Tartscher Bühel


Tartscher Bühel
46.67868210.559363
im Vordergrund der Tartscher Bühel und Tartsch, in der Bildmitte Mals und im Hintergrund Burgeis mit dem Kloster Marienberg

Der Tartscher Bühel, im Volksmund Bichl genannt, ist ein kahler, felsiger, 1.077 m hoher Rundbuckel aus Glimmerschiefer im oberen Vinschgau. Seine abgerundete Form hat er durch Gletschereinwirkung während der Eiszeit erhalten. In den Felsenmulden des Hügels haben die Gletscher Moränenablagerungen zurückgelassen. Er ist eine mythen- und sagenumwobene Erhebung, die auch den Archäologen manchen Lichtblick beschert hat.

Inhaltsverzeichnis

Lage

Der Nordhang grenzt eng an die Malser Fraktion Tartsch, 1.029 m, und an die Staatsstraße an. Die in etwa 10 Minuten erreichbare Anhöhe kann von zwei Startpunkten aus erstiegen werden: vom Zentrum der Ortschaft Tartsch oder von einem Parkplatz neben dem Friedhof einige hundert Meter weiter östlich bei der Abzweigung der Straße in das Matschertal. Der Südhang, durch den die Trasse der Vinschgerbahn verläuft, ist steil und kann nur im oberen Bereich über einen schmalen Naturlehrpfad begangen werden, der den Hügel umrundet. Der restliche Bereich des Südhanges ist für Fußgänger tabu.

Geschichte

Das rätische Haus in den Stocker Gruben

Der Felsenhügel ist in vorrömischer Zeit schon besiedelt gewesen. Darauf lassen sowohl archäologische Funde, die seit dem 19. Jahrhundert gemacht wurden, und Ausgrabungen schließen, die im Jahre 2000 getätigt wurden. Auf das älteste Fundstück im Vinschgau, das mit einer rätischen Runeninschrift versehen ist, ist man während des Baues einer Beregnungsanlage 1953 gestoßen. Es ist eine 12 cm lange und nur auf einer Seite polierte Hirschhornspitze mit der Aufschrift: lavisiel riviselchu tinach, die so übersetzt wurde: Dem Lavisiel hat Riviselchu (dies Horn) geweiht. [1]

1999 - nachdem die Grabungsarbeiten am nicht so weit entfernten Ganglegg schon abgeschlossen waren - wurde auf dem Tartscher Bühel im Zuge einer Begehung durch Archäologen ein spätlatènezeitliches keltisches Schwert gefunden, das der Anlass war, dass von der öffentlichen Hand ein kleines Budget für Probegrabungen locker gemacht wurde. Bei diesen Grabungen in den Stocker Gruben kamen umgehend eingestürzte Reste sogenannter „rätischer Häuser“ zutage. Aus diesem Grunde wurde die Grabungszeit verlängert, sodass ein Haus in einer dieser über den Hügel verstreuten, zahlreichen - besonders gut aus der Luft sichtbaren - Gruben zur Gänze ausgegraben werden konnte. In diesen Gruben haben sich zähe und lehmige Moränenreste angesammelt, die sich hervorragend für die ins Erdreich eingetieften Untergeschosse dieser mehrstöckigen Gebäude eigneten. Die Grabungskampagne ermöglichte es, einen Einblick in die Siedlungstätigkeiten der Frühlatènezeit (2. Hälfte des 5. Jahrhunderts - 1. Hälfte des 3. Jahrhunderts vor Chr.) im Vinschgau zu erhalten. Aus den Grabungsergebnissen einer Grube kann darauf geschlossen werden, dass es eine Siedlung von wenigstens 80 Häusern gegeben haben könnte. Damit würde die Sage von der Stadt auf dem Tartscher Bühel einen konkreten geschichtlichen Hintergrund bekommen.[2]

St. Veit auf dem Tartscherbühel

St. Veit auf dem Tartscher Bühel

Auf dem Boden einer vorchristlichen Kultstätte wurde im 11. Jahrhundert eine im romanischen Stil erbaute Kirche gebaut, die St. Veit geweiht ist und die äußerlich seitdem unverändert geblieben ist. Es ist nicht auszuschließen, dass an dieser kultisch so beeindruckenden Stelle ein Vorgängerkirchlein schon existiert hat. Die Kirche ist von einer mächtigen, hohen Steinmauer umgeben und wird flankiert von einem hohen schlanken romanischen Turm. Der überraschend geräumige Innenraum wird von einer Holzdecke überspannt, die am Beginn des 16. Jahrhunderts gefertigt wurde. Die an manchen Stellen heute noch sichtbaren Brandspuren stammen aus der Zeit des Engadinerkrieges 1499. An der Nordwand, von einem dort aufgestellten Barockaltar teilweise abgedeckt, befindet sich ein aus dem Jahr 1520 stammender Freskenzyklus über das Martyrium des heiligen Vitus, der in der Zeit Diokletians gelebt hat.

