Werner Hilpert


Werner Hilpert

Werner Johannes Hilpert (* 17. Januar 1897 in Leipzig; † 24. Februar 1957 in Oberursel) war ein deutscher Politiker (Zentrum, später CDU) und gilt als einer der Gründerväter der Bundesrepublik Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Am 17. Januar 1897 kam Werner Hilpert als erster Sohn von Johann Baptist und Martha Hilpert, geborene Rabe, in Leipzig auf die Welt. Er wuchs in einfachen Verhältnissen im Stadtteil Neustadt auf. Der Vater arbeitete sich vom Kupferstecher zum Abteilungsleiter bei Giesecke & Devrient hoch. In seiner Schul- und Studiumszeit fiel Hilpert durch seine guten Leistungen auf.Nach Abschluss der Bürgerschule besuchte er das humanistische Nicolaigymnasium, wo er 1915 vom Lehrerkollegium den Nicolaitaner-Preis „für hervorragend tüchtige Leistungen bei lobenswertem Betragen“ erhielt. Aufgrund seiner guten Noten bekam er nach dem Abitur ein Stipendium und im April 1916 begann er mit dem Studium der Nationalökonomie, Rechtswissenschaften und der Philosophie. Dieses musste er im Juli wegen des Kriegsdienstes unterbrechen.

Im Alter von 19 Jahren wurde er zum Heer einberufen und nahm an den Kämpfen in Rumänien und ab 1918 in Frankreich teil. Für seine militärischen Verdienste als Zugführer einer Minenwerfkompanie erhielt Hilpert die sächsische Auszeichnung der Friedrich-August-Medaille in Silber. Zusätzlich wurde er mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet. Als er im November 1918 aus dem Krieg in seine Heimatstadt zurückkehrte, nahm er das Studium wieder auf und promovierte im Juli 1920 zum Doktor der Philosophie. Hilpert wurde als Student Mitglied der katholischen Studentenverbindung Teutonia Leipzig im KV, dem er bis zum Tode verbunden blieb. Hilpert wurde später noch Ehrenphilister der KV-Verbindungen Nassovia-Gießen und Staufia-Frankfurt [1].

Er entschied sich aber nicht für eine akademische Karriere, denn es zog ihn in die Wirtschaft. Seine erste Anstellung fand er bei der im Aufbau befindlichen Sächsischen Staatsbank in Leipzig. Dort arbeitete er zunächst als Volontär und anschließend als Direktionssekretär. Ein halbes Jahr später wechselte er als Assistent zum Leipziger Verband des Einzelhandels. Gegen Ende des Jahres 1922 übernahm er die Funktion eines Syndikus, dessen Aufgabe die Regelung wirtschaftlicher Unternehmer- und Arbeitgeberfragen des Einzelhandels war. Unter seiner Leitung erreichte der Leipziger Einzelhandelsverband eine führende Stellung unter den Verbänden des Einzelhandels in Deutschland. Mit seinem Freund und Kollegen Otto Kitzinger brachte er die Zeitschrift „Der Einzelhandelsdienst“ heraus. Von 1922 bis Ende 1932 übernahm Hilpert zusätzlich zu seinen Tätigkeiten im Leipziger Einzelhandelsverband das Amt des Hauptgeschäftsführers des Verbands deutscher Linoleumhändler, eines Preiskartells. Diese Arbeit führte ihn in alle Gebiete des Deutschen Reichs.

Politik

Hilpert war von 1932 bis 1933 Landesvorsitzender der Zentrumspartei in Sachsen. Durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden ihm alle Funktionen entzogen. Von 1932 bis 1937 war er Vorsitzender der Katholischen Aktion in Sachsen und stand in offener Gegnerschaft zum Nationalsozialismus. In Zusammenarbeit mit Carl Goerdeler war er Berater und Bevollmächtigter jüdischer Bürger bei „Arisierungen“. In der Reichspogromnacht 1938 verbrannte auch sein Büro in einem jüdischen Geschäftshaus. Anschließend saß er wegen seines Widerstandes gegen den Nationalsozialismus 5 ½ Jahre im KZ Buchenwald ein. Hilpert war Zwangsarbeiter im Arbeitslager Ettersberg und trug die Nummer 5618. Anfangs musste er unter Knüppelschlägen und im Laufschritt in der Gärtnerei arbeiten, dessen Kommandeur als tyrannischer Totschläger berüchtigt war. Später kam er dann in die Schneiderei, wo bessere Umstände herrschten. Weil er sich weigerte, eine Unterschrift zu Ungunsten eines jüdischen Mandanten zu leisten, schlug ihm Weihnachten 1939 ein SS-Mann die Zähne aus. Diesen kannte er noch aus seiner Kindheit als Nachbarsjungen in Leipzig. Werner Hilpert gehörte dem Volksfrontkomitee Buchenwald an. Die Begegnung mit dem ebenfalls inhaftierten Eugen Kogon führte zu einer lebenslangen Freundschaft. Nach der Befreiung durch die Amerikaner im Jahr 1945 war er einer von fünf Deutschen beim Internationalen Lagerkomitee Buchenwald. Da er während seiner Gefangenschaft viel Respekt unter den Insassen erlangte, war er besonders dafür geeignet, für die Aufrechterhaltung von Disziplin und Ordnung im Lager zu sorgen. Zu seinen weiteren Aufgaben gehörten unter anderem die medizinische Betreuung und Sicherung der Ernährungslage. Sein Name stand auf den „Weißen Listen“ der Amerikaner und so wurde er mit bestimmten Aufgaben der amerikanischen Militärregierung betraut. Da qualifizierte Personen nach dem Sturz des Nationalsozialismus sehr rar waren, wurde er mit Angeboten überhäuft. Darunter zum Beispiel das Amt des Oberbürgermeisters von Leipzig. Dies lehnte er aber ab.

