Thomas Cromwell, 1. Earl of Essex


Thomas Cromwell, 1. Earl of Essex
Thomas Cromwell, 1. Earl of Essex, von Hans Holbein

Thomas Cromwell, 1. Earl of Essex (* um 1485 in Putney, London; † 28. Juli 1540 in London) war ein englischer Staatsmann unter Heinrich VIII. und der Konstrukteur der Henri'schen Reformation in England.

Inhaltsverzeichnis

Familie

Thomas Cromwell war der einzige Sohn eines Brauers und Schmiedes aus Putney, Walter Cromwell (um 1463–1510), genannt Smyth. Er hatte zwei (oder drei) Schwestern. Sein Großvater John Cromwell scheint zur angesehenen Familie Cromwell aus Nottinghamshire gehört zu haben, deren bekanntester Vertreter Ralph Cromwell, 3. Baron Cromwell (1394–1456) war, der von 1433 bis 1444 das Amt des Lord High Treasurer ausübte. Johns Sohn Walter scheint den Namen Smyth angenommen zu haben, weil er bei seinem Onkel William Smyth, einem Waffenschmied in Wimbledon, in die Lehre gegeben wurde.

Um 1512 heiratete Thomas Cromwell Elizabeth Wykes. Wenig ist bekannt über seine Ehe, doch es ist sicher, dass zumindest zwei Töchter und ein Sohn das Kindesalter überlebten. Allerdings starben 1527/28 seine Frau und seine zwei Töchter Anne und Grace (vermutlich) an dem Fieber, das heute Englischer Schweiß genannt wird. Fortan war ihm nur noch sein Sohn Gregory geblieben, der ihm alles bedeutete, und für dessen Wohl und Zukunft er alles tat. Gregory Cromwell (um 1514-1551), 1. Baron Cromwell of Oakham, heiratete vor 1538 Elizabeth Seymour, die Schwester der Königin Jane Seymour. Sie hatten fünf Kinder: Henry, 2. Baron Cromwell of Oakham, Frances, Catherine, Edward und Thomas. Thomas war Mitglied im Parlament, und seine Aufzeichnungen über die Parlamentsarbeit sind eine wichtige historische Quelle.

Der englische Lordprotektor Oliver Cromwell war Nachkomme von Thomas Cromwells Schwester Catherine Cromwell und somit dessen Urgroßneffe.

Karriere und Fall

Als junger Mann verließ Cromwell England und reiste längere Zeit durch Italien, erst als Söldner, später als Tuchhändler. Auch seine Frau war die Tochter eines Kaufmanns. Nach seiner Rückkehr nach England studierte er Rechtswissenschaft. Thomas Cromwell trat vor 1520 als Jurist in die Dienste des Kardinals Wolsey. Nach dessen Sturz 1529 gewann er die Gunst Heinrichs VIII.

Von dieser Zeit an begann sein kontinuierlicher Aufstieg. Bereits 1523 war er Mitglied des Parlaments geworden. Seit 1531 gehörte er zu den Vertrauten des Königs. Am 12. April 1533 wurde Cromwell zum Schatzkanzler, am 15. April 1534 zum königlichen Sekretär und am 8. Oktober 1534 zum Master of the Rolls ernannt. Unter seiner Leitung nahm das Parlament 1534 die Suprematsakte an, die den König anstelle des Papstes zum Oberhaupt der Englischen Kirche machte. Damit wurde die Scheidung Heinrichs VIII. von Katharina von Aragon und seine Hochzeit mit Anna Boleyn ermöglicht. Im Juli 1536 folgten die Ernennungen zum Baron Cromwell of Oakham und Lordsiegelbewahrer. Des Weiteren wurde er im gleichen Jahr einige Monate später zum Ritter geschlagen und als Generalvikar Stellvertreter des Königs mit absoluter Gewalt über die Kirche, deren Umwandlung im Sinne des Königs er durchführte. Sein Vorgehen bei der Auflösung der englischen Klöster verschaffte ihm den Beinamen Hammer der Mönche. Ein weiterer Beiname des Thomas Cromwell war Sendbote des Teufels.

