Sechstagerennen


Sechstagerennen
Sechstagerennen Dortmund 2007

Das Sechstagerennen ist eine populäre Veranstaltung im Bahnradsport. Dabei finden über den Zeitraum von sechs Tagen verschiedene Wettbewerbe zwischen meist zwölf und mehr Zweiermannschaften statt, unter anderem als Hauptwettbewerb das Zweier-Mannschaftsfahren (international auch Madison oder Americaine genannt).

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Anfänge

Die Fahrerkabinen bei einem Sechstagerennen

Die Idee für ein Sechstagerennen stammt ursprünglich aus England, wo es seit 1875 als „Produkttest“ für Hochräder in Birmingham ausgetragen wurde. Zunächst waren nur Einzelfahrer am Start, die von montags bis samstags zwölf Stunden am Tag um eine Bahn fuhren. Wegen der Sonntagsruhe waren die Rennen auf sechs Tage beschränkt.[1]

1879 wurde das Sechstagerennen in die USA exportiert und fand auch dort als Einmann-Rennen rund um die Uhr statt. Jeder Fahrer fuhr für sich und konnte entscheiden, wann er fahren oder ruhen wollte. Am Ende der sechs Tage gewann der Fahrer mit den meisten zurückgelegten Kilometern. Häufig waren die Rennen schon nach wenigen Tagen entschieden, da die Fahrer 100 Kilometer und mehr auseinander lagen.[2] Schon 1881 wurde ein Ein-Mann-Sechstagerennen auf Hochrädern auch in Australien, in Melbourne, ausgetragen. In den USA gab es 1896 ein Sechstagerennen mit weiblicher Beteiligung, ein Jahr später in Großbritannien sogar ein Zwölf-Tage-Rennen, bei denen die Teilnehmerinnen jedoch täglich nur zwei bis vier Stunden fuhren. Es siegte die Fahrerin, die an den sechs Tagen die größte Distanz zurückgelegt hatte.[3]

Diese Form des Sechstage-Rennens erwies sich jedoch als unattraktiv für die Zuschauer. Die Veranstalter des New Yorker Rennens verbreiteten 1898 in der Presse, dass Fahrer aufgrund der unmenschlichen Anstrengung wahnsinnig geworden seien.[4] Die Zuschauer wollten sich selbst ein Bild machen, so dass der Madison Square Garden am Folgetag gut besucht war. Auf Dauer sah man jedoch im Einzelwettbewerb keine Möglichkeit, die Zuschauer zu begeistern. Deshalb wurde im Jahr darauf von den Veranstaltern das Gerücht gestreut, dass die New Yorker Polizei eine derartige Menschenschinderei nicht mehr dulden würde. Aus diesem Grund sei man nun gezwungen, Zweierteams starten zu lassen.[5]

Sechstagerennen als Zweier-Mannschaftsfahren

Das erste Sechstagerennen in der heute üblichen Form mit Zweier-Mannschaften fand 1899 im Madison Square Garden statt (daher die Bezeichnungen Madison und Américaine für das Zweier-Mannschaftsfahren). Tatsächlich ist das Zweier-Mannschaftsfahren nicht nur der Kernwettbewerb der heutigen Sechstagerennen, sondern war in den Anfängen der Sechstagerennen die ausschließliche Wettbewerbsform.

In Europa wurde das erste Sechstagerennen am 15. März 1909 in den Ausstellungshallen am Berliner Zoo ausgetragen. 15 Fahrer konkurrierten 144 Stunden lang auf einer 150 Meter langen Holzbahn um den mit 5000 Goldmark dotierten Sieg, den sich Floyd MacFarland und Jimmy Morgan teilten.[6][7] In einem damaligen Buch über das Sechstagerennen heißt es:

„Sechstagerennen? Was ist das? Ist es Sport, ist es Spiel, ist es ein Wunder oder ist es ein Wahn, eine Notwendigkeit, ein Übel oder ein notwendiges Übel? Vielleicht von jedem etwas in seiner Grundform, jedenfalls ein Spiegelbild des Kampfes, den wir bewusst und unbewusst im täglichen Leben führen. Alles, was wir in unserem Dasein erfahren an Gutem und Bösem, an Auf und Nieder, an Hoffnungen und Enttäuschungen, an Erfüllung und Erlösung spielt sich im Rahmen eines Rennens ab, das, über eine Arbeitswoche sich hinziehend, das Letzte von dem verlangt, der in diesem Kampf gegen die anderen, gegen die Müdigkeit, gegen die Schlange des Versagens und Verzagens Sieger bleiben will.“[8]

