Strandgerste


Strandgerste
Strand-Gerste
Strand-Gerste (Hordeum marinum)

Strand-Gerste (Hordeum marinum)

Systematik
Ordnung: Süßgrasartige (Poales)
Familie: Süßgräser (Poaceae)
Unterfamilie: Pooideae
Tribus: Triticeae
Gattung: Gerste (Hordeum)
Art: Strand-Gerste
Wissenschaftlicher Name
Hordeum marinum
Huds.

Die Strand- oder Dünen-Gerste (Hordeum marinum) ist ein Süßgras aus der Gattung der Gersten (Hordeum). Es ist vor allem im Bereich von Meeresküsten auf Salzwiesen oder auch Küstendeichen anzutreffen.

Inhaltsverzeichnis

Beschreibung

Die Strand-Gerste ist ein einjähriger, sommergrüner Therophyt, welcher Wuchshöhen zwischen 10 und 40 Zentimetern erreicht.

Stängel und Blätter

Die Pflanze wächst vom Grund an horstig oder einzeln mit von einem gebogenen Grund ausgebreiteten bis aufrecht aufsteigenden und unverzweigten Halmen. Diese sind kahl und tragen drei bis vier Knoten. Die grau- bis bläulichgrünen, 1,5 bis 8 Zentimeter langen und 1 bis 3,5 Zentimeter breiten Laubblätter reichen bis zur Ähre. Sie laufen in eine feine Spitze aus und tragen am Grunde oft kleine undeutliche Öhrchen. Die häutigen Blatthäutchen messen weniger als 1 Millimeter. Die Blattscheiden der obersten Blättchen sind bauchig aufgeblasen, wodurch sie sich von der ähnlichen und nahe verwandten Mäuse-Gerste (Hordeum murinum) und der Roggen-Gerste (Hordeum secalinum) mit enganliegenden obersten Blättchen unterscheidet. Die kahlen, auf dem Rücken gerundeten unteren Blattscheiden sind weich.

Ähren, Blüten und Früchte

Gersten im Vergleich, aus Johann Georg Sturm: Deutschlands Flora in Abbildungen, 1796

Die drei bis sechs endständigen, grünen oder purpurnen Ähren werden zwischen 2 und 6 Zentimeter lang, sie werden zuweilen von der obersten Blattspreite überragt.

Wie bei allen Gersten wachsen die einblütigen Ährchen zu dreien abwechselnd an gegenüberliegenden Seiten der Ährenachse während die Gipfelährchen verkümmert sind. Die mittlere, ungestielte Blüte der Blütendrillinge ist zwittrig und deutlich größer ausgebildet als die beiden seitlichen und sterilen Ährchen. Letztere sind deutlich kleiner und sehr kurz gestielt.

Alle Spelzen sind lang begrannt. Die Deckspelzen und die rauen und starren Hüllspelzen der Ährchen sind ungleich. Die unteren Hüllspelzen der Seitenährchen sind borstlich und erreichen einschließlich der dünnen, rauen und geraden Granne 8 bis 26 Millimeter. Die oberen Hüllspelzen sind dagegen breitgeflügelt mit einer 10 bis 22 Millimeter langen Granne. Die Deckspelzen sind lanzettlich geformt und werden zwischen 3 und 5 Millimeter lang, ebenso die Granne. Die Hüllspelzen des zentralen Ährchens sind beide auf ganzer Länge borstlich und messen inklusive der geraden Granne zwischen 10 und 24 Millimeter. Die schmal-eiförmigen, kahlen, fünfnervigen und auf dem Rücken gerundeten Deckspelzen werden zwischen 6 und 8 Millimeter lang, einschließlich der Granne etwa 24 Millimeter.

Bei den Früchten handelt es sich um für Süßgräser typische einsamige Schließfrüchte (Karyopsen).

Der Karyotyp der Strand-Gerste beträgt 2n = 14 Chromosomen, daneben existieren Populationen der Unterart H. marinum subsp. gussoneanum mit zwei- und vierfachem Chromosomensatz.[1]

Verbreitung

Das Verbreitungsgebiet der Strand-Gerste umfasst Europa mit Ausnahme des äußersten Nordens, Nordafrika und Westasien. In Europa wächst die Pflanze vor allem entlang der Atlantikküste und im Mittelmeerraum sowie lokal an salzbeeinflussten Orten des Binnenlandes. In Skandinavien kommt sie nur adventiv (eingeschleppt) vor. In Afrika findet man das Gras entlang der nördlichen Mittelmeerküste in Algerien, Ägypten, Libyen, Marokko und Tunesien. Das asiatische Verbreitungsgebiet umfasst die arabischen Länder, Armenien, Georgien und Aserbaidschan und reicht bis nach Pakistan im Süden und Russland, Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan im Norden (vor allem Kaspisches Meer, Aralsee).[2]

Das Verbreitungsgebiet der Unterart Echte Strand-Gerste konzentriert sich auf Südeuropa. Die Trockenborstige Strand-Gerste ist bis nach Mitteleuropa verbreitet und war bis an die Küste der Nordsee zu finden. Heute gilt die Art in den nördlichsten Bundesländern Deutschlands (Schleswig-Holstein und Niedersachsen) ferner in Dänemark als ausgestorben.[3] In Mecklenburg-Vorpommern ist sie unbeständig vorkommend, ebenso in Polen und Litauen. Im Binnenland Deutschlands kommt sie synantrop vor. Es wird allgemein angezweifelt, dass die Vorkommen in Deutschland und in den genannten angrenzenden Ländern indigen sind, das heißt möglicherweise gehört die Strand-Gerste hier nicht zur ursprünglichen beziehungsweise einheimischen Flora.

