Sondergericht Prag


Sondergericht Prag
Marianne Golz-Goldlust wurde am 8. Oktober 1943 um 16:44 Uhr durch den Scharfrichter Alois Weiss mittels Fallbeil im Prager Gestapo-Gefängnis Pankrác hingerichtet

Das Sondergericht Prag wurde 1940 beim deutschen Landgericht Prag eingerichtet, wobei die Rechtsgrundlage die "Verordnung der Reichsregierung über die Bildung von Sondergerichten vom 21. März 1933" bildete (RGBl. I 1933 Nr. 24 S. 136). Weitere Sondergerichte auf dem besetzen Gebiet der Tschechoslowakei wirkten in Eger (Cheb), Leitmeritz (Litoměřice), Troppau (Opava) und in Brünn (Brno).

Die Mitglieder der Senate des Sondergerichts kamen aus der Strafkammer beim Landgericht Prag. Die Kompetenz des Sondergerichts wurde laufend vergrößert, so dass es im Jahre 1943 für alle Straftaten mit Ausnahme von Spionage, Landes- und Hochverrat zuständig war, während die Ausnahmen vor dem sogenannten Volksgerichtshof verhandelt wurden.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Jahr für Jahr wuchs die Zahl der verhandelten Fälle beim Sondergericht Prag an:

  • 1941 - etwa 100 Fälle
  • 1942 - etwa 1 800 Fälle
  • 1943 - etwa 2 400 Fälle
  • 1944 - etwa 2 250 Fälle
  • 1945 in den ersten vier Monaten - etwa 500 Fälle

Die Zahl der verurteilten Personen kann nicht mehr genau festgestellt werden. In manchen Fällen wurden dreißig und mehr Personen angeklagt. Mit der Ausweitung der Kompetenzen des Sondergerichts wuchs auch die Zahl der Senate. 1944 gab es beim Sondergericht Prag bereits sechs Senate, wovon vier ständig tätig waren und zwei als außerordentliche Senate wirkten. Diese außerordentlichen Senate arbeiteten im sogenannten "Schnellverfahren", wobei zwei Tage das ganze Verfahren bestimmten: der Tag der Verhaftung und der Tag der Verurteilung mit unverzüglich folgender Hinrichtung.

Die außerordentlichen Senate des Sondergerichts Prag urteilten auch außerhalb von Prag. Dabei wurden auch örtliche Bewohner einer Zwangsbeteiligung unterworfen. Damit sollte eine Einschüchterung der Einwohnerschaft des Ortes erreicht werden. In deutschen Kreisen wurden diese Prozesse als "Schauprozesse" bezeichnet.

zwei Todesurteile 28. Jänner 1944

Die Senate des Sondergerichts setzten sich aus drei Gliedern zusammen: einem Vorsitzenden und zwei beisitzenden Richtern. Von Ende 1943 an wurden von den Senaten des Sondergerichts nur solche Fälle behandelt, bei denen der Staatsanwalt die Todesstrafe forderte, während in den verbleibenden Fällen ein Einzelrichter verhandelte.

Die Verhöre der verhafteten Personen wurden in politischen und wirtschaftlichen Sachen durch die Gestapo geführt. Später wurden die Verhöre in wirtschaftlichen Sachen von der Zollfahndungsstelle vorgenommen, die übrigen Sachen wurden der deutschen Kriminalpolizei übergeben. Die Protokolle wurden in deutscher Sprache verfasst. Die Übersetzungen bei den Verhören waren äußerst ungenau, da die Dolmetscher nicht alle Aussagen der Verhafteten genau übersetzten. Die Protokolle wurden dem "Oberstaatsanwalt beim deutschen Landgericht in Prag" übergeben und fanden Aufnahme in die Urteilsbegründung.

Wurde während der Verhandlung die Richtigkeit des Protokolls bestritten, die Aussage widerrufen oder behauptet, dass die Aussagen erzwungen worden waren, wurde eine neue Untersuchung angeordnet und die Verhandlung vertagt. Allerdings führte dies bei der neuen Verhandlung dazu, dass der Angeklagte ein weitaus umfangreicheres "Geständnis" ablegte und nicht mehr wagte, erneut zu widerrufen. Manchmal fand überhaupt keine neue Verhandlung mehr statt, weil der Verhaftete bei den erneuten Verhören durch die Gestapo zu Tode gekommen war.

