Siedlungsgeschichte in Südhessen


Siedlungsgeschichte in Südhessen

Die Siedlungsgeschichte in Südhessen, dem Hessischen Ried, der Bergstraße, dem Odenwald, dem Rodgau, begrenzt von dem Main im Norden, dem hinteren Odenwald im Osten dem Neckar im Süden und dem Rhein im Westen reicht bis in die Zeit der Ackerbau und Viehzucht treibenden Band- und Schnurkeramiker (ca. 2500 bis 1500 vor Christus) zurück. So sind die Fundorte Trebur [1] im Kreis Groß-Gerau und im Reinheimer Ortsteil Ueberau [2] im Landkreis Darmstadt-Dieburg belegt.


Inhaltsverzeichnis

Kelten

Die Kelten in Europa (1)
ocker: Hallstattkultur (ca. 750500/450 v. Chr.)
grün: Ausbreitung La-Tène-Kultur
orange: Ausbreitung der keltischen Sprachen (3. Jh. v. Chr.)

Keltische Ansiedlungen lassen sich im Rhein-Main-Neckar-Raum schon in der Jungsteinzeit nachweisen und wurden bis in das letzte vorchristliche Jahrhundert weitergeführt und ausgebaut. Die Koberstadt im Wald bei Langen im Kreis Offenbach ist ein bedeutender Fundort aus der Hallstadtzeit. Die aus Osten anrückenden Germanen vertrieben die keltischen Ureinwohner, ohne selbst dauerhaft ansässig zu werden. Gleichzeitig erschienen die Römer an der linken Rheinseite und erhöhten damit den Druck auf sie Kelten. Dem griechischen Geographen Ptolemäus und dem römischen Historiker Tacitus zufolge lebten die Helvetier um 100 v. Chr. noch im Gebiet zwischen Rhein, Main und Donau. Aus diesem Gebiet seien sie aufgrund des Vordringens germanischer Stämme langsam in die Nordwestschweiz ausgewichen.

In dem Gebiet um Worms, dessen ältester überlieferter Ortsname keltischen Ursprungs ist und Borbetomagus (wasserreiches Land) lautete, sind um 50 v. Chr. die germanischen Vangionen bekannt.

Noch heute sind in Südhessen Ortsnamen bekannt die auf keltischen Ursprung zurückgehen. Die Flüsse Rhein, Main, Neckar und Gersprenz sind Beispiele dafür.[3]

Römer

Karte Galliens zur Zeit Cäsars (58 v. Chr.), mit dem Rhein als Grenze zu Germanien

Als sich seit Augustus (63 v.Chr. bis 14 n.Chr., Kaiser von 31 v.Chr. bis 14 n.Chr.) die Römer anschickten, über den Rhein vorzudringen, fanden sie ein weithin entvölkertes, aber wohl nicht ganz menschenleeres Land vor. Sie haben die Besiedelung vorangetrieben und ihre Gebiete durch den Neckar-Odenwald-Limes gesichert. Sie legten unterschiedlich große Landgüter, sog. villae rusticae, von ehemaligen Legionären betrieben, die zwischen 120 bis 260 nach Christus die dominierenden Siedlungsseinheiten des Gebirgsrandes des Odenwaldes darstellten, an. Die bedeutendste Ausgrabung einer villa rustica an der Bergstraße befindet sich in Hirschberg. Hier wurden in den Jahren 1984 bis 1987 der komplette Grundriss eines aufwändig ausgestatteten römischen Bades sowie das Hauptgebäude ausgegraben. Am Hemsberg zwischen Bensheim und Heppenheim wurden ebenfalls Reste einer römischen Villa entdeckt. Zeugnis der Römer legen auch ihr Steinbruch, das Felsenmeer auf dem Felsberg im vorderen Odenwald und das Kastell Würzberg im hinteren Odenwald ab. Am Rhein sind ihre Spuren im Hafen Zullestein bei Nordheim zu finden.