Heute kommen beide Unterarten der Strand-Gerste eingeschleppt in weiten Teilen Nordamerikas vor allem in den westlichen Regionen der Vereinigten Staaten vor[4]. Ferner wurde die Pflanze nach Australien, Tasmanien, Neuseeland, den Kanarischen Inseln und Südafrika eingeführt [5].

Ökologie

Das Gras wächst vor allem im Bereich der Meeresküsten auf salzhaltigen Böden der Salzwiesen und des Schlickwatt, an Sandstränden, auf Strandwällen oder auf Deichen. In Nordamerika und in Afrika ist sie auch in den Salzsteppen des Inlands häufig anzutreffen.[6] Sie ist eine Begleitart in den Pflanzengesellschaften der Quellerfluren (Thero-Salicornietea), und kommt auch in Strandnelken-Gesellschaften (Armerion maritimae) vor. Die Art gehört nicht zu den Salzpflanzen, für die hohe Kochsalzkonzentrationen lebensnotwendig sind. Vielmehr ist sie toleranter gegen hohe Konzentrationen von Ionen im Boden sowie gegen Trockenheit, wodurch sie gegenüber anderen Arten an den genannten Standorten einen Konkurrenzvorteil hat.[7]

Die Blütezeit der Strand-Gerste liegt in der Zeit von Mai bis Juli. Die Pollen der weit herausragenden Antheren werden in dieser Zeit durch den Wind verweht und bestäuben so die benachbarten Blüten (Windbestäubung). Zur Zeit der Samenreife, vertrocknet die Strand-Gerste. Wie bei anderen wildwachsenden Gersten (Unkrautgersten) ist die Ähre zerbrechlich und zerfällt zwischen den in Dreiergruppen zusammenstehenden Ährchen bei der Samenreife. Diese Verbreitungseinheiten (Diasporen) sorgen für die Ausbreitung der Pflanze.

Genetik und Systematik

Unterarten

Innerhalb der Strand-Gerste werden zwei Unterarten unterschieden [2]:

  • Echte Strandgerste (Hordeum marinum subsp. marinum, Syn.: H. maritimum Stokes)
  • Trockenborstige Strandgerste (Hordeum marinum subsp. gussoneanum (Parl.), Syn.: H. hystrix Roth, H. geniculatum Allioni)

Diese unterscheiden sich in der Ausformung der Hüllspelzen. Jene der Echten Strandgerste sind ungleich. Die Inneren sind halblanzettlich und etwas geflügelt. Die äußeren sind dagegen grannenartig. Bei der Trockenborstigen Strandgerste sind diese kaum ungleich und grannenartig [8].

Genetik

Die Strand-Gerste stellt eine von aktuell 32 anerkannten Arten innerhalb der Gattung Hordeum dar. Aufgrund des hohen Grades an Hybridisierungen innerhalb der Gattung und mit Vertretern nahe verwandter Gattung innerhalb der Süßgräser, beispielsweise mit Arten der Quecken (Elymus), sowie der weit verbreiteten Polyploidie ist es schwer, Aussagen über die Verwandtschaft der Arten untereinander zu treffen. So findet sich das H.-marinum-Genom beispielsweise in der hexaploiden Form der nordamerikanischen Wildgerste H. brachyantherum, welches durch eine Hybridisierung einer tetraploiden H. brachyantherum mit einer diploiden H. marinum entstand, nachdem letztere während der letzten 150 Jahre durch Europäer nach Kalifornien eingeschleppt wurde. In der tetraploiden Roggen-Gerste (H. secalinum) sowie der davon abstammenden Kapgerste (H. capense) findet sich das Genom der Strand-Gerste gemeinsam mit dem einer Art der H-Genomgruppe, die entweder aus Südamerika oder Zentralasien stammte. Es wird angenommen, dass das Genom aller Gerstenarten auf vier Grundtypen basiert, die als I, Xa, Xu und H bezeichnet werden. Dabei kommt der I-Typ in der Kulturgerste (H. vulgare) und H. bulbosum, der Xu-Typ nur in der Mäuse-Gerste und der Xa-Typ nur in der Strand-Gerste vor, alle anderen Arten besitzen den H-Typ. Untersuchungen belegen, dass es innerhalb der Gersten zu einer Artbildung durch Hybride kam, phylogenetische Studien werden dadurch erschwert.

