Tycho de Brahe


Tycho de Brahe
Tycho Brahe mit dem Elefantenorden
Signatur Brahes

Tycho Brahe  anhören?/i, oder Tyge Ottesen Brahe, auch bekannt als Tycho de Brahe (* 14. Dezember 1546 auf Schloss Knutstorp, Schonen; † 24. Oktober 1601 in Prag) war ein dänischer Adliger und einer der bedeutendsten Astronomen.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Das brahesche Weltbild in einer Darstellung von 1661

Tycho Brahe war adliger Abstammung[1]. Er heiratete 1573 eine Bürgerliche: Kirstine Barbara Jörgensdatter, den Quellen nach eine Tochter des Pastors von Kågeröd. Sie bekamen acht Kinder[2]. Nach Tychos Tod kaufte Kirstine ein Gut in Böhmen, das sie noch drei Jahre, bis zu ihrem Tode, bewohnte. Tycho und Kirstine wurden Seite an Seite in der Teynkirche in Prag beigesetzt.

Am 19. April 1559 wurde Brahe an der Universität Kopenhagen in den Fächern Philosophie und Rhetorik immatrikuliert. In den folgenden Jahren belegte er an den Universitäten Leipzig, Wittenberg, Rostock und Basel die Fächer Jurisprudenz und Geistes- sowie Naturwissenschaften. In Leipzig begann er heimlich unter anderen bei Valentin Thau mit astronomischen Studien. Unzureichende Beobachtungsmethoden damaliger Sternwarten führten dazu, dass er sich frühzeitig mit der Methodik und den Instrumenten zur Höhenpräzisionsmessung der Himmelskörperpositionen beschäftigte.

Im Alter von 20 Jahren verlor Brahe bei einem Duell, dessen Grund der Streit um eine mathematische Formel mit einem Kommilitonen war, einen Teil seiner Nase. Er trug der Überlieferung nach eine Nasenprothese aus einer Gold-Silber-Legierung, die er mit einer Salbe anklebte. Als man jedoch 1901 sein Grab öffnete und den Schädel untersuchte, um Hinweise auf die besagte Prothese zu finden, fand man Reste von Kupfersalzen an der entsprechenden Stelle, die eher auf eine dünne Kupferfolie hindeuteten als auf eine schwerer zu tragende Prothese aus einer Goldlegierung.[3]

Er beobachtet 1572 einen „Neuen Stern“ (stella nova), den er als „ein Wunder, wie es seit Anbeginn der Welt nicht gesehen wurde“ beschreibt. Dies machte ihn unter den Astronomen in ganz Europa berühmt.

König Friedrich II., wie alle Herrscher seiner Zeit eher an Astrologie als an Astronomie interessiert, finanzierte die Sternwarten Uranienborg und Stjerneborg auf der damals noch dänischen Öresundinsel Ven vor Landskrona, an denen Brahe 21 Jahre lang forschte. Er baute nicht nur alle benötigten Instrumente selbst, sondern druckte auch seine eigenen Bücher.

Tychos Mauerquadrant, 1598

Brahe war ein herausragender beobachtender Astronom. Zu seiner Zeit gab es noch kein Teleskop. Seine Beobachtungen der Fixstern- und Planetenpositionen, die damals mit Abstand die präzisesten waren und mit einer Genauigkeit von zwei Bogenminuten auch heute nicht ohne weiteres zu erreichen sind, führte er mit Hilfe eines großen Mauerquadranten durch. [4]

Nach dem Tod Friedrichs II. (1588) kürzte sein Nachfolger König Christian IV. die finanziellen Mittel, weshalb Brahe im Oktober 1597 auf Einladung seines Freundes Heinrich Rantzau in eins von dessen Gutshäusern, nämlich in die Wandesburg bei Hamburg, zog.

Im September 1598 verließ Brahe Wandsbek mit seinen Söhnen und Studenten und wechselte 1599 nach Prag. Kaiser Rudolf II. hatte ihm eine Stelle als Hofmathematiker angeboten und wollte ihm dort eine neue Sternwarte erbauen lassen. Brahe starb jedoch, bevor der Bau beendet war.

