Technischer Fortschritt


Technischer Fortschritt

Unter technischem Fortschritt versteht man den Fortschritt der technischen Ausgangslage einer Volkswirtschaft oder die Gesamtheit aller technischen Innovationen einer Kultur. Durch technischen Fortschritt kann entweder eine gleiche Produktionsmenge (Output) mit einem geringeren Einsatz an Arbeit oder Produktionsmitteln (Inputs) erstellt werden oder eine höhere Menge mit dem gleichen Einsatz an Produktionsmitteln und Arbeit. Neben der quantitativen Verbesserung des Input-Output-Verhältnisses gibt es auch qualitative Verbesserungen wie neue Erzeugnisse (Technikgeschichte). Außer den ökonomischen hat der technische Fortschritt auch kulturelle und soziale Auswirkungen und führt mit zu Strukturwandel.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Dampfmaschine gilt als Symbol der Industriellen Revolution

In der frühen Zeit der Menschheitsgeschichte war die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts relativ langsam, auch wenn es in größeren Zeitabständen ebenfalls zu großen Umwälzungen kam, etwa die Neolithische Revolution. Zu großen gesellschaftlichen Umbrüchen führten in der jüngeren Geschichte die Industrielle Revolution sowie seit Mitte der 1970er Jahre die Digitale Revolution.[1]

Historisch hat es durchaus neben Zeiten mit technischem Fortschritt auch Zeiten mit technischem Rückschritt gegeben. Als klassisches Beispiel gilt der Untergang der antiken Kultur mit dem nachfolgenden Mittelalter. Allerdings streiten sich die Geschichtswissenschaftler in dieser Frage, inwieweit zum Beispiel in bestimmten Bereichen (Verbreitung der Wassermühle) der technische Fortschritt auch während des Mittelalters weiter ging.

Es ist umstritten, ob es sich bei einer Neuerung der Technik aufgrund der teilweise negativen Auswirkung auf Mensch, Natur und Gesellschaft immer um einen Fortschritt handelt. Daher wird in der Literatur auch von technischem Wandel gesprochen.[2]

Erscheinungsformen

Technischer Fortschritt kann evolutionär oder revolutionär genannt werden.

Die drei Haupterscheinungsformen des technischen Fortschritts sind:

Es geht bei technischem Fortschritt aber nicht nur um die Steigerung der Arbeitsproduktivität - etwa dass eine bestimmte Anzahl Menschen immer mehr Autos herstellen können -, sondern auch um qualitative Veränderungen, um Neuerungen, Innovationen bei den erzeugten Produkten für den Verbrauch der Menschen.

Abb. 1: Auswirkung des technischen Fortschritts auf das Input-Output-Verhältnis bei gleich bleibenden Output
Abb. 2: Auswirkung des technischen Fortschritts auf das Input-Output-Verhältnis bei konstantem Input

Joseph Schumpeter unterscheidet zwischen fünf verschiedenen Neuerungen, die den technischen Fortschritt ausmachen:

  1. Einführung eines neuen Produktes,
  2. Einführung eines neuen Produktionsverfahrens,
  3. Erschließung eines neuen Marktes,
  4. Erschließung einer neuen Versorgungsquelle von Rohstoffen oder Halbfabrikaten und schließlich
  5. Einführung neuer Formen industrieller Organisation.“ [2]

Dosi versteht unter dem technischen Fortschritt: „ die Suche und Entdeckung, Imitation und Einführung neuer Produkte, neuer Produktionsverfahren und organisatorischer Erneuerungen.“ [3]

Geigangt geht davon aus, dass der Technische Fortschritt es bei der Herstellung von neuen oder verbesserten Produkten oder bei der Einführung neuer Produktionsverfahren ermöglicht, ein unverändertes Produkt zu gleich bleibenden Kosten in größerer Menge bzw. in gleich bleibender Menge zu niedrigeren Kosten herzustellen. [4]

Der Technische Fortschritt führt also zu einem Produktivitätszuwachs dadurch dass

