Strabo


Strabo
Strabon Geographe (Gravur von André Thevet; Illustration im Buch Les vrais pourtraits et vies des hommes, Paris 1584)

Strabon (* etwa 63 v. Chr. in Amaseia in Pontos, † nach 23 n. Chr.), altgr. Στράβων, lateinisch Strabo („der Schielende“), war ein antiker griechischer Geschichtsschreiber und Geograph.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Über Strabons Leben ist wenig bekannt. Seine Familie lebte in Amaseia, welches nach den Niederlagen des Mithridates VI. zuerst gegen Lucullus und später Pompeius (und dem anschließenden Selbstmord des Mithridates) gerade als Hauptstadt der als neue Provinz „Bithynia et Pontus“ in das römische Reich eingegliederten Gebiete in Kleinasien bestimmt worden war. Strabon selbst berichtet, er habe bei einem gewissen Aristodemos, Privatlehrer der Kinder eines Pompeius, in Karien studiert. Danach geht er als 18-jähriger (also etwa 45 v. Chr.) nach Rom und setzt seine Studien unter dem staatlichen Geographen Tyrannion fort. 25 oder 24 v. Chr. bereist er Ägypten im Gefolge des neuen römischen Präfekten Gaius Aelius Gallus (vgl. Liste der Präfekten von Ägypten), und unternimmt mit diesem gemeinsam eine Nilfahrt.

Nach zahlreichen weiteren Reisen kehrt er nach Amaseia zurück, wo er die umfangreichen „Geschichtlichen Anmerkungen“ verfasst (Ἱστορικὰ Ὑπομνήματα, Historika Hypomnếmata, 43 Bücher), das als Fortsetzung des Werkes des Polybios gedacht war und uns nur in wenigen Bruchstücken erhalten ist. Danach verfasste er eine als ergänzend zum Geschichtswerk konzipierte 17-bändige „Geographie“ (Γεωγραφικά, Geôgraphiká), die bis auf einige fehlende Teile des Buches VII überliefert ist. Sein Ziel war es dabei erklärtermaßen, ein für einen möglichst weiten Leserkreis leicht verständliches und gut lesbares, nichtsdestoweniger aber informatives Werk zu schaffen.

Die Geographie

Weltkarte von Strabon
  • Bücher I und II: Lange Einleitung, in der Strabon zu beweisen versucht, dass Eratosthenes in seiner Geographie irre, wenn er die geographischen Informationen bei Homer negiere.
  • Bücher III bis X: Europa, vor allem Griechenland (Bücher VIII bis X).
  • Bücher XI bis XIV: Kleinasien.
  • Bücher XV bis XVI: „Orient“.
  • Buch XVII: Afrika (Ägypten und Libyen).

Strabon vertrat in diesem seinem Werk die Ansicht, dass der Reichtum Griechenlands zumindest teilweise auf seine günstige maritime Lage zurückzuführen sei und skizzierte eine Korrelation zwischen dem zivilisatorischen Fortschritt einer Gesellschaft und ihrem Zugang zum Meer. Gleichzeitig hält er aber fest, dass die geographische Situation keinesfalls allein zur Erklärung der historischen Größe eines Volkes ausreiche, und betont, dass etwa die griechische Zivilisation auf dem Fundament des Interesses ihrer Bürger an Kunst und Politik ruhe.

Da er für sein Werk auch verschiedene frühere Texte (teils aus mehreren Jahrhunderten) verwendet, und eingehende Kenntnisse über die römischen Rechtssysteme in verschiedenen Städten und Gebieten besitzt, gilt er auch als wertvolle Quelle hinsichtlich des Beginns und Verlaufs der allmählichen Romanisierung Galliens und der Iberischen Halbinsel. So berichtet er vor allem in den Büchern III und IV von der im Gefolge der Akkulturation einzelner Gesellschaftsschichten erfolgten Herausbildung einer neuen Lebenskultur in diesen Gebieten.

Strabon beschreibt auch die klassischen sieben Weltwunder und liefert unter anderem eine Beschreibung Babylons.

Wirkung

In der römischen Kaiserzeit bleibt das Werk Strabons insgesamt relativ unbekannt; er wird erst ab dem 5. Jahrhundert wiederentdeckt und verstärkt zitiert, ab etwa diesem Zeitpunkt entwickelt sich Strabon allerdings im europäischen Geistesleben geradezu zum Prototypen des Geographen. Im 15. Jahrhundert übersetzt der italienische Gelehrte Guarino Veronese das gesamte erhaltene Werk Strabons, was zur sich verstärkenden Bedeutung Strabons beiträgt, später entdecken Historiker wie Wilamowitz ihre Vorliebe auch für die literarischen Qualitäten des Werkes. Von Strabon wird damals auch gesagt, dass er manche Orte, die er nicht bereist habe, besser beschreibe als Pausanias, der dort gewesen sei.