Die Supernova von 1572

Eine Sonnenfinsternis im Jahr 1560 weckte Tychos großes Interesse an der Astronomie, und so begann der damals 13-Jährige sich in dieses Fach zu vertiefen. Er las jedes Buch, das er bekommen konnte, und obwohl die Verwandtschaft eine andere Ausbildung für ihn vorgesehen hatte, stellte er immer wieder Sternbeobachtungen an. Am Abend des 11. November 1572 blickte Tycho mit gewohnter Aufmerksamkeit zum Himmel. Erstaunt sah er dort im Sternbild Kassiopeia einen Stern – so hell wie die Venus – der dort nicht hingehörte. Ein Fixstern konnte es nicht sein, denn der Fixsternhimmel war ewig und unveränderlich, so die damalige Überzeugung. Aber ein Planet konnte es auch nicht sein, denn er zeigte keinerlei Ortsveränderung. Ein Jahr, nachdem der Stern erschienen war, verblasste er schließlich. Das Ereignis erregte in weiten Kreisen größtes Aufsehen, und Tycho verfasste sogleich eine Schrift De stella nova, in der er seine Beobachtungen beschrieb. Aus der Unveränderlichkeit der Position des neuen Sterns schloss er darin kühn, dass er der Fixsternebene angehören musste. Seine Schrift machte ihn unter den Astronomen in ganz Europa berühmt und öffnete ihm als einem, der Aristoteles nicht nur widersprochen, sondern ihn auch widerlegt hatte, alle Türen. Zwar war eine Supernova bereits 1054 von Chinesen beobachtet worden, aber die europäischen Gelehrten der Scholastik hatten sie nicht bemerkt.

Brahes Uranienborg und Stjerneborg

Schloss, ohne Nebengebäude, und Gartenanlage von Uranienborg

Tycho unternahm Reisen durch ganz Europa, um seine Ausbildung in der Jurisprudenz zu vervollständigen. Er benutzte diese Reisen aber auch, um möglichst vielen Astronomen zu begegnen. Tycho war überzeugt, dass in dem Zeitalter, in dem er lebte, wissenschaftlicher Fortschritt in der Astronomie nur durch sorgfältigste Beobachtung möglich war. Dies war damals eine ungewöhnliche Ansicht, galt göttliche Eingebung doch als einzige Form der Erkenntnis. Wie sollte man durch Messen eines Wieviel das Warum erfahren können?, fragte man sich. So kam er auch nach Kassel zu dem für Sternkunde begeisterten Landgrafen Wilhelm IV., der Tychos besondere Begabung offensichtlich erkannte und Friedrich II. auf Tycho aufmerksam machte, Grund genug für den König, Tycho Brahe die Öresundinsel Ven auf Lebenszeit für seine Beobachtungen zur Verfügung zu stellen. Außerdem übernahm er alle Kosten für erforderliche Instrumente, Gebäude und Mitarbeiter, was immerhin 1–2 % der königlichen Einnahmen ausmachte. Im August 1576 wurde der Grundstein zu einer der berühmtesten Sternwarten aller Zeiten gelegt. 1580 wurde sie fertiggestellt.

Schloss Uranienborg aus Joan Blaeu: Der große Atlas, 1663

Brahe nannte seine Forschungsstätte in Anlehnung an Uranus, den römisch-griechischen Gott des Himmels, Uranienborg. Auf Grund seines Erfindungsreichtums und seiner Beobachtungsgabe und Friedrichs großzügiger finanzieller Unterstützung wurde es das wichtigste Observatorium der damaligen Zeit, eine Wissensfabrik der beobachtenden Astronomie. Es enthielt nicht nur die für die Instrumente notwendigen vielfältigen Baulichkeiten und Wohn- und Bibliotheksräume, sondern auch Wirtschaftsgebäude, ein chemisches Laboratorium, mechanische Werkstätten und Handwerksbetriebe, ebenso eine eigene Buchdruckerei und sogar eine eigens gebaute Papiermühle. Vom Bau des eigenen Instrumentariums über die nächtlichen Sternbeobachtungen bis zum Druck der Forschungsergebnisse, alles war auf Uranienborg beheimatet.

