Spinnen

Spinnen
Das Produkt beim Spinnen ist kreuzweise aufgespultes Garn

Spinnen bezeichnet die Herstellung von Fäden.

Spinnerin mit Spindel und Rocken (unversponnene Fasern mit Bändern auf einem Stock befestigt)
Bild von William-Adolphe Bouguereau (1825–1905)

Inhaltsverzeichnis

Nähere Darstellung

Spinnen ist, wie das Weben, eine der ältesten Techniken der Menschheit. Die Verfahren verfeinerten sich im Lauf der Zeit schrittweise und es entstanden neue, um die Fäden herzustellen. Daher bedeutet Spinnen heute dreierlei:

  • Es steht für den ganzen Prozess der Herstellung von Garnen aus einer Masse von Fasern endlicher Länge: mit Reinigen, Mischen und Parallel-Legen der Fasern, sowie der Fadenbildung durch Verziehen und Verdrehen samt anschließendem Aufspulen.
  • Oft bezeichnet es nur den Teilprozess des Verziehens und Verdrehens von Fasern. Die lassen sich von Hand quasi direkt per Spinnrad verspinnen. Für maschinelles Spinnen müssen die Fasern bereits in einem Strang, dem Streckband, gerichtet vorliegen. Verstrecken und Verdrehen bringen die gewünschte Garnfeinheit und Festigkeit zustande.
  • Historisch bedingt heißt auch die Herstellung von synthetischen oder naturnahen Fasern durch Herauspressen einer flüssigen Masse aus Düsen Spinnen. Man spricht hier vom Schmelz-, Nass- oder Trockenspinnen, je nachdem, wie die Masse hergestellt oder verflüssigt wurde. Die entstehenden Fasern sind zwar gestreckt, aber nicht verdreht. Oft werden solche endlosen Fasern („Filamente“) anschließend in Stücke geschnitten und „richtig“ gesponnen.

Versponnen werden alle Fasern: Pflanzenfasern wie Baumwolle, synthetische Fasern wie Polyamid, PET, tierische Fasern wie Wolle, früher gar menschliche Haare oder mineralische Fasern wie Asbest.

Das Produkt beim Spinnen heißt Garn. Der Ausdruck Faden wird hier nicht verwendet. Die wichtigsten Kenngrößen eines gesponnenen Garnes sind neben der verwendeten Faser das Gewicht pro Länge (Garnfeinheit) und die Festigkeit (Bezugsdehnung/Reißkraft). Hierbei ist die Spinngrenze zu beachten. Prinzipiell gilt: Je feiner das Garn, desto teurer.

Mit Hilfe des Handelsgewichtszuschlags wird das bei Rechnungsstellung zu berechnende Brutto-Garngewicht ermittelt.

Die Qualität der verwendeten Fasern und die Art, wie sie versponnen werden, ist maßgebend für viele Eigenschaften des später daraus entstehenden Textils.

Ein fertig gesponnenes Garn lässt sich auf unterschiedlichste Art weiterverarbeiten, z. B.:

Geschichte

Von Hand gesponnen wurde in Europa bereits um 6000 v. Chr., darauf verweisen die Spinnwirtel der Sesklo-Kultur im frühneolithischen Griechenland. Es steht nicht fest, ob Wolle oder Flachs versponnen wurde. Erst 2000 Jahre später ist Leinen belegt. Im 14. Jahrhundert wurde das Handspinnrad erfunden, Ende des 18. Jahrhunderts die erste Spinnmaschine, die Spinning Jenny. 1769 wurde die erste Spinnmaschine mit Wasserradantrieb zum Patent angemeldet, die Waterframe. Eine Weiterentwicklung der Waterframe und der Jenny war der Selfaktor. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Ringspinnen erfunden, welches bis heute das wichtigste Spinnverfahren geblieben ist.

Mythologie

Das Spinnen spielt vielfach eine Rolle im Mythos und wird etlichen Schicksalsgöttinnen - so der griechischen Klotho - zugewiesen (vergleiche Moiren, Parzen). Spinnen und Weben gelten als Erfindung der Göttin Athene. Die sterbliche Arachne, die die Göttin in der Kunst des Spinnens und Weben übertreffen wollte, hat sie zur Strafe in eine Spinne verwandelt. Arachnida ist noch heute der wissenschaftliche Name der Spinnentiere. In der germanischen Mythologie spinnen die Nornen die Schicksalsfäden.