Kunsthistorisch bedeutend sind die nur mehr fragmentarisch erhaltenen romanischen Fresken in der Apsis der Kirche aus der Zeit um 1200. Die Reste dieser Malereien – ein Mäanderfries mit Perlstabband, Christus in der Mandorla mit den Evangelistensymbolen in der Wölbung, zwei miteinander kämpfende schildbewehrte Seeungeheuer, ein bärtiger Mann, der ein Krummhorn bläst, Apostelreihe zwischen Heiligen, Volutenranke mit Kreuzblüten in der Fensterlaibung – zeigen die Qualität der Arbeit, die sie in die Nähe der ebenfalls nur mehr fragmentarisch erhaltenen Fresken der Stiftskirche des Marienberger Meisters stellt.

Im 16. Jahrhundert wurde für die Kirche ein gotischer Flügelaltar aus dem Engadin erworben, der aus der Werkstatt des Bildhauers Ivo Strigel stammte. Im Engadin breitete sich damals die Reformation aus, in derem Zuge viele derartige Altäre dem Bildersturm zum Opfer fielen oder veräußert wurden. 1958 wurden die Schreinfiguren des Altars (Maria, Luzius und Florinus) aus der Kirche entwendet. Sie tauchten erst im Mai 2011 im Münchner Kunsthandel wieder auf und konnten in der Folge zurückgekauft werden.

Die Kirche und das Tor der Umfriedungsmauer sind normalerweise verschlossen. Der Schlüssel wird von einer Familie in Tartsch verwaltet, die neben der Kirche wohnt. Im Sommer wird einmal in der Woche eine Führung auf dem Tartscher Bühel angeboten.[3]

Flora

Auf dem Tartscher Bühel ist zu der Zeit, als die archäologischen Grabungen durchgeführt wurden, auch ein Naturlehrpfad angelegt worden, der den Hügel – nicht immer als sichtbarer Weg – umrundet. Die zugängliche Nordseite ist von einem Lärchenbestand bedeckt, der dem malerischen Naherholungsgebiet auf der Nordseite im Sommer willkommenen Schatten spendet. Auf der von der Sonne schon leichter erreichbaren Ostseite wechseln Föhren den Lärchenbewuchs ab. Die Südseite weist ähnlichen Bewuchs auf wie der von xerophilen Pflanzen und Sträuchern bewachsene Steppenstreifen des Vinschgauer Sonnenberges. Dieser steppenartige Charakter des Hügels ist schon von weitem sichtbar und unterscheidet sich deutlich von der fruchtbaren, grünen Umgebung.

Mussolinis Spuren

Unter dem Hügel befindet sich eine 1939-1942 gebaute, unvollendete und militärisch nie genutzte Bunkeranlage, in der einst 200 Soldaten arbeiten und leben sollten. Sie besteht aus mehreren Eingängen, Schlaf- und Betriebskavernen, Schießständen, endlosen Treppenanlagen und durchlöchert den gesamten Hügel. Die wenigen Eingänge sind von Gestrüpp überwuchert und heute kaum mehr auffindbar. Diese Bunker des Tartscher Bühels waren Teil eines ausgedehnten Befestigungssystems, des italienischen Alpenwalls, das Mussolini in den Jahren 1938 – 42 erbauen ließ, und dessen Bunker bis heute im Vinschgau die oberirdisch sichtbaren gespenstischen Zeugen dieser unseligen Zeit sind.[4]