In Berlin wurde 1914 von dem Berliner Journalisten und Radsport-Funktionär Fredy Budzinski auch die Punktewertung für das Zweier-Mannschaftsfahren eingeführt, die deshalb lange Zeit als „Berliner Wertung“ bekannt war: Bei Wertungsspurts musste um Punkte gekämpft werden, deren Anzahl die Platzierung der Mannschaften am Ende des langen Rennens bestimmte. Sie erwies sich als entscheidend für die weitere Entwicklung des Zweiermannschafts-Fahrens von einer reinen Sechstagedisziplin hin zu einer offiziellen Bahnrad-Disziplin.[9]

In die USA gelangte dieses Wertungssystem durch den Fahrer McFarland.[10] Der Illustrierte Rad-Rennsport beschrieb das System: „So ließ man in Berlin […] am Schluß des Rennens die noch zusammenliegenden Mannschaften 10 Wertungsspurts ausfahren und ermittelte auf diese Weise die siegende Mannschaft. Dieses Verfahren […] wurde […] in Amerika schließlich soweit ausgebaut, daß während des letzten Newyorker Sechstage-Rennens nicht weniger als 195 Wertungskämpfe ausgefahren wurden.“[11]

NS-Zeit

Nachdem der Deutsche Radfahrer-Verband (DRV) am 1. Januar 1934 neue Wettkampfrichtlinien erlassen hatte, wurden in Deutschland die Sechstagerennen für Fahrer und Zuschauer unattraktiv: Die Fahrergagen waren vereinheitlicht worden, es durfte nicht mehr rund um die Uhr gefahren werden, Trikotwerbung war untersagt. Stars aus dem Ausland blieben wegen der zu niedrigen Gagen aus, und damit auch die Zuschauer. Zwei im Jahre 1934 in Deutschland noch durchgeführte Rennen waren daher für die Veranstalter defizitär.[12] In Deutschland fand erst 1949 das erste Sechstagerennen nach dem Krieg statt.

Sechstagerennen heute

Bis in die 1960er Jahre hinein wurden die Rennen tatsächlich sechs Tage lang ohne Unterbrechung ausgetragen. Aufgrund der enormen Belastung der Fahrer und eines veränderten Zuschauerverhaltens finden Rennen mittlerweile nur noch während der Abendstunden statt. Neben dem Zweier-Mannschaftsfahren wird eine Mischung aus verschiedenen Mannschafts- und Einzelwettbewerben geboten.

Jedes Sechstagerennen hat individuellen Charakter und seine eigene Geschichte. Rahmenprogramme sind mitunter so üppig, dass einige aktuelle Veranstaltungen eher als Volksfeste denn als Sportwettkämpfe einzuordnen sind, während bei anderen das sportliche Ereignis klar im Vordergrund steht. Die Fahrer vollbringen allerdings in jedem Fall sportliche Höchstleistungen.

Reglement

Es werden verschiedene „Disziplinen“ ausgetragen: Zweier-Mannschaftsfahren über 30, 45 und 60 Minuten (sog. „Jagden“), Derny-Rennen, Punktefahren, Ausscheidungsrennen. Den Kernwettbewerb bilden nach wie vor nach dem Reglement der Zweier-Mannschaftsfahren ausgetragene „Jagden“. Die in den anderen Wettbewerben z.B. (Punktefahren, Derny-Rennen, Ausscheidungsfahren, Rundenrekordfahren usw.) erzielten Ergebnisse werden jeweils zu den anderen Punkten addiert.

Die Anzahl der in den einzelnen Wettbewerben zu vergebenden Punkte unterscheidet sich nach ihrer Bedeutung und ist im Reglement des Weltradsportverbandes UCI fest vorgeschrieben.

Ein Derny-Rennen während der Stuttgarter Six-Days
  • Wertungssprints: 5, 3, 2, 1 Punkte; doppelte Punktzahl in der Schlussstunde des Sechstagerennens
  • Madison, 45 min und länger: 25, 15, 10, 6, 4, 2 Punkte.
  • Madison weniger als 45 min: 15, 10, 8, 6, 4, 2 Punkte.
  • Sonderwettbewerbe (ohne Dernyrenen): 15, 10, 8, 6, 4, 2 Punkte.
  • Bei Dernyrennen schwankt die Punktzahl auch abhängig von der Zahl der Teilnehmer zwischen 15, 10, 8, 6, 4, 2 bis 5, 4, 3, 2, 1 Punkte.

