Tosaka Jun


Tosaka Jun

Tosaka Jun (jap. 戸坂 潤; * 27. September 1900 in Tōkyō; † 9. August 1945 in Nagano) war ein dem Marxismus nahestehender japanischer Philosoph. Seine kritische Einstellung gegenüber Regierung und Kriegspolitik brachte ihn mehrmals ins Gefängnis.

Biografie

1900 Tosaka Jun wird am 27. September in Tōkyō geboren. Aufgrund einer Erkrankung seiner Mutter und dem frühen Tod seines Vaters zieht Tosaka noch im gleichen Jahr gemeinsam mit seiner Amme zu seinen Großeltern in die Präfektur Ishikawa.

1905 Im September dieses Jahres wird Tosaka nach Tōkyō zurückgebracht, wo er bei seiner Mutter im Stadtviertel Kanda, gelegen im heutigen Bezirk Chiyoda, aufwächst.

1907 Nach einem Umzug zu einem in der Stadt Kawasaki (heutige Präfektur Kanagawa) lebenden Verwandten und vorübergehendem Wohnsitz im Tokyoter Stadtteil Akasaka wird Tosaka im gleichen Jahr in die Seinan-Grundschule eingeschult.

1908 Tosaka zieht wieder nach Kanda zurück und muss von da an jeden Tag mit der Bahn in seine Grundschule nach Aoyama fahren. Da seine Schule sehr weit entfernt liegt und er keine Freunde in dieser Gegend hat, beschäftigt er sich in dieser Zeit fast ausschließlich mit Bastel- und Handwerksarbeiten und verlässt nur selten das Haus.

1909 Die Sommerferien verbringt Tosaka in dieser Zeit fast ausschließlich bei seinen Großeltern auf dem Land in der Ishikawa-Präfektur.

1913 Im März schließt er die Grundschule ab. Aufgrund seiner hervorragenden Leistungen erhält er von der Stadt Tōkyō eine Belobigungsurkunde. Im April wechselt er auf die renommierte Kaisei-Mittelschule, wo er eine exzellente Ausbildung bei bekannten Lehrer erhält.

1915 In diesem Jahr tritt er dem Ruderclub bei und verbringt die Zeit nach dem Unterricht zumeist im Ruderboot auf dem Fluss Sumida.

1916 Tosaka veröffentlicht einen langen Aufsatz in der Schulzeitung mit dem Titel „Was lehrt uns der Weltkrieg?“, der einen nationalistischen Unterton hat.

1917 Er veröffentlicht einen weiteren Aufsatz mit dem Titel „Evolutionstheoretische Staatstheorie“ in der gleichen Zeitschrift.

1918 Im März macht Tosaka seinen Mittelschulabschluss und wird in den naturwissenschaftlichen Zweig der renommierten Ersten Oberschule (Dai ichi kōtō gakkō), Schwerpunkt Mathematik, eingeschult. Die Erste Oberschule war in dieser Zeit so etwas wie das Propädeutikum der Kaiserlichen Hochschulen, die von den meisten Abgängern dieser Oberschule im Anschluss besucht wurden.

1920 In diesem Jahr wird Tosaka für den Militärdienst gemustert und in die höchste Tauglichkeitsstufe eingestuft. Tosaka verpflichtet sich für ein Jahr, wird aber bis zum Abschluss der Oberschule zurückgestellt. Seine Mutter wird in dieser Zeit schwer krank und zieht nach Kawasaki.

1921 Tosaka macht im März seinen Oberschulabschluss und wechselt an die Kaiserliche Universität in Kyōto, um bei Nishida Kitarō und Tanabe Hajime zu studieren. Hier konzentriert er sich auf das Gebiet der Philosophie der Mathematik, des Raumes (insbesondere bei Kant) und der Naturwissenschaften.