Cromwell stieg zum Führer der eigentlich protestantischen Partei am Hofe Heinrich VIII. auf. Am 17. April 1540 wurde er zum Earl of Essex und zum Lord Great Chamberlain erhoben. Er vermittelte die Ehe Heinrichs mit Anna von Kleve, um dadurch Verbindungen mit den deutschen Protestanten zu knüpfen. Doch die Intrigen der katholischen Partei unter dem Duke of Norfolk und Bischof Gardiner sowie des Königs Widerwille gegen die ihm von Cromwell aufgedrängte Ehe führten den Sturz des Ministers herbei. Durch die Ehe mit Anna von Kleve war zwar das Vertrauen des Königs in seinen Ersten Minister erschüttert, jedoch nicht völlig zerstört. Der wahre Grund für den Fall Cromwells war im Glauben zu finden: Cromwell war – wie auch alle anderen Protestanten – der Meinung, allein der Glaube (und nicht die Taten) zähle für Gottes Vergebung. Heinrich VIII. erkannte dies jedoch nicht an, was bei einer Predigt in der vorösterlichen Fastenzeit offenbar wurde.

Hinrichtung

Cromwell wurde des Hochverrats und der Ketzerei angeklagt, zum Tode verurteilt und am 28. Juli 1540 auf dem Tower Hill hingerichtet. Thomas Cromwells Kopf wurde – mit von London abgewandtem Gesicht – auf der London Bridge ausgestellt. In seiner Rede auf dem Schafott bekannte er, dass er als Katholik sterbe: I die in the Catholic Faith, not doubting in any article of my faith ... nor in any sacrament of the church. Er benutzte das Wort „Katholik“ im selben Sinne wie Martin Luther oder Thomas Cranmer, d. h. er meinte die „Heilige Katholische und Apostolische Kirche“ des Neuen Testaments, nicht die mittelalterliche Römische Kirche. Der zeitgenössische Tudor-Chronist Edward Hall schrieb über den Tag, als Cromwell gestürzt wurde:

Many lamented but more rejoiced, and specially such as either had been religious men, or favoured religious persons; for they banqueted and triumphed together that night, many wishing that that day had been seven year before; and some fearing lest he should escape, although he were imprisoned, could not be merry. Others who knew nothing but truth by him both lamented him and heartily prayed for him. But this is true that of certain of the clergy he was detestably hated, & specially of such as had borne swynge, and by his means was put from it; for in dead he was a man that in all his doings seemed not to favour any kind of Popery, nor could not abide the snoffyng pride of some prelates, which undoubtedly, whatsoever else was the cause of his death, did shorten his life and procured the end that he was brought unto.

„Viele wehklagten, aber noch mehr frohlockten, besonders diejenigen, welche weder gottesfürchtig waren noch gottesfürchtigen Leuten zugeneigt waren; denn an diesem Abend feierten sie ein Festmahl und triumphierten zusammen, und viele wünschten, dass dieser Tag schon sieben Jahre früher gekommen wäre. Einige fürchteten, dass er noch fliehen könnte, obwohl er im Gefängnis saß, und konnten sich deshalb nicht freuen. Andere, die die Wahrheit über ihn wussten, beweinten ihn und beteten für ihn von Herzen. Aber es ist wahr, dass er von bestimmten Geistlichen furchtbar gehasst wurde, besonders von denen, die einen unkontrollierten Lebenswandel geführt hatten und die durch seinen Einfluss davon abbgebracht wurden. Denn in der Tat war er ein Mann, der bei allen seinen Taten keinerlei Art von Papisterei [Anhängerschaft an den Papst] duldete und der sich nicht mit dem hochmütigen Stolz einiger Prälaten abfinden konnte, die zweifellos, was auch immer sonst die Ursache seines Todes war, sein Leben verkürzten und das Ende herbeiführten, das ihm bereitet wurde.“