Es können in den Jagden Rundengewinne durch Überrundung des gesamten Fahrerfeldes erzielt werden. Sieger ist die Mannschaft „in der Nullrunde“ mit den meisten Punkten, das bedeutet: Rundengewinn geht vor Punktgewinn, unter den Mannschaften, die rundengleich in Führung liegen (= „Nullrunde“), gewinnt die mit den meisten Punkten. So liegt eine Mannschaft mit 20 Rundengewinnen und 150 Punkten vor einer Mannschaft mit 18 Rundengewinnen und 300 Punkten. Sobald letztere die zwei fehlenden Rundengewinne schafft, liegt sie vorn.

Nach dem Reglement des Weltradsportverbandes UCI für Sechstagerennen werden für je 100 Punkte zusätzlich Rundengewinne vergütet. Diese Regelung gilt nur bis zur letzten „Jagd“ der Schlussnacht, bei der Wertungen mit doppelter Punktzahl ausgefahren werden.

Madison/Américaine (Zweier-Mannschaftsfahren)

Zwei Fahrer bilden eine Mannschaft (bei einigen Veranstaltungen, beispielsweise Stuttgart, Rotterdam, früher Zürich wird auch in Dreier-Mannschaften gefahren). Im Prinzip funktioniert das Rennen wie ein Staffellauf in der Leichtathletik. Von den beiden (oder drei) Fahrern befindet sich immer nur einer im Rennen, das heißt in der Wertung. Die Fahrer lösen sich ab, grundsätzlich kann die Ablösung nach beliebiger Distanz erfolgen. Da jedoch in der Regel beide Fahrer auf der Bahn bleiben, überrundet ständig der eine Fahrer den anderen und die Ablösung erfolgt aufgrund des Geschwindigkeitsverhältnisses – ca. 35 : 50 – etwa alle zwei bis zweieinhalb Runden.

Eine besondere technische Schwierigkeit stellt beim Zweier-Mannschaftsfahren die Ablösung dar. Da der im Rennen befindliche Fahrer sich gewöhnlich dem ablösenden Fahrer mit sehr viel höherer Geschwindigkeit nähert, ist es effizienter, ihm den „Schwung“ in irgendeiner Form mitzugeben, als die Energie wie beim Ablösen „auf Sicht“ verpuffen zu lassen. Heute geschieht dies durch den sog. Schleudergriff, bei dem der vordere Fahrer sich an der ausgestreckten Hand des von hinten kommenden Fahrers „abzieht“.

Da in den Madisons die entscheidenden Rundengewinne und -verluste erzielt werden, handelt es sich bei diesen Wettbewerben um das Herzstück eines Sechstagerennens.

Wertungen

Zu den Punkten, welche in den oben aufgeführten Madisons und Sonderwettbewerben erzielt werden, werden die Punkte aus den sogenannten Wertungen gerechnet. Ursprünglich wurden Punkte alleine in diesen Wertungen vergeben. Dabei werden zu vorher festgelegten Zeitpunkten (nach Runden gerechnet) Punktewertungen ausgefahren. Die Mannschaft, deren Fahrer als erster den Zielstrich in der betreffenden Runde erreicht, erhält 5 Punkte, die folgenden 3, 2, 1 Punkte.

Zum Teil werden auch Wertungssprints in Madisons integriert.

  • Bei Madisons innerhalb des Sechstagerennens gilt bei gleicher Rundenanzahl dann diejenige Mannschaft als Sieger, die in den Wertungssprints die meisten Punkte erzielt hat, also nicht notwendigerweise die Mannschaft, die den Schlusssprint gewinnt. Diese Wertungspunkte sind also nur Berechnungsgrundlage für das Madison und nicht für die Gesamtwertung. Die bestplatzierten Teams erhalten aber Punkte nach obigem Schema.
  • In der letzten „Jagd“ eines Sechstagerennens erfolgen die Wertungen mit doppelter Punktzahl (10, 6, 4, 2 Ptke). Diese Punkte zählen voll zur Gesamtwertung wie normale Wertungspunkte auch. Überdies können hier Rundengewinne erzielt werden.

