Umsiedlung

Umsiedlung
Originalkarte von 1939 zu Umsiedlungen aus Nordost- und Südosteuropa in den Warthegau
Treck volksdeutscher Umsiedler aus Cholm, in Polen 1940
NSV händigt den Umsiedlern im Lager Pinne Bilder von Adolf Hitler für ihre Wohnungen aus

Umsiedler sind Personen, die Beteiligte einer Umsiedlung sind. Dabei handelt es sich um eine größere Bevölkerungsgruppe, die durch staatlich gelenkte Maßnahmen in einer gemeinsamen Umsiedlungsaktion ihren bisherigen Lebensraum verlässt. Es kann sich um eine freiwillige Migration oder eine unfreiwillige Zwangsmigration handeln. Beispiel für letzteres sind die von der österreichischen Hofkanzlei im 18. Jahrhundertverordneten Transmigrationen. Größere Umsiedlungen fanden im 20. Jahrhundert in Europa vor allem unmittelbar vor und während des Zweiten Weltkriegs statt.

Inhaltsverzeichnis

In anderen Staaten

1913 gab es in Friedensverträgen zwischen der Türkei mit Bulgarien und Griechenland erste Umsiedlungsregelungen zum abgetretenen Thrazien. 1923 kam es zu einem Umsiedlungsvertrag, nach dem 1,5 Mio. Griechen nach Griechenland umgesiedelt wurden. Weitere Vertragswerke gab es beispielsweise 1940 zwischen Rumänien und Bulgarien wegen der Dobrudscha, Ungarn und der Tschechoslowakei 1946 in Bezug auf Slowaken.

Im „Dritten Reich“

Während der Zeit des nationalsozialistischen Deutschland und des Zweiten Weltkrieges waren von einer Umsiedlung viele Gruppen von Volksdeutschen betroffen. Zwischen 1939 und 1943 wurden sie aus ihrer (oft schon über viele Generationen bewohnten) nichtdeutschen Heimat in südost- und nordosteuropäischen Staaten ausgesiedelt. Es handelte sich um schachbrettartige Verschiebungen von Menschen aus nationalstaatlichen Ideologien auf Initiative des Deutschen Reich. Grundlage waren bilaterale Verträge zwischen dem Deutschen Reich und einem anderen europäischen Staat. Die Umsiedlung erfolgte jeweils auf freiwilliger Grundlage, jeder Erwachsene konnte sich dafür oder dagegen entscheiden. Praktisch entschieden sich die Volksgruppen nahezu geschlossen zur Umsiedlung.

Die Umsiedlung betraf die Volksgruppen und Gebiete:

Die Umsiedlungsaktionen haben ihren Ursprung in Adolf Hitlers Reichstagsrede vom 6. Oktober 1939 zum Zerfall des polnischen Staates infolge der deutschen Besetzung. Darin äußerte er, das im "Zeitalter des Nationaliätenprinzips und des Rassegedankens" eine "neue Ordnung der ethnographischen Verhältnisse" notwendig sei. Das bezog er nicht nur auf den Raum Polen, sondern sprach auch vom weiteren Osten und Südosten Europas, der mit "nichthaltbaren Splittern des deutschen Volkstums" gefüllt sei. Zum einen versprach er sich davon, dass Minderheitenkonflikte in den Nationalstaaten verhindert werden. Zum anderen sollte das umzusiedelnde Menschenpotenzial das von Deutschland eroberte Polen sowie den polnischen Korridor besiedeln. Das erforderte wiederum, dass die ortsansässige Bevölkerung in den Ansiedlungsgebieten vertrieben oder umgesiedelt wurde. Davon waren allein im Wartehgau zwischen 1939 und 1944 rund 630.00 polnische und jüdische Bewohner betroffen.

Größtenteils wurden die deutschstämmigen Umsiedler aus dem nordost- und südosteuropäischen Raum in den vom Deutschen Reich annektierten Teilen Polens angesiedelt, wie im Wartehgau und im Generalgouvernement. Sie gerieten daher 1944/45 in den alle in Ostdeutschland und Osteuropa lebende Deutsche erfassenden Prozess von Flucht und Vertreibung. In Westdeutschland sowie der Bundesrepublik Deutschland blieb der NS-spezifische Umsiedler-Begriff zur Bezeichnung dieser besonderen Teilgruppe der Heimatvertriebenen weiter in Gebrauch.

