Wilhelm E. Mühlmann


Wilhelm E. Mühlmann

Wilhelm Emil Mühlmann (* 1. Oktober 1904 in Düsseldorf; † 11. Mai 1988 in Wiesbaden) war ein deutscher Soziologe und Ethnologe.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Wilhelm Emil Mühlmann wurde in Düsseldorf geboren. Er studierte zunächst in Freiburg Anthropologie, Humangenetik und Philosophie, wechselte später nach Berlin, wo er Ethnologie und Soziologie studierte. Währenddessen, ab 1928, begann er schon zu veröffentlichen und wurde 1931 auch Redakteur der Zeitschrift Sociologus (die zuvor Zeitschrift für Völkerpsychologie und Soziologie hieß und von Richard Thurnwald gegründet worden war). 1932 erfolgte seine Promotion.

Sein erster Versuch, sich in Hamburg zu habilitieren, scheiterte „wegen politischer Unzuverlässigkeit“, so dass er sich erst in Berlin am Kaiser-Wilhelm-Institut 1938 habilitieren konnte. Kurz vor seiner Habilitation noch im Jahre 1938 trat er der NSDAP bei. Fortan arbeitete er als Privatdozent. 1945 ist er mit seiner Frau in ihre ehemalige Heimatstadt Wiesbaden geflohen und untergetaucht, um der Entnazifizierung durch die Alliierten an den Universitäten zu entgehen. Bis 1950 ist kein Vermerk in seinem Lebenslauf auszumachen.

1950 erhielt er an der neu gegründeten Universität Mainz eine Diätendozentur mit dem Titel „Professor“. 1957 berief man ihn zum Ordentlichen Professor für Ethnologie und mit einer Venia für „Soziologie, speziell Völkerpsychologie“. 1960 bekam er den Ruf nach Heidelberg, wo er Institutsleiter wurde und dort bis zu seiner Emeritierung 1970 tätig blieb.

Er starb am 11. Mai 1988 im Alter von 83 Jahren in Wiesbaden.

Werk

Mühlmann arbeitet interdisziplinär vor allem in den Gebieten Sprachwissenschaft, Vor- und Frühgeschichte, Rassenforschung, Volksforschung, Völkerpsychologie und Soziologie, sowie Ethnographie und Ethnologie.

Rasse und Völkerkunde (1936)

Mühlmann definiert Rasse als „eine Gruppe von Menschen, die ähnliche leib-seelische Persönlichkeitszüge aufweisen, und die ihren Gruppentypus durch Siebung und nachfolgende Auslese heranbilden und erhalten.“ (Mühlmann 1936: 213).

Rassen, Ethnien und Kulturen (1964)

Mühlmann unterscheidet hier zwischen einer biologischen, genetisch bedingten „A-Rasse“ und einer soziologischen „B-Rasse“, die aufgrund von Gruppenbildungen und Gruppendifferenzierungen durch Kategorienbildungen entstehen. In seinen Werken über die Rasse beschäftigt sich Mühlmann auch mit „Hierarchien von Rassen“, „Rassenmischung“, „Rassenzüchtung“ und „Rassenhygiene“.

Krieg und Frieden. Ein Leitfaden der politischen Ethnologie (1940)

Mühlmann löst hier den Widerspruch zwischen wissenschaftlich-zivilem und militärisch-politischem Handeln auf. Seiner Meinung nach sind Gesellschaftsprozesse als totaler Krieg zu betrachten. Ein friedliches Verhältnis ist demnach aufgrund der Komplexität der Gesellschaftsverhältnisse reine Fiktion. „Die Extremform des Krieges ist nicht etwa durch besondere Blutigkeit gekennzeichnet, sondern durch besonders planvollen, totalen Einsatz aller geistigen, wirtschaftlichen und technischen Machtmittel […]“. Frieden sei lediglich eine illusorisches Gedankengebilde, in dem Ökonomie, Technik und Wissenschaft nicht ausreichend in gesellschaftliche Zusammenhänge integriert seien.

Assimilation, Umvolkung, Volkswerdung (1944)

Mühlmann kritisierte die Arbeitsweise der bisherigen Völkerkundler, die den Gesellschaften, den Menschen als „Kulturträgern“ zu wenig Beachtung geschenkt, sondern den Fokus zu stark auf die einzelnen Kulturelemente wie Technologie, Religion oder Sprache gelegt hätten. Hierbei kritisierte er auch die Kulturkreislehre von Pater Wilhelm Schmidt und Leo Frobenius. Der Fokus müsse von den Entstehungsmythen auf den „tatsächlichen Aufbau der Gesellschaft“ gelenkt werden.

Wichtig sei ebenso die Auswirkungen von Kontakten zwischen verschiedenen Gesellschaften zu beachten und sich mit „interethnischen Beziehungen“ zu beschäftigen, wobei besonders wichtig auch die Auswirkungen auf das Individuum sei.