Die Urteile des Sondergerichts bestanden in langjährigen Freiheitsstrafen und häufig auch der Todesstrafe. In wirtschaftlichen Strafsachen und in politischen Fällen wurde neben der Verurteilung zu Haft bzw. des Todes die Beschlagnahme des Vermögens der Verurteilten verhängt. In leichten Wirtschaftsstraftaten wurden außer der Haftstrafe noch eine Geldstrafe verhängt. In manchen Fällen fiel noch eine Zahlung an die Staatskasse wegen des angefallenen Schadens statt. In allen Fällen verloren die Verurteilten ihre bürgerlichen Ehrenrechte. Die Verurteileten hatten des Weiteren für die Kosten des Verfahrens, die Kosten der Untersuchungshaft und der Gefängnishaft aufzukommen.

Die Urteile des Sondergergerichts traten unverzüglich in Wirksamkeit und der Vollzug erfolgte sofort. Das einzige Berufungsmittel bestand im sogenannten Wiederaufnahmeverfahren. Aber diese Berufung wurde fortwährend erschwert und zum Ende der deutschen Besetzung der Protektorats nicht mehr ausgeübt. Die zum Tode Verurteilten konnten noch ein Gnadengesuch einreichen, das von den Verurteilten in der Haft selber geschrieben werden musste. Dem Verteidiger wurde das Einreichen des Gnadengesuchs im Laufe der Jahre ständig erschwert und bei politisch Verurteilten sogar untersagt. Die Entscheidung über Gnadengesuche fiel zuerst in Berlin, später beim Amte des Reichsprotektors in Prag, dem Oberstaatsanwalt Dr. Franz Nüßlein.

Anfangs wurden die Todesurteile der Sondergerichte von Prag und Brünn (Brno) in Dresden vollstreckt, danach ab Frühjahr 1943 in Prag-Pankrác. In der ersten Phase der Verurteilungen zum Tode erfolgte die Hinrichtung einhundert Tage nach der Verkündung des Urteils, dann wurde diese Frist auf neun und später auf sechs Wochen verkürzt. Bei den "Schnellverfahren" und nach den "Schauprozessen" wurden die Urteile binnen vierundzwanzig Stunden nach der Verkündung und manchmal unmittelbar nach der Verkündigung vollstreckt.

Über die Vollstreckung jeder Hinrichtung wurde ein Protokoll verfasst, in dem der Name des Hingerichteten und die Namen der anwesenden Amtspersonen aufgeführt war. Auch die Uhrzeit der Hinrichtung und die Dauer der Hinrichtung wurde aufgenommen. Neben dem Scharfrichter und seinen drei Gehilfen waren ein Staatsanwalt und der Leiter der Hinrichtung anwesend. Als Scharfrichter beim Landgericht Prag diente der von der zuständigen Reichsbehörde in München zugeteilte ständige Scharfrichter Alois Weiss von April 1943 bis zum 6. April 1944.

Über jede Strafsache wurde ein umfangreiches Urteil verfasst. Von 1944 an untersagte die deutsche Generalstaatsanwaltschaft, den Verurteilten schriftliche Ausfertigungen des Urteils auszuhändigen. Das Urteil durfte nur den Verteidigern übergeben werden, wenn der Verteidiger nach ordentlicher Begründung wegen des Gesuchs eines Wiederaufnahmeverfahrens tätig wurde. Der Wortlaut des Urteils musste geheim gehalten werden. Auch die Verhandlung in politischen Sachen wurde als geheim behandelt. Selbst die nächsten Verwandten durften der Verhandlung nicht beiwohnen und durften auch nicht den Termin der Verhandlung erfahren.

dreißig Todesurteile 21. Oktober 1944

Zusammensetzung der Senate des Sondergerichts Prag

Präsident: Dr. Pieper

  • I. Strafkammer

Vorsitzender: Dr. Frey

Stellvertretender Vorsitzender: Dr. Walter Eisele

Beisitzende Richter: 1. Dr. Ahne, 2. Dr. Strach, 3. stellvertretender Beisitzer: Dr. Nemetz

Zuständigkeit: Unbefugter Waffenbesitz, unerlaubter Rundfunkempfang und größere Fälle von Vergehen gegen § 1 der Kriegswirtschaftsverordnung

Staatsanwälte: Dr. Blaschtowitschka [1], Dr. Fuchs, Dr. Wolfgang von Zeynek

  • II. Strafkammer

Vorsitzender: Amtsgerichtsdirektor Dr. Arthur Otto Riechelmann

Beisitzende Richter: 1. Dr. Eberhard Littmann, 2. Dr. Erwin Albrecht [2] Wenn Dr. Littmann den Gerichtspräsidenten Dr. Pieper vertrat, wurde Landgerichtsrat Michael Einwangen als zweiter beisitzender Richter zugeteilt.