Der englische Dichter Thomas Wyatt sah Thomas Cromwell sterben und spielt in seinem Sonett Nr. 29 auf den Tod seines Patrons und Freundes an:

Englisches Original Deutsche Übersetzung
The pillar perished is whereto I leaned, Der Pfeiler ging zugrunde, an den ich mich lehnte,
The strongest stay of my unquiet mind; der stärkste Halt für meinen unruhigen Geist;
The like of it no man again can find - seinesgleichen kann kein Mensch je wieder finden,
From east to west, still seeking though he went. und wenn er vom Osten bis zum Westen suchen ginge.
To mine unhap! For hap away hath rent Und das zu meinem Unglück! Denn zerrissen hat das Schicksal
Of all my joy the very bark and rind, selbst die Borke und die Rinde (d. h. noch den letzten Rest) all meiner Freude,
And I, alas, by chance am thus assigned und ich, ach, bekam so das Schicksal zugeteilt,
Dearly to mourn till death do it relent. bitterlich zu trauern, bis der Tod ein Einsehen hat.
But since that thus it is by destiny, Doch weil es so nun einmal vom Geschick gefügt ist,
What can I more but have a woeful heart, was ich kann mehr als ein trauriges Herz haben,
My pen in plaint, my voice in woeful cry, meine Schreibfeder in Klage, meine Stimme in traurigem Geschrei,
My mind in woe, my body full of smart, mein Geist in Trauer, mein Körper voller Schmerzen,
And I myself, myself always to hate und ich muss mich selbst, mich selbst immer verabscheuen,
Till dreadful death do ease my doleful state. bis der schreckliche Tod meinen kummervollen Zustand lindert.

Wenige Monate später bereute Heinrich VIII. die Hinrichtung Cromwells mit folgender Klage über seine Minister: […] upon light pretexts, and by false accusations, they made him put to death the most faithful servant he ever had. (Übersetzung: […] unter oberflächlichen Vorwänden und mit falschen Anklagen hätten sie ihn [Heinrich VIII.] den treuesten Diener, den er je hatte, hinrichten lassen). Damit war Thomas Cromwell unter allen Opfern Heinrichs VIII. der Einzige, der postum ein königliches Pardon erhielt.

Historisches Vermächtnis

Die Institutionen des englischen Staates wurden durch seine Verwaltungsreformen modernisiert, u.a. wurde unter seiner Regierung Wales an England angegliedert (Act of Union 1536) Er gilt als Konstrukteur des „King-in-Parliament“. Ebenfalls durch seine Neuerungen gilt er als einer der größten Staatsmänner Englands.

Darstellung in Theater und Film

Theater

  • In dem von Shakespeare stammenden Drama Heinrich VIII. tritt Cromwell als Wolseys Diener auf.
  • 1602 erschien das mit dem Vermerk "written by W. S." gedruckte Schauspiel Thomas Lord Cromwell, das eventuell ebenfalls Shakespeare zuzuschreiben ist.
  • In dem (verfilmten) Theaterstück A Man For All Seasons von Robert Bolt über Thomas Morus tritt Cromwell als dessen Gegenspieler auf.

Film

Literatur

Thomas Cromwell in der Belletristik:

  • Christopher J. Sansom: Dissolution. Viking Penguin Verlag, 2003. (dt. Ausgabe Pforte der Verdammnis. Fischer Verlag, Frankfurt 2004. ISBN 3-596-15840-0)
  • Christopher J. Sansom: Dark Fire. Macmillan Verlag, 2004. (dt. Ausgabe Feuer der Vergeltung. Fischer Verlag, Frankfurt 2005. ISBN 3-502-10075-6)
  • Hilary Mantel: Wolf Hall. Fourth Estate, London 2009, ISBN 978-0-00-723018-1. (Dieser Roman, der die Zeit bis zur Hinrichtung Thomas Morus' umfasst, wurde 2009 mit dem Booker Prize ausgezeichnet.)


Vorgänger Amt Nachfolger
Titel neu geschaffen Earl of Essex
1540
Titel aberkannt

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