Tycho Brahe stellte bald fest, dass oberirdische Temperaturschwankungen und andere äußere Einflüsse weniger gute Beobachtungsresultate lieferten als ein unterirdisches Observatorium. So baute er im Jahr 1584, 100 Meter südlich von Uranienborg eine zweite, jetzt unterirdische Sternwarte auf Ven und nannte sie Stjerneborg (deutsch: Sternenburg) mit teils halb, teils ganz in den Boden abgesenkten Beobachtungsräumen. Über dem Nordeingang ließ Brahe einen Wahlspruch anbringen, der in Stein gemeißelt den Eingang zur Stjerneborg zierte, und lautete:

„NEC FASCES, NEC OPES, SOLA ARTIS SCEPTRA PERENNANT[5]

„Weder hohe Ämter, noch Macht, einzig die Zepter der Wissenschaft überdauern“

Observatorium Stjerneborg unweit von Uranienborg

In einer Zeit, in der Frauen de facto von der Ergreifung eines naturwissenschaftlichen Berufs ausgeschlossen waren, gelang es Sophie Brahe, der Schwester von Tycho, sich eigenständig Kenntnisse der Astronomie anzueignen. Gegen alle Konvention arbeitete sie häufig mit ihrem Bruder zusammen. In Uranienborg führten sie gemeinsam Himmelsbeobachtungen durch und verfassten einen neuen Fixsternkatalog von tausend Gestirnstandorten.

Mit dem Tod seines Mäzens Friedrichs II. im Jahr 1588 und der Ernennung Christians IV. zum neuen König schwand Brahes Einfluss am königlichen Hof, und es kam mehr und mehr zu unangenehmen Kürzungen seines Etats. So entschloss er sich nach 21 Jahren, im Jahr 1597, Ven in Richtung Holstein zu verlassen. Das Ende von Uranienborg war gekommen, denn nicht nur er selbst verließ Ven, er nahm auch alle seine dort gebauten Instrumente mit.

Der Komet von 1577

Während des Aufbaus von Uranienborg beschäftigte ein Ereignis am Himmel die Astronomen: Der Komet von 1577.

Uranienborg war schon teilweise einsatzbereit, und auch Tycho wandte sich dem neuen Objekt am Himmel zu. Es entwickelte sich - begünstigt durch die lange Sichtbarkeitsdauer des Kometen - eine briefliche Diskussion und ein Austausch von Beobachtungsergebnissen zwischen den Astronomen. Besonders interessierte Tycho hier die Parallaxe des Kometen, also die scheinbare Positionsänderung eines Objekts auf dem Fixsternhintergrund, wenn der Beobachter seine Position verschiebt. Denn Kometen galten zu seiner Zeit und davor nicht als Himmelskörper. Sie waren bloße Erscheinungen oder auch atmosphärische Störungen innerhalb der so genannten sublunaren Himmelsgegend. Nur in dieser Gegend überhaupt konnten Veränderungen stattfinden, so die allseits akzeptierte Lehrmeinung. Doch Tycho war ein neutraler Beobachter, er prüfte alle verfügbaren Messungen, seine eigenen und die seiner Kollegen immer wieder. Das Ergebnis war für ihn eindeutig: Der Komet konnte nicht Teil der sublunaren Region sein, sondern musste wegen fehlender Parallaxe weit außerhalb der Atmosphäre sein, ein Teil der planetaren Himmelsgegend also. Mehr noch: Der Komet bewegte sich so, dass er die Planetensphären zwangsläufig durchstoßen musste, eine Bewegungshemmung durch diese planetentragenden Schalen konnte aber nicht gemessen werden.

Von da an sah Tycho Kometen als Teil des planetaren Wirkungsgefüges an, außerdem wuchsen seine Zweifel an dem ptolemäischen Weltbild. Seine Erkenntnis setzte sich aber nicht gleich durch, selbst Galilei spottete noch ein halbes Jahrhundert später über die „Tychonischen Affenplaneten“[6], wenn er Kometen meinte. Erst Johannes Kepler erkannte die wahre Bedeutung dieser Entdeckung: Planeten und Kometen als sich frei bewegende Körper im Weltenraum.