  • der Input bei gleichbleibendem Output verringert werden kann (Abb.1) oder
  • der Output bei gleichbleibendem Input erhöht werden. (Abb.2)

Technischer Fortschritt und Wirtschaftswachstum

Nach Schumpeter findet auf Märkten ein schöpferischer Prozess der Zerstörung statt. Schöpferische Zerstörung bedeutet, dass Innovationen auf den Markt kommen, die andere Produkte vom Markt verdrängen. Durch den Wettbewerb wird dieser Prozess angefacht, da Unternehmen nach Innovationen streben um einen Wettbewerbsvorteil zu erlangen. Die Innovationen stellen einen Technischen Fortschritt dar der zu einer Steigerung der Produktivität führt. Das ermöglicht eine Senkung der Preise und somit verbesserte Chancen im Wettbewerb. Der Technische Fortschritt ist dynamisch effizient, da aufgrund der Produktivitätssteigerung weitere Anreize zu Innovationen gesetzt werden.

Zusammen mit dem Lernkurveneffekt (d. h. Senkung der Stückkosten bei Steigerung der Produktion aufgrund von Erfahrung der Arbeitskräfte) und der Humankapitalakkumulation (zum Beispiel Steigerung des Bildungsgrades durch Fortbildung der Mitarbeiter) ist der technische Fortschritt also eine wichtige Quelle für Produktivitätssteigerung und Wirtschaftswachstum. [5]

Das Wachstum aufgrund des Lernkurveneffekts oder der Humankapitalakkumulation kommt jedoch aufgrund des sinkenden Grenznutzens (unter den neoklassischen Annahmen) im Gegensatz zum Technischen Fortschritt immer an seine Grenze. Allein der Technische Fortschritt ermöglicht ein langfristiges Wirtschaftswachstum.

Die Bedeutung für das Wirtschaftswachstum belegen auch empirische Untersuchungen von 1994, nach denen der Beitrag des Technischen Fortschritts zum Wirtschaftswachstum je nach Berechnungsart zwischen 40 % und 60 % liegt. [2]

Berechnet wird der Technische Fortschritt nach Schumpeter aus der Differenz von Produktionswachstum und der reinen Veränderung des Faktoreinsatzes (Totale Faktorproduktivität). Diese Differenz wird als „Residuum“ oder Restgröße bezeichnet. [6]

Technischer Fortschritt und Arbeitslosigkeit

Die Erfindung der Webmaschine löste zunächst Befürchtungen aus, dadurch käme es zu Massenarbeitslosigkeit.

Oft diskutiert wird die Frage, ob technischer Fortschritt Arbeitsplätze schafft oder im Gegenteil Ursache für Arbeitslosigkeit sei. Diese Frage tauchte bereits 1817 bei David Ricardo und später in der Diskussion um Automatisierung und Rationalisierung wieder auf.

Freisetzungstheorie

Der technische Fortschritt bewirkt durch Weiterentwicklungen und Neuerungen eine Produktivitätssteigerung und Änderung von bisher als effizient angesehenen Input-Output-Verhältnissen. (Siehe Abb. 1 und 2)

Basierend auf dieser Kenntnis hat David Ricardo in der 3. Auflage seiner „Principles of Political Economy and Taxation“ von 1821 die These aufgestellt, dass die Arbeitslosigkeit aufgrund des Technischen Fortschritts steigt, wenn die Nachfrage vorübergehend konstant bleibt. Diese These wird Freisetzungstheorie genannt. Auch Karl Marx schloss sich dieser These an.[7]

Technischer Fortschritt steigt ⇒ Produktivität steigt ⇒ Nachfrage nach diesem Gut steigt nicht unbedingt ⇒ Weniger Arbeitskräfte werden benötigt ⇒ Arbeitslosigkeit steigt

