Wellner


Wellner
Einfahrt zum Wellnerschen Fabrikhallenkomplex in Aue

Die Firma Wellner war ein Großproduzent von Bestecken und metallenem Tafelgeschirr, sie hatte zwischen 1854 und 1958 ihren Hauptsitz in Aue in Sachsen. Von 1958 bis 1992 wurde dort unter dem Namen Auer Besteck- und Silberwarenwerke (ABS) die Erzeugnispalette weiter produziert und teilweise ausgebaut. Seit ca. 1993 gibt es eine Nachfolgefirma, die im Nachbarort Schneeberg Teile des bisherigen Sortiments mit kleiner Belegschaft auf Originalmaschinen weiter produziert.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Schutzmarke auf den Besteckteilen:
"3 Zwerge bzw. 3 Männel"

Das Unternehmen wurde 1850 in Aue von Christian Gottlieb Wellner in vorhandenen Gebäuden des Auerhammers als Argentanfabrik gegründet. Stetige Erweiterungen der Produktionsanlagen und der Belegschaft führten zu einer florierenden Firma, die metallene Haushaltsartikel wie Pfeifendeckel aber vor allem Löffel aus Argentan herstellte. Der Sohn und spätere Hauptunternehmer Carl August Wellner führte das Unternehmen ab 1858 erfolgreich weiter und schuf Zweigniederlassungen und Vertretungen sogar in anderen europäischen Ländern. 1892 übergab Carl August seinen Kindern die Leitung des Unternehmens. Am 23. September 1913 wurde die Privatfabrik in eine AG umgewandelt. Noch unter Carl August entstanden anstelle der väterlichen Schmelzhüttenfabrik vierstöckige Produktionshallen (1884 eröffnet).

In den Jahren des Ersten Weltkrieges fehlten dem Unternehmen zahlreiche männliche Arbeitskräfte, was zu einer vermehrten Einstellung von Frauen führte, die Industriearbeiterin entstand auch hier. Außerdem wurde von Staats wegen die Herstellung sogenannter kriegswichtiger Erzeugnisse wie Hülsen für Gewehrmunition und Granaten angeordnet, die bisherige Erzeugnispalette musste verringert werden.

Nach dem Ende des Krieges wurde die Produktion von Bestecken und Tafelgeschirr vermehrt wieder aufgenommen. Sogenannte Halbzeuge und Halbfabrikate wie Blechtafeln, Drähte, Stangen und Stäbe kamen neu hinzu. Die Fabrik konnte sich immer mehr vergrößern und auf dem Weltmarkt etablieren. Bis in die Mitte der 1920er Jahre waren schließlich 36 Schmelzöfen, sechs Walzstraßen, viele Drahtziehanlagen, Pressen, Stanzen und Kleinmaschinen im Einsatz. Innerbetrieblich wurden neue Abteilungen wie Schnitt- und Stanzenbau, Schriftstempelfabrikation, Tischlerei, Bauabteilung, Kraftfahrzeugreparaturwerkstatt, Eisengießerei und Dampfhammerwerk für eine eigene Maschinenbauanstalt gebildet. Etwa 6.000 Personen erzeugten 300.000 Tonnen Neusilber, von dem die Hälfte im eigenen Werk zu Endprodukten weiterverarbeitet wurde. Bestecke aus erstmals produziertem rostfreien Edelstahl kamen auch in das Sortiment. In den Zeiten der Weltwirtschaftskrise bis etwa noch 1932 ging der Absatz von Bestecken stark zurück und nur die Finanzhilfe von Großbanken konnte den Konkurs der Fabrik abwenden.[1]

Die Erben von Carl August Wellner ließen 1924 von dem Leipziger Architekten Johannes Koppe einen Verwaltungs- und Sozialbau als geschlossenes Gebäudeensemble aus gelben Backsteinen fertig stellen, das mit einem überdachten Gang im zweiten Geschoss mit dem Hauptproduktionsgebäude verbunden war. Die Bauten belegen ein circa 10 ha großes Areal und werden von der Marie-Müller-Straße, Industriestraße, Auerhammerstraße und Zinnstraße begrenzt.

