Wissenschaftslehre


Wissenschaftslehre

Die Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (EA 1794/95) ist das Hauptwerk des Philosophen Johann Gottlieb Fichtes. Im Jahre 1794 mit Antritt seiner Professur in Jena veröffentlichte Fichte seine Wissenschaftslehre zum ersten Mal. Bis zu seinem Tode arbeitete Fichte an diesem Werk und gab noch neun weitere Versionen heraus.

Inhaltsverzeichnis

Grundgedanken

Fichte geht es um das Ich als festem Punkt.

Er unterscheidet zwischen dem empirischen, jedem Menschen mehr oder weniger bewussten Alltags-Ich aus der Kategorie Raum und Zeit einerseits und einem wahren echten Ich andererseits, das jedem bewusst werden kann durch eine entsprechende Bewusstseinsentwicklung.

Ersteres ist ein Seiendes in Raum und Zeit, also in objektiven Kategorien fassbar. Letzteres dagegen ist strikt an einen erstpersonalen Zugang gebunden. Jeder muss es durch eigenes Handeln realisieren, ausführen (Tathandlung).

Die Ichentwicklung folgt nicht begrifflichem Verstandesdenken, sondern einer über dieses hinausgehenden intellektuellen Anschauung. Für diese sind qualitative Aspekte wesentlich, die nicht in einem abstrahierbaren Gedankeninhalt erfassbar sind.

Das bekannteste Beispiel, das der Jenaer Student Henrik Steffens überliefert hat, ist Fichtes Aufforderung an seine Studenten, die Wand zu denken und danach den zu denken, der die Wand gedacht hat (letzteres mit der intellektuellen Anschauung).

Rezeption

Ein Grund für die zahlreichen Überarbeitungen des Werks kann darin gesehen werden, dass es damals wie heute kaum verstanden wurde.

Eine Ausnahme stellen die Fichte-Studien der Frühromantiker wie Friedrich von Hardenberg (Novalis), Friedrich Schlegel oder Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher dar.

Johann Gottlieb Fichtes Sohn Immanuel Fichte veröffentlichte die Werke seines Vaters in der ersten Gesamtausgabe. In Studien wie Das Erkennen als Selbsterkennen versucht er dessen Gedanken herauszuarbeiten.

Auch Rudolf Steiners Rostocker Promotionsarbeit Wahrheit und Wissenschaft versucht einen Schlüssel zum Verständnis der Wissenschaftslehre zu geben.

Siehe auch: Neufichteanismus.

Sekundärliteratur

  • Peter Baumanns: Fichtes ursprüngliches System: sein Standort zwischen Kant und Hegel, Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog, 1972-
  • Otto A. Böhmer: Faktizitaet und Erkenntnisbegruendung : e. Unters. zur Bedeutung d. Fakt. in d. frühen Philosophie J. G. Fichtes, Frankfurt [Main]: R. G. Fischer, 1979-
  • Eberhard Braun: Die Transzendentale Selbstreflexion des Wissens: Gegenstand und Methode der Wissenschaftslehre J. G. Fichtes, Tübingen (Diss.) 1972.
  • Michael Brüggen: Fichtes Wissenschaftslehre: das System in der seit 1801/02 entstandenen Fassungen, Hamburg: Meiner, 1979.
  • Katja Crone: Fichtes Theorie konkreter Subjektivität: Untersuchungen zur "Wissenschaftslehre nova methodo", Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2005.
  • Wolfgang Janke: Johann Gottlieb Fichtes "Wissenschaftslehre 1805": methodisch-systematischer und philosophiegeschichtlicher Kommentar, Darmstadt: Wiss. Buchges., 1999.
  • Hans-Jürgen Müller: Subjektivitaet als symbolisches und schematisches Bild des Absoluten: Theorie der Subjektivität und Religionsphilosophie in der Wissenschaftslehre Fichtes, Königstein/Ts. : Athenaeum, 1980.
  • Andreas Schmidt: Der Grund des Wissens: Fichtes Wissenschaftslehre in den Versionen von 1794/95, 1804/II und 1812, Paderborn: Schöningh, 2004.
  • Ulrich Schwabe: Individuelles und Transindividuelles Ich. Die Selbstindividuation reiner Subjektivität und Fichtes Wissenschaftslehre. Mit einem durchlaufenden Kommentar zur Wissenschaftslehre nova methodo Paderborn u.a. 2007
  • Günter Schulte: Die Wissenschaftslehre des späten Fichte, Frankfurt am Main: Klostermann, 1971.
  • Ingeborg Schüßler: Die Auseinandersetzung von Idealismus und Realismus in Fichtes Wissenschaftslehre: Grundlage der Gesamten Wissenschaftslehre 1794/5; zweite Darstellung der Wissenschaftslehre 1804, Köln (Diss.) 1969.
  • Katja V. Taver: Johann Gottlieb Fichtes Wissenschaftslehre von 1810: Versuch einer Exegese, Amsterdam: Rodopi, 1999.

Weblink


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