Nach der Freisetzungstheorie hätte der Technische Fortschritt zur Folge, dass Arbeitslosigkeit entsteht. Ein bekanntes Beispiel, welches diese These veranschaulicht ist folgendes: In der Stecknadelbranche sind 10 Mitarbeiter angestellt. Nach der Einführung einer Maschine in den Betrieb werden diese 10 Mitarbeiter durch die Maschine ersetzt. Lediglich ein Mitarbeiter ist noch damit beschäftigt die Maschine zu bedienen. Die neue Maschine kann ein Vielfaches der Menge an Stecknadeln produzieren, welche die 10 Arbeiter herstellen konnten. Da die Nachfrage nach Stecknadeln nicht unbedingt aufgrund des höheren Angebots um mehr als ein Vielfaches steigt, kommt es zu Entlassungen in der Stecknadelindustrie.[7]

Kompensationstheorie

Abb. 3: Preis- und Lohnentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland

Folgender Einwand gegenüber der Freisetzungstheorie wird in der Kompensationstheorie erhoben: Durch den technischen Fortschritt wird nicht nur die Menge der produzierbaren Güter erhöht, auch der Preis für die produzierten Güter sinkt. Das hat zur Folge, dass das Realeinkommen steigt. Aufgrund des höheren Realeinkommens steigt der Konsum des betrachteten Gutes und anderer Güter. Der höhere Konsum führt zu Einstellungen in anderen Branchen. An das obige Beispiel anknüpfend würde der Preis für Stecknadeln aufgrund des höheren Angebotes sinken. Der Schneider kann das Geld für den Konsum anderer Güter verwenden. [7]

Der technische Fortschritt kann also beschäftigungsneutral sein, wenn eine technologische Veränderung eine höhere Nachfrage nach anderen Gütern auslöst und es so zu einer Wiedereinstellung der aufgrund der Rationalisierung frei gewordenen Arbeitskräfte kommt.[8]

Kritiker entgegnen der Kompensationstheorie, dass trotz des technischen Fortschritts die Preise seit mehr als 50 Jahren in Höhe der Inflationsrate steigen.[7] Allerdings ist dem entgegenzuhalten, dass die Löhne langfristig sehr viel stärker steigen als die Preise. (Siehe Abb. 3). Die Realeinkommen sind also unter anderem aufgrund des Technischen Fortschritts gestiegen. [7]

Konzept von Karl Popper

Der Philosoph Karl Popper gibt in seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, Band 2 „Hegel und Marx“ eine systematische Zusammenstellung, wie eine Gesellschaft auf eine Steigerung der Arbeitsproduktivität, die sich aus technischem Fortschritt ergibt, reagieren kann.

Die zur Verfügung stehende höhere Produktivkraft kann genutzt werden für:

  • Fall A: Investitionsgüter. Dann wird investiert, um mehr Investitionsgüter herzustellen, welche die Produktivität noch mehr steigern. Das Problem wird in die Zukunft verschoben. Popper hält dies daher für keine Dauerlösung.
  • Fall B: Konsumgüter
    • für die gesamte Bevölkerung
    • für einen Teil der Bevölkerung
  • Fall C: Arbeitszeit-Verkürzung
    • tägliche Arbeitszeit
    • die Anzahl der „unproduktiven“ Arbeiter steigt. Popper meint damit diejenigen außerhalb des produzierenden Gewerbes, insbesondere Wissenschaftler, Ärzte, Künstler, Geschäftsleute usw.

Hier zieht Popper eine Grenze. Bisher handelte es sich um für die Bevölkerung erfreuliche Wirkungen einer Erhöhung der Arbeitsproduktivität. Es sind jedoch auch unerfreuliche Wirkungen denkbar:

  • Fall D: Die Anzahl der Güter, die produziert, aber weder konsumiert noch investiert werden, steigt
    • Konsumgüter werden zerstört
    • Kapitalgüter werden nicht genutzt, d. h. Betriebe liegen brach
    • es werden Güter produziert, die weder Investitions- noch Konsumgüter sind, zum Beispiel Waffen (siehe auch Rüstungskeynesianismus, Permanente Rüstungswirtschaft)
    • Arbeit wird eingesetzt, um Kapitalgüter zu zerstören und so die Produktivität wieder zu senken.

