Rumänischer Kriegsschauplatz (Erster Weltkrieg)


Rumänischer Kriegsschauplatz (Erster Weltkrieg)

Rumänien trat im August 1916 auf Seiten der Entente gegen die Mittelmächte in den Ersten Weltkrieg ein.

Inhaltsverzeichnis

Hintergrund

Britisches Propagandaplakat zum Kriegseintritt Rumäniens

In den politischen und militärischen Führungszirkeln der kriegsführenden Länder während des Ersten Weltkrieges herrschte die Meinung vor, dass der Eintritt kleinerer Staaten das Kampfgeschehen maßgeblich beeinflussen könne. Die Entente versuchte deshalb schon geraume Zeit, das rumänische Königreich auf seine Seite zu ziehen. Der 1877 unabhängig gewordene Nationalstaat befand sich in einem ethnischen Konflikt mit Österreich-Ungarn. Zu den Kriegszielen Rumäniens zählte die Annexion Siebenbürgens, der Bukowina und des Banats, bei denen es sich um mehrheitlich rumänisch besiedelte Gebiete unter österreichisch-ungarischer Herrschaft handelte.

In einem Vertrag mit den Alliierten ließ sich Rumänien daher diese Gebiete zusichern und erklärte Österreich-Ungarn am 27. August 1916 den Krieg. Dieser Entschluss wurde maßgeblich durch den Erfolg der russischen Brussilow-Offensive bedingt, da man darin in Bukarest das Zeichen eines nahen Zusammenbruchs der k.u.k. Armee sah. Ein maßgeblicher politischer Akteur bei der Einbindung Rumäniens war Frankreich. Vor allem dessen Oberbefehlshaber Joseph Joffre hatte sich für eine Aufnahme Rumäniens in die Allianz eingesetzt. Dieselbe Linie vertraten die Vertreter der russischen Volksvertretung.

In militärischen Kreisen stieß das Bemühen, einen neuen Verbündeten zu gewinnen, jedoch auf ein geteiltes Echo. Der Chef des Hauptquartiers, Alexejew, lehnte den Kriegseintritt der kleinen Regionalmacht vehement ab. Er hielt die Armee des Königreichs für unfähig. Außerdem war durch die Neutralität des Staates ein Puffer zwischen Südrussland und den Truppen der Mittelmächte gelegt worden. Sollten diese einen Sieg auf dem neuen Kriegsschauplatz erringen, so könnten sie weiteres russisches Gebiet bedrohen.

Die Armee Rumäniens

Rumänische Infanterie während der Ausbildung

Die positive Einstellung vieler Militärs und Politiker bezüglich des Kriegseintritts ließ sich in Anbetracht des Zustandes der Armee Ferdinands I. nicht halten. Das Heer verfügte zwar über 650.000 Soldaten, doch diese Zahl gab ihrem wahren Kampfwert kaum Ausdruck. Die Logistik der Armee war desaströs. Rumänien konnte zwar die Entente um 23 personalstarke Divisionen verstärken. Diese waren aber dadurch gehemmt, dass es kaum Bahnverbindungen gab und das Nachschubsystem schon nach wenigen Kilometern auf feindlichem Territorium einfach versagte. Ebenso war die Ausrüstung der Armee veraltet. Der Ausbildungsstand der Truppe, die zu großen Teilen aus Analphabeten bestand, war schlecht. Die Armee verfügte gerade einmal über 1.300 Geschütze, von denen nur die Hälfte den Anforderungen der Zeit entsprachen. Die geographische Lage des Landes verschlimmerte die strategische Situation noch weiter. Weder die Karpaten im Nordwesten noch die Donau im Westen boten ausreichende natürliche Hindernisse gegen einen Einfall feindlicher Kräfte. Ebenso lag die ökonomisch reichste Provinz, die Walachei, direkt an der Grenze zur Donaumonarchie im Norden und Bulgarien im Süden. Damit war sie für einen Vorstoß der Mittelmächte von zwei Seiten prädestiniert.