In Märchen ist das Spinnen Ausweis von Fleiß oder inneren Reifungsvorgängen und fungiert oft als Heiratsprobe der Frau. So in folgenden Kinder- und Hausmärchen (KHM) der Brüder Grimm: Die zwölf Brüder (KHM 9), Die drei Spinnerinnen (KHM 14), Frau Holle (KHM 24), Die sechs Schwäne (KHM 49), Dornröschen (KHM 50), Rumpelstilzchen (KHM 55), Allerleirauh (KHM 65), Die zwölf Jäger (KHM 67), Die Wassernixe (KHM 79), Die faule Spinnerin (KHM 128), Die Schlickerlinge (KHM 156), Die Nixe im Teich (KHM 181), Die Gänsehirtin am Brunnen (KHM 179), Spindel, Weberschiffchen und Nadel (KHM 188).

Die Irreler Bauerntradition zeigt Kardieren, Spinnen und Stricken im Freilichtmuseum Roscheider Hof

Spinnen von Hand

Das Spinnen von Hand erfolgte entweder mit bloßen Händen oder aber mit einer Handspindel. Die Rohfaser wurde dabei auf einem Rocken („Kunkel“) befestigt, um die Faser geordnet zu halten. Eine weitere Vorrichtung zum Spinnen von Hand ist das Spinnrad, mit dem die Entwicklung des mechanischen Spinnens begann. Es wird bereits 1298 in einer Chronik von Speyer erwähnt und taucht im 13. Jahrhundert auch in verschiedenen anderen europäischen Regionen auf. Sein Ursprung ist in China zu suchen. Den ersten Hinweise auf das Flügelspinnrad findet man im Hausbuch der Fürstenfamilie Waldburg-Wolfegg aus 1480. Die Jürgen von Wolfenbüttel zugeschriebene Erfindung dieses Spinnrades dürfte eine Legende sein. Um 1500 konstruierte auch Leonardo da Vinci ein Flügelspinnrad.

Spinnen industriell

„Rotor“- oder „Openend“-Spinnmaschine mit vorgelegtem Streckband

Heute existieren in den Industriestaaten nur noch vereinzelt Spinnereien. Die meisten Spinnereien befinden sich in Asien, namentlich in China und Indien. Die Maschinen zum Spinnen und für sämtliche Vorstufen kommen aber auch heute noch überwiegend aus Zentraleuropa.

Der ganze Spinnprozess gliedert sich in viele einzelne Arbeitsschritte, wo von das Ringspinnen und Rotorspinnen die wichtigsten sind. Die vorbereitenden Schritte lauten:

  1. Öffnen der Ballen mit einem Ballenöffner
  2. Reinigung der Rohfasern von Schmutz und Fettresten bei der Wolle oder von Resten der Samenkapseln bei der Baumwolle
  3. Ausrichten der Fasern mit einer Karde zu einem Strang teilweise paralleler Fasern, dem Kardenband
  4. Zusammenführen und Strecken mehrerer Kardenbänder auf einer Strecke zur Erhöhung der Gleichmäßigkeit oder zum Herstellen von Mischfasern. Das Strecken wird in der Regel zweimal durchgeführt.
  5. Zum Ringspinnen kann das Streckband noch gekämmt werden, wenn es aus langstapliger Baumwolle besteht. Damit wird ein noch gleichmäßigeres Garn erzielt. Auf alle Fälle muss das Streckband auf einer Vorspinnmaschine, auch Flyer genannt, zu einem Vorgarn, der „Lunte“, vorgesponnen werden.

Erst dann kommt das eigentliche Spinnen. Man kennt hauptsächlich zwei große Verfahren: Das Ring- und das Rotorspinnen.

Andere Verfahren sind das Luftspinnverfahren und das Umwindespinnverfahren.

Spinnmaschinen

Die Entwicklung der mechanischen Spinnerei:

  • 1738 Erste funktionsfähige Spinnmaschine von Lewis Paul und John Wyatt
  • 1750 Erste mechanische Flechtmaschine in Elberfeld (jetzt Wuppertal)
  • 1767 Spinning Jenny von James Hargreaves
  • 1769 Waterframe von Richard Arkwright - erste in größerem Umfang industrielle eingesetzte Spinnmaschine
  • 1769 Erste mechanische Spinnerei in Bielefeld - Ravensberger Spinnerei
  • 1771 Erste mechanische Spinnerei in Cromford durch Richard Arkwright
  • 1779 Spinning Mule von Samuel Crompton. Sie vereinigt Produktionselemente der Spinning Jenny und der Waterframe
  • 1781 erste, letztlich erfolglose, Spinnerei mit Spinning Jennys und statt von Wasserkraft von Pferden angetriebenen Waterframes in Berlin am Pariser Platz ("Englische Baumwollenspinn-Maschinen-Anstalt"), gegründet vom Fabrikanten Johann Georg Sieburg[1]
  • 1783 Gründung der ersten fabrikmäßigen mechanischen Spinnerei auf dem europäischen Festland durch Johann Gottfried Brügelmann in Ratingen[2]
  • 1785 Dampfmaschine findet Eingang in Spinnerei, zunächst zum Speisen der Wasserräder, ein Jahr später auch als Antriebsmaschine
  • 1810 Flachsspinnmaschine von Philipp de Girard
  • 1828 Ringspinnmaschine von John Thorp
  • 1830 Selfactor von Richard Roberts
  • 1955 Vorstellung der ersten funktionsfähigen, von Julius Meimberg entwickelten Rotorspinnmaschine auf der Internationalen Textilmaschinenausstellung in Brüssel.