1924 Tosaka macht seinen Abschluss im Fach Philosophie und immatrikuliert sich in das Graduiertenstudium der Kaiserlichen Universität in Kyōto. Im April erkrankt er an einer Pleuritis und begibt sich nach einem längeren Krankheitsverlauf im Juli zur Kur in die Präfektur Ishikawa, wo er seine Erkrankung gänzlich auskuriert. Am 12. Januar tritt er freiwillig seinen Militärdienst bei einer in der Ishikawa-Präfektur stationierten Artillerieeinheit an.

1925 Am 30. November wird er im Dienstgrad eines Fähnrichs aus dem Militärdienst entlassen. Rückkehr nach Kyōto.

1926 Im April wird er an der Polytechnischen Oberschule in Kyōto (Kyōto kōtō kōgei gakkō) und der Dōshisha Oberschule für Frauen (Dōshisha joshi gakkō) als Dozent eingestellt. Im Dezember heiratet er seine erste Frau Okada Mitsuko.

1927 Ernennung zum Dozenten an der 7. Sonderausbildungsstätte für Lehrer (Daishichi rinji kyō’in yōsei-jo). Im gleichen Jahr sechsmonatiger Wiedereintritt in seine Militäreinheit.

1928 Im März Ernennung zum Leutnant der Armee. Geburt seiner ältesten Tochter Ranko.

1929 Ernennung zum Professor an der Ōtani Universität und Dozenten an der Handelshochschule Kōbe (Kōbe shōka daigaku) für das Fach Philosophie.

1930 Im April kommt Tosaka Jun in Untersuchungshaft, weil er einem auf der Flucht befindlichen Mitglied der japanischen kommunistischen Partei in seinem Haus Zuflucht gewährt hat. Am 7. Oktober des gleichen Jahres stirbt seine erste Frau Mitsuko. In dieser Zeit beginnt Tosakas intensive Auseinandersetzung mit dem Marxismus, der Ideologiekritik und der Geschichtsphilosophie.

1931 Im April tritt er Miki Kiyoshis Nachfolge auf dem Lehrstuhl für Philosophie an der Hōsei Universität in Tōkyō an. Im Dezember heiratet Tosaka seine zweite Frau Osodo Iku. Gemeinsam mit dem Soziologen Kanba Toshio (1904-1980) und dem Wissenschaftshistoriker Oka Kunio (1890-1971) plant er die Herausgabe der Zeitschrift „Der Enzyklopädist“, die jedoch scheitert. In dieser Zeit organisiert er zusammen mit dem deutschen katholischen Moraltheologen Professor Johannes Kraus (Sophia Universität), Miki Kiyoshi und dem Philosophen Gozai Yoshishige (1901-1990) die Platon-Aristoteles-Gesellschaft. Anlässlich dieser Bekanntschaft beginnt in dieser Zeit auch Tosakas Mitarbeiter im Herausgeberkomitee eines Großwörterbuchs zum Katholizismus.

1932 Im Frühling dieses Jahres beginnt er mit Oka Kunio, dem Wissenschafts- und Technikphilosophen Saigusa Hiroto (1892-1963) und dem Geschichtsphilosophen Hattori Shisō (1901-1956) die Gründung einer materialistischen Forschungsvereinigung (Yuibutsuron Kenkyūkai) vorzubereiten, die am 23. Oktober des gleichen Jahres erfolgt. Dies geht mit einer extremen Ausweitung der kritischen und wissenschaftlichen Tätigkeit Tosakas einher, die fortan die Felder Technik, Journalismus, Moral und weitere andere Gebiete der modernen Kultur und Politik einschließt.

1933 Eine im Februar diesen Jahre stattfindende Vorlesungsveranstaltung der materialistischen Forschungsvereinigung wird von der Polizei aufgelöst. Im gleichen Jahr gründet Tosaka gemeinsam mit Miki, dem marxistischen Schriftsteller Nakano Shigeharu (1902-1979) und dem Literaturkritiker Aono Suekichi (1890-1961) das Bündnis für die Freiheit der Wissenschaft und Künste (Gakugei jiyū dōmei). Im August wird sein ältester Sohn geboren. Im Oktober tritt er die Nachfolge Oka Kunios als Hauptsekretär der materialistischen Forschungsvereinigung an. Neben der Organisation und Planung der Aktivitäten der Vereinigung tut sich Tosaka durch eine rege Vortrags- und Publikationstätigkeit hervor, wodurch er bald zu einer ihrer führenden Köpfe wird. In der kurzen Zeit bis zu seinem Publikationsverbot im Jahr 1937 verfasst Tosaka um die 300 Journal- und Zeitungsbeiträge und zehn Bücher und Anthologien.

