Schizoide Persönlichkeitsstörung


Schizoide Persönlichkeitsstörung
Vergleichende Klassifikation nach
ICD-10   DSM-IV
F60.1 Schizoide Persönlichkeitsstörung 301.20 Schizoide Persönlichkeitsstörung
ICD-10 online DSM IV online

Die schizoide Persönlichkeitsstörung (griechisch: schizo = abgespalten; nicht zu verwechseln mit Schizophrenie, der schizotypischen Persönlichkeitsstörung oder der schizoiden Störung des Kindesalters) zeichnet sich aus durch einen Rückzug von affektiven, sozialen und anderen Kontakten mit übermäßiger Vorliebe für Phantastereien, einzelgängerisches Verhalten und eine in sich gekehrte Zurückhaltung. Die Betroffenen verfügen nur über ein begrenztes Vermögen, Gefühle auszudrücken und Freude zu zeigen.

Dr. Eugen Bleuler 1911

Der Begriff schizoid wurde im Jahre 1908 von Eugen Bleuler geprägt.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Eine tiefgehende Kontaktstörung prägt die betreffenden Personen, ihre emotionale Beziehung zur Umwelt und anderen Menschen ist zentral gelockert, die spontane Erlebnisfähigkeit und das unmittelbare Ansprechen der Gefühle sind stark gehemmt. Tiefsitzendes Misstrauen hält sie anderen Menschen gegenüber auf Distanz. Während einerseits der Wunsch nach inniger Gemeinsamkeit mit anderen Menschen vorhanden sein kann, sind andererseits die Wege zum Ausdrücken und Mitteilen überwiegend blockiert, einige von ihnen treten starr und hölzern auf, andere wiederum überaus freundlich und vertrauenswürdig. Unter Druck gesetzt, durch z.B. zu enges Zusammenleben, reagieren sie oft abrupt und befremdlich, scheinen sich gerade gut unter Kontrolle zu haben, bevor sie sich einen Augenblick später, für Außenstehende völlig unerwartet zurückziehen, sich abschotten und jegliche Kontakte für einige Zeit nach außen meiden. Sowohl perfekte Selbstkontrolle als auch plötzliches Ausbrechen sind die zwei Seiten einer Persönlichkeit, deren emotionale Verbundenheit mit anderen Menschen nur gering vorhanden ist.

Beim geselligen Umgang fällt die Unzugänglichkeit des Wesenskerns auf, obwohl formal ein perfekter und sogar eleganter Umgangsstil beherrscht werden kann. Menschen mit einer solchen Störung bilden kompensatorisch oft ein hohes Maß intuitiver Fähigkeiten aus, mit denen sie sich zugleich schützen und Überlegenheit gewinnen können. Diese „antrainierten“ Fähigkeiten bleiben oft ein Leben lang erhalten und schränken das Leben des Betroffenen ein, da sie die soziale Kontaktfähigkeit des Betroffenen unterdrücken (Kontakte werden durch die ausgeprägte Intuition deshalb verhindert, weil in vielem Neuen eine mögliche Gefahr gesehen wird, vor der es sich zu schützen gilt).

Soweit die sonstigen Voraussetzungen bestehen, entwickeln Betroffene oft ein hohes Maß an intellektueller Differenziertheit. Beruflich fühlen sie sich in abstrakten Wissenschaften fernab von Menschen wohl und können dort zu überaus guten Leistungen fähig sein. Ebenfalls kommt ihnen ihre Flexibilität durch zumeist soziale Ungebundenheit zugute. In der Schule liefern sie mitunter schlechte Leistungen ab, die nicht in Relation zu ihrem Intellekt stehen, und ziehen oft Hänseleien auf sich.

Der Begriff der Persönlichkeitsstörung legt eine Fixierung auf die beschriebenen Merkmale nahe. Dennoch ist davon auszugehen, dass solche Störungen unter günstigen Bedingungen sich mildern, Plastizität beweisen und Veränderungen erreicht werden können.

