Schloss Bellevue

Schloss Bellevue
Schloss Bellevue, 2006

Schloss Bellevue [bɛlˈvy] (wörtlich: Schönblick) im Berliner Ortsteil Tiergarten ist der erste Amtssitz des deutschen Bundespräsidenten. Es liegt im Zentrum der deutschen Hauptstadt am Nordrand des Großen Tiergartens direkt am Spreeufer, unweit der Siegessäule, des Reichstags und des Brandenburger Tors.

Inhaltsverzeichnis

Baugeschichte

Schloss Bellevue, Radierung von Carl Benjamin Schwarz, 1797
Schloss Bellevue von der Gartenseite, Gemälde von Eduard Gaertner, 1847

Das Schloss wurde im Auftrag des jüngsten Bruders von Friedrich II., Ferdinand von Preußen, nach Plänen von Michael Philipp Boumann von 1785 bis 1786 errichtet. Zu den zahlreichen älteren Grundstücksbesitzern hatte Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff gehört, der sich 1746 etwa südlich des heutigen Schlosses ein Sommerwohnhaus errichtet hatte.[1] Boumann musste ein schon vorhandenes Gebäude, eine zum Wohnhaus umgebaute Lederfabrik am Spreeufer, in den Neubau als rechten Flügel einbeziehen. Das Schoss entstand als eine Dreiflügelanlage, bestehend aus dem langgestreckten, zweieinhalbgeschossigen Hauptbau und den beiden zweigeschossigen Seitenflügeln (links „Damenflügel“, rechts „Spreeflügel“) im frühklassizistischen Stil. Die insgesamt 19 Fensterachsen des mittleren Flügels gliedert ein dreiachsiger Mittelrisalit mit einem figurenbekrönten Dreiecksgiebel, der auf vier Pilastern im korinthischen Stil ruht.[2]

Das Innere des Schlosses wurde wiederholt umgestaltet. Bereits drei Jahre nach seiner Fertigstellung errichtete Carl Gotthard Langhans einen seiner berühmten ovalen Säle. Heute ist dieser der einzige weitgehend im Original erhaltene Raum des Schlosses. Im Jahre 1938 erfolgte eine Umgestaltung zum Gästehaus der Reichsregierung durch Paul Otto August Baumgarten. Dabei wurden die ursprünglichen seitlichen Eingänge zugemauert und der jetzige Mitteleingang geschaffen. Knobelsdorffs Meierei musste modernen Wirtschaftsgebäuden weichen. Den im Park errichteten Ersatzbau bewohnte bis zur Kriegszertörung der Schauspieler Gustav Gründgens.

Bereits im April 1941 von Brandbomben getroffen und ausgebrannt, wurde das Schloss nach Kriegsende zunächst notdürftig gesichert und von 1954 bis 1959 durch den Architekten Karl Heinz Schwennicke als Amtssitz des Bundespräsidenten wieder aufgebaut. Aus der Entstehungszeit blieb dabei lediglich der 1791 von dem Architekten Carl Gotthard Langhans entworfene Ballsaal im Obergeschoss des Schlosses erhalten. Die Renovierung im Stil der 1950er Jahre wurde wegen ihrer ahistorischen Zufügungen und Umbauten als „Mischung aus Filmstar-Sanatorium und Eisdiele“ verspottet und ist ihrerseits großenteils zahlreichen weiteren Renovierungen gewichen.

So wurde das Schloss 1986/1987 renoviert und nach Plänen aus der Zeit vor der Zerstörung wiederhergestellt. Nachdem sich die technischen Pannen häuften, wurde in den Jahren 2004/2005 eine Sanierung und grundlegende Erneuerung der technischen Ausstattung durchgeführt. Die Repräsentationsräume präsentieren sich auch nach dieser jüngsten Renovierung im Stil der 1980er Jahre, in denen eine behutsame Annäherung an alte Dekorationsformen mit teilweise neuen Materialien versucht wurde. Aus Denkmalschutzgründen werden zwei Salons mit dem dunkelgetäfelten Interieur der 1950er Jahre erhalten.

Nutzung

Ferdinand nutzte es bis zu seinem Tod 1813 als prinzliches Lustschloss und königlichen Landsitz. Danach wohnte sein Sohn August dort, bis das Schloss 1843 von Friedrich Wilhelm IV. erworben wurde, der 1844 in einem Flügel des Erdgeschosses das erste Museum für zeitgenössische Kunst in Preußen einrichten ließ – diese „Vaterländische Galerie“ war der Vorgänger der Nationalgalerie. Nach deren Auszug 1865 wurde das Schloss bis 1918 wieder vom Hof genutzt.

