Schwimmweste


Schwimmweste
Feststoff-Rettungsweste, 100 N Auftrieb

Eine Rettungsweste ist ein Kleidungsstück, das eine Person im Wasser selbständig in die Rückenlage dreht und den Kopf über Wasser hält, um die Atemwege freizuhalten.

Diese Eigenschaft gilt auch, wenn die Person bewusstlos ist, weshalb solche Westen auch als ohnmachtssicher bezeichnet werden. Im Unterschied dazu ist eine Schwimmhilfe nur ein Hilfsmittel, um den Kraftaufwand beim Schwimmen zu reduzieren, sofern die Person bei Bewusstsein ist.

Der veraltete Begriff "Schwimmweste" wurde in der SOLAS-Vereinbarung durch den Begriff "Rettungsweste" ersetzt. Umgangssprachlich wird der veraltete Begriff "Schwimmweste" teilweise noch für nicht ohnmachtssichere Westen mit Auftriebselementen auch im Rückenbereich verwendet.

Inhaltsverzeichnis

Funktion und Bedeutung

Auf allen Schiffen und in Passagierflugzeugen ist es Pflicht, genügend Rettungswesten für alle Passagiere und Besatzungsmitglieder mitzuführen. Auf See ist es ein Gebot guter Seemannschaft, bei Schlechtwetter, Dunkelheit und bei der Ruder-/Ankerwache immer eine Rettungsweste zu tragen. Dies verhindert allerdings nicht das Überbordgehen (im Gegensatz zu einem Gurtgeschirr, auch Lifebelt oder harness genannt) und garantiert auch nicht, dass eine über Bord gefallene Person in einem Mann-über-Bord-Manöver wiedergefunden und an Bord genommen werden kann. Eine Schwimm- bzw. Rettungsweste dient nur dazu, die nötigen Schwimmbewegungen mit dem damit verbundenen Kraftaufwand und Wärmeverlust zu reduzieren sowie ggf. ohnmächtige oder geschwächte Personen über Wasser zu halten. Dies verzögert den Zeitpunkt, an dem Entkräftung und Unterkühlung einsetzen und verlängert damit den Zeitraum, der für die Rettung zur Verfügung steht.

Kategorien von Schwimmhilfen und Rettungswesten

Automatische Rettungsweste Typ 275 N mit Schrittgurt und Lifeline

Die SOLAS-Vereinbarung (Kapitel III, Regel 32) sowie die entsprechenden europäische bzw. deutschen Normen definieren die folgenden Kategorien von Schwimmhilfen und Rettungswesten:

  • Schwimmhilfen Typ 50 Newton - DIN EN 393: Mindestauftrieb von 50 Newton, nicht ohnmachtssicher, nicht geeignet für Kinder unter 30 kg, z. B. für das Jollensegeln, bei dem eine Rettungsweste zu sperrig wäre, oder beim Wildwasserpaddeln auch mit einem Brustgurt.
  • Rettungswesten Typ 100 Newton - DIN EN 395: Mindestauftrieb von 100 Newton, eingeschränkt ohnmachtssicher je nach Kleidung, Einsatzgebiet: Geschützte Gewässer, Binnenrevier.
  • Rettungswesten Typ 150 Newton - DIN EN 396: Mindestauftrieb von 150 Newton, ohnmachtssicher, zumeist vollautomatische Rettungswesten (Sportschifffahrt). Im gewerblichen Bereich gibt es zum Teil noch Feststoffwesten. Einsatzgebiet: Hochsee mit wetterfesten Ölzeug.
  • Rettungswesten Typ 275 Newton - DIN EN 399: Mindestauftrieb von 275 Newton, ohnmachtssicher in den meisten Fällen auch mit schwerer, wetterfester Kleidung, Einsatzgebiet: Hochsee und extreme Bedingungen, schwere Schutzbekleidung.