Das Instrumentarium

Auf seinen Reisen durch Europa kam Tycho Brahe 1568 auch nach Augsburg. Fast 3 Jahre stellte Brahe hier Sternbeobachtungen an und lernte eines Tages auch den Augsburger Patrizier, Bürgermeister und begeisterten Astronom Paul Hainzel kennen. Hainzel war fasziniert von der Idee eines Präzisionsgroßinstruments mit nie gekannter Genauigkeit. Auf eigene Kosten ließ er Brahe in Göggingen südlich von Augsburg einen riesigen Quadranten, mit einem Radius von 6,4 Meter[7] aus Eichenholz anfertigen. Durch die Größe konnte die Skala aus Messing auf 10 Bogensekunden genau unterteilt werden. Brahe selbst führte allerdings mit dem Quadranten keine Beobachtungen durch, er hatte Augsburg bereits verlassen. Der Augsburger Quadrant wurde 4 Jahre später von einem Sturm zerstört.

Tycho Brahes Forschungen markieren das Ende und den Höhepunkt einer fast 2000 Jahre langen Periode der systematischen Himmelsbeobachtung, die ohne die Erfindung der Linse auskommen musste. Brahes Instrumente sind deshalb durch die Verwendung des Visierprinzips gekennzeichnet. In Kassel bei Wilhelm IV. hatte er dessen voll metallene Instrumente studiert und die besseren Bearbeitungsmöglichkeit von Metall in Hinblick auf möglichst kleine Toleranzen erkannt, außerdem konnte die Messgenauigkeit aller Skalen auf einfache Weise erhöht werden: Je größer der Maßstab, desto präziser konnte man die Instrumente ablesen. So entschloss er sich, die größten und präzisesten astronomischen Instrumente zu bauen, die bis dahin von Menschen entworfen worden waren.

Eine Armillarsphäre nach Tycho Brahe

Tycho baute in Uranienborg ein gutes Dutzend Instrumente. Eines der bekanntesten und präzisesten war der Mauerquadrant, auch tychonischer Quadrant genannt, mit einem Radius von 2 Metern. Er war fest an einer Mauer installiert und genau nach Süden ausgerichtet. Er verwendete eine spezielle Art transversal gerasterter Zickzacklinien auf der Innenseite des Quadranten. Damit war es möglich, Auflösungen der Deklination bis auf 10 Bogensekunden genau zu erreichen.

Ein weiteres bekanntes Instrument war eine riesige Armillarsphäre aus Eisen mit einem Durchmesser von 2,9 Metern. Sie diente Brahe der genauen Messung von Koordinaten am Himmel und der Darstellung der Bewegung von Himmelskörpern zur besseren Anschauung. Weitere Geräte waren unter anderen verschiedene portable Quadranten und kleinere Armillarsphären sowie eine Reihe astronomischer Sextanten und Triquetren.

Brahe erkannte auch als einer der ersten Wissenschaftler den Wert von Mehrfachbeobachtungen. Er beschäftigte deshalb einen festen Stamm von Mitarbeitern, die alle ein und dasselbe Ereignis mit verschiedenen Instrumenten zeitgleich beobachteten. Jedoch waren die einfachsten Grundlagen der Stochastik und einfache statistische Verfahren noch unbekannt. Was für uns heute leicht erscheint, waren mühsame Umrechnungen der sphärischen Trigonometrie, die oft ein mehr als ungewisses Ergebnis lieferten. Dennoch gelang es Brahe mit Beharrlichkeit und Sorgfalt, Ergebnisse von immer größerer Genauigkeit zu erhalten.

Bald nach Brahes Tod begann mit der Erfindung des Fernrohrs durch Hans Lipperhey im Jahr 1608 ein neues Zeitalter in der Astronomie. Brahes Beobachtungsdaten waren aber, als die verlässlichsten, dennoch viele Jahrzehnte unverzichtbar.

Tycho Brahes Weltsystem

Weltsystem nach Paul Wittich und Tycho Brahe: Im Zentrum der Welt steht die Erde, jedoch bewegen sich die anderen Planeten um die Sonne

Brahe misstraute dem heliozentrischen Weltbild des Nikolaus Kopernikus. In einem Brief an den Mathematiker Christoph Rothmann, der im Dienst von Wilhelm IV. stand, erhob er folgenden Einwand gegen die Erdbewegung: „Wenn sich die Erde tatsächlich von West nach Ost dreht, dann muss eine Kanonenkugel, die in Richtung der Erddrehung geschossen wird, viel weiter fliegen als ein in entgegengesetzter Richtung abgefeuertes Geschoss.“ Rothmann antwortete, dass sowohl Geschoss als auch Kanone an der Erdbewegung teilnähmen und damit sein Einwand hinfällig sei. Dies widersprach aber der damals geltenden aristotelischen Bewegungsauffassung. Andererseits kannte Brahe als Präzisionsbeobachter die Mängel des alten ptolemäisch-geozentrischen Weltsystems, speziell die Probleme der Epizykeltheorie.