Der Amerikaner Ernest Biberfield (District Information Services Control Command) informierte die Familie über die baldige Übernahme Thüringens durch die sowjetische Besatzungsmacht und über den im Westen vermissten Sohn Werner Hilpert jr. Eine Suche wäre in der sowjetischen Besatzungszone schwer gefallen. Zudem wurden hier heimkehrende Soldaten oftmals direkt wieder eingezogen. Biberfield bahnte der Familie Hilpert so den Weg in den Westen. Zwar hatte aber Hilpert starke Bedenken, da er seine Freunde und Bekannte nicht im Stich lassen wollte, doch die Umstände ließ er sich überzeugen und reiste auf Einladung des amerikanischen Hauptquartiers nach Frankfurt in die amerikanische Zone. Die Besatzungsmacht plante eigentlich, Hilpert mit der Reorganisation der Filmindustrie zu beauftragen, doch diese Aufgabe wurde hinfällig. Stattdessen wurde er auf Empfehlung der Militärregierung zum Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Frankfurt ernannt.

Hilpert verfolgte kurzfristig zwei Ziele mit der Handelskammer. Zum Einen wollte er die IHK zu einer demokratischen Einrichtung machen und zum Anderen wollte er eine übergeordnete, politische Verwaltungsinstanz für das gesamte Rhein-Main-Gebiet schaffen. Die Rhein-Main-Region war für Hilpert ein typisches Beispiel dafür, dass die politischen Verwaltungsbezirke nicht den Erfordernissen der Wirtschaft entsprachen. Diese Umstände beeinträchtigten die Aufgaben der Kammern wie einheitliche Besteuerung oder Entnazifizierung. Er schlug der Militärregierung also die Schaffung einer Rhein-Main-Handelskammer vor. Davon versprach er sich generell eine Koordinierung der gemeinsamen Arbeit und eine größere Durchschlagskraft bei der Vertretung von Verbandsinteressen. Am 7. August war es in Hessen soweit: Repräsentanten von neun verschiedenen hessischen Kammern traten zusammen und beschlossen, sich alle 14 Tage zu treffen, um in bestimmten Fragen einen einheitlichen Standpunkt zu erzielen. Hilpert beabsichtigte, die Kontakte der Kammern über die amerikanische Zone hinaus zu erweitern. Deshalb nahm er Kontakt zu Kammern der britischen und französischen Zonen auf und lud ihre Vertreter zu Sitzungen ein. Hessens Handelskammern nahmen rasch eine Pionierstellung in Deutschland ein.

Nach 1945 gehörte er zu den Mitbegründern der CDU in Hessen und wurde deren erster Landesvorsitzender. Vom 1. November 1945 bis 5. Januar 1947 war er stellvertretender Ministerpräsident des Landes Hessen.[2] Er war von 1946 bis 1947 Minister für Wirtschaft und Verkehr und vom 6. Januar 1947 bis 1950 Minister der Finanzen. Im Zuge der Debatte um die Rückerstattung geraubten oder entzogenen jüdischen Vermögens gab er Anfang 1950 als hessischer Finanzminister eine Presseerklärung heraus, in der er das zu erstattende Volumen auf 37 Milliarden DM (in heutiger Kaufkraft: 91 Milliarden Euro) schätzte (was zehn mal höher war als später real gezahlt wurde) und kommentierte dies: „Wenn wir diese Summe aufzubringen hätten, müßten wir alle den Gashahn aufdrehen“.[3] Hilpert investierte als Finanzminister Hessens große Summen in das darniederliegende Bildungssystem, das er als Grundstein für die Schaffung einer soliden Demokratie betrachtete. Dem Deutschen Bundestag gehörte er in der ersten Legislaturperiode bis zu seiner Mandatsniederlegung am 10. Oktober 1949 an. Von 1952 bis zu seinem Tode war er Präsident und Finanzdirektor der Deutschen Bundesbahn. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion sprach sich zwar für Hilpert als ersten Präsidenten des gesamten Vorstands aus, Bundeskanzler Adenauer hingegen wollte ihn lieber als Finanzfachmann sehen.

Werner Hilpert gilt als einer der Gründerväter der Bundesrepublik Deutschland und war 1949 der aussichtsreichste Anwärter auf das Amt des Bundeskanzlers und damit Gegenspieler von Konrad Adenauer.

Ehrungen

Nach Werner Hilpert sind eine Vielzahl von Straßen benannt. So etwa die Werner-Hilpert-Str. in Wiesbaden, Kassel, Dietzenbach oder die Hilpertstraße in Darmstadt. In Oberursel wurde eine Siedlung, die Dr.-Werner-Hilpert-Siedlung, nach ihm benannt. In Hamburg-Eidelstedt gibt es seit 1964 in einer Eisenbahnersiedlung einen Hilpertweg.

Literatur

  • Sabine Pappert: Werner Hilpert. Politiker in Hessen 1945–1952. Historische Kommission für Nassau, Wiesbaden 2003, ISBN 3-930221-12-8.

Einzelnachweise

  1. Siegfried Koß in Biographisches Lexikon des KV Band 7 Essen 2010 S. 57 ff
  2. Walter Mühlhausen: Werner Hilpert. In: Bernd Heidenreich: Einheit und Freiheit. Hessische Persönlichkeiten und der Weg zur Bundesrepublik Deutschland. Opladen 2000.)
  3. Constantin Goschler, Schuld und Schulden. Die Politik der Wiedergutmachung für NS-Verfolgte seit 1945. Wallstein, Göttingen 2005, ISBN 3-89244-868-X, Seite 207.

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