Grundsätzlich ist bei jeder Kategorie auf das höchste zugelassene Körpergewicht desjenigen zu achten, der die Rettungsweste angelegt hat. Wird dieses Gewicht überschritten, kann die ohnmachtsichere Lage auch bei geprüften Westen nicht garantiert werden. Die für die jeweilige Rettungsweste geltende Angabe ist in der Regel direkt auf dem Schwimmkörper aufgedruckt.

Rettungswesten müssen auch durch die Anordnung der Schwimmkörper in der Lage sein, einen Bewusstlosen in eine Rückenlage zu drehen, um ein Ertrinken zu verhindern. Bei einem bekleideten Erwachsenen müssen die Schwimmkörper dazu min. 230 N Auftrieb haben.[1]

Erhältliche Varianten

Feststoff-Rettungswesten

Schwimmhilfen und einfache Rettungswesten bis 100 Newton Mindestauftrieb sind fast immer als Feststoffwesten ausgeführt, die mit einem festen, schwimmbaren und nicht wasseraufsaugenden Material ausgefüllt sind, z. B. Polystyrol oder (bei älteren Westen) Kork. Sie haben den Vorteil, preiswert und nahezu wartungsfrei zu sein, jedoch sind sie vergleichsweise unhandlich, schränken die Bewegungsfreiheit der sie tragenden Person ein und sind nicht oder nur bedingt ohnmachtssicher.

Aufblasbare Rettungswesten

Rettungswesten mit 150 Newton und mehr Mindestauftrieb sind üblicherweise mit aufblasbaren Schwimmkörpern ausgestattet und werden als automatische oder aufblasbare Rettungswesten bezeichnet.

Aufblasbare Rettungswesten sind mit einer Gasdruckpatrone versehen, die im Ernstfall entweder automatisch durch den Kontakt einer auslösenden Salztablette oder einer Membran mit Wasser oder manuell ausgelöst werden kann und die Rettungsweste innerhalb kürzester Zeit (maximal fünf Sekunden) aufbläst. Für den Fall, dass der Auslösemechanismus versagt, ist am Schwimmkörper ein Mundstück angebracht, mit dem der Benutzer die Rettungsweste mit dem Mund aufblasen kann.

Vorteil von aufblasbaren Rettungswesten ist, dass sie im unaufgeblasenen Zustand kleiner sind und die Bewegungsfreiheit deutlich weniger einschränken als Feststoffwesten, so dass sie erfahrungsgemäß auch eher angelegt werden. Nachteile von automatischen Rettungswesten gegenüber Feststoffwesten sind jedoch die höhere Wartungsbedürftigkeit aufgrund der Auslösemechanik und die damit verbundenen Wartungskosten sowie die höheren Anschaffungskosten.

Die Lebensdauer aufblasbarer Rettungswesten ist auf etwa 10–15 Jahre begrenzt, zusätzlich sollten sie (laut Herstellerempfehlung) mindestens alle zwei Jahre gewartet werden. Salzige, feuchte Umgebung, Schmutz sowie direkte Sonneneinstrahlung beschleunigen die Alterung des Materials und der Auslösemechanik. Bestimmte Einsatzgebiete (z. B. Baugewerbe, Feuerwehren, etc.) können die Lebensdauer verkürzen und eine häufigere Wartung erforderlich machen. Zum Teil gibt es für besondere Einsatzgebiete Rettungswesten mit speziellen Schutzhüllen, z. B. zum Schweißen, der Brandbekämpfung etc.

