Römerlager Hedemünden


Römerlager Hedemünden
Blick von der Spiegelburg bei Laubach in das Tal der Werra mit B 80 nach Hedemünden, links am Waldhang lag das Römerlager Hedemünden
Wall und Graben der Westflanke des Lagers I

Das Römerlager Hedemünden war eine frühzeitliche Befestigungsanlage, deren Reste sich nahe dem Unterlauf der Werra auf dem heute bewaldeten Burgberg am Rand des Ortes Hedemünden, einem Stadtteil Hann. Mündens in Niedersachsen, finden. Archäologischen Untersuchungen zufolge lässt das reichhaltige Fundmaterial römischer Herkunft auf ein römisches Militärlager aus der Zeit um Christi Geburt schließen.

Es handelt sich neben der Fundregion Kalkriese, dem Römerlager Bentumersiel und dem Römischen Schlachtfeld bei Kalefeld um eine der wenigen römischen Fundstellen im norddeutschen Raum.

Inhaltsverzeichnis

Entdeckung

Gesamtplan der Anlage

Bereits 1855 wurde im näheren Umfeld des Burgberges ein Schatzfund mit römischen Münzen in einem Tongefäß gemacht. Der Fundort liegt zwischen Hedemünden und Ellerode „Im Eichholze“ auf der Trasse eines früheren Fernweges. Bis auf zwei Stücke sind die Typen unbekannt geblieben, denn der restliche Münzfund wurde eingeschmolzen.[1] Erwähnt sind lediglich ein Stück der Gens Minucia und eines der Gens Mamilia. Bei letzterem muss es sich um den Denartyp Cra 362/1, geprägt von C. Mimilius Limetanus in Rom im Jahr 82 v. Chr., gehandelt haben. Dieser Typ ist ein Serratus, der unter den römischen Fundmünzen aus der Zeit des Augustus, in der Fundregion Kalkriese zum Beispiel, durchaus gängig ist.

Raubgräber machten 1998 auf historische Fundstücke auf dem Burgberg aufmerksam. Die sichtbare Wallanlage wurde bis dahin als germanische Wallburg angesehen. Der Kreisarchäologe des Landkreises Göttingen Klaus Grote gab am 6. April 2004 auf dem Burgberg bei Hedemünden der Öffentlichkeit die Entdeckung eines römischen Militärlagers bekannt.

Lage

Der Burgberg liegt auf einer Hochfläche oberhalb des Steilhangs über dem Werratal, rund 60 bis 90 Meter über der Talsohle. Unterhalb davon befindet sich eine  Furt durch die Werra, die zu einem früheren Fernweg vom heutigen Nordhessen ins heutige Südniedersachsen gehörte.

Geländekomplexe

Die Ausgrabungen und Prospektionen der Göttinger Kreisarchäologie unter K. Grote förderten bis Ende 2007 sechs Geländekomplexe zutage.

Lager I

Archäologische Ausgrabung mit Schnitt durch den Wall des Lagers I
Grabungsstelle mit Reihen von Sandsteinblöcken, dienten als Fundament von Holz-Lehm-Bauten

Das „Lager I“ (als Ringwall „Hünenburg“ lange bekannt, aber irrtümlich als germanische Fliehburg angesehen) ist eine länglich ovale Anlage von 320 mal 150 Metern bei einer flach-welligen Innenraumfläche von 3,215 Hektar. Dieses umgibt eine Wall-/Grabenanlage von 760 Metern Länge, in der vier Tore nachgewiesen wurden. Sie befinden sich jeweils in der Mitte der West-, Ost- und Südflanke sowie im Südosten. Ein zusätzliches Nordtor ist nicht nachweisbar. Wall und Graben wurden durch Profilschnitte überprüft. Der Wall hat heute eine Basisbreite von fünf bis sechs Metern und eine Höhe von 0,8 bis 1,2 Metern. Er war vermutlich einst als sogenannte Holz-Erde-Mauer konstruiert, das heißt, die Außenfront des Walles war durch eine senkrechte Pfosten- und Bohlenwand verbaut. Die Gesamthöhe von Grabenbasis bis Wallkrone wird auf 3,5 Meter geschätzt.