Zuständigkeit: Handlungen gegen das Besatzungsregime

Staatsanwälte: Dr. Wolfgang von Zeynek, Dr. Blackert, Dr. Müschen

  • III. Strafkammer

Vorsitzender: Dr. Kurt Bellmann

Stellvertretender Vorsitzender: Dr. Johannes Dannegger

Beisitzende Richter: 1. Dr. Narath, 2. Dr. Grund, 3. Dr. Pieconka, 4. Dr. Ahne

Zuständigkeit: alle politischen Fälle

Staatsanwälte: Dr. Josef Törnig, Dr. Blaschtowitschka[1]

21 Todesurteile vom Sondergericht Brünn 30. Juni 1943
  • IV. Strafkammer

Vorsitzender: Dr. Johannes Dannegger [3]

Beisitzende Richter: 1. Dr. Erwin Albrecht [2], Dr. Eberhard Littmann

Zuständigkeit: Schwere Fälle der Kriegswirtschaftssabotage mit mehreren Angeklagten

Staatsanwälte: Dr. Blackert, Dr. Fuchs, Dr. Wolfgang von Zeynek

  • V. Strafkammer (sogenannte "Schnellkammer")

Vorsitzender: Dr. Johannes Dannegger

Beisitzende Richter: 1. Dr. Narath, 2. Dr. Grund

Stellvertretende Beisitzer: Dr. Pieconka, Dr. Ahne

Zuständigkeit: politische Morde, Erschießungen oder Überfälle von Angehörigen der Wehrmacht, einzelner Wachen zur Nachtzeit oder von deutschen zivilen Amtspersonen

Staatsanwälte: Dr. Blaschtowitschka [1], Dr. Josef Törnig, Dr. Fuchs

  • VI. Strafkammer (sogenannte "Schnellkammer")

Vorsitzender: Dr. Frey oder Dr. Kurt Bellmann oder Dr. Johannes Dannegger

Beisitzende Richter: 1. Dr. Narath, 2. Dr. Grund

Zuständigkeit: Politische Aktionen gegen das Deutsche Reich, illegale Tätigkeit, Partisanentätigkeit, Waffenbesorgung für Partisanen, Gewährung einer Unterkunft für geflohene russische Gefangene und illegal lebender Personen

Staatsanwälte: Dr. Blaschtowitschka [1], Dr. Fuchs

Weitere Richter, die am Deutschen Sondergericht Prag tätig waren: Robert Hartmann (geb. 1. Juli 1901) Im Jahre 1941 Vorsitzender der 1. Strafkammer, 1943/44 Vorsitzender der 4. Strafkammer. Mitglied der NSDAP seit 1. Mai 1933 Leg.Nr. 2 303 281 (Quelle Wolfgang Koppel 'Justiz im Zwielicht' - Siehe Literatur)

Literatur

  • Verband der Antifaschistischen Widerstandskämpfer / Československý Svaz Protifašistických Bojovníku (Hrsg.): Verbrecher in Richterroben. Dokumente über die verbrecherische Tätigkeit von 230 nazistischen Richtern und Staatsanwälten auf dem okkupierten Gebiet der Tschechoslowakischen Republik, die gegenwärtig in der westdeutschen Justiz dienen. Orbis, Prag 1960.
  • Wolfgang Koppel: Justiz im Zwielicht. Dokumentation. NS-Urteile, Personalakten, Katalog beschuldigter Juristen. Selbstverlag, Karlsruhe 1963.
  • Benedicta Maria Kempner: Priester vor Hitlers Tribunalen. Unveränderter Nachdruck der 2. Auflage von 1967. C. Bertelsmann Verlag, München 1996, ISBN 3-570-12292-1.
  • Ronnie Golz: Ich war glücklich bis zur letzten Stunde. Marianne Golz-Goldlust 1895-1943. Berliner Taschenbuch-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-8333-0125-2, (BvT 125 Lebensgeschichten).

Einzelnachweise

  1. a b c d Dr. Blatschtowitschka wurde im September 1945 öffentlich in Prag gehängt
  2. a b Dr. Erwin Albrecht, geb. 21. Februar 1900 in Düsseldorf. Mitglied der NSDAP und der SA. Erwin Albrecht kam ins okkupierte Gebiet der CSSR aus Mönchen-Gladbach und wirkte vom 1. Dezember 1941 bis 30. Juni 1942 am deutschen Landgericht in Brünn (Brno) als Landgerichtsrat. Am 1. Juli 1942 wurde er zum deutschen Landgericht in Prag versetzt, wo er mit der Agenda von Strafsachen betraut war. Er war ebenfalls am deutschen Sondergericht in Prag tätig, und ist für viele Urteile mitverantwortlich. Im Zeugnis vom 19. März 1944 wird er vom Landgerichtspräsidenten als Richter gewertet, der "... ein besonderes großes Verständnis für die politischen Ziele des reiches hat." (Quelle: "Justiz im Zwielicht" Wolfgang Koppel, Karlsruhe 1963.) Nach dem Krieg Mitglied der CDU Saarland. Vom 18. Dezember 1955 bis 2. Januar 1961 Mitglied des Saarländischen Landtages. Aus der CDU-Fraktion ausgeschlossen am 6. Dezember 1958. (Quellen: Unterlagen des Landtages des Saarlandes 3. Wahlperiode mit Foto und Auflistung der Funktionen im Landtag / Saarbrücker Zeitung, Artikel 142688 vom 20. März 1957)
  3. Dr. Johannes Dannegger, geb. 17. August 1905 in Danzig, wurde 1948 Hilfsrichter im Bezirk des OLG Hamm, 1951 Amtsgerichtsrat bei dem Amtsgericht Wiedenbrück, 1953 dort zum Oberamtsrichter befördert, 1961 aus dem Justizdienst ausgeschieden