Ringspinnen

Vor dem Ringspinnen wird das Streckband auf der Flügelspinnmaschine (Flyer) zu einer Lunte vorgesponnen.
Flyerspulen mit Lunte, wie sie an einer Ringspinnmaschine hängen
Kopse in einer laufenden Ringspinnmaschine

Am weitesten verbreitet ist das Ringspinnen, bei dem die Lunte etwa um den Faktor 40-50 gestreckt wird. Das dünne Faserband wird sofort danach gleichmäßig verdreht. Ein kleiner Metallring (Ringläufer) rotiert dabei auf einer kreisförmigen Bahn, dem Ring, um eine Spindel und wickelt das Garn auf eine Hülse, den Kops, auf.

Eine wichtige Randbedingung für den Prozess ist in Abhängigkeit des versponnenen Materials die im Produktionsraum herrschende Luftfeuchtigkeit.

Im Anschluss an das Ringspinnen werden mehrere Kopse auf eine größere Spule (Kreuzspule) umgespult. Dies geschieht zum Beispiel im sogenannten Autoconer, einer separaten Maschine, die beim Umspulprozess in der Regel gleichzeitig das Garn optisch überprüft und Fehlstellen oder Verschmutzungen korrigiert.

Große Spinnereien besitzen heute in der Größenordnung von 100.000 Spinnstellen. Moderne Maschinen besitzen automatisierte Verfahren für den Austausch der Kopse, für deren Weitertransport zum Autoconer sowie für die optische Überwachung und Korrektur des Fadenlaufes (Wiederanspinnen nach Fadenbruch). Ein fertiges Ringgarn besitzt einen Titer von etwa 2-2000 [3] tex.

Rotorspinnen

Ein Streckband aus Baumwolle, wie es zum Rotorspinnen oder Vorspinnen verwendet wird
Eine geöffnete Spinnstelle einer Rotorspinnmaschine, links der Rotor, rechts in der Mitte des Deckels die Düse

Das Rotorspinnen (auch: OE-Rotor-Spinnen, engl. open end) wurde erst 1955 von Meimberg neu eingeführt und ist noch immer weniger verbreitet, als das Ringspinnen. Der Spinnprozess ist aber insgesamt wesentlich schneller und damit kostengünstiger. Rotorspinnen eignet sich für Steifere Fasern mit geringer Neigung zum Kräuseln. Die Produktivität einer Rotorspinnerei liegt um etwa das 7-fache über der einer Ringspinnerei. In der Rotorspinnmaschine ist die Automation des Fadenansetzens weit verbreitet.

Das Vorspinnen auf dem Flyer entfällt, die Maschine kann direkt mit dem Streckband oder für grobe Garne mit Kardenband beliefert werden. Das Streckband wird zuerst in einzelne Fasern aufgelöst und von einem Luftstrom in eine sehr schnell drehende Trommel mit nach innen geneigter Wand – den Rotor – befördert, dessen Drehzahl bis zu 150.000/min beträgt. Durch die Beschleunigung rutschen die Fasern in die Rille am Fuß der Rutschwand des Rotors. Dort werden sie gesammelt bis die Garnstärke erreicht ist und sie werden axial durch die Düse in der Drehachse abgezogen und damit zu einem Garn verdreht. Das Garn wird direkt auf eine Kreuzspule aufgespult, ein Umspulen entfällt.

Die Verstreckung ist auf der Rotorspinnmaschine bis zu 400 fach. Ein fertiges Rotorgarn besitzt einen Titer von etwa 10-400 tex und hat etwa 20-30 % weniger Festigkeit als Ringgarn. Durch die Wahl des Rotors und der Düse lassen sich Volumen und Haarigkeit des Rotorgarns erheblich beeinflussen.