Zusätzliche Ausstattungsmöglichkeiten

Die Schwimmkörper von Rettungswesten sind grundsätzlich in einer Signalfarbe gehalten, um die visuelle Wahrnehmung zu verbessern. Gute Rettungswesten sind mit einer Signalpfeife, Bergeschlaufe und Reflexstreifen auf dem Schwimm- bzw. Auftriebskörper versehen. Rettungswesten können mit einem Blitz-, Blink- oder Dauerlicht ausgestattet werden, das die eigene Position markiert und so die Rettung vereinfacht oder überhaupt erst ermöglicht. Einige moderne Schutzwesten senden automatisch ein GPS-Positionssignal. Ein Schrittgurt sorgt dafür, dass eine Feststoff-Rettungsweste nach einem Sprung ins Wasser nicht verrutscht oder eine aufblasbare Rettungsweste nach dem Aufblasen richtig sitzt. Auch eine Schutzhaube, die im aufgeblasenen Zustand über den Kopf und die gesamte Weste gezogen wird, ist sinnvoll, um die Gefahr des Ertrinkens durch starken Regen oder überspülende Wellen zu reduzieren.

Aufblasbare Rettungswesten verfügen üblicherweise über einen integrierten Lifebelt in Form eines Brustgurtes. Dieser Brustgurt mit einem D-Ring stellt allerdings nur eine Absicherung gegen den Sturz von Deck dar und ist nicht vergleichbar mit Absturzsicherungen, die z. B. im gewerblichen Bereich oder beim Klettern eingesetzt werden. Auch dient der Lifebelt nicht zum Abbergen z. B. durch Hubschrauber, die eigenes Bergegerät mitführen.

Geschichtliches

Korkgürtel, mit Kork oder Kapok gefüllte Jacken oder aufblasbare Schläuche aus Tierhäuten als Schwimmhilfen sind seit dem Mittelalter bekannt.[2]

Die erste funktionstüchtige Rettungsweste, die im größeren Umfang eingesetzt wurde, wurde von Captain Ward entwickelt, einem Inspekteur der britischen Seenotrettungsgesellschaft RNLI. Er entwarf im Jahre 1854 eine Feststoff-Rettungsweste aus Kork, die lange Jahre zur Standardausrüstung der Rettungsmannschaften in Großbritannien, aber auch in anderen Ländern, gehörte.

Erste selbst aufblasbare Rettungswesten wurde Mitte des 19. Jahrhundert entwickelt. Im Jahre 1895 berichteten die Innsbrucker Nachrichten über eine aufblasbare Rettungsweste:

„Eine eigenartige Anwendung der in wasserförmigen Zustand gebrachten Gase hat der französische Techniker M. de Ropp gemacht. Die gegenwärtig gebräuchlichen Rettungsgürtel aus Korkkissen sind derart beschaffen, dass sie ihrer belästigenden Schwere und Form wegen erst im Augenblick der größten Gefahr angelegt werden, wenn ein Anlegen unter diesen Umständen überhaupt noch möglich ist. Die Vorrichtung des Herrn de Ropp dagegen besteht, wie uns das Patentbureau Fischer in Wien mitteilt, aus einem Sack oder Gürtel, welcher im normalen Zustand sehr wenig Raum einnimmt und unter der Kleidung kaum bemerkbar sein würde. An einem Ende des Sackes befindet sich ein kleiner Methylchlorin enthaltender Flacon, welcher mit seinem in eine feine Glasspitze auslaufenden Ende in das Innere des Sackes hineinreicht. Dort wird ein mittelst einer Feder gespanntes Messer durch ein aus feinem Filterpapier bestehenden Ring in seiner Lage festgehalten, sowie der Ring jedoch mit dem Wasser in Berührung kommt, gibt er nach, das Messer durchschneidet die Glasspitze und der ausfließende Inhalt, der sofort den gasförmigen Zustand einnimmt, bläht den Polster oder Gürtel auf und erhält den Körper schwimmend auf der Oberfläche.“

Innsbrucker Nachrichten, 12. August 1895


Quellen

  1. Untersuchung der Technisches Hilfswerk Bundesschule Hoya unter Begleiterung der Firma Secumar
  2. Hartmut Goethe, Christa Laban: Die individuellen Rettungsmittel: zur Geschichte von Rettungsboje, Rettungsring und Schwimmweste. Koehlers Verlagsgesellschaft mbH Herford, 1988, ISBN 3782204425

Siehe auch

Weblinks

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