Verlauf der Kampfhandlungen

Rumänischer Einmarsch in Siebenbürgen

Die rumänische Armee unternahm bereits im August einen Vorstoß nach Ungarn, von dem sich der französische Generalstabschef Joffre eine Wendung des Krieges erhoffte. Die 2. Armee unter General Grigore Crăiniceanu und die 4. Armee unter General Constantin Prezan gingen dabei gegen Siebenbürgen vor. Sie rückten bis zu 80 Kilometer in die mehrheitlich rumänisch bewohnte Provinz des Habsburgerstaates vor. Mit ihren 400.000 Mann konnten sie rein numerisch eine zehnfache Überlegenheit gegen die 1. Armee der Österreicher unter Arthur Arz von Straußenburg ins Feld werfen. Dieser Vorteil wurde allerdings nicht genutzt. Die Versorgungsrouten durch das Feindesland waren mangelhaft und die schwache Logistik der Rumänen erwies sich als ein Hauptproblem bei der Offensive. Es gelang den Angreifern jedoch, einige wichtige Grenzstädte einzunehmen. Die erste größere Stadt Hermannstadt zeigte allerdings schon die Schwächen des rumänischen Heeres auf. Sie wurde zwar nicht von k.u.k. Truppen verteidigt, doch man versuchte eine Eroberung aufgrund der Nachschubprobleme gar nicht mehr. Angesichts neuerlicher Versorgungsprobleme und einer deutschen Intervention stellten die beiden Befehlshaber dann jede weitere offensive Aktion ein. Somit wartete die rumänische Angriffsspitze bereits Anfang September 1916 in der Peripherie einer weniger wichtigen ungarischen Provinz die weiteren Ereignisse ab und überließ den Mittelmächten die Initiative.

Mittlerweile hatte die russische Armeeführung unter Alexejew Unterstützungskräfte nach Rumänien geschickt. Die Dobrudscha-Armee, benannt nach der Region ihrer Stationierung unter General Sajontschkowski, hatte allerdings vorerst mit ihren 50.000 Mann nur symbolischen Wert. Ihr Befehlshaber beschwerte sich mehrmals bei Alexejew, dass er zu geringe Kräfte zur Verfügung habe, um seine Aufgabe zu erfüllen. Der russische Armeechef hatte dies absichtlich so gehandhabt. Er sah es als vorteilhafter an, einen Großteil Rumäniens aufzugeben, anstatt größere Ressourcen von der bisherigen Ostfront abzuziehen. Die Hilfe der westlichen Alliierten bestand während der ganzen Kampagne nur in Militärmissionen aus höheren Offizieren.

Rumänische Kriegsgefangene vor einem österreichischen 30,5 cm Mörsergeschütz

Durch die Untätigkeit des rumänischen Heeres und seines russischen Verbündeten konnte sich die Reaktion der Mittelmächte voll entfalten. Ludendorff nutzte die Geographie des neuen Kriegsschauplatzes zu einem dreifachen Schlag gegen das Königreich. Die 1. k.u.k. Armee unter Straußenburg und die 9. deutsche Armee unter dem Kommando des ehemaligen Chefs der OHL Falkenhayn sollten von Ungarn aus die zwei Armeen der Rumänen in Siebenbürgen zurückwerfen. Währenddessen sollte ein gemischter Verband aus deutschen, bulgarischen und österreichisch-ungarischen Truppen unter August von Mackensen von Bulgarien aus gegen die Hauptstadt Bukarest marschieren. Dieser strategische Stoß sollte durch eine Ablenkungsattacke der III. bulgarischen Armee unter General Toschew entlang der Küste des Schwarzen Meeres in die Dobrudscha begleitet werden.

Einmarsch in Bukarest am 6. Dezember 1916

Die rumänische Führung dachte, die Bulgaren würden durch die russische Präsenz in ihrer 1913 zum Teil abgetretenen Provinz von einer militärischen Offensive abgeschreckt. Man versuchte selbst, eine zweite Offensive durchzuführen. Die russische Dobrudscha-Armee sollte gegen die bulgarischen Angreifer eine Gegenoffensive starten und 15 Divisionen unter Alexandru Averescu sollten auf der Linie der Hauptstadt gegen den Frontabschnitt in Bulgarien vorgehen, den Mackensen für seine Zentraloffensive ausersehen hatte. Die rumänisch-russische Offensive, begonnen am 15. September erwies sich als ein Fehlschlag; obwohl den Truppen König Ferdinands die Überquerung der Donau gelang, musste das Unternehmen bereits Ende September wegen der erfolglosen Offensive an der Dobrudscha-Front abgebrochen werden.