Wirtschaftspolitische Maßnahmen

Folgende Maßnahmen zur Steuerung der Auswirkungen des Technischen Fortschritts auf die Umwelt, den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft lassen sich unter anderem aus dem vorangegangenen Artikel ableiten. Allerdings ist der Erfolg und die Umsetzung jeder einzelnen Maßnahme in einem zweiten Schritt aufzuzeigen.

Politische Maßnahmen zur Vermeidung negativer Folgen des Technischen Fortschritts

Um eine strukturelle Arbeitslosigkeit zu verhindern sollte eine Maßnahme der Politik sein, den Arbeitsmarkt im Sinne der Kompensationstheorie zu flexibilisieren. Ziel dabei ist es die aufgrund des technischen Fortschritts freigewordenen Arbeitskräfte in andere Branchen, deren Güter aufgrund der Realeinkommenserhöhung mehr nachgefragt werden, zu vermitteln, um sie so möglichst schnell in ein neues Arbeitsverhältnis zu führen.

Zur Beschleunigung des Übergangs in ein neues Arbeitsverhältnis kann die Politik auch gezielt Umschulungen und Weiterbildungsmaßnahmen fördern.

Des Weiteren müssen die aufgrund des Technischen Fortschritts hervorgerufenen negativen oder positiven externen Effekte in die Gesetzgebung einbezogen werden.

Beispiel für negative externe Effekte infolge des Technischen Fortschritts: Entwicklung des Verbrennungsmotors, der aufgrund des Ausstoßes von Abgasen einen Umweltschaden und damit volkswirtschaftlichen Schaden zur Folge hat.

Beispiel für positive externe Effekte infolge des Technischen Fortschritts: Ein Unternehmen betreibt Forschung, deren Ergebnisse der Öffentlichkeit frei zur Verfügung stehen. Instrumente zur Vermeidung negativer externer Effekte sind beispielsweise die Mineralölsteuer oder der Emissionsrechtehandel. Ein Instrument zur Vermeidung positiver externer Effekte ist die Einführung von Patenten.

Politische Maßnahmen zur Förderung des Technischen Fortschritts

Da der Technische Fortschritt wie bereits erwähnt dynamisch effizient ist und deshalb die Unternehmen auch ohne staatliches Handeln bestrebt sind Innovationen auf den Markt zu bringen ist staatliches Handeln zur Förderung von einzelnen Unternehmen nicht unbedingt nötig oder sogar schädlich. Die staatliche Förderung ist schädlich, wenn es aufgrund derer zu einer Wettbewerbsverzerrung und daraufhin zu einem Wohlfahrtsverlust kommt.

Möglichkeiten der Politik den Technischen Fortschritt und somit das Wirtschaftswachstum voranzutreiben, ohne einen Einzelnen zu bevorteilen ist beispielsweise das zur Verfügung stellen von frei zugänglicher Grundlagenforschung und Ausbildung von Fachkräften.

Technischer Fortschritt in der Wachstumstheorie

Die Wachstumstheorie versucht mögliche Auswirkungen von technischem Fortschritt mathematisch abzugreifen. Der Technische Fortschritt spielt in der neoklassischen Wachstumstheorie eine wichtige Rolle. Unter neoklassischen Annahmen ist der Technische Fortschritt eine wichtige Voraussetzung für langfristiges wirtschaftliches Wachstum. Erläutern lässt sich dies an folgendem Beispiel: [9]

Ein Landwirt produziert Getreide. Er hat eine begrenzte Menge an Arbeitern und Kapital in Form von Saatgut und Fläche Ackerland zur Verfügung. Unter Berücksichtigung der neoklassischen Annahmen wird der Output mit jedem zusätzlichen Einsatz von Arbeit und Kapital wachsen. Der Grenzertrag des zusätzlichen Faktorinput wird so lange sinken, bis der Output bei steigendem Faktorinput nicht mehr weiter steigt. Lediglich eine Erhöhung des Inputs an Arbeit und Kapital kann den Output nur kurzfristig steigen lassen. [9]

Allein der Technische Fortschritt könnte es wie in diesem Beispiel ermöglichen, dass der Landwirt langfristig weiter den Output bzw. Grenzertrag steigern kann.[9] Beispiele für Technischen Fortschritt sind hier: Die Einführung von Dünger, der es ermöglicht, dass der Acker mehrmals im Jahr bestellt werden kann oder die Erfindung des Pfluges, der den Boden fruchtbarer macht.