Die zahlreichen Wohnungssuchenden der Wellner-Fabrik veranlassten die Firmenleitung unter Peter Paul Gaedt um 1928 zur Gründung der Erzgebirgischen Wohnungsbau- und Siedlergesellschaft. Auf dem im Ortsgebiet Neudörfel erworbenen Bauland erfolgte am 16. Juli 1929 die Grundsteinlegung für den Bau von zwölf Arbeiterwohnhäusern zu je vier Wohneinheiten. Die noch im gleichen Jahr fertiggestellten Gebäude erhielten Namen wie Elefantenhaus, Dreimännelhaus oder Sonnensiedel und gaben mit diesen Firmenzeichen Hinweise auf den Bauherrn. Schließlich wurden noch drei weitere Wohnhäuser in Lößnitz errichtet.[1]

Ab 1934 verbot eine neue Reichsverordnung den Export von Neusilber-Erzeugnissen, was zu einer Produktionsverringerung führte. Einschneidende Änderungen traten durch den Zweiten Weltkrieg ein. Diesmal mussten Produktionsstrecken so verändert werden, dass darauf Hülsen für Flak-Geschosse entstehen konnten. Außerdem kamen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene zum Einsatz.[1] Der Firmenname lautete bis zum 1. November 1941 Sächsische Metallwarenfabrik August Wellner Söhne AG, danach August Wellner Söhne AG.

Nach den Enteignungen 1946 und dem Abbau der Produktionsanlagen als Reparationszahlungen an die Sowjetunion konnte ab den 1950er-Jahren wieder mit der Produktion von Tafelbestecken begonnen werden. Der Firmenmantel von Wellner wurde 1950 nach Frankfurt am Main verlagert und dort ab 1958 als GmbH weitergeführt. Die Fabrik in Aue erhielt den Namen Auer Besteck- und Silberwarenwerke (ABS) und wurde als DDR-Schwerpunktbetrieb ausgebaut. Um 1970 erzeugten rund 900 Menschen metallenes Tafelgeschirr, das auch wieder erfolgreich exportiert wurde. – Das frühere Wellnersche Verwaltungsgebäude diente als Sitz der Kreisverwaltung Aue, nach 1990 zog das neu gebildete Landratsamt ein, das nach der Bildung des neuen Erzgebirgskreises hier weiterhin eine Außenstelle unterhält.

Die Enteignung der Fabrikbesitzerfamilie 1946 führte auch zum Übergang der insgesamt 16 Immobilien in den Besitz der Stadt Aue. - Nach 1990 erhielten die in der alten Bundesrepublik lebenden Firmenerben das Betriebsgelände zurück und ließen einige baufällige Gebäudeteile entfernen. Die Besteckherstellung am Standort Aue wurde nach einigem Missmanagement jedoch aufgegeben. Weil es keine Käufer für den riesigen Komplex gibt und auch kein weiteres Geld in die Gebäude gesteckt werden soll, musste der Verbindungsgang zwischen dem heutigen Landratsamt und den Fabrikhallen 2006 nach Sturmschäden abgetragen werden.

Tafelgeräte von ABS auf einer Schautafel am Wellner-Gebäude, 2004

Mit der politischen Wende wurde die Herstellung von Bestecken und Tafelgeschirr am Standort Aue heruntergefahren, aber zwei neu gegründete Firmen beanspruchen einen Teil des Namens für ihr Unternehmen, da sie auch Besteck bzw. Tafelgeschirr produzieren - und zwar Wellner ABS GmbH in Schneeberg und Wellner Silber GmbH mt einem Hauptsitz in Bad Oldesloe.[2] [3] Als geistiger Nachfolger in der Tradition der Wellner-Werke und der Auer Besteck- und Silberwarenwerke produziert einzig die Firma Wellner/ABS GmbH die altbekannten Wellner-Dekors wie u. a. Mozart sowie die Gesamtpalette der früheren ABS- und Porzellanbestecke. Die Bedeutung der Marke Wellner in der Gegenwart lässt sich an der Vielfalt der Fälschungen erkennen, die sich nach wie vor neben den Premium-Tafelbestecken am Markt befinden.[4]