1934 Anlässlich der Studentenunruhen an der Hōsei Universität legt Tosaka gemeinsam mit der gesamten Professorenschaft des propädeutischen Fachbereichs sein Amt nieder und wird daraufhin vom Rat der Literarischen Fakultät seiner Universität unter dem Verdacht linkes Gedankengut zu hegen entlassen. Tosaka ist danach nie wieder an einer Hochschule tätig und lebt ausschließlich von seiner Tätigkeit als Autor und Kritiker.

1936 Im Januar wird seine zweite Tochter geboren. Aufgrund der Gefahr für sein eigenes Leben verlässt Tosaka wegen des Militärputsches am 26. Februar Tōkyō und kommt bei dem Kritiker und Publizisten Honma Yui’ichi (1909-1959) in Sado (gelegen in der heutigen Ni'igata-Präfektur) unter. Nach einem daran anschließenden kurzen Aufenthalt in der Region um Kyōto kehrt Tosaka wieder nach Tōkyō zurück, nachdem sich die Lage in dort wieder beruhigt hatte.

1937 Trotz des wachsenden Militarismus und Faschismus in Japan seit dem Putschversuch im 1936 und dem Ausbruch des Krieges gegen China im darauffolgenden Jahr setzt die materialistische Forschungsvereinigung ihre Tätigkeit fort. Aufgrund seiner antifaschistischen und antimilitaristischen Haltung wird Tosaka gegen Ende des Jahres mit einem Publikationsverbot belegt, was seine publizistische Tätigkeit drastisch einschränkt.

1938 Das verhängte Publikationsverbot über die führenden Köpfe stellte eine Gefährdung für das Fortbestehen der Vereinigung dar, was eine intensive Auseinandersetzung über die Auflösung oder Reform der Vereinung unter den Mitgliedern ihrer Führungsriege auslöste. Nach der Verhaftung der Lehrstuhlinhabern unter den Mitgliedern verordnete Tosaka letztlich die Auflösung der Vereinigung, die kurz darauf unter dem Namen „Wissenschaft und Kunst“ (Gakugei) von den gleichen Mitgliedern neu gegründet wurde. Dieser Versuch scheiterte allerdings, als in einer unter der Bezeichnung Yuiken-Vorfall bekannt gewordenen Verhaftungswelle die Hauptmitglieder der Gruppe im November in Haft gesetzt wurden und die Publikation des gleichnamigen Organs eingestellt werden musste. Tosaka wurde bis zu seiner vorläufigen Entlassung im Mai 1940 im Polizeirevier von Suginami in Tōkyō in Arrest genommen.

1939 In Haft war Tosaka anfangs noch guter Dinge und versuchte die anderen Inhaftierten aufzumuntern. Vom Sommer bis zum Herbst dieses Jahres verfasste er eine große Menge an Briefen, in der die offiziellen Stellen von seiner Unschuld und der Tatsache, dass eine materialistische Forschung nicht gegen das Gesetz zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit verstoße, überzeugen wollte. In dieser Zeit verfasste er eine Reihe von Haiku unter dem verdeckten Titel „Rosa Luxemburg“.

1940 Das Verfahren gegen Tosaka wird aufgenommen und er wird nach mehr als zwei Jahren gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen.