Die Bedeutung des technischen Fortschritts wurde in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts als Wachstumsquelle einer Volkswirtschaft in Wachstumsmodellen wenig beachtet (Ausnahme: Schumpeter) [5]. Traditionelle Wachstumsmodelle sahen das Arbeitsangebot und das zur Verfügung stehende Kapital als Quellen volkswirtschaftlichen Wachstums. [10] Robert Solow (1957) war mit seinem neoklassischen Wachstumsmodell (Solow-Modell) einer der ersten, die den technischen Fortschritt neben Arbeitsangebot und Kapital als eine Quelle in ein Wachstumsmodell integrierten. [11]

Im Solow-Modell (1957), Uzawa-Lucas-Modell (1965) und AK-Modell von Rebelo (1991) wird davon ausgegangen, dass der technische Fortschritt ein extern gegebener Faktor ist. [11] Dies implizierte, dass technischer Fortschritt nicht durch politische Maßnahmen veränderbar ist.

Erst Anfang der 90er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde in den Modellen von Grossman-Helpman (von Gene M. Grossman und Elhanan Helpman), Romer (Romer-Modell von Paul Romer) und Jones (von Charles I. Jones) davon ausgegangen, dass technischer Fortschritt eine endogene beeinflussbare Variable ist. [11] Der Grundgedanke dabei ist, dass Forschung und Entwicklung das Wirtschaftswachstum beeinflussen. [10] Durch Förderung von Forschung und Entwicklung könne mit gezielter Wirtschaftspolitik das Wirtschaftswachstum beeinflusst werden.

Harrod-Domar-Modell

Hauptartikel: Harrod-Domar-Modell

Die folgenden Überlegungen setzen Marktwirtschaft oder Kapitalismus voraus. Es wird von Vollzeitarbeitskräften ausgegangen. Für diese muss das Wirtschaftswachstum Arbeitsplätze schaffen. Wie das möglich ist bei einem in bestimmter Weise definierten technischen Fortschritt, das untersuchen in den Wirtschaftswissenschaften Wachstumsmodelle. Ein bekanntes und einfaches Wachstumsmodell ist das der Wirtschaftswissenschaftler Harrod und Domar.

Um abzugreifen, unter welchen Bedingungen technischer Fortschritt Arbeitsplätze schafft oder entbehrlich macht, kann man einfache Wachstumsmodelle der Wirtschaftswissenschaften zu Rate ziehen. Ein bekanntes Wachstumsmodell ist das Harrod-Domar-Modell, das die Bedingungen für ein gleichgewichtiges Wachstum herleitet und dabei auch technischen Fortschritt berücksichtigen kann. Das Modell geht vom Doppelcharakter der Investitionen aus, die zum einen ein Teil der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage sind (der andere Teil sind die Konsumausgaben) und zum anderen den Kapitalstock und damit das potentielle Angebot erhöhen. Im gleichgewichtigen Wachstum soll Nachfrage gleich Angebot sein. Es ergibt sich folgende Gleichgewichtsbedingung:

g = {s \over v}

  • g: gleichgewichtige Wachstumsrate, die Angebot gleich Nachfrage herstellt.
  • s: Spar- gleich Investitionsquote, Anteil der Ersparnisse am Einkommen, das im Gleichgewicht als Nachfrage gleich dem volkswirtschaftlichen Angebot an Gütern ist. s ist damit auch der Anteil der Investitionen an der Gesamtproduktion.
  • v: Kapitalkoeffizient, er gibt an, wieviel Kapitalstock nötig ist, um eine bestimmte Produktionsmenge herstellen zu können.

Angebotsseitig: Das gleichgewichtige Wachstum ist umso höher, je größer der Teil des Angebots, das gleich der Nachfrage ist, für Investitionszwecke verwendet wird.

