Wirtschaftsgeschichte der Stadt Stolberg (Rheinland)


Wirtschaftsgeschichte der Stadt Stolberg (Rheinland)
Stolberger Zink Bergwerke GmbH
NS-Denkmal am Museum Zinkhütter Hof

Die Bergbau-, Wirtschafts- und Umweltgeschichte der Stadt Stolberg (Rheinland) ist eng mit dem Wirtschaftsraum „Aachener Revier“ und dem Eschweiler Bergbau verzahnt. Sie ist jedoch im Gegensatz zu diesem viel weniger von Steinkohle, sondern mehr von Erzabbau und Erzverarbeitung geprägt. Es handelt sich in erster Linie um Blei- und Zinkerz. Das Museum Zinkhütter Hof ist ein Museum für Industrie-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Stolberg-Münsterbusch.

Dieser Artikel behandelt den Bergbau und die damit zusammen hängende Wirtschafts- und Umweltgeschichte des Großteils des Stadtgebiets des heutigen Stolbergs. Dieses Stadtgebiet ist seit Beginn des 19. Jahrhunderts in mehreren Etappen stark gewachsen, so dass die meisten der hier behandelten Objekte erst im Laufe der Zeit unter Stolberger Verwaltung kamen. Sie gehörten unter anderem zu Breinig, Büsbach, Eilendorf, Eschweiler, Gressenich, Hastenrath und Kornelimünster.

Inhaltsverzeichnis

Messingindustrie und Montanunternehmen

Eine herausragende Besonderheit der Stolberger Bergbau-, Wirtschafts- und Umweltgeschichte sind die so genannten Kupferhöfe und Reitwerke. Neben der Duldung ihrer Religion war für die evangelischen Industriellen auch die Wasserkraft der Vicht und die in nächster Nähe liegende Steinkohle des Indereviers von entscheidender Bedeutung. Eisenstein wurde in dieser Region unter anderem in der Hastenrather Grube Albert gewonnen.

1834 wurde die Zinkhütte Münsterbusch von John Cockerill als Rösthütte gegründet; 1967 wurde sie geschlossen. Als Warenzeichen des hier gewonnenen Zinks diente das Kürzel SS für Société Stolberg.

1838 wurde die Metallurgische Gesellschaft zu Stolberg von Kaufleuten und Grubenbesitzern gegründet und war als erstes Stolberger Unternehmen sowohl im Bergbau als auch in der Metallurgie tätig. In ihrem Besitz befanden sich die Erzgrube Diepenlinchen, die Erzgrube Breinigerberg, die Grube James und die Zinkhütte Münsterbusch. 1922 wurde mit der Eschweiler Gesellschaft eine Betriebsgemeinschaft gebildet und 1926 fusioniert. 1938 wurde sie – in der Zwischenzeit zur Stolberger Gesellschaft umfirmiert – in Stolberger Zink Bergwerke GmbH umbenannt.

1851 ging die Allianz aus der Kommanditgesellschaft Bredt & Co. hervor. Sie besaß zeitweise die Grube Albert, die Grube Wolfeter Hoffnung und die Erzgrube Zufriedenheit, und nach ihrer Auflösung 1856 gelangte der Hauptteil ihres Grubenbesitzes an die Eschweiler Gesellschaft und die Stolberger Gesellschaft.

Bergwerke und Bleihütten auf dem heutigen Stadtgebiet

Breinig

Breinig wurde 1972 eingemeindet.

Büsbach

Büsbach wurde 1935 eingemeindet.

Eilendorf

Teile Eilendorfs wurden 1935 eingemeindet. Das verbliebene Eilendorf wurde 1972 in die Stadt Aachen eingemeindet.

Eschweiler

Eschweiler ist eine eigenständige Nachbarstadt Stolbergs. Mehrere Stadtteile kamen 1935 von Eschweiler an Stolberg. Siehe Zinkhütte Birkengang, Zinkhütte Steinfurt und Zinkhütte Velau.

Gressenich

Gressenich wurde 1972 eingemeindet.

Hastenrath

Hastenrath war bis 1932 eigenständig. 1932 kam der Südteil des Bürgermeistereigebiets zusammen mit der Erzgrube an Gressenich und der Nordteil zusammen mit Scherpenseel, Volkenrath, Bohl und Nothberg an Eschweiler.

