Schizotypische Persönlichkeitsstörung


Schizotypische Persönlichkeitsstörung
Klassifikation nach ICD-10
F21 Schizotype Störung
Schizotype Persönlichkeitsstörung
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Die schizotypische Persönlichkeitsstörung oder schizotype Störung (nicht zu verwechseln mit der schizoiden Persönlichkeitsstörung, obwohl beides erst in jüngster Zeit diagnostisch getrennt wurde) zeichnet sich aus durch ein tiefgreifendes Verhaltensdefizit im zwischenmenschlichen bzw. psychosozialen Bereich. Das äußert sich in Verhaltens-Eigentümlichkeiten, mangelnder Fähigkeit zu engen persönlichen Beziehungen und Verzerrungen in Denken und Wahrnehmung. Das Auftreten ist oft schrullig und exzentrisch. Im ICD-10 wird diese Störung den „schizophrenen und wahnhaften Störungen“ (F2x) zugeordnet, im DSM-IV den Persönlichkeitsstörungen, wo sie zusammen mit der schizoiden und der paranoiden Persönlichkeitsstörung dem „schizophrenen Spektrum“ zugeordnet wird. Die Störung ist insgesamt noch wenig erforscht. Es wird von 0,5–3% Betroffenen in der Bevölkerung ausgegangen. Manche Autoren gehen davon aus, dass diese Störung, vor allem in ihrer hochgradigen Ausprägung, sogar nur 0,05–0,1 % der Bevölkerung ausmacht.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Die schizotypische Persönlichkeitsstörung ist durch einen oftmals unfreiwilligen Rückzug von sozialen Kontakten gekennzeichnet. Obgleich die Betroffenen mit diesem Defizit nicht glücklich sind, finden sie sich damit ab. Sie können zwar Kontakte knüpfen, tun dies aber nur selten und ungern. Ebenso schwer fällt es ihnen, diese aufrechtzuerhalten. Ihr Misstrauen anderen gegenüber ist groß und wird auch durch längeres Zusammensein nicht abgebaut sondern nimmt zu, steigert sich aber sehr selten in reizbares und aggressives Verhalten. Mitmenschen fällt ihr unzugängliches, gemütsarm und gleichgültig wirkendes Verhalten auf.

Unkonventionalität durchzieht bei ihnen alle Lebenslagen. So reicht ihr äußeres Erscheinungsbild von skurril und grotesk bis ungepflegt. Die Sprache ist idiosynkratisch und enthält Phrasen, die im herkömmlichen Sprachgebrauch völlig unüblich sind. Ihre Glaubensinhalte sind geprägt von Pseudowissenschaften wie Magie oder Esoterik wie auch von paranoiden Gedankengängen. Auch bei kreativen Arbeiten heben sie sich von der Allgemeinheit durch sehr außergewöhnliche Kunstwerke ab, die ihrer hohen Sensibilität zu verdanken sind. Hochgradig Schizotypische indes scheinen selten künstlerisch begabt zu sein, sondern denken und handeln eher technisch-funktionell und abstrakt, wobei man ihre schizotypie-immanenten gelegentlichen Denkstörungen mitberücksichtigen muss.

Da sie mit ihrem übersensiblen Naturell ständig von Reizüberflutung bedroht sind, bauen sie eine Art „seelischen Schutzwall“ auf, der aber auch den Ausdruck von Gefühlen verhindert. In Krisensituationen fällt ihnen logisches Denken schwer, und sie haben Probleme, unwichtige von wichtigen Informationen zu filtern. Stress kann bei ihnen auch körperliche Beschwerden hervorrufen.