Nachfrageseitig: Das gleichgewichtige Wachstum ist umso höher, je größer der Teil des Einkommens, also der Nachfrage, gespart wird, um so Investitionen zu finanzieren.

Dieser Teil wird als s bezeichnet, die Sparquote, also der Teil der Produktion oder des Einkommens, der gespart wird, um Investitionen zu finanzieren.

Dazuhin gilt, dass das gleichgewichtige Wachstum umso niedriger ist, je höher der Kapitalkoeffizient v ist. Je mehr Kapital eingesetzt werden muss, um eine bestimmte Produktionsmenge zu erstellen, desto langsamer ist das gleichgewichtige Wachstum.

Wenn es keinen technischen Fortschritt gibt, dann sollte das gleichgewichtige Wachstum dem „natürlichen“, dem demografisch gegebenen Wachstum des Arbeitsangebots entsprechen, sonst reicht entweder das Arbeitsangebot nicht aus oder es entsteht immer größer werdende Arbeitslosigkeit.

{s \over v} = n

  • n: Bevölkerungswachstum

Der technische Fortschritt wird in das Modell so eingeführt, dass angenommen wird, dass der Kapitalaufwand je Arbeiter (oder je Arbeitsplatz), die Kapitalintensität, mit einer bestimmten Rate (m) wächst und dass dadurch die Arbeitsproduktivität ebenfalls mit dieser Rate wächst. Außerdem wird angenommen, dass der Lohn ebenfalls je Arbeiter mit dieser Rate wächst.

Diese Wachstumsrate m der Arbeitsproduktivität und der Kapitalintensität wird als Wachstumsrate des technischen Fortschritts verstanden. Wäre die Produktion konstant, dann könnten in jedem Jahr gemäß dieser Rate (-m) Arbeitsplätze rationalisiert werden, die Beschäftigung schrumpfte also. Soll also keine Arbeitslosigkeit entstehen, muss das gleichgewichtige Wachstum jetzt betragen:

{s \over v} = m + n

  • m: Wachstumsrate des technischen Fortschritts, definiert als Wachstumsrate der Arbeitsproduktivität und der Kapitalintensität.
  • n: demografisch, also exogen gegebenes Bevölkerungswachstum, das gleich dem Wachstum des Arbeitsangebotes ist.

Ein solches Wachstum kann – laut diesem Modell – erreicht werden, indem die Spar- und Investitionsquote s erforderlichenfalls erhöht wird. Da Investitionen in erster Linie aus den Gewinn- und nicht aus den Lohneinkommen finanziert werden, fordert die Wirtschaftspolitik denn auch häufig bei anhaltender Arbeitslosigkeit gemäßg der G-I-B-Formel mäßige Lohnpolitik und höhere Gewinneinkommen, um so mehr Investitionen, Wachstum und Beschäftigung auszulösen. Freilich kann eine solche Politik auch zu Verteilungskonflikten führen, da ja die Gewinneinkommen zu Lasten der Lohneinkommen ausgeweitet werden sollen.

Technischer Fortschritt führt also dazu, dass im Vergleich zur Gesamtproduktion mehr Investitionsgüter benötigt werden, als ohne technischen Fortschritt, soll Vollbeschäftigung erzielt werden. Allerdings handelt es sich um ein einmaliges Opfer, ist die Sparquote s groß genug, dann kann von da an der Lohn je Arbeiter gemäß der Wachstumsrate des technischen Fortschritts, also wie die Arbeitsproduktivität, wachsen.

Produktionsfunktion

Technischer Fortschritt kann auf verschiedene Arten in eine Produktionsfunktion eingebaut werden, zum Beispiel:

Eine Produktionsfunktion gibt an, wieviel produziert werden kann (Y), wenn eine bestimmte Menge an Arbeit A und an Kapital (Kapitalstock) oder Produktionsmitteln K eingesetzt wird:

Y = f(K, A)\!\,

Von arbeitssparendem, arbeitsvermehrendem oder Harrod-neutralem technischen Fortschritt spricht man, wenn gilt:

Y = f(K, a(t) \cdot A)

  • a(t) ist ein mit der Zeit t größer werdender Faktor, der die wegen des technischen Fortschritts allmählich steigende Arbeitsproduktivität abbildet.