Im Ersten Weltkrieg diente es ab 1916 der Obersten Heeresleitung, der Regierung und den mit Deutschland alliierten Mittelmächten (Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich, Bulgarien) als Besprechungsort. Der militärische Diktator Erich Ludendorff wurde hier – gegen seinen Willen – am 26. Oktober 1918 von dem damaligen Staatsoberhaupt und letzten deutschen Kaiser entlassen, ohne sich zu einer – für Soldaten üblichen – anderen Verwendung bereit zu erklären.[3] Der Vorgang im Schloss Bellevue, 14 Tage vor dem Sturz des Kaisers, markiert - so der Historiker Manfred Nebelin - die Rückgewinnung des seit dem Sturz des Reichskanzlers Bethmann-Hollweg verloren gegangenen Primats der Politik über das Militärische.[3] Nach dem Ersten Weltkrieg stand das Schloss zunächst leer. Von 1929 an nutzte man es als Bürogebäude, Volksküche und Ausstellungshalle. Die Seitenflügel dienten als Mietwohnungen, bis 1935 das „Staatliche Museum für Deutsche Volkskunde“ dort untergebracht wurde. Nach dem Umbau 1938 erfüllte das Schloss die Funktion als Gästehaus bis zum Kriegsausbruch allerdings nur ein Mal. 1939 bezog der Reichsminister und Leiter der Präsidialkanzlei, Otto Meissner, das Schloss als neue Residenz und Wohnung, nachdem er seine bisherigen Räumlichkeiten im Reichspräsidentenpalais an Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop hatte abgeben müssen.

Ab 1957 diente das Schloss neben der Villa Hammerschmidt in Bonn als zweiter – Berliner – Amtssitz des Bundespräsidenten, der es allerdings nur gelegentlich, beispielsweise für Konzertveranstaltungen, nutzte. Am 18. Juni 1959 übernahm Theodor Heuss die Baulichkeiten offiziell.[4]

1991 wurde die Bewachung des Schlosses von der Berliner Polizei an den damaligen Bundesgrenzschutz (heute: Bundespolizei) abgegeben.

1994 verlegte der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker den ersten Amtssitz hierher. Von 1996 bis 1998 wurde in unmittelbarer Nachbarschaft nach Plänen der Architekten Martin Gruber und Helmut Kleine-Kraneburg das Bundespräsidialamt errichtet. Roman Herzog war der einzige Bundespräsident, der von 1994 bis 1998 auch selbst im Schloss wohnte. Er soll das Schloss wegen seines schlechten technischen Zustandes und häufiger Pannen von Heizung, sanitären und elektrischen Anlagen bitter-ironisch als „Bruchbude“ bezeichnet haben. Seine Nachfolger wohnten nicht im Schloss Bellevue. Johannes Rau wohnte in Berlin-Dahlem in der ursprünglich für den Bundestagspräsidenten vorgesehen Dienstvilla in der Miquelstraße. Horst Köhler wohnte in einer Dienstvilla in der Pücklerstraße in Berlin-Dahlem, in der auch der jetzige Bundespräsident Christian Wulff wohnen wird. Diese Villa wurde 1984 als Gästehaus des Bundes in Berlin erworben und diente Gerhard Schröder bis zu seinem Einzug ins Kanzlerappartement des neuen Bundeskanzleramtes als Kanzlerresidenz. Die früheren Wohnräume im Schloss Bellevue wurden deshalb zu einem Bürotrakt für die Präsidentengattin umgebaut, sodass auch künftige Präsidenten nicht mehr im Schloss wohnen können.

Während der Renovierung (2004/2005) hatte der Bundespräsident sein Büro in das Bundespräsidialamt verlegt. Anfang Januar 2006 wurde Bellevue dem Bundespräsidenten wieder als Amtssitz übergeben.

Sonstiges

Meist weht die Standarte des Bundespräsidenten auf dem Dach des Schlosses – auch wenn der Hausherr gar nicht im Schloss ist, und sogar dann, wenn er sich in anderen Teilen des Landes aufhält. Sie wird nur in zwei Fällen eingeholt:

  1. wenn der Bundespräsident in einem anderen Land (zum Beispiel während eines Staatsbesuchs) eine offizielle Residenz errichtet und
  2. wenn der Präsident in seinem Bonner Amtssitz, der Villa Hammerschmidt, Termine wahrnimmt.[5]

Literatur

  • Ernst A. Busche: Bellevue. Koehler & Amelang, Leipzig 2005, ISBN 3-7338-0340-X
  • Reinhart Grahl: Die erste Adresse Deutschlands. Das Schloss Bellevue und seine Geschichte. Christian Simon, Verlag Berlin 2008, ISBN 978-3-936242-12-6
  • Erich Schonert: Schloß Bellevue und seine Geschichte Deutsches Verlagshaus Bong & Co; Berlin/Leipzig 1935, (Nachdruck: Archiv Verlag; Braunschweig 1993).
  • Irmgard Wirth (Bearb.): Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin. Bezirk Tiergarten. Einführung von Paul Ortwin Rave. Bearbeitet von Irmgard Wirth, Verlag Gebr. Mann, Berlin 1955, S. 114–139

Weblinks

 Commons: Schloss Bellevue – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Zum später „Meierei Knobelsdorffs“ genannten Bau siehe Wirth (Literaturliste), S. 134f.
  2. Zur Baugeschichte des Schlosses siehe Wirth (Literaturliste), S. 116–124
  3. a b Manfred Nebelin: Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg. Siedler, München 2011, ISBN 978-3-88680-965-3, S. 500 f., Ludendorff: Das Militär kommt nach der Politik, nur im Kriege ist es ihr Schrittmacher
  4. Chronik 1959 beim Deutschen Historischen Museum, abgerufen am 17. Juni 2009
  5. Webseite des Bundespräsidenten: Fragen und Antworten, abgerufen am 1. September 2011
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