Stolberg

Zwangsarbeit und Deportation

Die metallverarbeitende Industrie, vor allem die Firmen Prym und Stolberger Metallwerke, stellte im Zweiten Weltkrieg auf Rüstungsproduktion um. Zwangsarbeiter, die produktionsnah in Baracken untergebracht wurden, ersetzten nicht nur die eingezogenen Arbeitskräfte der Industrie, sondern sicherten auch die Erfüllung von Großaufträgen für die Rüstung. Nach dem EBV war die Stolberger Industrie mit cica 2.500 Zwangsarbeitern (davon 600 Kriegsgefangene) der größte Einsatzort für Zwangsarbeiter im Kreis Aachen. Im Juni 1944, drei Monate vor der Ankunft der US-amerikanischen Truppen in Stolberg, erreichte die Zwangsarbeiterbeschäftigung mit über 2.200 Zwangsarbeitern und 800 Kriegsgefangenen ihren Zenit. Der Anteil ausländischer Arbeiter in den industriellen und handwerklichen Berufen lag in Stolberg damals bei vierzig Prozent (Reichsdurchschnitt 29 Prozent). Insgesamt gab es mindestens 38 größere Zwangsarbeiter- und Kriegsgefangenenlager im gesamten Stadtgebiet.

Im November 1941 errichtete die Gestapo auf dem Gelände der Kali-Chemie AG an der Rhenaniastraße ein Lager für 121 jüdische Zwangsarbeiter, die bis Juni 1942 in den benachbarten Fabriken zwölf Stunden pro Tag Zwangsarbeit verrichten mussten und Schikanen der Aufseher ausgesetzt waren. Nur kurze Zeit bestand im Sommer 1942 ein Durchgangslager in RAD-Baracken in Mausbach, in dem etwa dreihundert Juden unter unmenschlichen Bedingungen auf ihre Deportation warten mussten. William Prym beschäftigte während des Zweiten Weltkrieges rund fünfhundert Insassen der Gefängnisse Köln und Aachen in so genannter Heimarbeit. Im Sommer 1942 wurden der Stolberger Industrie osteuropäische Zwangsarbeiter in großer Zahl zugewiesen. Im Juni dieses Jahres brachte die Zinkhütte Münsterbusch 106 Männer auf ihrem Betriebsgelände in der Cockerillstraße unter, die Dalli-Werke 42 Frauen und die Aktienspinnerei 20 Frauen. Am 29. Juli 1942 quartierten die Stolberger Vereinigte Glaswerke in einem Lager auf ihrem Betriebsgelände 68 Männer ein. Ab August 1942 mussten bei der Firma Kerpen & Co. und den Stolberger Metallwerken jeweils 22 extern untergebrachte Frauen, und bei William Prym 28 ebenso lokalisierte Männer Zwangsarbeit leisten. An fast allen Standorten sowie im Lager an der Rhenaniastraße wurden nach der Deportation der jüdischen Insassen auch Kriegsgefangene festgehalten, die zur Zwangsarbeit gezwungen wurden. Die Betriebsfeuerwehr galt wegen der von ihr verübten Misshandlungen als "Werks-SS". Am 25. April 1944 wurden drei polnische Jugendliche in der Nähe ihres Lagers am Stolberger Bahnhof vor den Augen zahlreicher deutscher Zeugen und Gäste sowie hunderter polnischer Zwangsarbeiter von der Aachener Gestapo hingerichtet, weil sie einige Lebensmittel aus einem Waggon am Aachener Westbahnhof entwendet haben sollten. Insgesamt kamen in Stolberg 52 Zwangsarbeiter zu Tode, davon einer von sechs Landarbeitern im damaligen Stadtgebiet, der 16. Dezember 1942 auf einem Bauernhof in Büsbach – ganz in Einklang mit den Empfehlungen der Landesbauernschaft Rheinland – wegen angeblich mangelnder Arbeitsleistung durch Nahrungsverweigerung starb[1].

Umweltschutz

Stolbergs frühe Industrialisierung brachte Belastungen der Menschen in Stolberg und Umgebung der und Stolberger Umwelt durch Schwefelsäure, Schlacke und Schwermetalle wie Cadmium, Zink und Blei mit sich.

Schwermetallemissionen

Ein Hauptbelaster war die Bleihütte Binsfeldhammer. Obwohl Abgaselektrofilter und weitere Maßnahmen eingebaut wurden, kam es immer wieder zu erhöhten und gesundheitsgefährdenden Schwermetallniederschlägen, die sich in den speziell Stolberger Krankheiten und Phänomenen der Bleikinder bei Menschen und der Gressenicher Krankheit bei Tieren manifestierten. 1965 wurden Fälle der Gressenicher Krankheit aus Diepenlinchen, Gressenich und Oberstolberg offiziell bekannt. Lag im Sommer 1982 der Blei- und Cadmiumgehalt im Blut Stolberger Kinder bei einem Maximalwert von 38,5 µg Pb / 100 ml Blut, so betrug er im Jahre 1990 nunmehr 15,5 µg Pb / 100 ml Blut.