Weniger gebräuchlich ist der Hicks-neutrale technische Fortschritt

Y = a(t) \cdot f(K, A)

und der Solow-neutrale, kapitalvermehrende oder kapitalsparende technische Fortschritt

Y = f(a(t) \cdot K, A).

Ein früher Versuch, technischen Fortschritt endogen zu erklären ist die Technische Fortschrittsfunktion von Nicholas Kaldor. Inzwischen gibt es die Endogene Wachstumstheorie.

Bedenken

Im Rahmen der Globalisierungskritik wird erörtert, dass eine starke und starre, sich vernetzende Globalisierung von Techniken durchaus auch mit Gefahren verbunden sein kann. Vor allem entstehen neuartige, womöglich nachhaltige („systemische“) Katastrophengefahren (vgl. Charles Perrow, Normal accidents).

Literatur

  • Wolfgang Cezanne und Lars Weber: Neuere Entwicklungen in der Wachstumstheorie. WISU das Wirtschaftsstudium, Februar 2007: 247-254
  • G. Dosi: Sources, Procedures, and Microeconomic Effects of Innovation. Journal of Economic Literature, 1988: 1120–1171.
  • Emil Lederer (Hrsg.): Technischer Fortschritt und Arbeitslosigkeit. Mohr (Siebeck), Tübingen 1931.
  • André Schlüter: Technischer Fortschritt durch Informations- und Kommunikationstechnologien. Historical Social Research Vol. 27, No. 1 (2002): 171-189.
  • Joseph A. Schumpeter: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. Eine Untersuchung über. 7. Auflage. Berlin: Duncker & Humblot, 1993., ISBN 3-428-01388-3
  • Robert M. Solow: A Contribution to the Theory of Economic Groth., Quarterly Journal of Economics, Februar 1956: 65-94.
  • Ulrich van Suntum: Die unsichtbare Hand. 2. Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag, 2001. ISBN 3-540-41003-1

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Vgl. hierzu Karl H. Metz: Ursprünge der Zukunft. Die Geschichte der Technik in der westlichen Zivilisation. Inhaltsverzeichnis (PDF-Datei)
  2. a b c Najib Harabi: Technischer Fortschritt in der Schweiz: Empirische Ergebnisse aus industrieökonomischer Sicht. Zürich, Januar 1994., S. 18
  3. “ Dosi, G. „Sources, Procedures, and Microeconomic Effects of Innovation.“ Journal of Economic Literature, 1988: 1120–1171.
  4. “ Geigant, F., D. Sobotka, und H.M. Westphal. Lexikon der Volkswirtschaft. München: Verlag Moderne Industrie, 1987.
  5. a b “ Arnold, Lutz. Wachstumstheorie. München: Verlag Vahlen, 1997.
  6. Michalek, J.: Methoden der Messung des Technischen Fortschritts in der Landwirtschaft. Bd. 26. Münster-Hiltrup: Schriften der Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften des Landbaus e. V., 1990.
  7. a b c d e “ van Suntum, Ulrich. Die unsichtbare Hand. 2. Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag, 2001., S. 117-125
  8. “ Gaese, Prof. Dr. oec. Hartmut. „http://www.tt.fh-koeln.de/publications/.“ 3. Juli 2006. http://www.rwl.info/infos/soxxx06c.pdf (Zugriff am 29. März 2008).
  9. a b c “ Schlüter, Adré. „Technischer Fortschritt durch Informations- und Kommunikationstechnologien.“ Historical Social Research Vol. 27, No. 1 (2002): 171-189.
  10. a b “ Rose, Klaus. Grundlagen der Wachstumstheorie. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1991.
  11. a b c “ Cezanne, Wolfgang, und Lars Weber. „Neuere Entwicklungen in der Wachstumstheorie.“ WISU das Wirtschaftsstudium, Februar 2007: 247-254.

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