Ursachen

Man geht von einer multikausalen Entstehungsgeschichte mit folgenden Ursachen aus [1] :

  • Genetische Disposition: Schizotypische Persönlichkeiten findet man häufig in Familien, in denen es Fälle von Schizophrenie gibt. Es wird daher von einer gemeinsamen genetischen Disposition für beide Krankheiten ausgegangen.
  • Frühkindliche Traumatisierungen: Menschen mit einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung berichten häufig über Erfahrungen von sexuellem Missbrauch und körperlicher Misshandlung. Auch eine schwere Geburt kommt als traumatische Erfahrung in Betracht.
  • Frühkindliche Vernachlässigung: Viele schizotypische Personen konnten in ihrer Kindheit keine enge Verbindung zu ihren Eltern aufbauen, sei es, weil die Mutter ihrer Rolle nicht gerecht wurde, sei es, weil sie ebenfalls psychisch krank ist. Auch Hospitalismus kommt als Ursache in Betracht.
  • Mobbing in der Schule: Menschen mit einer schizotypischen Persönlichkeitsstörung berichten häufig davon, dass sie im Kindes- und Jugendalter ein Opfer von Mobbing waren. Dadurch waren viele schizotypische Menschen bereits in der Pubertät sozial isoliert.

Klassifizierung nach DSM und ICD

DSM-IV

A. Ein tiefgreifendes Muster sozialer und zwischenmenschlicher Defizite, das durch mangelnde Fähigkeit zu engen Beziehungen oder akutes Unbehagen darin gekennzeichnet ist. Weiterhin treten Verzerrungen der Wahrnehmung oder des Denkens und eigentümliches Verhalten auf. Die Störung beginnt im frühen Erwachsenenalter und zeigt sich in verschiedenen Situationen. Wenigstens fünf der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

  1. Beziehungsideen (jedoch kein Beziehungswahn),
  2. seltsame Überzeugungen oder magische Denkinhalte, die das Verhalten beeinflussen und nicht mit den Normen der jeweiligen subkulturellen Gruppen übereinstimmen (z. B. Aberglaube, Glaube an Hellseherei, Telepathie oder an den sechsten Sinn; bei Kindern und Heranwachsenden bizarre Phantasien und Beschäftigungen),
  3. ungewöhnliche Wahrnehmungserfahrungen einschließlich körperbezogener Illusionen,
  4. seltsame Denk- und Sprechweise (z. B. vage, umständlich, metaphorisch, übergenau, stereotyp),
  5. Argwohn oder paranoide Vorstellungen,
  6. inadäquater oder eingeschränkter Affekt,
  7. Verhalten oder äußere Erscheinung sind seltsam, exzentrisch oder merkwürdig,
  8. Mangel an engen Freunden oder Vertrauten außer Verwandten ersten Grades,
  9. ausgeprägte soziale Angst, die nicht in zunehmender Vertrautheit abnimmt und die eher mit paranoiden Befürchtungen als mit negativer Selbstbeurteilung zusammenhängt.

B. Tritt nicht ausschließlich im Verlauf einer Schizophrenie, einer affektiven Störung mit psychotischen Merkmalen, einer anderen psychotischen Störung oder einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung auf.

ICD-10

(F21; dort im Bereich F2: Schizophrenie)
Eine Störung mit exzentrischem Verhalten und Anomalien des Denkens und der Stimmung, die schizophren wirkt, obwohl nie eindeutige und charakteristische Symptome aufgetreten sind. Es gibt kein beherrschendes oder typisches Merkmal; jedes der folgenden kann vorhanden sein:

  1. Inadäquater oder eingeschränkter Affekt (der Patient erscheint kalt und unnahbar).
  2. Seltsame(s), exzentrische(s) und eigentümliche(s) Verhalten und Erscheinung.
  3. Wenig soziale Bezüge und Tendenz zu sozialem Rückzug.
  4. Seltsame Glaubensinhalte und magisches Denken, die das Verhalten beeinflussen und im Widerspruch zu (sub)kulturellen Normen stehen.
  5. Misstrauen oder paranoide Ideen.
  6. Zwanghaftes Grübeln ohne inneren Widerstand, oft mit dysmorphophoben, sexuellen oder aggressiven Inhalten.
  7. Ungewöhnliche Wahrnehmungsinhalte mit Körpergefühlsstörungen oder anderen Illusionen, mit Depersonalisations- oder Derealisationserleben.
  8. Denken und Sprache vage, umständlich, metaphorisch, gekünstelt, stereotyp oder anders seltsam, ohne ausgeprägte Zerfahrenheit.
  9. Gelegentlich vorübergehende quasi-psychotische Episoden mit intensiven Illusionen, akustischen und anderen Halluzinationen und wahnähnlichen Ideen; diese Episoden treten im Allgemeinen ohne äußere Veranlassung auf.