Das denkmalgeschützte imposante Gebäudeensemble steht fast leer, es gibt aber seit Jahren verschiedene Nutzungskonzepte. Die Stadtverwaltung prädestiniert die Einrichtung eines Technikums in den Gebäuden, in dem Mittelschüler aus der Region zentral und praxisnah auf das Berufsleben vorbereitet werden und sich beispielsweise an unterschiedlichen Maschinen ausprobieren können. Für die Gebäudesanierung und den Erwerb moderner Maschinen werden elf Millionen Euro Fördermittel vom Freistaat Sachsen veranschlagt. Im Mai 2009 erfolgte eine Vorort-Besichtigung von Ministerpräsident Stanislaw Tillich, der sich von der Machbarkeit und Sinnfälligkeit des Projekts Technikum überzeugte.[5]

Sortiment

Typische Wellner-Edelstahlbesteckteile mit dem Palmwedelmotiv

Man produzierte Haushalts- und Hotelwaren aus Metall wie Silber, Neusilber oder Edelstahl, unter anderem Kochgeschirr, Küchen- und Tafelgeräte sowie Essbestecke.

Die Firma lieferte weltweit für die besten Häuser, so zum Beispiel für das Grand Hotel am Lido von Venedig, das Hotel Baur au Lac in Zürich, das Kempinski in Berlin, für das Hotel Mena House bei den Pyramiden von Gizeh oder für die großen Schifffahrtslinien. Vor allem die Schweizer Hotellerie setzte auf Wellner, so im Kurhaus Davos, im Maloja Palace Hotel in St. Moritz, im Schlosshotel von Pontresina oder im Grand Hotel Adelboden.

Aber auch an Bord der Titanic, des Hapag-Liners Imperator und auf Italiens schwimmenden Palästen, der Saturnia und der Vulcania, tafelte man mit Besteck von Wellner. Viele dieser Bestecke wurden von bekannten Künstlern und Designern wie Peter Behrens oder Joseph Maria Olbrich entworfen.

Kaffeekanne aus dem Service der Neuen Reichskanzlei

Auf dem Produktionshöhepunkt um 1930 wurden in der „Sächsischen Metallwarenfabrik August Wellner Söhne“ rund 4.000 bis 5.000 Dutzend Bestecke sowie anderes metallenes Tafelgeschirr hergestellt.[6] Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Firma in 47 Ländern Europas, Mittelamerikas und Afrikas Niederlassungen und Auslandsvertretungen errichtet, sie machte große Gewinne. Auch in anderen Städten Deutschlands gab es „Wellnerläden“, in denen die Kunden die Tafel-Produkte erwerben konnten.[7]

Im Dritten Reich stattete Wellner die Neue Reichskanzlei Adolf Hitlers sowie zahlreiche Offizierskasinos aus.

Quellen

Im Landratsamt Annaberg-Buchholz, Referat Kreisarchiv Aue, befindet sich eine Materialsammlung zur Geschichte der Wellnerwerke.

Literatur

  • Aus der Geschichte der Auer Besteckherstellung. In: :eprosa - Magazin der Stadtwerke Aue GmbH, Nr. 01/2009.

Weblinks

 Commons: Wellner – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien

Homepage von Wellner/ABS GmbH aus Schneeberg

Einzelnachweise

  1. a b c Information von Jana Hecker, Pressereferentin der Stadtverwaltung Aue vom Mai 2009
  2. Grandioser Name treibt uns an. Vor 100 Jahren starb Carl August Wellner - Tradition des Auer Unternehmens lebt im Kleinen in Schneeberg fort, Artikel vom 24. Mai 2009 in der „Freien Presse“; abgerufen am 4. Juni 2009
  3. Hinweis auf Wellner Silber, mit einer Postadresse in Aue
  4. , Abbildungen von "Wellner Design"-Fälschungen unbekannten Ursprungs und 4 Original-Wellner-Tafelbesteckdekors aus dem Hause Wellner/ABS GmbH Schneeberg ]
  5. Auer ringen um Technikum in Wellner-Brache. Unternehmernetzwerk macht bei Tillich für zentrale Berufsorientierung mobil - Dresden lehnte Projekt ab - Doch Erzgebirger geben es nicht verloren, Artikel in der „Freien Presse“ vom 29. Mai 2009; abgerufen am 4. Juni 2009
  6. Aue im Spiegel historischer Bilder. Industrie- und Stadtentwicklung im 19. Jahrhundert; Hrsg. Stadt Aue, Geiger-Verlag, Horb am Neckar, ISBN 3-89264-540-X.
  7. Westliches Erzgebirge, Wir-Verlag Walter Weller, Aalen 1991, S. 15, ISBN 3-924492-56-5

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