So entwickelte Brahe einen Kompromissvorschlag, ein eigenes Weltsystem, das ptolemäisch-geozentrische und kopernikanisch-heliozentrische Aspekte vereinte und nach seiner Meinung die Tatsachen besser darstellte: Im Zentrum ruht, wie im ptolemäischen Weltbild auch, die Erde. Um sie kreisen Mond und Sonne, aber alle anderen Himmelskörper bewegen sich wie bei Kopernikus um die Sonne. Einzig die Sphäre mit den Fixsternen bewegt sich in 24 Stunden einmal um die Erde. Damit sollte ein Großteil der Probleme der Epizykeltheorie beseitigt sein. Tycho Brahe sah es als seine Lebensaufgabe an, dieses Weltsystem mit immer genaueren Beobachtungen zu belegen, er selbst arbeitete aber wegen seiner eingeschränkten mathematischen Fähigkeiten keine Theorie der Bewegung aus. Vor diesem Hintergrund ist sein Weltbild eher mit den auf Beobachtung basierenden Denksystemen eines Eudoxos oder Aristarchos von Samos vergleichbar als mit den theoriebasierten Systemen eines Claudius Ptolemäus oder Kopernikus.

Tatsächlich gelang es erst James Bradley im Jahr 1729 mit der stellaren Aberration die Eigenbewegung der Erde gegenüber der Fixsternsphäre nachzuweisen, und damit das Weltsystem von Brahe zu widerlegen. Bis dahin waren sämtliche Beobachtungen wie etwa die der vier Venus-Phasen auch mit dem Weltmodell von Brahe kompatibel.

Über die Urheberschaft seines Weltsystems entspann sich ein Streit mit dem Astromen Nicolaus Reimers, der, ebenfalls mit Heinrich Rantzau befreundet, Brahe in Uranienborg besucht hatte. Die zentrale Rolle von Paul Wittich wurde dabei von Owen Gingerich untersucht.[8]

Begegnung mit Kepler

Beeindruckt vom Gedankenreichtums des keplerschen Erstlingswerk Mysterium Cosmographicum (Weltgeheimnis) lud Tycho Brahe Kepler zu sich nach Prag ein, obwohl er dessen Resultate, die auf Kopernikus aufbauten, selbst ablehnte. Er hegte die Hoffnung, dass es Keplers Inspiration und theoretischer Befähigung gelingen könnte, seinem, dem tychonischen System mit Hilfe seiner jahrzehntelangen Präzisionsbeobachtungen zum Durchbruch zu verhelfen.

Am 4. Februar 1600 begegneten sich beide in Prag zum ersten Mal. Die Zusammenarbeit gestaltete sich überaus schwierig, zu unterschiedlich waren beide Charaktere. Brahe, eher jähzornig und herrschsüchtig, erschwerte dem 25 Jahre jüngeren empfindsamen Kepler die Arbeit oft genug. Jedoch erkannte Kepler die große Bedeutung der umfangreichen braheschen Beobachtungen, dieser aber rückte gerade soviel davon heraus, wie Kepler zur Bearbeitung der von ihm gestellten Aufgaben unbedingt benötigte.