In der DDR

Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes ordnete die sowjetische Besatzungsmacht im Herbst 1945 für ihre Besatzungszone an, alle deutschen Flüchtlinge oder Heimatvertriebenen künftig offiziell als „Umsiedler“ zu bezeichnen. Dieser Sprachgebrauch wurde zwar in der Gesellschaft und insbesondere unter den Betroffenen selbst nur bedingt nachvollzogen, doch im offiziellen politischen und bürokratischen Sprachgebrauch wurde seither auch in der DDR von „Umsiedlern“ oder sogar „ehemaligen Umsiedlern“ gesprochen. Damit bezeichnete man eine in der SBZ/DDR lebende Großgruppe von 1947 etwa 4,3 Millionen Menschen, die jedoch bis 1961 (insb. durch eine überdurchschnittliche Beteiligung an der „Republikflucht“ nach Westdeutschland) auf etwa 3 bis 3,5 Millionen zurückgegangen sein dürfte. Zeitweilig existierten im SED-Staat entsprechend auch Umsiedlerverwaltungen (1945–1948/50) und ein sozialpolitisch ausgerichtetes Umsiedlergesetz (1950; voller Titel: Gesetz zur weiteren Verbesserung der Lage der ehemaligen Umsiedler in der Deutschen Demokratischen Republik mit Hilfen für vertriebene Landwirte, Handwerker, Schüler und Auszubildende sowie einem Kreditprogramm für den Erwerb dringenden Hausrats).

Nach 1953 gab es in der DDR keine derartige sozialpolitisch motivierte Umsiedlerpolitik mehr. Die Novelle von Anna Seghers und das Drama von Heiner Müller, die beide den Titel Die Umsiedlerin tragen, nehmen auf diese DDR-Sprachpolitik Bezug. Im Zuge der Wende 1989/1990 gründete Bernhard Fisch zusammen mit Gleichgesinnten den „Verband der Umsiedler der DDR“ [1], der im Bund der Vertriebenen aufging.

In der Bundesrepublik Deutschland

Die räumliche Verteilung der Flüchtlinge und Vertriebenen nach 1945 war in allen deutschen Besatzungszonen chaotisch verlaufen und hatte - ohne auf langfristige Erwerbschancen zu achten - insbesondere ländliche Regionen (im Westen etwa Schleswig-Holstein, im Osten etwa Mecklenburg-Vorpommern) zu Schwerpunkten der Vertriebenensiedlung gemacht. Diese Disproportionen entkrampften sich sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR nach 1950 wesentlich durch individuelle Arbeitsmigration in vielversprechendere (insb. schwerindustrielle) Nachbarregionen. Zugleich aber entwickelte die frühe Bundesrepublik auch staatlich geplante Programme von "Umsiedlung" zur besseren Lastenverteilung zwischen den deutschen Bundesländern. Auf diesen binnen-westdeutschen "Umsiedler"-Begriff bezieht sich die gleichnamige Novelle von Arno Schmidt. Ähnliche Diskussionen über "Binnenumsiedlung" wurden auch in der DDR geführt und in kleinerem Maßstab umgesetzt.

Russischer Sprachgebrauch

Außerhalb dieser deutschen Sprachpolitik wurde auch im russischen Sprachgebrauch der 1930er bis 1950er Jahre ein Äquivalent des „Umsiedler“-Begriffs zur Bezeichnung für diverse innersowjetische Zwangsdeportationen im Kontext der Stalinschen Säuberungen benutzt. Es ist wahrscheinlich, dass dieser russische Sprachgebrauch die beschriebene Sprachpolitik der Sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR mitbeeinflusst hat. Inwiefern er mit dem beschriebenen NS-Sprachgebrauch in Zusammenhang steht (die Sowjetunion war ein wichtiger Vertragspartner für Adolf Hitlers „Umsiedlungen“), muss dahingestellt bleiben.

Literatur

  • Dierk Hoffmann / Marita Krauss / Michael Schwartz (Hg.): Vertriebene in Deutschland. Interdisziplinäre Ergebnisse und Forschungsperspektiven, München 2000
  • Michael Schwartz: Vertriebene und „Umsiedlerpolitik“. Integrationskonflikte in den deutschen Nachkriegsgesellschaften und die Assimilationsstrategien in der SBZ/DDR 1945–1961, München 2004
  • Stefan Nagelstutz: "Umsiedler" in der SBZ/DDR. Vertriebenenintegration in der SBZ/DDR 1945-1953. Saarbrücken 2008
  • Heike van Hoorn: Neue Heimat im Sozialismus: Die Umsiedlung und Integration sudetendeutscher Antifa-Umsiedler in die SBZ/DDR, Essen 2004
  • Manfred Wille (Hg.): Sie hatten alles verloren, Flüchtlinge und Vertriebene in der SBZ, Wiesbaden 1993
  • W. Meinicke / Alexander von Plato: Alte Heimat – Neue Zeit. Flüchtlinge, Umgesiedelte, Vertriebene in der SBZ und in der DDR, Berlin 1991
  • Helmuth Hecker: Die Umsiedlerverträge des Deutschen Reiches während des Zweiten Weltkrieges, Hamburg, 1971

Einzelnachweise

  1. http://www.buch.de/buch/01607/441_wir_brauchen_einen_langen_atem.html

Weblinks


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