Dauerhafte städtische Siedlungen entstanden jedoch in der Römerzeit in Südhessen noch nicht, wohl aber in der näheren Umgebung, so in Ladenburg, Lopodunum und in Worms, Civitas Vangionum.

Das Gebiet Südhessens entspricht in etwa dem antiken Dekumatenland. Es gehörte zur Provinz Germania Superior (Obergermanien) und war in die civitates Civitas Ulpia Sueborum Nicretum (Hauptort Ladenburg, lateinisch Lopodunum) und Civitas Auderiensium (Hauptort Dieburg) eingeteilt.

Sueben

Karte der germanischen Stämme um 50 n. Chr. mit den Neckarsueben

Nach Inschriftenfunden lebten in der Gegend von Lopodunum, dem heutigen Ladenburg im Rhein-Neckar-Kreis in Baden-Württemberg, im 1. und 2. Jahrhundert n. Chr. unter römischer Herrschaft, die Sueben, die Suebi Nicrenses, die Neckarsueben. Nach ihnen wurde die Civitas Ulpia Sueborum Nicretum in der Gegend von Ladenburg benannt. Es handelt sich wahrscheinlich um Reste, die nach der Vertreibung oder auch freiwilliger[4] oder zwangsweiser[5] Umsiedlung hier und in Rheinau-Diersheim zurückgeblieben waren. In der spätantiken Tabula Peutingeriana, einer römischen Straßenkarte, ist zwischen Alamannia und den Burcturi, den Brukterern, auch der Name Suevia eingetragen [6], der sich wahrscheinlich auf das Siedlungsgebiet der Neckarsueben bezieht. Am Nordrand des Gebietes lag Bisistat, das heutige Bürstadt. Archäologisch sind die Sueben in Darmstadt in der Nähe des Schlosses nachgewiesen; der Name Darmundestat ist also, wenn auch erst im 11. Jh. belegt, möglicherweise von den Sueben geprägt worden.[7] Die von augusteisch-tiberischer bis flavischer Zeit im Ried nachweisbaren Elbgermanen, die Mainsueben sind bisher durch Gräberfelder bei Groß-Gerau, Nauheim, Rüsselsheim und Goddelau bekannt.

Alemannen

Die alemannische Expansion vom 3. bis zum 6. Jahrhundert

Nach dem Fall des Obergermanisch-Raetischer Limes um 250 geriet ganz Südhessen unter die Herrschaft der Alemannen oder auch Alamannen, was die Römer aber nicht hinderte, noch im 4. Jahrhundert auf dem Felsberg Steine zu brechen und über die Weschnitz bis nach Trier abzufahren. Die Steinbruch- und Durchgangsrechte sicherten sich die Römer durch einen Vertrag mit dem Alemannenkönig Macrian. Unter Kaiser Julian Apostata (331 n.Chr. bis 363 n.Chr., Kaiser von 361 n. Chr. bis 363 n. Chr.) machten die Römer einen Vorstoß über den Rhein und fanden dort alemannische Gehöfte nach römischer Bauweise, von Römern aufgegebene villae rusticae die übernommen worden waren, vor und wie in Bessungen sind Siedlungen in germanischer Bauweise bezeugt.

Das Areal „Auf Esch“ südlich Groß-Geraus, wo sich ab den 70er Jahren des 1. Jahrhunderts n. Chr. ein bedeutender römischer Militär- bzw. Siedlungsplatz und dann im 4.und 5. Jahrhundert eine alemannische Siedlung befand, bezeugt das die Alemannen römische Siedlungen übernahmen.[8] Nur an wenigen Plätzen – die bedeutendsten liegen bei Wallerstädten, Trebur und Astheim – ist erst im 4. und 5. Jahrhundert gesiedelt worden. Besonders der Treburer Fundplatz „Tannböhl“ hat ein sehr reichhaltiges Fundmaterial geliefert.

