Walt Whitman


Walt Whitman
Walt Whitman 1887
Emersons Brief an Whitman, 1855
Walt Whitman 1855 im Alter von 36 Jahren

Walter Whitman (* 31. Mai 1819 in West Hills, Long Island, New York; † 26. März 1892 in Camden, New Jersey) war ein US-amerikanischer Dichter. Er gilt als einer der Begründer der modernen amerikanischen Dichtung. Sein berühmtestes Werk ist der Gedichtband Leaves of Grass (Grashalme).

Inhaltsverzeichnis

Leben

Whitman wurde als Sohn eines Zimmermanns in einem Bauernhaus in West Hills bei Huntington geboren und war das zweite von neun Kindern. 1823 zog seine Familie nach Brooklyn, wo er sechs Jahre lang die Schule besuchte.

1830 begann er mit zwölf Jahren als Setzerlehrling in Brooklyn zu arbeiten. Als Autodidakt las er die Werke von Homer, Dante und Shakespeare. Nach seiner zweijährigen Lehre zog er nach Manhattan, wo er in verschiedenen Druckereien arbeitete. 1836 zog er nach Long Island zurück, wurde Lehrer in East Norwich, mit weiteren Anstellungen bis zum Winter 1837/38 in Hempstead, Babylon, Long Swamp und Smithtown.

In seiner Heimatstadt Huntington gründete er 1839 eine Zeitung, den Long Islander, als dessen Herausgeber er wirkte. Nach seiner Rückkehr nach Brooklyn 1850 begann er eine Tätigkeit als Wohnungsmakler, wodurch er die Herausgabe von Leaves of Grass finanzieren konnte. Die Erstausgabe mit zwölf Gedichten der Sammlung, noch ohne Titel, gelang ihm 1855, es folgten mehrere Überarbeitungen. Die zweite Ausgabe Leaves of Grass 1856 umfasste 34, die dritte Ausgabe 1860 154 Gedichte.

Im Sezessionskrieg war Whitman 1862 als freiwilliger Sanitätshelfer in Lazaretten in Washington D.C. tätig. Unter dem Eindruck des Krieges entstand der Gedichtband Drum Taps (Trommelschläge), der 1865 veröffentlicht wurde. Im selben Jahr wurde Whitman im Innenministerium angestellt, später jedoch vom Innenminister wegen „Unsittlichkeit seiner Dichtung“ entlassen. Er veröffentlichte weitere Texte, so zum Beispiel 1871 den Essay Democratic Vistas (Demokratische Ausblicke).

Nach einem Schlaganfall und einem Zusammenbruch in Washington D.C. 1873 war Whitman arbeitsunfähig, da er an zeitweiligen Lähmungen litt. Er lebte von da an in sehr bescheidenen Verhältnissen. 1882 wurden Whitmans Tagebücher veröffentlicht. Hinzu kamen 1888 die Veröffentlichungen Prosa und Poesie und November-Zweige sowie 1892 die Veröffentlichung der neunten Ausgabe von Leaves of Grass mit über 400 Gedichten.

In seiner Lyrik thematisierte Whitman die Schönheit der Natur und die Demokratie seines Landes. Er behandelte die Gleichberechtigung der Geschlechter und stellte bisexuelle Neigungen dar. Dafür wurde er von der Kritik vehement angegriffen. Großen Einfluss auf Whitman hatten Ralph Waldo Emerson und auch das unitarisch-pantheistische Gedankengut der Transzendentalisten. Mit seinem Werk beeinflusste Whitman nicht nur die US-amerikanische Literatur, sondern auch den europäischen Naturalismus und Expressionismus.

Am 26. März 1892 starb Walt Whitman mit 72 Jahren in Camden, New Jersey.

Stilistik und Rezeption

Whitman schrieb seine Verse teils in der Rhythmisierung der alten biblischen Sprach-Konventionen, teils in einem Blankvers wie aus dem 17. Jahrhundert.[1] Sein besonderes Verdienst ortet Maugham darin, dass dieser Poet Dichtung nicht als etwas romantisch Abgehobenes sondern in den gewöhnlichen Verhältnissen des Alltags ansiedelte.

