Sonderauftrag Linz


Sonderauftrag Linz

Der Sonderauftrag Linz war eine von Adolf Hitler persönlich eingesetzte und ihm direkt unterstellte informelle Organisation, die den Auftrag hatte, Kunstwerke für ein in Linz an der Donau geplantes Museum, das Führermuseum, und für andere Galerien des Großdeutschen Reiches zusammenzutragen. Erster Leiter und prägende Gestalt war der langjährige Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, Hans Posse, weshalb der Sonderauftrag Linz organisatorisch an die Gemäldegalerie in Dresden angebunden war und auch dort seinen Verwaltungssitz hatte. Nach Posses Tod im Dezember 1942 wurde der Gemäldeexperte Hermann Voss dessen Nachfolger, sowohl als Galerieleiter wie auch als Sonderbeauftragter. An der Auswahl und Erfassung der Kunstschätze waren unter anderem die Kunsthistoriker Gottfried Reimer, Erhard Göpel und Robert Oertel beteiligt. Ein großer Teil des Bestandes gilt als NS-Raubkunst.

Inhaltsverzeichnis

Aufbau der Sammlung

Hitlers Auftrag an seinen Sonderbeauftragten bestand darin, in einem ersten Schritt aus einer von ihm persönlich zusammengetragenen Gemäldesammlung eine Auswahl für Linz zu treffen, um diese dann in einem zweiten Schritt durch beschlagnahmte Gemälde auszubauen und in der Folge durch Ankäufe auf dem europäischen Kunstmarkt zu einer Museumssammlung mit systematischem Anspruch zu ergänzen. Posse trat seine Aufgabe zum 1. Juli 1939 an. Zum Zeitpunkt seines Todes im Dezember 1942 hatte er 1200 Gemälde für das „Führermuseum“ zusammengetragen. Da die Gemälde in verschiedenen Depots lagerten, wurde der geplante Linzer Galeriebestand in einem vielbändigen Fotokatalog „Gemäldegalerie Linz“ für Hitler dokumentiert. Diese Fotoalben sind bis zum Tod von Posse die maßgebliche Bildquelle zum Bestand der Gemäldegalerie.[1][2] Die Linzer Gemäldesammlung gab einen Überblick über die europäische Malereigeschichte mit einem Schwerpunkt in der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts, wie dies Hitlers persönlichem Interesse entsprochen hat.

Schon im Juli 1939 hatte Posse die nach dem „Anschluss“ 1938 in Österreich beschlagnahmten Kunstwerke aus jüdischem Besitz im Zentraldepot in der Wiener Hofburg inspiziert. Im selben Monat noch wurde er mit der Verteilung der gesamten Raubkunst auf die Landes- bzw. Gaumuseen des ehemaligen Österreich beauftragt. Über die Raubkunstbestände hatte sich Hitler mit dem sogenannten „Führervorbehalt“ vom 18. Juni 1938 die alleinige Verfügungsgewalt eingeräumt. Er wollte damit die öffentlichen Museen des Großdeutschen Reiches bereichern und später dann geplante Museen in den okkupierten Ostgebieten bestücken. Dieses Kunstverteilungsprogramm wurde in Österreich durchgeführt; für die übrigen Teile des Großdeutschen Reiches wurde es auf die Nachkriegszeit verschoben. Dennoch prägte es die Arbeit des Sonderauftrags mehr und mehr: Posse kaufte ganze Kunstsammlungen an (Sammlung Lanz, Sammlung Fritz Mannheimer) und der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) beschlagnahmte jüdische Kunstsammlungen in Frankreich, die Hitlers Verfügung unterlagen und im Verlauf des Krieges teilweise in den Bestand des Sonderauftrags eingingen.

Deponierung

Ursprünglich sollte der Führerbau in München als Depot für die Kunstwerke dienen. Dahinter stand die Absicht, Hitler eine bequeme Besichtigung und Kontrolle zu ermöglichen. Angesichts der explodierenden Bestandszahlen mussten jedoch ab 1940 zusätzliche Depots eingerichtet werden, und zwar vornehmlich im Gau Oberdonau, der als der „Luftschutzkeller“ des Deutschen Reiches galt. Man fand sie in den von den Nationalsozialisten enteigneten Stiften Kremsmünster und Hohenfurth/Vyssi Brod. Mit der Eskalation des Bombenkrieges wurden Luftschutzmaßnahmen für die Kunstdepots nötig, gleichzeitig intensivierte sich die Suche nach einem bombensicheren Zentraldepot, das man Ende 1943 im Bergungsort Salzbergwerk Altaussee fand.