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Riechelmann — Arthur Otto Friedrich Riechelmann (* 30. Dezember 1903 in Ost Großefehn) war ein deutscher Jurist. Unter dem Nationalsozialismus war er Vorsitzender Richter der zweiten Kammer des Sondergerichts Prag und führte dort eine Vielzahl von politischen… …   Deutsch Wikipedia

  • Arthur Otto Riechelmann — Arthur Otto Friedrich Riechelmann (* 30. Dezember 1903 in Ost Großefehn) war ein deutscher Jurist. Unter dem Nationalsozialismus war er Vorsitzender Richter der zweiten Kammer des Sondergerichts Prag und führte dort eine Vielzahl von politischen… …   Deutsch Wikipedia

  • Franz Ludwig (Jurist) — Franz Ludwig (* 7. April 1899 in Mainz; † nach 1961) war ein deutscher Jurist, der in der NS Zeit an verbrecherischen Prozessen von Sondergerichten im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren beteiligt war. Inhaltsverzeichnis 1 Lebenslauf 2… …   Deutsch Wikipedia

  • Walter Eisele — (* 3. Dezember 1904 in Urach) war ein deutscher Richter. Biographie Eisele wirkte als Amtsgerichtsrat während des Dritten Reichs am Sondergericht Prag und am Landgericht Brünn. Der promovierte Jurist amtierte als Stellvertreter von Dr. Frey bei… …   Deutsch Wikipedia

  • Johannes Dannegger — (alias Johannes Danzinger) (* 17. August 1905 in Danzig) ist ein deutscher Jurist und war Vorsitzender Richter an der V. Strafkammer und stellvertretender vorsitzender Richter der III. Strafkammer am Sondergericht Prag. Leben In Breslau, wo auch… …   Deutsch Wikipedia

  • Erwin Albrecht — Erwin Karl Eduard Albrecht (* 21. Februar 1900 in Düsseldorf; † 26. Juni 1985 in Saarbrücken) war deutscher Richter zur Zeit des Nationalsozialismus und saarländischer Politiker. Inhaltsverzeichnis 1 Leben und Wirken vor dem Zweiten Weltkrieg 2 …   Deutsch Wikipedia

  • Nachruf-Affäre — Franz Roman Nüßlein (* 12. Oktober 1909 in Kassel; † 9. Februar 2003 in Bad Homburg vor der Höhe) war ein deutscher Diplomat und Staatsanwalt, Auslöser des Nachruf Erlasses im Auswärtigen Amt 2003, aus dem sich 2004 die Nachruf Affäre entwickelte …   Deutsch Wikipedia

  • Nachruf-Erlass — Franz Roman Nüßlein (* 12. Oktober 1909 in Kassel; † 9. Februar 2003 in Bad Homburg vor der Höhe) war ein deutscher Diplomat und Staatsanwalt, Auslöser des Nachruf Erlasses im Auswärtigen Amt 2003, aus dem sich 2004 die Nachruf Affäre entwickelte …   Deutsch Wikipedia

  • Marianne Golz — (auch Marianne Golz Goldlust) (* 30. Januar 1895 in Wien Hernals als Maria Agnes Belokosztolszky; † 8. Oktober 1943 in Prag) war unter dem Bühnennamen Marianne Tolska Sängerin und gehörte zum Widerstand gegen den Nat …   Deutsch Wikipedia

  • Liste der deutschen Gerichte im Protektorat Böhmen und Mähren — Die Liste der deutschen Gerichte im sog. Reichsprotektorat Böhmen und Mähren ergab sich aus der Einführung der deutschen Gerichtsbarkeit im Gebiet des deutschen „Protektorats Böhmen und Mähren vom 14. April 1939[1] und ihren Anpassungen vom 14.… …   Deutsch Wikipedia