Das Scheibenschlagen

Alte Kultplätze waren Schauplatz ritueller Handlungen und Bräuche. Ein Brauch, der im Vinschgau vom Schlanderser Raum bis Mals heute noch lebendig geblieben und unter großer Anteilnahme der Bevölkerung gepflegt wird, ist das Scheibenschlagen. Am "Scheibenschlagsunnta", wie der 1. Fastensonntag im Vinschgau genannt wird, werden am Abend in der Dunkelheit in einem Feuer vorgeglühte runde oder auch viereckige Holzscheiben (Birkenscheiben), die auf eine lange geschmeidige Weidengerte aufgesteckt werden, über ein Führungsbrett von einer Anhöhe aus weit über einen Abhang hinuntergeschleudert. Während mit der Gerte theatralisch weit ausgeholt wird, um Schwung für einen möglichst weiten Flug der Scheibe zu erreichen, werden standardisierte Reime in die Nacht hinausgerufen, die bestimmten Leuten im Dorf gelten, und mit denen nicht selten hinterhältig geheime Liebschaften an die Öffentlichkeit gebracht werden. Als Abschluss wird unter lautem Gejohle der Anwesenden die "Larmstange" oder "Hex" angezündet, ein großes, mit Stroh verkleidetes und mit einer rautenförmigen Umrahmung geschmücktes Kreuz. Für die Bewohner von Tartsch bot sich der Tartscher Bühel als Standort für diesen Brauch geradezu an.

Die Sage vom Tartscherbühel

Die meisten Schulkinder in Südtirol sind mit dieser Sage früher wenigstens konfrontiert worden. Viele mussten sie auswendig lernen. Und wer sie einmal auswendig konnte, wird wenigstens die ersten zwei Zeilen unauslöschlich im Kopf behalten.[5]


Der Tartscherbühl ist wohlbekannt

im Vinschgau im Tirolerland.

Ein Städtchen war in alter Zeit

allda voll Glanz und Sauberkeit.


Die Leute liebten Tanz und Spiel,

der Herrgott aber galt nicht viel.

Einst kam, vom vielen Wandern matt,

ein Pilger abends in die Stadt.


"Der Weg ist nass, die Nacht ist kalt,

hab' nichts gespeist und bin schon alt.

O lasst mich schlafen über Nacht,

bis morgen früh die Sonn' aufwacht!"


"Willst schlafen du? Der Pfad ist weit,

kannst schlafen, wo dich's immer freut;

der Schnee bedecket Straß' und Bühl

Mit weißem Linnen frisch und kühl.


Die Sternlein leuchten dir voll Pracht -

so schlaf nur, Alter, gute Nacht!"

Es schwankt der Greis zum Tor hinaus

und kommt zum allerletzten Haus:


"Gott segne, Bäuerin, euch den Tisch,

voll Wein und Kuchen, Fleisch und Fisch;

doch gebt auch mir ein Stücklein Brot,

sonst findet mich der Morgen tot."


"Das weiche Brot schenkt man nicht her,

zum harten hast kein Zähnlein mehr.

Das weiße Brot ist für mein Kind;

fort, Alter, tummle dich geschwind! "


Der Pilger wankt zum Tor hinaus,

gar nass und finster ist es drauß.

Den kalten Stein erfasst die Hand,

den schleudert er, zur Stadt gewandt.


"Fühllose Stadt, so kalt wie Stein,

sollst ewig wüst und öde sein.

Sollst ohn' Erbarmen untergeh'n,

nie höre Gott dein jammernd Fleh'n!"


Als nun der Stein am Tore prallt,

der Boden öffnet sich alsbald;

es bebt der Grund, und Hof und Scheun’

und Haus und Schloss versinken ein;


der Mann, das Weib, der Greis, das Kind

im tiefen Schutt begraben sind.

Wo stolz die Stadt in alter Zeit

geglänzt, ist's öde weit und breit.


Kein Denkmal gibt den Platz dir kund,

wo Haus um Haus einst fröhlich stund.

Der Tartscherbühel steht allein

und mahnt: Dein Herz sei niemals Stein!

Einzelnachweise

  1. Josef Rampold, Vinschgau, Verlagsanstalt Athesia Bozen, 1974
  2. Zeitschrift „Der Schlern“, Jahrgang 76, 2002, Heft 1/2 Archäologische Grabungen am Tartscher Bichl im Jahr 2000
  3. Nähere Informationen erhält man im Tourismusbüro Mals, Tel. +39 0473 737070
  4. http://www.moesslang.net/alpenwall_2_wk.htm Eine sorgfältig zusammengetragene Dokumentation
  5. Anzoletti Patriz, Lesebuch III. Teil, Bozen 1921

Weblinks

 Commons: Tartscher Bühel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

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