Spinnen von synthetischen Fasern

Das Schmelzspinnen bezeichnet die Herstellung von synthetischen Vorgarnen aus einer Polymerschmelze. Ein flüssiges, da heißes Polymer wird durch eine Matrize mit mehreren Löchern gepresst, verstreckt, abgekühlt und aufgespult. Solche unendlich langen Fasern („Filamente“) können in Stücke geschnitten werden und mit Baumwollfasern oder Schurwolle gemischt werden. Eine solche Mischung kann in einem weiteren Spinnprozess zu Garn verarbeitet werden. Um diesem Filament-Garn spezielle dreidimensionale Strukturen zu geben, kann das Garn texturiert werden.

Das älteste Spinnverfahren für naturnahe Fasern ist das Viskose-Verfahren. Hier wird das Polymer chemisch gelöst und mit Drücken zwischen 5 und 20 bar in ein Bad verdüst. Wegen dieses Bads wird das Viskose-Verfahren zum Nassspinnen gezählt. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jh. ist es gelungen, die hohen Drücke, welche zum Herauspressen von synthetischen geschmolzenen Polymeren nötig sind, zu beherrschen. Manche Kunststoffe werden mit einem Lösungsmittel verflüssigt, welches nach dem Austritt aus den Düsen verdampft und feste Kunststofffilamente zurücklässt. In diesem Fall spricht man von Trockenspinnen, da kein Bad benötigt wird.

Das vielleicht am häufigsten verwendete Polymer ist Polyester; solche Fasern sind z. B. unter dem Markennamen Trevira erhältlich.

Weblinks

 Commons: Spinnen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary Wiktionary: spinnen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Literatur

Einzelnachweise

  1. Lärmer, Karl: Johann Georg Sieburg. Ein Wegbereiter der maschinellen Produktion in Berlin und Preußen. In: Berlinische Monatsschrift, 1997, Heft 8, S. 19-26
  2. http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/2011/06/24/wdr3-wdr5-zeitzeichen-spinnmaschine.xml
  3. [1] Seite 381 -> Ringgarn

Technik

Kulturgeschichte

  • Thomas Blisniewski: Frauen, die den Faden in der Hand halten. Handarbeitende Damen, Bürgersmädchen und Landfrauen von Rubens bis Hopper. Sandmann, München 2009, ISBN 978-3-938045-35-0.
  • Thomas Blisniewski: „... und schafft mit emsigen Händen“ - Weibliche Handarbeiten in Werken von R. Schadow, C. J. Begas und J. A. Ramboux im Wallraf-Richartz-Museum - Fondation-Corboud. In: Kölner Museums-Bulletin. Berichte und Forschungen aus den Museen der Stadt Köln. Nr. 3, Köln 2001, S. 4 – 18.
  • Ulrike Claßen-Büttner: Spinnst Du? Na klar! Geschichte, Technik und Bedeutung des Spinnens von der Handspindel über das Spinnrad bis zu den Spinnmaschinen der Industriellen Revolution. Books on Demand, Norderstedt 2009, ISBN 978-3-8391-1742-2.
  • Stradal, Marianne; Brommer, Ulrike: Mit Nadel und Faden. Kulturgeschichte der klassischen Handarbeiten. Heidenheim und Freiburg 1990
  • Gail Carolyn Sirna: Frauen, die nie den Faden verlieren. Handarbeitende Frauen in der Malerei von Vermeer bis Dali. (Originaltitel: In Praise of the Needlewoman, übersetzt von Ursula Fethke, Redaktion Eva Römer, mit einem Vorwort von Thomas Blisniewski). Sandmann, München 2007, ISBN 978-3-938045-17-6.
  • Robert L. Wyss: Die Handarbeiten der Maria. Eine ikonographische Studie unter Berücksichtigung der textilen Techniken. In: Michael Stettler, Mechthild Lemberg (Hrsg.): Artes Minores. Dank an Werner Abegg. Stämpfli, Bern 1973, S. 113 ff. ISBN 3-7272-9200-8.
  • Waltraud Holtz-Honig: Vater spinnt. Der Weg zum Endlos-Garn, eine Erfindergeschichte. Langen Müller, München 1997, ISBN 3-7844-7367-9.
  • Helga Volkmann: Purpurfäden und Zauberschiffchen. Spinnen und Weben in Märchen und Mythen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, ISBN 978-3-525-20858-8.
  • Penny Walsh: Handbuch Garne. Geschichte, Herstellungstechniken und neue Trends. (Originaltitel: The yarn book, übersetzt von Elke Schröter), Haupt, Bern / Stuttgart / Wien 2007, ISBN 978-3-258-07183-1.

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