Umvolkung umfasst allerdings lediglich einen Vorgang, der sich zwischen zwei Volksgruppen abspielt, was jedoch einen gewissen „volkhaften Reifezustand“ voraussetze.

Als Volk definiert Mühlmann die höchste Form menschlicher Gesellschaft. Wobei es nur wenige „echte Völker“ gäbe. Die meisten Gesellschaften seien lediglich ethnische Schichtungen, Religionsvölker, unverträgliche Mischungen oder schwebende Volkstümer. Als Voraussetzungen für die „Volkswerdung“ nennt Mühlmann: Gegebenheiten des Raumes, der Rasse und der geistigen Mächte. So sei beispielsweise den „Negriden“ im Gegensatz zu den „Mongoliden“ und vor allem den „Europiden“ der Schritt zur „Volkwerdung“ noch nie gelungen. Die Juden seien das „Scheinvolk“ schlechthin. Zu den „Schwebevölkern“ und „Scheinvölkern“ gehören bei Mühlmann auch Mestizen, Mulatten und Landstreicher. Ute Michel stellt die Verbindung zwischen Mühlmanns Terminus und der NS-Politik her: „Hier wird ein auf NS-Interessen zugeschnittener, ‚volkspolitischer’ Terminus erfunden, der eine umfassende ethnosoziologische Kategorie bildet, der sich willkürlich ethnisch verfolgte und religiös geächtete Bevölkerungsgruppen sowie soziale Randgruppen zuordnen ließen. Zugleich verschafft diese Kategorie dem NS-System den Anschein wissenschaftlicher Legitimität“.[1]

Zur weiteren Differenzierung prägte Mühlmann den Begriff der Ethnie. Im Fall der „interethnischen Beziehungen“ sei demzufolge der „Assimilationsbegriff“ dem der „Umvolkung“ vorzuziehen. Die Wirksamkeit der Assimilation lässt sich nach Mühlmann an fünf Indikatoren messen: Statistik und Demographie der Naturvölker, Sprachenstatistik, Religionsstatistik, politische Expansion, kulturell-wirtschaftliche Expansion.

Veröffentlichungen (Auswahl)

  • Rassen- und Völkerkunde: Lebensprobleme der Rassen, Gesellschaften und Völker. Braunschweig, 1936
  • Methodik der Völkerkunde, 1938
  • Krieg und Frieden. [o. O.], 1940
  • Assimilation, Umvolkung, Volkwerdung. Ein globaler Überblick und ein Programm, Stuttgart 1944
  • Die Völker der Erde, Berlin 1944
  • Chiliasmus und Nativismus, [o. O.], 1961
  • Homo Creator, 1962
  • Rassen, Ethnien, Kulturen, Neuwied/Berlin 1964
  • Geschichte der Anthropologie, 1968

Literatur

  • Hans Fischer: Völkerkunde im Nationalsozialismus: Aspekte der Anpassung, Affinität und Behauptung einer wissenschaftlichen Disziplin. Berlin-Hamburg 1990.
  • Frank-Rutger Hausmann: Der ‚Kriegseinsatz’ der Deutschen Geisteswissenschaften im Zweiten Weltkrieg (1940-1945). In: Winfried Schulze/Otto Gerhard Oexle (Hrsg.): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus. Frankfurt am Main 1999. S. 63-86.
  • Siegfried Jäger: Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung. Duisburg 2001.
  • René König: Soziologie in Deutschland. Begründer, Verfechter, Verächter. München/Wien 1987.
  • Ute Michel: Wilhelm Emil Mühlmann (1904-1988) – ein deutscher Professor. Amnesie und Amnestie. Zum Verhältnis von Ethnologie und Politik im Nationalsozialismus. In: Jahrbuch für Soziologiegeschichte 1991, Opladen 1991. S. 69-119.
  • Ernst Wilhelm Müller: Wilhelm Emil Mühlmann. In: Zeitschrift für Ethnologie, Nr.114, 1989, S. 1-15.
  • Fritz K. Ringer: Die Gelehrten. Der Niedergang der deutschen Mandarine 1890–1933. Stuttgart 1983.
  • Hellmut Seier: Die nationalsozialistische Wissenschaftspolitik und das Problem der Hochschulmodernisierung. In: Walter Kertz (Hrsg.): Hochschule und Nationalsozialismus, Braunschweig 1994. S. 55-67.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Ute Michel: Wilhelm Emil Mühlmann (1904-1988) – ein deutscher Professor. Amnesie und Amnestie: Zum Verhältnis von Ethnologie und Politik im Nationalsozialismus. In: „Jahrbuch für Soziologiegeschichte, 1991. S. 97. Zitiert nach: König: http://www.univie.ac.at/voelkerkunde/html/inh/fors/fors_pdf/Muehlmann.pdf

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