Vishnu


Vishnu
Vishnu auf der Schlange Shesha im Urmeer und Gemahlin Lakshmi, die als Verehrungsgeste seine Füße massiert, während aus seinem Nabel auf einer Lotosblüte sitzend der vierköpfige Schöpfer Brahma erscheint
Vishnu auf Garuda reitend (Skulptur in Lalitpur, Nepal)

Vishnu (Sanskrit, m., विष्णु Viṣṇu, „der Alldurchdringende“) ist eine der wichtigsten Formen des Göttlichen im Hinduismus, kommt jedoch bereits in den Veden vor. Im Vishnuismus gilt er als die Manifestation des Höchsten. Seine Shakti, die weiblich gedachte Seite des Göttlichen, ist Lakshmi, die als seine Gattin gilt.

Mehrere Puranas berichten über Vishnu, seine Inkarnationen sind unter anderem im Bhagavatapurana angeführt.

Inhaltsverzeichnis

Trimurti

Vishnu ist Teil der Trimurti, einer im Hinduismus sehr bekannten Konzeption der „drei Gestalten“. Diese besteht aus drei Aspekten des Göttlichen, die mit den fundamentalen Prinzipien bzw. Kräften des Kosmos in Verbindung stehen:

  • Schöpfung: Brahma
  • Erhaltung: Vishnu
  • Zerstörung: Shiva

In der Dreiheit sind die Aufgaben verteilt: Vishnu ist die göttliche Form der Erhaltung, da er den Dharma im Sinne einer gerechten kosmologischen und menschlichen Ordnung erhält und zu diesem Zweck immer wieder als Tier oder Mensch inkarniert. Shiva dagegen zerstört, um einen Neuanfang zu ermöglichen, während Brahma für die Schöpfung zuständig ist. Im Trimurti-Konzept gehen diese gegensätzlichen Werte eine einander ergänzende Verbindung ein. Außerhalb dieser Trimurti jedoch vereinen sowohl Vishnu als auch Shiva alle drei Aspekte in sich. Auch Vishnu kann zerstörend wirken: Den Diskos, eines seiner vier Symbole, setzt er als zerstörerische Waffe ein.

Auch Shiva enthält außerhalb der Dreiheit alle Aspekte. Für jene Gläubigen, die ihn als den Höchsten verehren, die Shivaiten, gilt er auch als Retter, als der Gütige, wie sein Name sagt. Eine göttliche Form, die die Aspekte von Vishnu und Shiva vereinigt, ist Harihara[1].

Darstellung

Vishnu wird üblicherweise mit vier Insignien dargestellt, die er in seinen vier Händen hält: Diskus (chakra), Wurfscheibe, die in einer Schlacht auf die Feinde geschleudert wird; Schneckenhorn (sankha), auf dem er bei verschiedenen Anlässen bläst; Lotos (padma), u. a. das Symbol der Weisheit und Reinheit, weil sie auch im schmutzigsten Teich strahlend rein ist, und schließlich die Keule (gada), mit der er Asuras bekämpft. Auf seinem Kopf trägt er eine topfartige Krone.

Vishnus Reittier (vahana) ist der halb mensch-, halb adlergestaltige Garuda. In vielen Darstellungen ruht er auf der kosmischen Schlange Ananta oder Shesha.

Andere Namen

Vishnu trägt verschiedene − ursprünglich z. T. regionale − Beinamen; die wichtigsten bzw. geläufigsten sind:

  • Bhagavan (= Erhabener)
  • Hari (= Gott, siehe Harihara)
  • Jagannath (= Herr der Welt)
  • Mohini (= weibliche Form Vishnus)
  • Narayana (= aus dem Wasser kommender)
  • Vaikuntha (= Herr des Paradieses)
  • Vasudeva (= Gott des Gedeihens)
  • Vishvarupa (= Allgestaltiger)[2].