Die Rudolphinischen Tafeln

Titelseite der Rudolfinischen Tafeln

Nach Brahes Tod im Oktober 1601 wurde Kepler, der kurz zuvor dessen Assistent geworden war, zu seinem Nachfolger am Hof von Rudolph II. ernannt. Damit ging auch ein gewichtiges, noch unvollständiges Werk an Kepler über: die im Auftrag des Kaisers zu erstellenden „Rudolphinischen Tafeln“. Sie sollten die „Alfonsinischen“ und die neueren „Prutenischen Tafeln“ ersetzen. Kepler erhielt endlich auch die vollständigen Beobachtungsdaten Brahes, insbesondere die des Planeten Mars, den Brahe intensiv und über längere Zeit beobachtet hatte. Kepler, endlich im Besitz des unverzichtbaren Beobachtungsschatzes, erkannte, dass die Positionsdaten des Planeten Mars um 8 Bogenminuten von der kopernikanischen kreisförmigen Bahn abwichen. Diese unscheinbaren 8 Bogenminuten wiesen Kepler den richtigen Weg, die fast 2000 Jahre gültige Auffassung von kreisförmigen Bahnen fallen zu lassen. Mit Hilfe der braheschen Beobachtungen konnte Kepler schließlich die elliptische Bahnbewegung des Planeten Mars (später auch der anderen Planeten) nachweisen und sogar die Geschwindigkeit des Planeten genau berechnen.

Bedeutung

Brahe war vor allem Beobachter. Sein nach seinen Anweisungen gebautes für die damalige Zeit hervorragendes Instrumentarium und auch die personelle Ausstattung der ihm zur Verfügung stehenden Sternwarten waren wichtige Voraussetzungen für seine Erfolge als Astronom.

Jedoch häufte niemand zu seiner Zeit, vor und nach Tycho Brahes Tod, ein so gewaltiges Beobachtungsmaterial an. Die Sorgfalt und Genauigkeit seiner Beobachtungen waren für die damalige Zeit verblüffend. Durch Beobachtung der Sonne und einfache Peilung nach dem Visierprinzip über Kimme und Korn gelang ihm eine wesentlich verbesserte Bestimmung der Länge des Jahres, die er auf 365 Tage 5 Stunden 48 Minuten und 45 Sekunden ermittelte.[9][10] Die Differenz zum heutigen Wert des tropischen Jahres beträgt weniger als eine Sekunde. Zu Recht gilt er deshalb als einer der bedeutendsten Astronomen.

Tycho Brahe hatte entscheidenden Einfluss auf das Wissenschaftsideal späterer Generationen und begründete mit seiner Arbeitsmethodik des immer exakteren Messens und immer wieder Nachprüfens den Arbeitsstil und die Methodik moderner Wissenschaft. Obwohl noch teils in Astrologie und christlicher Dogmatik beheimatet – jedoch weit weniger als sein Nachfolger Kepler – war er in seiner wissenschaftlichen Vorgehensweise seiner Zeit um Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte, voraus.

Sein Beobachtungsschatz, festgelegt unter anderem in den Rudolphinischen Tafeln und später herausgegeben von Kepler, war Grundlage nicht nur für Keplers Theorien, sondern auch für Isaac Newton, der seine Theorie der Gravitation fast ein Jahrhundert später auf diese Beobachtungswerte stützte[11]. Obwohl Brahe noch kein Fernglas kannte, waren seine Messwerte die verlässlichsten auch noch viele Jahrzehnte nach ihm.

Als Ironie der Geschichte erscheint es, dass gerade Brahe, der durch seine Arbeit ungewollt den Grundstein für den weiteren Ausbau und die Vervollständigung des heliozentrischen Weltbildes gelegt hatte, dieses Zeit seines Lebens ablehnte und bekämpfte. Erhalten hat sich sein eigenes Weltbild nur in der Namensgebung der Exzentrizität in der Astronomie.

Brahes Tod

Die Umstände von Brahes Tod sind bizarr und ungeklärt. Am 13. Oktober 1601 nahm er an einem Festbankett des Kaisers teil. Er musste der Überlieferung nach wegen starker Blasenschmerzen die Tafel frühzeitig verlassen. Als Grund dafür wurde ein Blasenriss durch Harnverhaltung vermutet, möglicherweise infolge der Hofetikette, die es den Gästen untersagte, sich vor dem Kaiser von der Tafel zu erheben. Brahe verstarb 10 Tage später nach schwerem Leiden.

Brahes engster Freund, der berühmte Arzt und Anatom Jan Jessenius, beschrieb den Krankheitsverlauf in seinen letzten Tagen so, dass Brahe zuletzt noch in großer Klarheit sehr viele Dinge ordnete und sich von allen verabschiedete. Er legte unter anderem auch fest, dass nach seinem Tod Johannes Kepler alle seine wissenschaftlichen Unterlagen durchsehen sollte, um diese abzuschließen. Kepler folgte seinem Wunsch und veröffentlichte die gesammelten Daten und Ergebnisse unter Tycho Brahes Namen.