Unter der Wallanschüttung fanden sich auf der ehemaligen Oberfläche drei eiserne Pionieräxte (Dolabrae) und eine Pionierschaufel. Im Zuge der Prospektion und vor allem der Grabungen fanden sich im Lager I Gefäßscherben von einheimischer jüngereisenzeitlicher Keramik, von römischer importierter Drehscheibenware (teilweise von Ölamphoren) und eine Serie römischer Münzen. Dazu kommen eine Aduatuker-Kleinmünze und vier unbestimmbare keltische Kleinmünzen. Drehmühlen aus Basaltlava zeugen von der alltäglichen Nahrungsbereitung. Als Einzelfunde sind zum Beispiel eine Aucissafibel und ein Phallusamulett aus Bronze zu nennen. Auffällig ist die große Zahl von eisernen Waffen-, Werkzeug- und Geräteteilen, die auf das römische Militär zurückgehen, wie zum Beispiel eine Schwertklinge, Pilumreste, Tüllenlanzenspitzen, Katapultgeschossbolzen, Lanzenschuhe, Zeltheringe, Ledermesser, Sensen und Sicheln, Baubeschläge, Pfrieme, Meißel und Durchschläge, Hobelmesser, Nägel und Kettenteile. Außerdem liegt eine große Anzahl typischer Sandalenbeschlagnägel vor. Vom römischen Tross stammen vermutlich Anschirrungsteile (Trense, Zugjoch) und Wagenteile (Nabenringe und -hülsen, Achsnägel, Felgennägel, Ösenstifte, Achsenfragmente). Alle Objekte werden zeitnah fachlich restauriert[2]. Funde wie Eisenschlacken und technische Bronze- und Bleiabfälle weisen auf Metallverarbeitung hin.

Im Waldboden des Lagerinnenraums sind oberirdisch deutliche Spuren von Gebäuden vorhanden, und zwar als gelegte Reihen und Vierecke aus großen unbearbeiteten Sandsteinblöcken. Offensichtlich handelt es sich um die Fundamentierungen von Holz-Lehm-Bauten in Fachwerk- oder Bohlenbauweise. Zu denken ist an Horrea, das heißt große Vorratsbauten mit „schwebenden“, unterlüfteten Böden, aber auch an Mannschaftsbaracken und andere Funktionsbauten. Durch die Grabungen wurden diese Steinsetzungen bereits mehrfach bestätigt, zum Beispiel mit Nachweis von verbranntem Baulehm und unterirdischen Grubeneinbauten. Die 2005 und 2006 im Lager I durchgeführte Magnetometerprospektion ergab direkte Hinweise auf weitere Großgebäude, die vielleicht als Principia und als Praetorium anzusprechen sind. Außerdem können an mehreren Stellen im Lager unterirdische Gruben lokalisiert werden. Die seit 2006 vorgenommenen Probegrabungen haben die Befunde jeweils als römische Anlagen bestätigt. Neben den Bauresten, die sich auffällig mit den oberirdischen Steinsetzungen und der Fundverteilung in Deckung bringen lassen, sind hier auch steingesetzte Feuerstellen und ein Feldbackofen zu nennen.

Lager II

Das „Lager II“ ist eine kleinere Anlage von fast rechteckiger Grundrissform, die südlich an das „Lager I“ anschließt und als Anbau offenbar gleichzeitig mit diesem entstand. Die Innenraumfläche beträgt 1,3 Hektar. Auch hier wurden Wall (vermutlich von einer Holz-Erde-Mauer) und Spitzgraben eindeutig nachgewiesen, wobei die Spitzgrabenverfüllung intensive Brandreste enthält. Hierbei handelt es sich wohl um die abgebrannten Reste einer Wallbewehrung aus Flechtwerk mit Lehmverputz. Zwei C14-Analysen ergaben die übereinstimmende Datierung in die augusteische Zeit. Gefunden wurden in diesem Bereich eine (vierte) Dolabra, zwei eiserne Hammerdechsel, Tüllenlanzenspitzen, Katapultbolzen, Sichelteile, eiserne Nägel, Sandalennägel, Zeltheringe und Baubeschläge.

Bereich III

Der Bereich III ist ein westliches Vorgelände von „Lager I“ mit einer auffälligen Fundkonzentration römischer Metallobjekte auf 150 mal 150 Metern Fläche. Wall- und Grabenanlagen sind hier nicht erkennbar. Zu den Funden gehören eine Silbermünze der Römischen Republik, eine Kupfermünze des Augustus (?), eine 40 Zentimeter lange Pilumstange, eine Pilumzwinge, zwei Katapultbolzen, Sandalennägel, ein Glockenklöppel und diverse Baubeschläge.

Lager IV

Das mutmaßliche „Lager IV“ liegt östlich unterhalb des Burgberges. Es könnte rund 15 bis 18 Hektar umfasst haben. Die Südflanke, oberhalb eines Steilhanges zur Werraniederung gelegen, zeigt Reste einer Wallbefestigung, jeweils mit abgerundeten rechtwinkligen Ecken im Westen wie Osten. Auffällig sind hier Keramikfundstreuungen und Strukturen im überackerten Gelände. Die Magnetometerprospektion auf mehreren Hektar Fläche lässt Bau- und Grubenstrukturen erkennen. Es handelte sich möglicherweise um ein Marschlager. Erst Probegrabungen könnten Sicherheit schaffen, ob der Bereich als Lager IV angesprochen werden kann.