Neue molekular-systematische Arbeiten (Jakob et al. 2007) zeigen, dass die beiden Unterarten der Strandgerste deutlich unterschiedliche Geschichten besitzen. Da sie zudem durch ein qualitatives Merkmal klar unterschieden sind und aktuell kein Genfluss (Kreuzung) zwischen beiden Taxa erfolgt, sollten Sie als zwei getrennte Arten (H. marinum und H. gussoneanum) geführt werden.

Botanische Geschichte

Die Erstbeschreibung der Strand-Gerste erfolgte durch den britischen Botaniker William Hudson in seiner Flora anglica im Jahr 1762. Synonyme für H. marinum sind:[2]

  • H. maritimum Stokes ex Withering
  • Critesion marinum (Huds.) Á. Löve
  • H. geniculatum All..
  • H. gussoneanum Parl..
  • H. hystrix Roth.

Gefährdung und Schutz

Nordsee-Salzwiesen bei Minsen

Die Strand-Gerste ist in Deutschland sowie in Dänemark ausgestorben, Einzelsichtungen in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen sind vorhanden, die Art ist hier jedoch nicht etabliert. Als Ursache für den Rückgang der Art sowie das Aussterben in Niedersachsen und Schleswig-Holstein werden die ausbleibende Überflutung der Salzwiesen und Marschen sowie der verbesserte Küstenschutz durch den Aufbau von Deichen und Wellenbrechern angesehen. Die Strand-Gerste findet auf den salzärmeren Böden keine ausreichenden Lebensbedingungen und wurde durch konkurrenzstärke, salzempfindlichere Arten verdrängt. In Europa gilt die Art insgesamt als häufig und ungefährdet, auf anderen Kontinenten hat sie sich als Neophyt etabliert.

Die Strand-Gerste ist weder in Deutschland noch international geschützt. Sie fällt weder unter die Bundesartenschutzverordnung noch unter die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) der Europäischen Union. Auch der Handel ist nicht eingeschränkt, auf den CITES-Listen taucht die Art nicht auf.

Verwendung

Die Strand-Gerste ist zur Heugewinnung nicht geeignet, kann aber als Futterpflanze für Weidetiere, insbesondere Hausschafe, dienen.

Belege und weiterführende Informationen

Einzelnachweise

Die Informationen dieses Artikels entstammen zum größten Teil den unter Literatur und Weblinks angegebenen Quellen, darüber hinaus werden folgende Quellen zitiert:

  1. Tomotaro Nishikawa, Björn Salomon, Takao Komatsuda, Roland von Bothmer, Koh-ichi Kadowaki: Molecular phylogeny of the genus Hordeum using three chloroplast DNA sequences. Genome 45, 2002: Seiten 1157-1166 (Volltext)
  2. a b c nach Germplast Ressources Information Network (GRIN)
  3. Gefährdungssituation nach FloraWeb
  4. Plant Profile des US Department of Agriculture
  5. Verbreitung nach FloraWeb
  6. Dietmar Aichele, Heinz-Werner Schwegler: Unsere Gräser. 7. Auflage. Franckh'sche Verlagsbuchhandlung, Kosmos-Naturführer, Stuttgart 1984; Seite 150. ISBN 3-440-05284-2.
  7. Nach Aichele, Schwegler 1996
  8. W. Rothmaler: Exkursionsflora von Deutschland - Gefäßpflanzen: Kritischer Band, Fischer, Jena 1994, ISBN 3-334-60830-1

Literatur

  • Dietmar Aichele, Heinz-Werner Schwegler: Die Blütenpflanzen Mitteleuropas, Band 5. 2. Auflage. Franckh'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1996; Seite 452. ISBN 3-440-08048-X.
  • Hans Joachim Conert: Pareys Gräserbuch. Blackwell Wissenschaftsverlag, Berlin 200, S. 364f. ISBN 3-8263-3327-6
  • Henning Haeupler, Thomas Muer: Bildatlas der Farn- und Blütenpflanzen Deutschlands. Herausgegeben vom Bundesamt für Naturschutz Deutschland. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2000, ISBN 3-8001-3364-4
  • C. E. Hubbard: Gräser - Beschreibung, Verbreitung, Verwendung. Ulmer Verlag, Stuttgart, 1985. ISBN 3-8001-2537-4.
  • S. S. Jakob, A. Ihlow & F. R. Blattner: Combined ecological niche modelling and molecular phylogeography revealed the evolutionary history of Hordeum marinum (Poaceae) — niche differentiation, loss of genetic diversity, and speciation in Mediterranean Quaternary refugia. In: Molecular Ecology. 16, Nr. 8, 2007, S. 1713–1727
  • Werner Rothmaler: Exkursionsflora für die Gebiete der DDR und der BRD. Band 2: Gefäßpflanzen, 14. Auflage. Volk und Wissen, Berlin 1988, ISBN 3-060-12539-2
  • Jarumír Sikula, Vojtech Skolfa: Gräser. 5. Auflage, Verlag Werner Dausien, Hanau/Main 1996. ISBN 3-7684-2798-3 (formal falsche ISBN)
  • Herbert Weymar: Buch der Gräser und Binsengewächse. Neumann Verlag, Radebeul und Berlin 1953

Weblinks


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