Die Leichenrede für Tycho Brahe hielt Jan Jessenius. Brahes Grab befindet sich in der Teynkirche am Altstädter Ring in Prag.

Neuere Forschungen an Haarproben ergaben eine hohe Quecksilberkonzentration, die tödlich gewesen sein könnte. Mehrere Hypothesen könnten ihr Zustandekommen erklären: Entweder nahm Brahe ein quecksilberhaltiges Heilmittel ein, oder es handelte sich um eine Folgevergiftung aus dem Umgang mit Chemikalien – die Giftigkeit von Quecksilber war zu jener Zeit noch nicht bekannt und quecksilberhaltige Arzneimittel waren damals weit verbreitet.

Wegen des letztlich ungeklärt gebliebenen Todes von Tycho Brahe erlangte 2004 eine „Giftmord-Story“ des Journalistenehepaares Joshua und Anne-Lee Gilder eine gewisse Aufmerksamkeit. In deren spannend und vordergründig sachlich geschriebenem Buch [12] wird Kepler als Mörder mit hinterhältigem Charakter beschrieben. Die deutsche Kepler-Gesellschaft gab 2005 dazu eine Stellungnahme [13] heraus, in der die Giftmord-Story der Gilders als „absurd und abstrus“ dargelegt wird.

Ehrungen

Tycho-Brahe-Büste in Hamburg-Wandsbek
Der tiefe Krater Tycho in der Mitte des Bildes

Der Mondkrater Tycho und der Krater Tycho Brahe auf dem Mars wurden zum Gedenken nach Brahe benannt, ebenso der Asteroid (1677) Tycho Brahe. Im Hamburger Stadtteil Jenfeld wurde eine Straße nach ihm benannt, weil er seine Astronomiae Instauratae Mechanica im benachbarten Wandsbek drucken ließ und auch einige Monate dort in der Wandesburg als Gast Heinrich Rantzaus wohnte. Zwischen Helsingør in Dänemark und Helsingborg in Schweden verkehrt eine Fähre der Reederei Scandlines namens Tycho Brahe. In der Lutherstadt Wittenberg befindet sich eine Gedenktafel.

Ein von Jo Jastram geschaffenes Portraitrelief mit Sonnenuhr schmückt seit September 1996 einen Hausgiebel in der Rostocker Garbräterstraße. In der Rostocker Gartenstadt befindet sich eine Astronomische Station, die den Namen Tycho Brahe trägt, und eine nach ihm benannte Straße gibt es in der Rostocker Südstadt.

Am 12. September 2006 wurde Tycho Brahe für seinen 11-monatigen Aufenthalt in Wandsbek ein Denkmal gegenüber dem Wandsbeker Rathaus errichtet [14].

Werke

  • De nova et nullius ævi memoria prius visa Stella. (deutsch: Vom neuen und nie zuvor gesehenen Stern), Kopenhagen 1573, erstes Buch über die Supernova von 1572 im Sternbild Kassiopeia.
  • Herausgeber Tycho Brahe: Diarium Astrologicum et Metheorologicum. (deutsch: Astrologisches und Meteorologisches Tagebuch), Uranienborg 1596, zusammengestellt von Brahes Schüler Elias Olsen Morsing,
  • De mundi aetheri recentioribus phaenomenis. (deutsch: In der ätherischen Welt neulich beobachtete Phänomene), Uranienborg 1588.
  • Herausgeber Tycho Brahe: En Elementisch oc Jordisch Astrologia. Uranienborg 1591, Bauernregeln über das Wetter, Verfasser waren Brahes Buchdrucker.
  • Epistolarum Astronomicarum Liber Primus. (deutsch: Briefwechsel über Astronomie - Erstes Buch),Uranienborg 1596 (Erster Teil Brahes Briefewechsel, der zweite wurde mit "Astronomiae Instauratae Progymnasmata" herausgegeben),
  • Astronomiae Instauratae Mechanica. (deutsch: Die Neuere Astronomische Instrumentenlehre), Wandsbek 1598, (Reprint: KLP Koniasch Latin Press, Prag, 1996, ISBN 80-8591723-8), Originalausgabe zu finden in der Digital Library der Lehigh University [2]), Beschreibungen und Bilder von Gebäuden und Instrumenten auf Ven als auch selbstbiographische Anteile.
  • Stellarum octavi orbis inerrantium accurata restitutio. Wandsbek 1598.
  • Herausgeber Johannes Kepler: Astronomiae Instauratae Progymnasmata. (deutsch: Neuere einführende Übungen der Astronomie) Prag 1602-1603, zweites Buch über die Supernova von 1572, größtenteils auf Uranienborg fertiggestellt, Originalausgabe zu finden in der Fondos Digitalizados der Universidad de la Sevilla [3] .
  • De mundi aetherei recentioribus phaenomenis, liber secundus. (deutsch: In der ätherischen Welt neulich beobachtete Phänomene, Zweites Buch), Frankfurt 1610,
  • Opera omnia sive astronomiae instauratae. Frankfurt 1648, in 15 Bänden (Reprint: Olms, Hildesheim 2001, ISBN 3-487-11388-0), umfangreiche Planeten-Daten Sammlung Tycho Brahes