Das Kunstdepot wurde im Mai 1945 von der U.S. Army beschlagnahmt, die Kunstwerke in den folgenden Monaten nach München in den Central Collecting Point gebracht. Hier setzte der schwierige Prozess der Rückgabe ein, der bis heute noch nicht abgeschlossen ist. Von den etwa 4.700 Werken sind 567 nachweislich beschlagnahmtes jüdisches Eigentum aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Tschechien, Polen und Russland. Weitere etwa 1000 Gemälde stammen aus Zwangsverkäufen oder wurden von NS-Dienststellen eingeliefert. Etwa 3200 Objekte wurden über den Kunsthandel oder über Privatkäufe erworben, auch diese stammen zu einem unbekannten Teil aus Sammlungen, die unrechtmäßig entzogen oder als sogenanntes „Fluchtgut“ unter Zwang verkauft werden mussten.[3]

Online-Datenbank

Das Deutsche Historische Museum (DHM) erstellte in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen eine Bild-Datenbank mit 4731 Bildern, Skulpturen, Möbeln, Porzellanarbeiten und Tapisserien. Diese Zusammenführung von Fotos der Gegenstände und dem Karteikartenbestand des DHM ist seit August 2008 vollständig im Internet verfügbar.[4]

Siehe auch

Literatur

  • Ernst Kubin: Sonderauftrag Linz. Die Kunstsammlung Adolf Hitler. Aufbau, Vernichtungsplan, Rettung. Ein Thriller der Kulturgeschichte. ORAC Buch- und Zeitschriftenverlag, Wien 1989, ISBN 3-7015-0168-8
  • Birgit Schwarz: Hitlers Museum. Die Fotoalben Gemäldegalerie Linz – Dokumente zum „Führermuseum“. Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar 2004, ISBN 3-205-77054-4
  • Hanns Christian Löhr: Das Braune Haus der Kunst, Hitler und der „Sonderauftrag Linz“. Visionen, Verbrechen, Verluste. Akademie-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-05-004156-0
  • Birgit Schwarz: Sonderauftrag Linz und „Führermuseum“. In: Inka Bertz; Michael Dorrmann (Hg.): Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute. Wallstein Verlag, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0361-4
  • Birgit Kirchmayr: „Kulturhauptstadt des Führers“? Anmerkungen zu Kunst, Kultur und Nationalsozialismus in Oberösterreich und Linz. In: Birgit Kirchmayr (Hg.): „Kulturhauptstadt des Führers“ Kunst und Nationalsozialismus in Linz und Oberösterreich. (Ausstellungskatalog der Oberösterreichischen Landesmuseen), Verlag für Literatur, Kunst und Muskikalien, Linz 2008, S. 33–58, ISBN 978-3-85252-967-7
  • Birgit Schwarz: Geniewahn: Hitler und die Kunst, Böhlau Verlag, Wien 2009 ISBN 978-3-205-78307-7
  • Kathrin Iselt: Sonderbeauftragter des Führers. Der Kunsthistoriker und Museumsmann Hermann Voss (1884-1969), Böhlau Verlag Köln 2010 ISBN 978-3-412-20572-0[5]

Weblinks

 Commons: Sonderauftrag Linz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Birgit Schwarz: Hitlers Museum. Die Fotoalben Gemäldegalerie Linz. Dokumente zum „Führermuseum“. Böhlau, Wien 2004, ISBN 3-205-77054-4, S. 27ff.
  2. Birgit Schwarz: Hitlers Galerie zwischen Buchdeckeln: Die Fotoalben „Gemäldegalerie Linz“. In: Recollecting. Raub und Restitution. Begleitbuch zur Ausstellung im MAK Wien 2008/2009. Passagen Verlag, Wien 2009, S. 151.
  3. Deutsches Historisches Museum: Linzer Sammlung, Datenbank, abgerufen am 11. August 2011
  4. DHM-Pressemitteilung vom 31. Juli 2008: Die Datenbank „Sammlung des Sonderauftrages Linz“ ist online.
  5. FAZvom9i. Dezember 2010, Seite 34: Ein Kenner für die Sammlung des Führers

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