Bereich V

Als Bereich V werden mehrere Geländeterrassen bezeichnet, die im oberen Osthang zwischen den Lagern I, II und IV liegen. Ihre Datierung ist noch zu klären, in einem Fall hat die Probegrabung ergeben, dass es sich um eine kleine rechtwinklige Wall- und Grabenstruktur mit verbrannter Palisade gehandelt hat, die östlich an das Lager II angebaut war. Aus den anderen Terrassen liegen bereits Keramikreste vor, dabei ist eine Scherbe Terra Sigillata bemerkenswert.

Bereich VI

Auch aus dem nördlichen bewaldeten Vorgelände des Lagers I, noch auf der Hochfläche, stammen römische Metallfunde. Hier befindet sich ein versumpfter Wasseraustritt, der vermutlich für die ehemalige Frischwasserversorgung eine Rolle gespielt hat. Spuren von verziegeltem Baulehm, Holzkohlen und die Metallobjekte führten zur Festlegung des Außenbereiches VI.

Fundstücke

Bis Ende 2007 wurden insgesamt rund 1.300 römische Metallfunde gesichert. Sie lassen einen Vergleich mit anderen Funden aus frühkaiserzeitlichen Lagern und Plätzen wie Haltern, Xanten, Nimwegen, Kalkriese, Waldgirmes, Hofheim, Dangstetten und Rödgen (Bad Nauheim) zu. Auffällig ist die in Größe und Form bestehende Ähnlichkeit mit dem Römerlager Rödgen (3,3 Hektar) in der Wetterau. Die Datierung ist über die Serie der Münzen gesichert. Neben drei republikanischen älteren Silberprägungen sind dafür die Bronzemünzen ausschlaggebend. Die Mehrzahl besteht hier aus Nemausus-Prägungen der Serie I (Asse und Dupondien), die zwischen 16 und 8 v. Chr. in Nemausus, dem heutigen Nimes in Südfrankreich geprägt wurden und bis in die vorgeschobenen Legionsstützpunkte im Norden an den Rhein gelangt sind. Von dort wurden sie in großer Zahl als Sold an die Legionäre ausgegeben, so dass sie zu den Hauptfundmünzen in den frühen Feld- und Nachschublagern in der Germania gehören. Somit ist der Stützpunkt von Hedemünden in die frühe Phase der Okkupationsvorstöße nach Germanien zu datieren, der als Oberaden-Horizont bezeichnet wird. Die Vorstöße wurden damals (zwischen 12 und 9 v. Chr.) unter Drusus von Xanten und Mainz aus geführt. Der letzte dieser Feldzüge führte 9 v. Chr. von Mainz aus über Hedemünden weiter nach Südniedersachsen und um den Harz herum bis an die Elbe.

Suche nach militärischen Außenposten des Lagers und Vormarschwegen

Seit 2006 werden die archäologischen Geländearbeiten auf das weitere Umfeld von Hedemünden ausgedehnt. 2007 führte die Untersuchung des bis dahin in mittelalterliche Zeit eingeordneten Ringwalls Kring zu Fundstücken aus römischer Zeit. Dies führte zur Annahme, dass es sich anfangs um einen Aussenposten des Römerlagers handelte, der in höherer Lage und in Sichtweite etwa 2,5 km südwestlich vom Hauptlager entfernt lag. Auch wurden in heutigen Waldgebieten, insbesondere im Kaufunger Wald südlich der Werra gegenüber dem Hauptlager, überraschende Befunde ermittelt. So ließ sich der antike Marschweg der römischen Truppen anhand zahlreicher Metallfunde auf lange Strecken kartieren. Es wurden typische Beschlagnägel der Legionärssandalen, aber auch ein vollständig erhaltener eiserner Legionärsdolch (Pugio) gefunden. Außerdem wurden beiderseits des Lagers auf diesen Strecken zwei vorgeschobene Außenposten lokalisiert: in Richtung Nordosten (Richtung Göttinger Leinetal) in rund fünf Kilometern Entfernung, nach Südwesten (Richtung Kassel) im Kaufunger Wald in rund drei Kilometern Entfernung. Beide Plätze lieferten Serien von römisch-augusteischen Metallfunden. Der Münzdatierung zufolge sind auch sie vermutlich den Feldzugsjahren des Drusus zuzuordnen.