Im tamilischen Bereich trägt Vishnu auch die Namen Mayon („der Dunkle“), Tirumal („der erlauchte Große“) oder Perumal („der Große“). Der Name „Vishnu“ taucht in der ältesten Literatur (Sangam-Corpus) kein einziges Mal auf und scheint im Tamilischen erst mit dem zunehmenden Einfluss des brahmanisch geprägten Hinduismus in der zweiten Hälfte des 1. Jt. n. Chr. als Bezeichnung für diese Form des Göttlichen in Gebrauch zu kommen.

Die 10 Avataras (Dashavatara)

Vishnu zeigt sich in einer Vielzahl von Manifestationen. Um den Dharma im Sinne einer gerechten kosmologischen und menschlichen Ordnung zu schützen, inkarniert er sich immer, wenn die Weltordnung (Dharma) ins Schwanken zu geraten droht, auf der Erde. Diese Inkarnationen werden Avataras genannt.

  1. Matsya – Fisch, zieht in der großen Flut die Arche
  2. Kurma – Schildkröte, trägt den Berg Mandara (Meru) beim Quirlen des Milchozeans
  3. Varaha – Rieseneber, rettet die Erde in Gestalt der Göttin Bhudevi aus dem Urozean
  4. Narasimha – Mann mit Löwenkopf, tötet den Dämon Hiranyaksha
  5. Vamana – Zwerg, wächst zum Riesen heran und misst mit drei Schritten die Welt aus
  6. Parashurama – „Rama mit der Axt“, Vishnu in Menschengestalt als Rächer eines Brahmanenmordes
  7. Rama – der Held des Epos Ramayana, nicht mit der 6. Inkarnation identisch
  8. Krishna – „der Schwarze“, Verkünder der Bhagavad Gita
  9. Buddha – manchmal auch „Balarama“, der Bruder Krishnas
  10. Kalki – zukünftige Inkarnation Vishnus als Reiter auf dem Pferd, der den Dharma wieder herstellt[3].

Die bekanntesten und bedeutendsten Avataras sind Rama (Prinz von Ayodhya und Held des Epos Ramayana) sowie Krishna.

In den Texten über Vishnus zehnten Avatar Kalki heißt es, er werde am Ende der Zeiten (nach hinduistischer Vorstellung, also am Ende des letzten Yuga, des Kali-Yuga) erscheinen, um die Welt zu reinigen. Seit dem 20. Jahrhundert ist es daher nicht ungewöhnlich, dass Vaishnavas (Anhänger Vishnus), die den Inhalt der christlichen Bibel kennen, Jesus Christus verehren, da in der Bibel auch von Jesus als christlicher Messias-Gestalt die Rede ist, welche zum Ende der Zeit erscheint, um die Welt zu reinigen.

Zitat

„Die Weisen des Orients kannten die Göttin Yoganidra, die große trügerische Kraft Vishnus, die äußerste Unwissenheit, durch welche die ganze Welt betrogen wird.“

Ralph Waldo Emerson (aus dem Essay: Montaigne oder der Skeptiker)

Siehe auch

Literatur

  • Anneliese und Peter Keilhauer: Die Bildsprache des Hinduismus. Die indische Götterwelt und ihre Symbolik. DuMont, Köln 1986, S. 65ff ISBN 3-7701-1347-0
  • Veronica Ions: Indian Mythology. Hamlyn Publishing, Rushden 1988, S. 45ff ISBN 0-600-34285-9

Weblinks

 Commons: Vishnu – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Anneliese und Peter Keilhauer: Die Bildsprache des Hinduismus. Die indische Götterwelt und ihre Symbolik. DuMont, Köln 1986, S. 51ff ISBN 3-7701-1347-0
  2. Anneliese und Peter Keilhauer: Die Bildsprache des Hinduismus. Die indische Götterwelt und ihre Symbolik. DuMont, Köln 1986, S. 68f ISBN 3-7701-1347-0
  3. Anneliese und Peter Keilhauer: Die Bildsprache des Hinduismus. Die indische Götterwelt und ihre Symbolik. DuMont, Köln 1986, S. 77ff ISBN 3-7701-1347-0

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