Rumänische Truppen bei Mărășești 1917
Eroberung Rumäniens durch die Mittelmächte

Die russischen Truppen in der Dobdrudscha kämpften mit Ausnahme einer angegliederten serbischen Division halbherzig. Dies machte den bulgarischen Ablenkungsangriff zu einem unvorhergesehenen strategischen Erfolg. Die russisch-rumänischen Kräfte wurden durch die bulgarische III. Armee mehr als 100 Kilometer zurückgeworfen. Constanța und Cernavodă wurden bis Ende Oktober erobert und Bukarest war nun an seiner linken Flanke isoliert. Derweil hatten Arz von Straußenburgs Truppen Siebenbürgen zurückerobert und bereiteten sich auf einen Vorstoß Richtung der Hauptstadt vor. Am 23. Oktober begann nun Mackensen seine Zentraloffensive und überquerte mit deutsch-bulgarischen Verbänden die Donau. Seine Armeegruppe hatte nun freien Zugang zur Hauptstadt des Königreichs, da die Hauptkräfte des Feindes gegen die zwei anderen Angriffe der Mittelmächte konzentriert waren. Am 29. November begann der Angriff auf Bukarest.

Die letzte Episode des Kampfs um die Hauptstadt war ein Flankenangriff, der in völliger Verkennung der Lage vom französischen Militärberater General Berthelot initiiert wurde. In der Marneschlacht 1914 hatte ein vergleichbares Manöver Paris gerettet. Der misslungene Angriff verbrauchte noch die restlichen Reserven des rumänischen Heeres. Am 6. Dezember 1916 marschierten Soldaten der Armeegruppe Mackensen in der Hauptstadt ein. Die restlichen rumänischen Truppen zogen sich bis in die Moldau zurück. Auf dem Rückzug gingen weitere acht ihrer 22 verbliebenen Divisionen verloren. Angesichts dieser Katastrophe schickte der russische Stabschef Alexejew nun endlich weitere Truppen, um ein Vordringen Mackensens nach Südrussland zu verhindern.

Folgen

Der Kriegseintritt Rumäniens hatte nicht die Wende für die Entente gebracht, sondern ihren russischen Verbündeten weiter geschwächt. Da in den Feldzügen des Jahres 1916 die rumänische Armee fast vollkommen aufgerieben wurde und sie wegen des Verlustes an Territorium nur noch auf 250.000 Mann an einberufbaren Reserven zurückgreifen konnte, war sie de facto aus dem Kriege ausgeschieden. Allerdings musste die Front in Moldawien gehalten werden, denn sonst würde der Gegner nach Südrussland einfallen. Für diese Aufgabe musste ein Drittel des russischen Heeres bereitgestellt werden. Dies machte die eigentliche zahlenmäßige Überlegenheit der Russen an der Ostfront seit 1916 zunichte. Der Weltkrieg war zunächst eine militärische Katastrophe für den jungen Nationalstaat, doch für Rumänien ergaben sich nach dem Nachspiel des Ungarisch-Rumänischen Krieges von 1919 große Gebietsgewinne, die im Vertrag von Trianon bestätigt wurden.

Für die Mittelmächte erwies sich die Kampagne als ein Glücksfall. Nicht nur wurde das russische Militär in seiner Gänze geschwächt, man zog auch einen großen wirtschaftlichen Gewinn aus den besetzten Gebieten. Das Besatzungsregime unter Leitung der Deutschen konnte große Mengen an Nahrungsmitteln und Bauholz aus dem Land in das Deutsche Reich schaffen und die Industrieproduktion profitierte nun von den Rohstoffen der rumänischen Ölfelder.

Literatur


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