Historische Schlussfolgerungen

Rekonstruierter Toreingang auf einem Hinweisschild am Römerlager

Nach den archäologischen Befunden wurde das Lager Hedemünden um etwa 11 bis 9 v. Chr. gegründet.[3] Es bestand mindestens bis 8 oder 7 v. Chr., eventuell auch noch bis in die Jahre nach Christus und bis zur Varusschlacht. Letztlich kann es noch einmal in den Jahren 15 und 16 n. Chr. während der römischen Revanchefeldzüge unter Germanicus eine Rolle gespielt haben. Das Lager wurde wahrscheinlich von Drusus angelegt, in Betracht kommen der Feldzug im Jahr 11 v. Chr. an die Weser, auf dem das bislang nicht lokalisierte Lager Aliso gegründet wurde und der Feldzug im Jahr 9 v. Chr. an die Elbe.

Mit Hedemünden wurde ein wichtiger strategischer und logistischer Lagerkomplex der römischen Vorstöße entdeckt. Er orientierte sich an der Überquerung einer alten Fernstraße, die von Nordhessen nach Südniedersachsen führte, über die Werra, die als Oberlauf der Weser noch rund 150 Kilometer weiter flussaufwärts schiffbar war und gleichermaßen eine wichtige überregionale Verkehrs- und Handelslinie darstellte. Bis heute gilt Hedemünden als einziges in Niedersachsen nachgewiesenes Römerlager, es ist bislang das am weitesten nach Osten vorgeschobene bekannte Lager in Germanien.

Finanzierung der Ausgrabungen

Die Forschungsmaßnahmen der archäologischen Denkmalpflege des Landkreises Göttingen wurden seit 2004 durch zahlreiche Sponsoren und auch Stiftungen (Niedersächsische Sparkassenstiftung, Niedersächsische Lottostiftung) ermöglicht. Von 2006 bis 2009 erfolgt eine wesentliche Finanzierung durch Forschungsmittel der Niedersächsischen Landesregierung (Ministerium für Wissenschaft und Kultur).

Einzelnachweise

  1. Frank Berger, Die Fundmünzen der römischen Zeit in Niedersachsen, Band 2, Berlin 1988, S. 151 Nr. 7039.
  2. Firma H. Biebler, Körner bei Mühlhausen, Thüringen
  3. Ulrich Werz: Zur Datierung des Römerlagers bei Hedemünden (S. 189) plädierte aufgrund seiner Untersuchung gegengestempelter Fundmünzen für 12 v. Chr.

Literatur

  • Klaus Grote: Stützpunkt der römischen Expansionspolitik. Das Römerlager bei Hedemünden an der Werra. Ein Vorbericht. In: Göttinger Jahrbuch. Göttingen 52.2004, S.5–12. ISSN 0072-4882
  • Klaus Grote: Römer an der Werra. Das Militärlager bei Hedemünden im südlichen Niedersachsen. in: Archäologie in Niedersachsen. Oldenburg 8.2005, S.113-117. ISSN 1615-7265
  • Klaus Grote: Römerlager Hedemünden. Herausgegeben vom Mündener Heimat- und Geschichtsverein Sydekum. Hann-Münden 2005. ISBN 3-925451-35-8
  • Klaus Grote: Das Römerlager im Werratal bei Hedemünden (Ldkr. Göttingen). Ein neuentdeckter Stützpunkt der augusteischen Okkupationsvorstöße im rechtsrheinischen Germanien. In: Germania. Mainz 84.2006, S.27-59. ISSN 0016-8874
  • Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Bd 33.2006, S.485-489.
  • Dorothea Rohde, Helmuth Schneider: Hessen in der Antike. Die Chatten vom Zeitalter der Römer bis zur Alltagskultur der Gegenwart. Kassel 2006, S. 70-87. ISBN 3-933617-26-X
  • Göttinger Jahrbuch. Göttingen 54.2006, S.5-19. ISSN 0072-4882
  • In: Fundchronik Niedersachsen 2005. Beiheft 12 der Nachrichten aus Niedersachsens Urgeschichte. Stuttgart 2006, S.64-68. ISSN 1437-2177
  • Gabriele Uelsberg: Krieg und Frieden. Kelten-Römer-Germanen. Katalog der Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum Bonn. Bonn und Darmstadt 2007, S.218-222. ISBN 3-89678-349-1
  • Ulrich Werz: Zur Datierung des Römerlagers bei Hedemünden, Ldkr. Göttingen, durch gegengestempelte Fundmünzen, in: Michael Zelle (Hrsg.): Terra incognita? Die nördlichen Mittelgebirge im Spannungsfeld römischer und germanischer Politik um Christi Geburt. Akten des Kolloquiums im Lippischen Landesmuseum Detmold vom 17. bis 19. Juni 2004. Mainz: Philipp von Zabern 2008, S. 187-190. ISBN 3-8053-3632-2

Weblinks


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