Schlammlawine


Schlammlawine

Ein Murgang (auch Mure oder Rüfe genannt) ist ein schnell talwärts fließender Strom aus Schlamm und Geschiebe im Gebirge. Murgänge haben einen hohen Feststoffgehalt und dadurch bedingt eine hohe Dichte bis 2,6 g/cm3[1]. Ein großer Murgang transportiert einige hunderttausend Kubikmeter Material. Die meist klar definierte Front kann eine Geschwindigkeit von bis zu 60 km/h erreichen. Durch seine Energie kann er größere Verwüstungen anrichten.

Randwälle eines Murgangs

Ein Murgang entsteht im Gebirge, wenn im steilen Gelände wenig verfestigtes Material (Geröll, Schutt und Erdmaterial) wasserübersättigt wird und in Bewegung gerät. Ausgelöst werden Murgänge meistens durch starke oder lang anhaltende Niederschläge oder die Schneeschmelze. Murgänge werden meist in bestehenden Bachbetten oder Rinnen kanalisiert, die sie stark erweitern, aber sie können auch ein neues Bett graben. Grobe Korngrößen (Steine, Blöcke) konzentrieren sich an der Murenfront, die Material bis hin zu metergroßen Felsblöcken und Baumstämmen mitreißen kann. Schon entlang des Fließweges wird einiges von dem transportierten Material in Randwällen (Levées) wieder abgelagert. Die Bewegung endet meist am Hangfuß, wo das Gefälle nachlässt. Dort lagert sich das Material zungenförmig ab, durch wiederholte Murgangereignisse bilden sich Ablagerungskegel. Wegen des hohen Feststoffgehalts und der damit verbundenen Zähigkeit des transportierten Gemischs findet bei der Akkumulation kaum Sortierung statt[2].

Inhaltsverzeichnis

Gefahrenpotenzial

Ein Murgang hat deutlich mehr Energie und kann erheblich höheren Schaden anrichten als ein Hochwasser. Ein mit voller Wucht treffender Murgang kann Häuser, Straßen, Eisenbahnlinien und Brücken zerstören. Oft werden die Straßen und die Erdgeschosse von Häusern meterhoch mit dem Schlamm-Geröllgemisch verschüttet. Dies geschieht unter anderem, wenn Bachläufe in Ortschaften zu eng kanalisiert sind und der Murgang dort über die Ufer tritt. Wegen der häufig langen Wiederholperioden ist sich die Bevölkerung oft nicht der Gefahr des Murgangs bewusst.

Zur Vorbeugung von Murgängen und Murgangschäden gehören:

  • Eine strikte Gefahrenzonenplanung.
  • Bauliche Schutzmaßnahmen wie Geschiebesammler, Sperren, Rückhaltedämme oder Ablenkbauwerke.
  • Das Verbreitern von kanalisierten Bächen und die Vermeidung von Engpässen (besonders bei Brücken), damit der Murgang nicht über die „Kanalufer“ tritt. In Brig wurde zum Beispiel nach der Katastrophe von 1993 eine automatische Hubbrücke gebaut.
  • Säuberung der Gebirgsbäche von losem Material (Bäume, Äste und Geröll), das manchmal einen Murgang auslösen oder nähren kann.
  • Murgangwarnungen sind noch im experimentellen Stadium.

Wegen der Klimaerwärmung wird für die nächsten Jahrzehnte mit einem Anstieg der Anzahl von Murgängen gerechnet. Das Auftauen vom hochalpinen Permafrostböden und Blockgletschern wird mehr potentiell mobilisierbares Material bereitstellen, das dann Murgänge auslösen kann.

Datierung von Ereignissen

Bleiben die Ablagerungen von Murgängen als Murzungen und Murkegel erhalten, können sie auf verschiedenen Wegen datiert und so der ungefähre Zeitpunkt eines einzelnen Mugangs bestimmt werden. Die systematische Erfassung von möglichst vielen Murgangereignissen kann so Informationen über die generelle Muranfälligkeit sowie über die Klimageschichte eines Gebiets liefern. Häufig wird das Alter der Bäume bestimmt, die auf Murzungen und -kegeln wachsen. Möglich sind auch sedimentologische Untersuchungen. So wurden am Pragser Wildsee die Beziehung zwischen Murgängen und den daraus resultierenden Ablagerungen auf dem Seegrund untersucht. Durch Auswertung der See-Sedimente war es möglich, einen Mur-Kalender zu erstellen. Hierbei sind über Jahrhunderte deutliche Unterschiede in der Häufigkeit von Murgängen festzustellen. Ein Zusammenhang zwischen Mur-Aktivität und Großklima konnte jedoch nicht festgestellt werden, so dass anthropogene Ursachen vermutet werden.[3]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Dieter Rieger: Bewertung der naturräumlichen Rahmenbedingungen für die Entstehung von Hangmuren: Möglichkeiten zur Modellierung des Murpotentials. Münchener geographische Abhandlungen;. Bd. 51 : Reihe A, Geobuch-Verlag, München 1999, ISBN 3-925308-73-3. 
  2. Markus Zimmermann: Murgänge erkennen und bewerten. In: Björn Oddson (Hrsg.): Instabile Hänge und andere risikorelevante natürliche Prozesse : Nachdiplomkurs in angewandten Erdwissenschaften. Birkhäuser Verlag, Basel 1996, ISBN 3-7643-5472-0. 
  3. Ralf Irmler: Seesedimente als natürliches Archiv zur Erstellung eines Murkalenders am Beispiel des Pragser Wildsees (Norditalien). Jena, Chemisch-Geowissenschaftlichen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität, Diss., 2003. Online als PDF-Datei (21,1 MB)

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