„Es ist kraftvolle demokratische Lyrik, es ist der authentische Schlachtruf einer neuen Nation und das solide Fundament einer Nationalliteratur.“

W. Somerset Maugham, Books and You, Seite 162

In dem Spielfilm Der Club der toten Dichter (USA 1989) beruft sich der Lehrer John Keating (Robin Williams) wiederholt auf Botschaften und Gedichte Whitmans und duldet es, dass seine Schüler ihn mit „Mein Captain!“ anreden und damit aus Whitmans Gedicht O Captain! My Captain! zum Andenken an den (ermordeten) Präsidenten Abraham Lincoln zitieren.

Whitman und Homosexualität

Weitere Themen, die in Whitmans Leben und Werk eine Rolle spielen, sind Homosexualität und Autoerotik. Diese nehmen verschiedene Formen an, von seiner Bewunderung des im 19. Jahrhundert vorherrschenden Ideals der Männerfreundschaft bis hin zu offen autoerotischen Beschreibungen des männlichen Körpers (Song Of Myself). Dies widerspricht scharf der Haltung, die Whitman einnahm, als er öffentlich mit diesen Themen konfrontiert wurde: Er lehnte die Masturbation wütend ab und lobte die Keuschheit. Die heutige Wissenschaft nimmt jedoch an, dass er in seinen Werken seine wahren Gefühle zum Ausdruck gebracht hat und dass seine öffentlichen Äußerungen durch seine homophobe Umwelt geprägt waren.

Werke

Walt Whitmans erstes Notizbuch
Postume Ausgabe
  • The complete poetry and prose. 1948
Übersetzungen ins Deutsche
  • Gedichte von Traum und Tat. 1915
  • Gesänge und Inschriften. Kurt Wolff Verlag, München 1921
  • Gustav Landauer und Yvan Goll: Der Wundarzt. Briefe, Aufzeichnungen und Gedichte aus dem amerikanischen Sezessionskrieg. Zürich 1919
  • Johannes Schlaf: Grashalme. 1919
  • Hans Reisiger:
  • Gesang von mir selbst (aus Grashalme). Suhrkamp Verlag, Berlin 1946
  • Grashalme. Aufbau-Verlag, Berlin 1957
  • Walt Whitmans Werk (Auswahl). Dromer, München und Zürich 1960
  • Georg Goyert: Grashalme. Blanvalet Verlag, Berlin 1948
  • Erich Arendt und Helmut Heinrich: Lyrik und Prosa. Verlag Volk und Welt, Berlin 1966
  • Children of Adam from Leaves of Grass, übertragen von Kai Grehn, illustriert von Paul Cava. edition GALERIE VEVAIS 2005.
  • Grasblätter, übersetzt von Jürgen Brôcan. Hanser, München 2009