Austragungsorte

Sechstagerennen gibt es in Europa während der Wintersaison in einer Vielzahl von Städten, besonders aber in Deutschland. Bekannt sind heute vor allem die Rennen in Dortmund, Berlin, Bremen, Stuttgart, München; im übrigen Europa: Grenoble, Kopenhagen, Amsterdam, Rotterdam, Zürich und Gent. Im Jahre 2009 fand kein Sechstagerennen in Stuttgart statt. Grund dafür war nach Angaben des Veranstalters die Situation im Profi-Radsport, insbesondere das Imageproblem.[13] Auch das traditionsreiche Dortmunder Sechstagerennen musste 2009 wegen Rückzugs des Hauptsponsors abgesagt werden; Anfang 2010 folgte die Absage für weitere Austragungen des Sechstagerennens in München.[14] Stattdessen wurden für 2011 zwei neue Rennen angekündigt: Im März war ein Sechstagerennen in Herne geplant, im Dezember ein weiteres in Hannover, die allerdings beide abgesagt wurden.[15] Zudem wurde ein weiteres für November 2012 in Köln angekündigt.[16]

Als Einstimmung auf die Olympischen Spiele 2012 war zum ersten Mal seit rund 30 Jahren wieder ein Sechstagerennen vom 2. bis 7. März 2010 in London geplant[17], das jedoch auch mangels Sponsoren abgesagt werden musste.

Für die Ergebnisse von Sechstagerennen seit 2006 s. Ergebnisse von Sechstagerennen seit 2006

Literatur

  • Fredy Budzinski: Sechs Tage auf dem Rade. Geschichtliches, Ernstes und Heiteres aus dem Leben der Sechstage-Fahrer. Illustriert von Paul Simmel und Howard Freeman. Selbstverlag, Berlin 1925.
  • Roger de Maertelaere: Mannen van de Nacht, Eeklo 2000
  • Walter Lemke/Wolfgang Gronen: Geschichte des Radsports und des Fahrrads, Eupen 1978
  • Peter Joffre Nye: The Six-Day Bicycle Races. America's Jazz Age Sport. San Francisco 2006.
  • Renate Franz und Jan Eric Schwarzer: Verbot - ja oder nein? Das Ende der Sechstagerennen im Dritten Reich. In: Der Knochenschüttler. Heft 46, 2/2009, S. 4–9.

Filme

  • Heinz Brinkmann, Sechs Tage - sechs Nächte, 2009
  • Mark Tyson, The Six-Day Bicycle Races, 2006 (auf Englisch)

Einzelnachweise

  1. Nye, S. 24
  2. Ernst Kaufmann: Der Radrennsport. Fliegerrennen. Leipzig [1923], S. 68
  3. Heike Kuhn: Vom Korsett zum Stahlroß. Zur Entstehung des Frauenradsports in Deutschland, St. Augustin 1995, S. 49f.
  4. Nye, S. 28
  5. Gronen/Lemke, S. 165
  6. vgl. Als noch um Badewannen und Schweine geradelt wurde. In: Berliner Morgenpost, 24. Januar 2003, Ausg. 23/2003, S. 32
  7. vgl. Moheit, Hartmut: Mit Haferschleim zurück im Leben. In: Der Tagesspiegel, 22. Januar 2009, Augs. 20151, S. 23
  8. „Giganten der Sechstageschlacht“. In Renate Franz: Fredy Budzinski, Köln 2007, S. 32.
  9. Fredy Budzinski: Sechs Tage auf dem Rade. Berlin 1928, S. 13
  10. Programmheft des 47. Berliner Sechstagerennens, S. 66
  11. Illustrierter Radrennsport, 18. Februar 1922
  12. Der Veranstalter erklärte, „der Misserfolg des letzten Berliner Sechstagerennens, der ihn über 30.000 Mark gekostet hat, sei in der Hauptsache auf das neue in Dortmund und nun auch in Berlin zur Anwendung gebrachte Sechstagereglement zurückzuführen, das wohl gut gemeint sei, aber sich in seiner Auswirkung als völlig verfehlt erwiesen habe“. Vorbedingung für die Veranstaltung eines Sechstage-Rennens sei für ihn, „daß mit dem jetzigen Reglement aufgeräumt werde“. Quelle: Illustrierter Rad-Rennsport, 30. März 1934
  13. „Wir haben in den vergangenen Tagen intensive Gespräche geführt und sind zum Entschluss gekommen, das 26. Hofbräu 6-Tage-Rennen angesichts der Situation im Profi-Radsport im kommenden Jahr nicht durchzuführen“, sagt Andreas Kroll, Geschäftsführer der in.Stuttgart Veranstaltungsgesellschaft.“

    http://www.hofbraeu-6-tage.de/, 24. Oktober 2008

  14. Radsports-news.de (16. Januar 2010)
  15. Radnet vom 2. November 2011: Hannoveraner Sechstagerennen 2011 abgesagt
  16. Kölnische Rundschau, 29. März 2011
  17. Cyclingweekly.co.uk vom 1. September 2009: London Six-Day postponed until March 2010

Weblinks

 Commons: Sechstagerennen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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