Literatur

Biographien:

  • Victor E. Thoren: The Lord of Uraniborg: A Biography of Tycho Brahe. Cambridge University Press, Cambridge 1990, ISBN 978-0-5210330-7-7, (online verfügbar in books.google.de)
  • John Louis Emil Dreyer: Tycho Brahe. A picture of scientific life and work in the sixteenth century. Edinburgh 1890. (www.archive.org); deutsche Ausgabe: Karlsruhe 1894; Nachdruck: Vaduz 1999.
  • John Robert Christianson: On Tycho's Island. Cambridge University Press 2000 (online verfügbar in books.google.de)

Wissenschaftliche Abhandlungen:

  • Owen Gingerich, Robert S. Westman: The Wittich Connection: Conflict and Priority in Late Sixteenth-century Cosmology, American Philosophical Society, 1988 (online verfügbar in books.google.de)

Historische Romane und Erzählungen:

  • Alexandra Coelho Ahndoril: Der Astronom des Königs. List-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-548-60460-9.
  • Max Brod: Tycho Brahes Weg zu Gott. Ein Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-518-36990-3.
  • Joshua Gilder: Der Fall Kepler. Mord im Namen der Wissenschaft. List TB bei Ullstein, Berlin 2005, ISBN 3-5486-0638-5.
  • Alfred Otto Schwede: Ich war des Sternenjunkers Narr. Eine Erzählung um den Astronomen Tycho Brahe. Union-Verlag, Berlin 1983.

Weblinks

Überblicksseiten:

Originalwerke:

Wissenschaftliche Sekundärquellen:

Einzelnachweise

  1. Vorfahren des Tycho Brahe - Skeel & Kannegaard Genealogy
  2. Nachfahren des Tycho Brahe - Historika personer i sverige och norden
  3. Per Sörbom: Tycho Brahe - A Passionate Astronomer, The Saab-Scania Griffin, 6. Auflage, 1992
  4. Tycho Brahe
  5. John Louis Emil Dreyer: Tycho Brahe. A picture of scientific life and work in the sixteenth century Edinburgh 1890, Seite 105
  6. Walther Gerlach: Johannes Kepler. Der Ethiker der Naturforschung Seite 90 oben
  7. David Brewster: The martyrs of science; or, The lives of Galileo, Tycho Brahe, and Kepler New York 1841, Seite 125
  8. Owen Gingerich, Robert S. Westman: The Wittich Connection: Conflict and Priority in Late Sixteenth-century Cosmology, American Philosophical Society, 1988, [1]
  9. Tycho Brahe: Astronomiae Instauratae Progymnasmata Seite 51
  10. J. S. T. Gehler: Physikalisches Wörterbuch
  11. Wikipedia.de Johannes Kepler
  12. Joshua und Anne-Lee Gilder: Der Fall Kepler. Mord im Namen der Wissenschaft. Berlin: List-Verlag 2005
  13. Stellungnahme der Kepler-Gesellschaft zum Buch von Joshua Gilder und Anne-Lee Gilder
  14. 2006: Tycho Brahe – Denkmal am Wandsbeker Rathaus

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