Die Störung zeigt einen chronischen Verlauf mit unterschiedlicher Intensität. Gelegentlich entwickelt sich eine eindeutige Schizophrenie. Es lässt sich kein exakter Beginn feststellen; Entwicklung und Verlauf entsprechen gewöhnlich einer Persönlichkeitsstörung. Sie findet sich häufiger bei Personen mit manifest schizophren Erkrankten in der Familie. Man nimmt an, dass sie einen Teil des genetischen Spektrums der Schizophrenie verkörpert.

Korrelation zu anderen Krankheiten

Ein großes Problem bei der Diagnose ist die Überlappung mit anderen Krankheiten. Schizotypische Personen haben die gleichen zwischenmenschlichen Probleme wie schizoide Personen, allerdings mit dem Unterschied, dass Schizotypische unter der sozialen Isoliertheit leiden, wohin Schizoide keinen Wert auf zwischenmenschliche Kontakte legen. Zudem zeigen Schizoide keine anderen Auffälligkeiten wie magisches Denken, seltsame Sprache und Erscheinung. Schizophrenie weist ähnliche Symptome auf, aber mit stärkerer Ausprägung in Form von Wahnvorstellungen und Halluzinationen. Der größte Unterschied zur Borderline-Persönlichkeitsstörung ist die fehlende Impulsivität und Stimmungslabilität. Auch sind Borderliner eher extravertiert und kontaktfreudig, wenngleich ihre Beziehungen selten stabil sind. Narzisstische Persönlichkeiten weisen ein ausgeprägteres Selbstbewusstsein auf, jedenfalls nach außen hin, und sind viel eher in der Lage, Kontakte herzustellen, wenngleich diese häufig eine egoistische Ausprägung haben. Bei sozialer Phobie und ängstlich-vermeidender Persönlichkeitsstörung ist es die Angst vor dem Werturteil der anderen, die den Betroffenen den Kontakt erschwert. Schizotypische hingegen sorgen sich eher darum, dass Andere sie ausnutzen oder ihnen schaden wollen. Auch die Abgrenzung von dem in der Kindheit beginnenden Asperger-Syndrom ist nicht einfach. Manche Forscher halten das Asperger-Syndrom für die schizoide bzw. schizotypische Störung der Kindheit.

Behandlung

Schizotypische Personen suchen aus Eigeninitiative selten eine Behandlung auf. Oft sträuben sie sich anfangs sogar dagegen. Sie lassen sich nur dann auf eine Therapie ein, wenn sie dazu überredet oder gezwungen werden oder wenn sie zusätzliche Probleme entwickeln, wie Depressionen oder Sucht.

Literatur

  • Burghard Andresen und Reinhard Maß (Hg.) (2001). Schizotypie: Psychometrische Entwicklungen und biopsychologische Forschungsansätze. Göttingen [u.a.]: Hogrefe. ISBN 3-8017-1015-7
  • Kurt-Heinrich Weshavel (2003). Schizotypische Persönlichkeitsstörung, Borderline-Persönlichkeitsstörung, soziale Phobie. Mit vergleichender Gegenüberstellung. Münster: Selbstverlag. ISBN 3-8330-0382-0

Weblinks

Einzelnachweise

  1. http://psychiatrie-heute.net/psychiatrie/schizotyp.html
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