Es wird von weniger als einem Prozent Betroffener in der Bevölkerung ausgegangen, das heißt, dass die Störung im Vergleich zu anderen Persönlichkeitsstörungen relativ selten vorkommt.[1]

Ursachen

Nach vorherrschender Auffassung nimmt diese Persönlichkeitsstörung in der frühen Kindheit ihren Ausgang. Eine hochgradige angeborene Sensibilität und Irritierbarkeit wird ebenso als Voraussetzung für ihre Entstehung angesehen wie Formen starker emotionaler Vernachlässigung, chaotischer sozialer Verhältnisse oder auch Formen brüsker mütterlicher Fürsorge. In vielen Fällen weist ein Elternteil psychische Störungen auf und/oder konnte sein Kind nicht verstehen. Dem Säugling und Kleinkind fehlt ausreichender Schutz zum Ausbilden der ersten selbstständigen Kontakte mit der nächsten Umgebung – solche Versuche wurden entweder gar nicht beantwortet und konnten sich nicht weiterentwickeln, oder es wurde so stark auf sie reagiert, dass nicht die Freude an der Antwort, sondern die Beängstigung durch sie als bleibende Erfahrung im Gedächtnis bleibt.

Klassifikation nach ICD und DSM

ICD-10

Mindestens drei der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen müssen vorliegen:

  1. wenn überhaupt, dann bereiten nur wenige Tätigkeiten Freude;
  2. zeigt emotionale Kühle, Distanziertheit oder einen abgeflachten Affekt;
  3. reduzierte Fähigkeit, warme, zärtliche Gefühle für andere, oder Ärger auszudrücken;
  4. erscheint gleichgültig gegenüber Lob oder Kritik von anderen;
  5. wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit einem anderen Menschen (unter Berücksichtigung des Alters);
  6. fast immer Bevorzugung von Aktivitäten, die alleine durchzuführen sind;
  7. übermäßige Inanspruchnahme durch Phantasien und Introvertiertheit;
  8. hat keine oder wünscht keine engen Freunde oder vertrauensvollen Beziehungen (oder höchstens eine);
  9. deutlich mangelndes Gespür für geltende soziale Normen und Konventionen. Wenn sie nicht befolgt werden, geschieht das unabsichtlich.

DSM-IV

A: Ein tief greifendes Muster, das durch Distanziertheit in sozialen Beziehungen und eine eingeschränkte Bandbreite des Gefühlsausdrucks im zwischenmenschlichen Bereich gekennzeichnet ist. Die Störung beginnt im frühen Erwachsenenalter und tritt in den verschiedensten Situationen auf. Mindestens vier der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

  1. hat weder den Wunsch nach engen Beziehungen noch Freude daran, einschließlich der Tatsache, ein Teil einer Familie zu sein,
  2. wählt fast immer einzelgängerische Unternehmungen,
  3. hat, wenn überhaupt, wenig Interesse an sexuellen Erfahrungen mit einem anderen Menschen,
  4. wenn überhaupt, dann bereiten wenige Tätigkeiten Freude,
  5. hat keine engen Freunde oder Vertraute außer Verwandten ersten Grades,
  6. erscheint gleichgültig gegenüber Lob und Kritik von Seiten anderer,
  7. zeigt emotionale Kälte, Distanziertheit oder eingeschränkte Affektivität.

Behandlung

Die Behandlung erfolgt zumeist mit Psychotherapie, wobei es Personen mit schizoider Persönlichkeitsstörung häufig schwer fällt, eine engere Beziehung zu dem Therapeuten einzugehen. Hierbei kommen sowohl Kognitiv-behaviorale Veränderungsstrategien und psychodynamische Verfahren zum Einsatz.

Eine Psychopharmakotherapie kommt zum Einsatz, wenn die Symptomatik gleichzeitig eine schwere Depression und/oder Ängste umfasst. Eine ursächliche Behandlung mit Medikamenten ist aber nicht bekannt. [2]

Einzelnachweise

  1. M. M. Weismann: The epidemiology of personality disorders. A 1990 update.. In: Journal of Personality Disorders. Nr. Spring issue, Suppl., 1993, S. 44–62..
  2. Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM), Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM), Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGP), Fachgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie, Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie (DGKJP) [1]

Literatur

  • Simone Hoffner: Die schizoide Persönlichkeitsstörung. Ergebnisse einer empirischen Studie zur Klassifikation schizoider Störungen und erste Validierungsversuche des Interviews zur Diagnostik schizoider Störungen IDS, Universität Heidelberg 1999. (Dissertation)
  • Susann Trompeter: Schizoide Persönlichkeitsstörung, in: Stephanie Amberger, Sibylle C. Roll (Hg.): Psychiatriepflege und Psychotherapie, Thieme, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-13-148821-3, S. 395–396.

Weblinks

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