobachtet werden (FUHRMANN et al. 1983, RÜBSAMEN & WEIS 1985).

Die Tiere leiden an mangelnder Bewegungsintensität und Gleichgewichtsstörungen (LESEL et al. 1983, BULLOCK & ANDERSON 1984, SCHLOTFELDT et al. 1985). Die Blutgefäße im gesamten Peritoneum sind gestaut und es treten Hämorrhagien in Leber, Pankreas, Schwimmblase, Muskulatur und im Fettgewebe auf (WOBESER 1973). Niere und Milz sind häufig geschwollen, und es können Flüssigkeitsansammlungen in Magen und Darm beobachtet werden (BUSCH 1982). Aszites und Enteritis sind weitere regelmäßige Befunde bei der Sektion (RÜBSAMEN & WEIS 1985, SCHLOTFELDT et al. 1985).

Krankheiten die im Krankheitsbild ähnlich sind:

  • akute Form der Vibriose (ROBERTS 1978b, AMLACHER 1986)
  • Bakterielle Nierenerkrankung der Salmoniden (BKD) (ROBERTS 1978b, AMLACHER 1986, SCHAUNER 1985)

Diagnose

Das Bakterium lässt sich aus zahlreichen Geweben, insbesondere aus Milz, Niere und Herz, aber auch aus Leber, Kiemen, Augen, Herzblut und veränderten Bezirken der Maulhöhle isolieren und auf Nährböden anzüchten. Mittels einer Nierenbiopsie ist es möglich, das benötigte Probengewebe von lebenden Fischen zu entnehmen (NOGA et al. 1988). Es wurden in den letzten Jahren einige Methoden entwickelt und verbessert, um Yersinia ruckeri mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR) in sehr geringer Anzahl nachzuweisen (ARGENTON et al. 1996, GIBELLO et al. 1999, LEJEUNE & RURANGIRWA 2000, TEMPRANO et al. 2001, COQUET et al. 2002, DEL CERRO et al. 2002, WILSON & CARSON 2003). Es ist mittlerweile nicht nur möglich, den Erreger in verschiedenen Organen nachzuweisen, sondern auch im Blut infizierter Fische (ALTINOK et al. 2001). Dies bietet die Möglichkeit, die Krankheit zu diagnostizieren, ohne den Fisch töten zu müssen.

Behandlung

Die nachfolgend beschriebenen Medikamente sind rezeptpflichtige Präparate. Diese sind nur über einen Tierarzt zu erhalten. Eine als gesichert geltende Diagnose ist ebenfalls nur über entsprechende veterinärmedizinische Einrichtungen zu bekommen, die auf Untersuchungen von Fischerkrankungen spezialisiert sind.

Um einem Ausbruch von Rotmaulseuche vorzubeugen, sollten krankheitsbegünstigende Faktoren, wie hohe Besatzdichte und schlechte Wasserqualität, möglichst vermieden werden. Durch Spuren von Chemikalien oder durch im Wasser gelöstes organisches Material in Verbindung mit hohen Wassertemperaturen und infolgedessen niedrigem Sauerstoffgehalt können Krankheitsausbrüche auch bei normaler Besatzdichte provoziert werden. Bei Ausbruch der Erkrankung kann eine Behandlung mit Antibiotika wie Oxitetracyclin, Erythromycin, Quinolon und potenzierten Sulfonamiden (CESCHIA et al. 1987, BULLOCK et al. 1983) mit guten Erfolgen durchgeführt werden.

Die Rotmaulseuche ist eine der ersten Fischkrankheiten, für die ein wirksamer kommerzieller Impfstoff entwickelt wurde (BUSCH 1978, COSSARINI-DUNIER 1986), Die Impfung stellt eine effektive Methode zur Eindämmung der Krankheit dar. Die durch die Krankheit verursachten Verluste und die Verwendung von Antibiotika zur Behandlung können so verringert werden (AMEND & ESHENOUR 1980). Wenn die Fische allerdings unter schlechten Hygienebedingungen gehalten werden, kann die Krankheit auch bei geimpften Tieren ausbrechen (AUSTIN & AUSTIN 1989).

Meldepflicht

Die Rotmaulseuche der Salmoniden gehört wie alle tierischen Yersiniosen in Deutschland zu den meldepflichtigen Fischseuchen und Fischkrankheiten. In Österreich ist eine Überwachungspflicht vorgeschrieben (siehe Tierseuche).

Quellen

  • Frerichs G.N., Steward J.A., Collins R.O. (1985) Atypical infection of rainbow trout, Salmo gairdneri Richardson, with Yersinia ruckeri. Journal of Fish Diseases 8: 383-387
  • Busch R.A. (1985) PKD in Idaho. Fish Health Section of the American Fisheries Society Newsletter 13: 6
  • Altinok I., Grizzle J.M., Zhanjiang L. (2001). Detection of Yersinia ruckeri in rainbow trout blood by use of the polymerase chain reaction. Diseases of Aquatic Organisms 44: 29-34
  • Aaustin D.A., Robertson P.A.W., Aaustin B. (2003) Recovery of a new biogroup of Yersinia ruckeri from diseased Rainbow Trout (Oncorhynchus mykiss, Walbaum). Systematic and Applied Microbiology 26: 127-131
  • Amlacher E. (1990) Taschenbuch der Fischkrankheiten. 5. Auflage, Gustav Fischer Verlag, Jena ISBN 3-055-00190-7
  • Amlacher E. (1992). Taschenbuch der Fischkrankheiten. Grundlagen der Fischpathologie, 6. überarbeitete Auflage, Gustav Fischer Verlag, Jena, Stuttgart, 149-177 ISBN 3334003507

Einzelnachweise

  1. A. J. Ross et al.: Description of a bacterium associated with redmouth disease of rainbow trout (Salmo gairdneri). Can. J. Microbiol. (1966) 12(4): S. 763-770 PMID 6007992

Weblinks


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