1941 Nach seiner Entlassung nimmt er seine Teilzeitbeschäftigung als Herausgeber des Großwörterbuch zum Katholizismus wieder auf. Nebenher arbeitet er als Berater für das Verlagsprogramm der Verlage Hakuyō-sha und Itō shoten. Trotz seines Publikationsverbotes und des laufenden Verfahrens gegen ihn, publiziert Tosaka in dieser Zeit vier Aufsätze. Im Dezember beginnt das Gerichtsverfahren gegen ihn und er wird in erster Instanz zur Höchststrafe von vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Gegen das Urteil legt Tosaka unmittelbar nach seiner Verkündung Berufung ein. Die Zeit bis zu seiner endgültigen Inhaftierung im Jahr 1944 verbringt Tosaka seine Abende damit, Manuskripte zu verfassen.

1942 Tosaka wird im Dezember diesen Jahren in dem im Sommer wiederaufgenommen Verfahren gegen ihn in zweiter Instanz zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Tosaka legt auch gegen dieses Urteil sofort Berufung ein.

1943 Tosaka nimmt im Sommer und Herbst in seiner Freizeit an einer Reihe von Betriebsausflügen des Verlags Itō shoten in die heutige Nagano-Präfektur teil und beginnt mit seinem neuen Hobby, dem Skifahren. Im Dezember des gleichen Jahres bestätigt das Berufungsgericht das gegen ihn ausgesprochene Urteil von drei Jahren Zuchthaus (abzüglich seiner bereits verbüßten Untersuchungshaft wären das noch vier Monate gewesen). Auch gegen dieses Urteil geht Tosaka in Berufung.

1944 Im März nimmt der Oberste Gerichtshof das Verfahren gegen Tosaka wieder auf und lehnt seine Berufung in einem mehrminütigen Eilverfahren ab. Im Mai erhält er aufgrund einer nötigen Zahnbehandlung und der durch die zunehmenden Luftangriffe auf die Hauptstadt notwendig gewordene Evakuierung seiner Kinder Haftaufschub. Am 1. September des gleichen Jahres tritt Tosaka dann seine Haft im Tokyoter Gefängnis in Sugamo an.

1945 Aufgrund der intensivierten Luftangriffe auf Tōkyō wird Tosaka in das Gefängnis der Stadt Nagano verlegt. Hier erkrankt er Ende Juli aufgrund von Unterernährung und Krätze an einer akuten Nierenentzündung. Am 9. August, nur wenige Tage vor der Kapitulation Japans, stirbt Tosaka daraufhin in der sommerlichen Gluthitze seiner Zelle. Bei einem durch einen Bombenangriff ausgelösten Brand im Haus eines Freundes sind die dort aufbewahrten gesamten unveröffentlichten Schriften Tosakas nur wenige Tage vor seinem Tod vernichtet worden.

1946 Tosaka Juns sterbliche Überreste werden am 4. August auf dem Friedhof Tama bei Tōkyō beigesetzt.

Schriften

  • Kagaku hōhōron (Über die wissenschaftliche Methode, 1929)
  • Ideorogī no ronrigaku (Die Logik der Ideologie, 1930)
  • Ideorogī gairon (Grundriss der Ideologie, 1932)
  • Shisō to fūzoku (Denken und Brauchtum, 1936)
  • Shisō to shite no bungaku (Literatur als Denken, 1936)
  • Nihon ideorogiiron (Die japanische Ideologie, 1936)
  • Kagakuron (Über die Wissenschaft, 1936)
  • Sekai no ikkan to shite no Nihon (Japan als Region der Welt, 1937)
  • Dokushohō (Meine Methode des Lesens, 1939)
  • Gijutsu no tetsugaku (Philosophie der Technik, 1939)

Literatur

  • Dilworth, David A., Valdo H. Viglielmo und Augustin Jacinto Zavala (Hg.): Sourcebook for modern Japanese Philosophy. Westport: Greenwood Press 1998, 321-325.
  • Schäfer, Fabian (Hg.): Tosaka Jun. Ideologie - Medien - Alltag. Leipzig: Leipziger Universitätsverlag 2011.
Japanische Namensreihenfolge Japanischer Name: Wie in Japan üblich, steht in diesem Artikel der Familienname vor dem Vornamen. Somit ist Tosaka der Familienname, Jun der Vorname.

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