Burgunder

Unter Kaiser Valentinian I. (321 n.Chr. bis 375 n.Chr., Kaiser von 364 n. Chr. bis 375 n. Chr.) erscheinen die Burgunder am Rhein. 406/7 dringen sie zusammen mit anderen Ostgermanen über den Rhein vor und gründen unter Gundicharius ein Reich in der römischen Provinz Belgica. Dass Burgunder auch auf der rechten Rheinseite waren, lässt sich durch Grabfunde bei Lampertheim belegen. Die Nibelungensage wirkt heute noch, in der Namensgebung zahlreicher Orte wie die der Nibelungenstraße, der Siegfriedstraße oder den Siegfriedbrunnen fort.

Franken

Herzogtum Franken um 800 mit Südhessen im Zentrum

Mit der Schlacht bei Zülpich 496 kam ganz Südwestdeutschland unter den Einfluss der Franken.

Unter den Merowingern entfaltete sich offenbar eine planmäßige staatliche Siedlungstätigkeit. Obwohl das Christentum wohl schon in der frühen Merowingerzeit in Südhessen Fuß gefasst hatte, spielt die Kirche als Gründerin erst seit den Karolingern eine Rolle: Kirchen und Klöster wurden mit reichem Grundbesitz bedacht, kamen durch geregeltes Leben und vorbildliche Betriebsführung zu Wohlstand und legten in abgelegenen Gebieten die ersten Rodungssiedlungen an.

Jetzt erst, mit dem Aufkommen der klösterlichen Schreibstuben, beginnen die schriftlichen Quellen zu fließen und ermöglichen es, Genaueres über die Entstehung einer Siedlung zu sagen. Die Gründung des Reichsklosters Lorsch im Jahre 764 bestimmt die Geschichte Südhessens für die nächsten Jahrhunderte, der Lorscher Kodex gibt Auskunft über die Zeit vom 8. bis 12. Jahrhundert. Bensheim (765), Bürstadt (770), Heppenheim (773) und Darmstadt im 11. Jahrhundert werden erstmals genannt.

In Trebur stand seit dem 9. Jahrhundert eine Königspfalz. Sie ging aus einem Königshof mit ausgedehntem Fiskalbezirk hervor, zu dem unter anderem auch der heutige Ortsteil Astheim gehörte. Aus der Zeit zwischen 829 und 1077 sind 57 Königsaufenthalte und einige Reichstage bekannt, von denen einige reichsgeschichtliche Bedeutung hatten.

Südhessen gehörte bis ins 8. Jahrhundert zum Reichsteil Austrasien ab Anfang des 10. Jahrhunderts zum Herzogtum Franken im Ostfrankenreich. Unter den Franken wurde das Gebiet in die Gaue Oberrheingau (Bergstraße), Maingau (Stadt und Kreis Offenbach, Odenwald, Kreis Darmstadt-Dieburg und Gebiete in Mainfranken) und Lobdengau (Teile der Bergstraße und Odenwald sowie Nordbaden) eingeteilt und von Gaugrafen verwaltet.

Einzelnachweis

  1. H. Spatz: Das mittelneolithische Gräberfeld von Trebur, Kreis Gross-Gerau. Materialien zur Vor- und Frühgeschichte von Hessen 19, Wiesbaden 1999
  2. Bandkeramik in Ueberau, Stand 9. Mai 2008
  3. Heinrich Tischner Keltische Ortsnamen, Stand 9. Mai 2008
  4. Strabon 7, 1 3.
  5. Sueton, Augustus 21,1
  6. Fachhochschule Augsburg Peutingeriana/tab_pe03.html Tabula, Stand 9. Mai 2008
  7. Heinrich Tischner Allgemeine Siedlungsgeschichte des Rhein-Main-Neckarraums, Stand 9. Mai 2008
  8. Universität Ffm Das nördliche Hessische Ried, Stand 9. Mai 2008

Weblinks


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