Tanzwut


Tanzwut

Der Ausdruck Tanzwut (lat. Epilepsia saltatoria), auch Tanzkrankheit oder Choreomania genannt, bezeichnet eine Erscheinung im 14. und 15. Jahrhundert, die von den Schriftstellern als Tanzwut oder Tanzplage beschrieben worden ist. Sie wurde als eine epidemische Volkskrankheit des Mittelalters bezeichnet.

Menschen tanzten, bis ihnen Schaum aus dem Mund quoll, Wunden auftraten und sie z.T. erschöpft zusammenbrachen. Die Ursachen sind noch nicht endgültig geklärt, wahrscheinlich handelt es sich um unterschiedliche Phänomene, die aufgrund der äußeren Erscheinungsform zusammengefasst wurden.

Eine Vermutung betrifft religiöse Ekstase, eine andere die halluzinogene Wirkung pflanzlicher Drogen, zum Beispiel durch Nachtschattengewächse wie der Engelstrompete oder Vergiftungserscheinungen des Mutterkorns im Getreide ursächlich waren. Eine andere Erklärung ist der Biss der Europäischen Schwarze Witwe, deren Gift zu unwillkürlichen neuromuskulären Entladungen führt und neben heftigen Schmerzen Muskelkrämpfe auslöst, die unbehandelt tagelang anhalten können. Zwar wurden die Symptome schon bald auf den Biss einer Spinne zurückgeführt, doch wurde die Apulische Wolfsspinne (Lycosa tarentula), auch Tarantel genannt, dafür verantwortlich gemacht, die zwar wesentlich weniger giftig als die nachtaktive Europäische Schwarze Witwe, dafür aber viel größer als diese und auch tagsüber aktiv ist.

Die Therapiemethoden der damaligen Zeit umfassten u.a. Schwitzkuren oder Behandlung mit Exkrementen. Den Patienten kam vielleicht am ehesten die Tarantella entgegen: ein süditalienischer schneller Volkstanz, der von Musikern im Hause des Opfers gespielt wurde und den unwillkürlichen Zuckungen ein rhythmisches "Antidot" (so auch der Titel der ersten Sammlung solcher Stücke durch Athanasius Kircher, 1641) entgegengesetzt wurde. Hier war also die "Tanzwut" (bis zur völligen Erschöpfung) nicht Symptom, sondern Therapie.

Ursprünglich war die Tanzwut als Veitstanz bekannt, welcher heute jedoch die erbliche Krankheit Chorea Huntington bezeichnet. Die Bezeichnung Veitstanz bezieht sich auf den Heiligen Veit, da dieser in solchen Fällen um Hilfe gebeten wurde.[1][2]

Inhaltsverzeichnis

Tanzwut während der großen Pestepidemie

Während der Zeit des Schwarzen Todes im vierzehnten Jahrhundert war eine Art der Tanzwut ein vielfach aus Verzweiflung beschrittener Weg, dem Bewusstsein der Bedrohung durch die Epidemie zu entgehen. Die Menschen tanzten so lange, bis sie in Ekstase verfielen, die ihr Müdigkeits- oder Erschöpfungsgefühl ausschaltete. Dadurch konnten sie so lange fortfahren, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrachen oder sogar starben. Auch hier wird von einer drogeninduzierten Vergiftung ausgegangen.

Siehe auch: Totentanz

Literatur

  • Justus Friedrich Karl Hecker: Die Tanzwuth, eine Volkskrankheit im Mittelalter. Nach den Quellen für Aerzte und gebildete Nichtärzte bearbeitet von Dr. J. F. C. Hecker. Enslin, Berlin 1832. (Mit Notenbeispielen)

Einzelnachweise

  1. Veitstanz, auch Chorea Sancti Viti. auf: sphinx-suche.de
  2. Vitus (Veit). In: Ökumenisches Heiligenlexikon.

Weblinks

 Commons: Tanzwut – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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