Sonstiges

  • Die Sea Symphony (1910) von Ralph Vaughan Williams basiert auf Texten aus Leaves of Grass und Passage to India von Walt Whitman.
  • Kurt Tucholsky widmete Whitman 1925 sein Gedicht Alle Welt sucht.[2]
  • Das „Flieder-Requiem“ (1946) von Paul Hindemith beruht auf dem Gedichtzyklus When lilacs last in the dooryard bloom'd von Walt Whitman.
  • Jorge Luis Borges war ein begeisterter Leser Whitmans und übersetzte 1970 Leaves of Grass ins Spanische.
  • Im Film Fame – Der Weg zum Ruhm (1980) von Alan Parker ist Whitmans Verszeile I sing the body electric (deutsch meist übersetzt als Ich singe den Leib, den elektrischen) Titelzeile des Schlusslieds.
  • Im Musical Footloose (1984) erwähnt Reverend Moore Walt Whitman in einer seiner Predigten.
  • Im Film Down By Law (1986) von Jim Jarmusch zitiert Roberto Benigni Walt Whitmans Leaves of grass in radebrechendem akzentuiertem Englisch.
  • Gedichte von Walt Whitman spielen eine Rolle im Film Der Club der toten Dichter (1989).
  • In der Simpsons-Episode Wer ist Mona Simpson? (132) (engl. Mother Simpson [3F06]) von 1995 findet Homer Simpson Whitmans Namen auf dem Grab, welches er stets für das seiner totgeglaubten Mutter hielt.
  • In der Fernsehserie Dr. Quinn – Ärztin aus Leidenschaft steht in Folge 123 Der große Dichter (Staffel V, 1996/97) Walt Whitman im Mittelpunkt.
  • Im Roman Dunkle Engel (1998) von S. P. Somtow ist Walt Whitman eine Hauptfigur.
  • Im Film Alle lieben Lucy (2002) kommen sich Lucy und Luke über ihre gemeinsame Vorliebe für Walt Whitman näher.
  • Im Film Wie ein einziger Tag (2004; engl.The Notebook ) spielt Walt Whitman eine große Rolle, seine Gedichte wurden vom jungen Noah immer laut vor dem Schlafengehen vorgetragen und halfen ihm, nicht mehr zu stottern.
  • In Michael Cunninghams Roman Specimen Days (2005; dt. Helle Tage, 2006) kommen Whitman und seinem Werk Grashalme eine entscheidende Bedeutung zu.
  • Im Roman Margos Spuren (2008) von John Green spielt Whitmans Lied auf mich selbst eine entscheidende Rolle.
  • In der Fernsehserie Breaking Bad wird in der Folge Sonnenuntergang (engl. Sunset) das Gedicht Als den gelehrten Astronomen ich hörte (im Original: When I heard the Learn’d Astronomer) von Walt Whitman der Hauptperson Walter White rezitiert
  • In Scott Mebus Romanreihe "Gods of Manhattan" tritt Whitman als Gott des Optimismus auf

Literatur

  • Gay W. Allen: Walt Whitman in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek 1961
    • dsb. als Hg.: Walt Whitman Abroad. Syracuse UP, New York 1955
  • John Burroughs: Notes on Walt Whitman as Poet and Person, 1867
  • John Burroughs: Whitman: A Study, 1896
  • H. S. Canby: Walt Whitman, ein Amerikaner. Berlin 1949
  • Walter Grünzweig: Constructing the German Walt Whitman. Univ. of Iowa Press, Iowa City 1994. ISBN 0-87745-482-5
  • Walter Grünzweig: Walt Whitman. Die deutschsprachige Rezeption als interkulturelles Phänomen. München, Fink 1991. ISBN 3-7705-2664-3
  • J. J. Rubin: The historic Whitman. University Park, Pennsylvania State U.P. 1973
  • Hans-Joachim Lang: Nachwort Zum Verständnis der Werke, zu Walt Whitman, "Grashalme". Ausgabe Rowohlt, Reinbek 1968 [3]S. 275 - 285
  • Michael Robertson: Worshipping Walt : the Whitman disciples, Princeton, NJ [u.a.] : Princeton Univ. Press, 2010, ISBN 978-0-691-14631-7

Weblinks

 Commons: Walt Whitman – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien
 Wikisource: Walt Whitman – Quellen und Volltexte (Englisch)
 Wikisource: Walt Whitman – Quellen und Volltexte

Belege

  1. W. Somerset Maugham, Books and You, Zürich 2007, S. 160f
  2. Die Weltbühne, Nr. 32, 1925.
  3. Ohne ISBN. Lang war einer der fähigsten Amerikanistiker der 50/60er Jahre; zusätzl. Zeittafel und weiterf. Lit. zu WW, die über Allen 1961 hinaus geht. Ein anderes Nachwort, von Gustav Landauer, hat die Diogenes-Ausgabe der "Grashalme" 1985. ISBN 3-257-21351-4.-- Erste vollst. Ausg. der Gedichte durch Jürgen Brôcan, Hanser, München 2009 udT Grasblätter ISBN 978-3-446-23410-9

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