Symon Petljura


Symon Petljura
Symon Petljura
Wiktor Juschtschenko mit Gattin am Grab Symon Petljuras, 2005, Cimetière Montparnasse

Symon Wassyljowytsch Petljura, auch Petliura oder Petlura (ukrainisch Симон Васильович Петлюра, wiss. Transliteration Symon Vasyl'ovyč Petljura; * 10. Mai 1879 in Poltawa; † 25. Mai 1926 in Paris) war ein ukrainischer Politiker.

Leben

Petljura war im Jahre 1905 Mitbegründer der Ukrainischen Arbeiterpartei und Herausgeber der Zeitschriften Slowo und Ukrajinskaja Schysn zwischen 1905 und 1909. Während des Ersten Weltkriegs diente er in der zaristischen Armee. Nach der Februarrevolution von 1917 wurde er Mitglied des neuen Parlaments (Zentralna Rada), das im Juni die Ukraine als autonome Republik ausrief. Im Juli wurde er Kriegsminister, bald darauf besetzten jedoch deutsche Truppen die Ukraine und installierten eine Marionettenregierung.

Nach dem Rückzug der deutschen Truppen 1918 wurde Petljura eines von fünf Mitgliedern der neuen Regierung und militärischer Oberbefehlshaber (Ataman), 1919 dann Regierungschef. Im Russischen Bürgerkrieg kämpfte er sowohl gegen die Bolschewiki als auch gegen Teile der russischen Konservativen („Weiße“), rivalisierende Ukrainer unter Pawlo Skoropadskyj und Polen. Unter seiner Herrschaft ereignete sich eine Vielzahl von Pogromen gegen die zahlreiche jüdische Bevölkerung der Ukraine, wobei man von 35.000 bis 100.000 Toten ausgeht. Er führte zwar gesetzliche Strafen für Gewalt gegen jüdische Zivilisten ein, die Umsetzung dieser Gesetze wurde jedoch von ihm nur nachlässig eingefordert. So kam es, dass rund 40 % aller Pogrome von Truppen ausgeführt wurden, die loyal zu dem von Petljura angeführten Direktorat standen. Zu Beginn des Jahres 1919 massakrierte die ukrainische Armee unter Petljuras Kommando während ihres Rückzugs vor der Roten Armee Juden in Berdytschiw, Schytomyr und Proskuriw, wo innerhalb einiger Stunden etwa 1.700 Menschen ermordet wurden.

Nach dem Sieg der Kommunisten floh Petljura nach Polen, wo er als legaler Regierungschef der Ukraine anerkannt wurde und im März 1920 in Lublin ein Friedensabkommen mit der polnischen Regierung unterzeichnete, wobei er im Tausch gegen militärische Hilfe die polnischen Bedingungen für die Grenzziehung im Osten akzeptierte. Im Polnisch-Sowjetischen Krieg gelang dann jedoch nur zeitweise die Besetzung von Kiew, und die Wiederherstellung der ukrainischen Unabhängigkeit scheiterte. Petljura führte nun zunächst von Tarnów und Warschau aus die ukrainische Exilregierung an, musste Polen jedoch aufgrund verstärkten sowjetischen Drucks 1923 verlassen und ging über Wien und Genf 1924 nach Paris.

Am 25. Mai 1926 wurde er während eines Einkaufsbummels in Paris von dem aus der Ukraine stammenden jüdischen Anarchisten Scholom Schwartzbard auf offener Straße niedergeschossen und starb kurz darauf. Der Täter wurde von einem französischen Gericht freigesprochen, weil er in Vergeltung für den Tod von 15 Familienmitgliedern, darunter seine Eltern, gehandelt habe. Aus der Unterstützungsbewegung für Schwartzbard entstand die noch heute in Frankreich bestehende Internationale Liga gegen Rassismus und Antisemitismus.

Literatur

  • Rudolf A. Mark: Symon Petljura und die UNR. Forschungen zur osteuropäischen Geschichte. Bd 40. Diss. Berlin 1988. ISBN 3447027002

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