Trinkwasser

Die Zink- und Bleiwerte im Stolberger Trinkwasser entsprachen meist den Vorschriften der Trinkwasserverordnung, wohingegen der Cadmium-Grenzwert bei Untersuchungen im Jahre einige Male überschritten wurde. Nach dem Umbau der Wasseraufbereitungsanlagen sanken die Zink- und Cadmiumwerte unter die Grenze der Trinkwasserverordnung. Zwischen 1974 und 1981 sank dank erheblicher Reduktionen des Hauptemittenten Stolberger Metallwerke die Feststoffemission von 386.851 kg/a um 87 Prozent auf 57.689, die Zinkemission von 215.130 kg/a um 95 Prozent auf 10.769 kg/a. Die Bleiemission ging von 33.087 kg/a um 44 Prozent auf 18.456 kg/a zurück. Seit 1991 findet in der Bleihütte Binsfeldhammer, die 1983 noch für 99,6 Prozent der Bleiemissionen und 91,2 Prozent der Cadmiumemissionen verantwortlich war, das emissionsarme QSL-Verfahren Anwendung. 1990 wurde eine von der Stadt Stolberg und dem Kreisgesundheitsamt Aachen in Eschweiler in Auftrag gegebene umweltmedizinisch-epidemiologische Studie zur Schwermetallbelastung der Bevölkerung vorgestellt, die zu dem Ergebnis gelangte, dass eine weitere Beobachtung nicht mehr erforderlich sei.

Haldensanierung

Im Zuge des Umweltschutzprogramms wurden zahlreiche Halden als sekundäre Schwermetallemittenten saniert und dienen renaturiert der Naherholung oder rekultiviert als Gewerbefläche.

Bergehalden aus den Erzbergwerken

Ein großer Teil der Erzbergbauhalde Diepenlinchen wurde als Gewerbefläche hergerichtet, die Mülldeponie, die sich auf einem anderen Teil befand, rekultiviert. Auf ungenutzten Teilen bildet sich natürlicher Bewuchs. Gegenüber der Halde Diepenlinchen liegt die Halde Weißenberg, die aus Flotationsrückständen der Erzanreicherung besteht. Ihre Hänge wurden in den 1970er Jahren gesichert, ihre Fläche übererdet und sämtliche Lücken des natürlichen Bewuchses geschlossen. Außerdem wurden Maßnahmen zum Schutz des Grundwassers getroffen.

Hüttenschlackenhalden

Um 1970 wurde die Halde Schlossberg rekultiviert, deren Material von den Blei- und Zinkhütten in Münsterbusch stammte. Die Räumaschenhalden Kohlbusch Süd und Nord wurden zum Zwecke der Weiterverwertung abgebaut und danach bepflanzt. Die Bleischlackenhalde Münsterbusch, deren Material größtenteils für den Deichbau in den Niederlanden Verwendung fand, wurde durch das Aufbringen von Bodenmassen und Begrünung rekultiviert und dient seither als Grünanlage mit einem Bolzplatz und Spielplatz. Die Räumaschenhalde Birkengang, bekannt durch die in ihrer Mitte gelegene und im Volksmund Teufelsinsel genannte Werkssiedlung Birkengang wurde 1980 von der Stadt Stolberg von der Stolberger Zink AG erworben und 1987 bis 1992 für 2.280.000 DM durch Planierung, Abdeckung mit Erdreich, Bepflanzung und Ableitung des Sickerwassers rekultiviert. Noch heute in Betrieb ist die Bleischlackenhalde Binsfeldhammer.

Chemiehalden

Durch Umleitung des Sickerwassers, das die angrenzenden Fließgewässer Inde und Saubach belastet, in die Kläranlage Steinfurt, sollen der so genannte Vegla-Polder und die aus Calciumsulfid, Asche, Kalk- und Steinkohleresten bestehende Reststoffhalde der Sodaproduktion nach dem Leblanc-Verfahren neben dem Betriebsgelände der ehemaligen Rhenania bzw. Kali-Chemie in der Atsch saniert werden.

Einzelnachweise

  1. Zwangsarbeit in der Grenzzone. Der Kreis Aachen im Zweiten Weltkrieg. von Thomas Müller. Aachen 2003. Printversion einer vom Kreis Aachen in Auftrag gegebenen und finanzierten Studie an der RWTH Aachen: Zwangsarbeit im Kreis Aachen, bearbeitet von Thomas Müller, Aachen 2002. [1]

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