Strabon hat mit seiner „Geographica“ eines der heute historisch bedeutsamsten Werke verfasst, die aus der Zeitenwende erhalten geblieben sind. Durch seine Reisen in viele der vom damaligen Römischen Reich beherrschten Länder und Gebiete liefert er dem Historiker wertvolle Informationen über Ortsangaben, Menschen und Kulturen seiner Zeit. Als vornehmer Grieche mit Studium in Rom hat er dabei nach eigener Aussage die wichtigsten in seiner Zeit zugänglichen Bücher und zahlreiche Berichte von Zeitgenossen verarbeitet (unter anderem Theophanes von Mytilene, wie die erhaltenen Fragmente aus dessen Geschichtswerk nahelegen). Er betonte dabei verschiedentlich, dass die Informationen teilweise subjektiv, veraltet oder gar erfunden sein könnten und bemühte sich, Zweifel auszuräumen sowie Dinge zu kennzeichnen, die ihm widersprüchlich erschienen. Nicht zuletzt diese kritische Haltung ist es, die sein Werk als Quelle bedeutsam macht.

Nach den großen kritischen Ausgaben von Gustav Kramer (1844–1852) und August Meineke (1852–1853) hat Stefan Radt eine auf zehn Bände angelegte Ausgabe Strabons in Angriff genommen. Diese Edition bietet einen neuen Text samt umfangreichem Testimonien- und kritischem Apparat, dazu eine Übertragung (Bände 1–4) und einen textkritisch-philologisch ausgerichteten Kommentar (in den Bänden 5–8), ferner eine Edition der mittelalterlichen Strabon-Epitome und Chrestomathie (Band 9) und ein Register (Band 10).

Ausgaben

  • Stefan Radt: Strabons Geographika. 10 Bde. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003ff.
    • Bd. 1: Prolegomena. Buch I–IV: Text und Übersetzung. ISBN 978-3-525-25950-4.
    • Bd. 2: Buch V–VIII: Text und Übersetzung. ISBN 978-3-525-25951-1.
    • Bd. 3: Buch IX–XIII: Text und Übersetzung. ISBN 978-3-525-25952-8.
    • Bd. 4: Buch XIV–XVII: Text und Übersetzung. ISBN 978-3-525-25953-5.
    • Bd. 5: Abgekürzt zitierte Literatur, Buch I–IV: Kommentar. ISBN 978-3-525-25954-2.
    • Bd. 6: Buch V–VIII: Kommentar. ISBN 978-3-525-25955-9.
    • Bd. 7: Buch IX–XIII: Kommentar. ISBN 978-3-525-25956-6.
    • Bd. 8: noch nicht erschienen
    • Bd. 9: noch nicht erschienen
    • Bd. 10: noch nicht erschienen
  • Strabo: Geographika. Übersetzung und Anmerkungen von Albert Forbiger. Hoffmann'sche Verlags-Buchhandlung, Berlin & Stuttgart 1855–1898. Neuausgabe: Marix, Wiesbaden 2005. ISBN 3-86539-051-X
  • Strabonis Geographica. Herausgegeben von August Meineke. Teubner, Leipzig 1852–1853. Neuausgabe: 3 Bde. Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 1969.
  • Strabonis Geographica. Text (griech.) und Kommentar (lat.) von Gustav Kramer. Nicolai, Berlin 1844–1852

Literatur

  • Wolfgang Aly: Strabon von Amaseia. Untersuchungen über Text, Aufbau und Quellen der Geographika. Antiquitas I 4. Habelt, Bonn 1957.
  • Germaine Aujac: Strabon et le science de son temps. Les Belles Lettres, Paris 1966.
  • Germaine Aujac: Strabon et son temps. In: W. Hübner (Hrsg.): Geographie und verwandte Wissenschaften. Geschichte der Mathematik und der Naturwissenschaften in der Antike. Bd. 2. Stuttgart 2000, S. 103–139.
  • Anna Maria Biraschi, Giovanni Salmeri (Hrsg.): Strabone e l'Asia Minore. Incontri Perugini 10. Edizioni scientifiche italiane, Neapel 2000, ISBN 88-495-0151-X
  • Johannes Engels: Die strabonische Kulturgeographie in der Tradition der antiken geographischen Schriften und ihre Bedeutung für die antike Kartographie. In: Orbis Terrarum 4. 1998. S. 63–114.
  • Johannes Engels: Augusteische Oikumenegeographie und Universalhistorie im Werk Strabons von Amaseia. Geographica Historica 12. Steiner, Stuttgart 1999, ISBN 3-515-07459-7
  • Johannes Engels: Die Raumerfassung der der augusteischen Oikumenereiches in den Geographika Strabons. In: M. Rathmann (Hrsg.): Wahrnehmung und Erfassung geographischer Räume in der Antike. Von Zabern, Mainz 2007, ISBN 3-8053-3749-3. S. 123–134.
  • Francesco Prontera (Hrsg.): Strabone. Contributi allo studio della personalitá e dell'opera. 2 Teile. Perugia 1984 und 1986.

Weblinks


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