Systemrisiko


Systemrisiko

Ein Systemrisiko (bzw. systemisches Risiko) ist ein Risiko, das die Funktion oder sogar das Fortbestehen eines ganzen Systems beeinträchtigen kann. Systemrisiko ist ein Gegenpart zu den spezifischen Risiken, von denen immer nur bestimmte Systemteilnehmer betroffen sind, ohne das System als Ganzes zu gefährden.

In den letzten Jahren ist der Begriff ein Teil des Jargons in der Ökonomie und den Finanzmärkten geworden. Er hat seine Bedeutung aus der Diskussion evolutionärer Verhaltenentwicklung in ökologischen Systemen und deren allenfalls systemgefährdenden Auswirkungen übernommen.

Systemrisiken können auch von Versicherungen nicht oder nur sehr begrenzt gedeckt werden. Da Systemrisiken alle Marktteilnehmer treffen, ist es schwierig, eine Gegenpartei für einen Versicherungskontrakt zu finden. Es ist z. B. schwierig, eine Lebens- oder Mobiliarversicherung zu finden, welche Kriegsrisiken decken kann. Die Essenz vom schlagenden Systemrisiko ist somit die starke Korrelation der Verluste aller Parteien.

Ein weiteres Thema in diesem Zusammenhang ist die starke potentielle Verletzlichkeit der Geldwirtschaft im außerordentlichen Krisenfall. In außerordentlichen Krisen ist die Funktion der Finanzmärkte gefährdet. Wenn die Finanzmarktteilnehmer Finanzgeschäfte abwickeln, deren Handelsvolumen die verfügbaren Basiswerte bei weitem übertreffen (spekulativer Handel mit Derivativen, Hedge Funds), dann kann der Ausfall von einem großen Marktteilnehmer auch andere Teilnehmer in Illiquidität stürzen. So kann ein Dominoeffekt entstehen, welcher den ganzen Markt dem Systemrisiko eines Zusammenbruchs aussetzt. Andererseits dienen die Finanzmärkte und das Volumen der gehandelten Kontrakte zur Absicherung von immer größeren Risikovolumen. Damit sind Finanzmärkte nicht nur potentielle Risikoquellen, sondern dienen auch dem Risikoschutz.

Inhaltsverzeichnis

Systemisches Risiko

Ein systemisches Risiko liegt vor, wenn sich ein auf ein Element eines Systems einwirkendes Ereignis aufgrund der dynamischen Wechselwirkungen zwischen den Elementen des Systems auf das System als ganzes negativ auswirken kann oder wenn sich aufgrund der Wechselwirkungen zwischen den Elementen die Auswirkungen mehrerer auf einzelne Elemente einwirkender Ereignisse so überlagern, dass sie sich auf das System als ganzes negativ auswirken können.

Fehlende Diversifikationsmöglichkeit

Ein Systemrisiko, das schlagend wird, kann nicht abgewendet werden, der Schaden muss von den betroffenen Systemteilnehmern getragen werden. Allerdings können im Rahmen der Systemgestaltung die Rahmenbedingungen so gesetzt werden, dass die Stabilität eines Systems im Hinblick auf erkannte Gefahren erhöht wird. Für die Finanzmärkte wird dieser Rahmen durch die Wirtschaftspolitik und die Finanzmarktaufsichtsbehörden gesetzt. Siehe auch Bankenabgabe.

Vom Systemrisiko zum Systematischen Risiko

Finanzmarktteilnehmer haben in der Regel keine solchen fundamentalen Zweifel. Sie gehen nicht davon aus, dass mittelfristig der ganze Finanzmarkt zusammenbrechen wird. Finanzmarktteilnehmer (z. B. Banken) unternehmen große Anstrengungen, um spezifische Risiken der eigenen Risikotragfähigkeit anzupassen. Sie vermeiden Klumpenrisiken und bedienen sich der Technik der Diversifikation.

Der Kapitalinvestor kann spezifische Länder-, Währungs- und Branchenrisiken durch geschickte Diversifikation seiner Anlagen ausgleichen. Bei optimaler Diversifikation verbleibt gemäß der Portfoliotheorie ein nicht diversifizierbares Restrisiko. Dieses wird als systematisches Risiko bezeichnet.

In einem einzelnen Portfolio kann man das Risiko durch Diversifikation auf das Niveau des systemischen Risiko minimieren. Auf die Gesamtmarktsicht übertragen bedeutet dies: Wenn die Portfolios aller Finanzmarktteilnehmer und die Bilanzen aller Banken optimal gehedged sind, besteht trotzdem kein Schutz vor den Systemrisiken. Wenn zum Beispiel alle Güterpreise in einer starken, langanhaltenden Deflationsphase verfallen, entwerten sich die Sicherheiten (z. B. Immobilienpreise), mit denen die Kredite der Banken gedeckt sind. Es kommt zu großen Kreditausfällen, Bankbilanzen geraten in Schieflage, die Buchgeldmenge schrumpft trotz bereits tiefer Zinsen. Das ganze Geld- und Kreditsystem fällt in eine Systemkrise. Konjunkturkrisen sind eine schwach ausgeprägte Form von Systemkrisen, von der sich die Wirtschaft aber in der Regel nach einigen Monaten oder Jahre wieder erholt. Konjunkturkrisen in einem Land oder einem einzelnen Wirtschaftsraum sind dabei weniger gravierend als parallel verlaufende Krisen in mehreren Wirtschaftsräumen. Im ersten Fall kann wiederum durch Diversifikation der Gesamtschaden gering gehalten werden.

Siehe auch


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