Yazilikaya


Yazilikaya
Yazılıkaya Kammer A

Yazılıkaya (türkisch beschriebener Stein) ist ein hethitisches Heiligtum. Es liegt zwei Kilometer nordöstlich der damaligen Hauptstadt Hattuša in der türkischen Provinz Çorum beim heutigen Ort Boğazkale. Die vom Heiligtum nach oben offenen natürlichen Felskammern A und B haben eine Wandhöhe von zwei bis zwölf Metern. Dort sind Reliefs von hethitischen Göttern und vom Großkönig Tudhalija IV. zu sehen.

Inhaltsverzeichnis

Funktion

In Yazılıkaya wurden Gegenstände aus der frühen Bronzezeit, dem dritten Jahrtausend v. Chr., gefunden, ob aber in dieser Zeit das Areal bereits als Kultplatz genutzt wurde, ist nicht nachweisbar. Etwa seit dem 15. Jahrhundert v. Chr. ist durch zahlreiche Funde von hethitischer Keramik sowie durch eine den Kammern vorgelagerte Mauer, die einen Abschluss nach außen bildet, zu vermuten, dass hier Versammlungen einer Kultgemeinde stattfanden. Im 13. Jahrhundert v. Chr., vermutlich unter Tudhalija IV., wurden Reliefs und Vorbauten erstellt. Nach Einschätzung des Archäologen Jürgen Seeher vom DAI, der die Ausgrabungen in Hattuša bis 2006 leitete, stellt Yazılıkaya ein „Neujahrsfesthaus [dar], das Haus des Wettergottes, in dem sich alljährlich zum Neujahrs- und Frühlingsfest alle Götter vereinigen“.[1] Zu diesem Neujahrsfest, bei dem gleichzeitig der Großkönig in seinem Amt bestätigt wurde, fand wahrscheinlich vom großen Tempel in Hattuša, in dem der Wettergott verehrt wurde, eine Prozession nach Yazılıkaya statt.[2] Trotz der Fülle der in der Stadt gefundenen Tontafeln fand sich aber dort kein direkter Hinweis auf das Heiligtum, sodass der damalige Name der Stätte nicht bekannt ist und über die genaue Funktion des Geländes nur Vermutungen angestellt werden können.[3] Volkert Haas sieht einen Zusammenhang mit dem itkalzi-Ritual auf Grund von deutlichen Übereinstimmungen in der Beschreibung der Götterabfolge mit dem Hauptrelief von Yazılıkaya. Dabei handelt es sich um ein hethitisch-hurritisches Reinigungszeremoniell.[4] Daniel Schwemer hält die von H. G. Güterbock vorgeschlagene Interpretation des Ortes als ḫuwaši-Heiligtum für wahrscheinlich. Ḫuwaši-Heiligtümer dienten der Verehrung eines Gottes, in diesem Fall des Wettergottes, repräsentiert durch eine Felsstele oder einen Felsblock, wobei dieser ebenfalls als ḫuwaši bezeichnet wurde.[5] Zudem weist Schwemer auf die Ähnlichkeiten der Abfolge der Götter in den Reliefs mit der Abfolge der Götter in den hurro-hethitischen kaluti-Opferlisten hin.[6] Daneben ist auch eine Nutzung als Begräbnisstätte nachgewiesen. In zwei Felsspalten an der nördlichen Außenseite sind Bestattungen gefunden worden, die durch beigegebene Keramikfunde in die hethitische Großreichszeit datiert werden konnten.[7] Im zur Kammer B führenden Gang wurden in einer Felsmulde drei zusammengepresste Skelette gefunden.[8]

Vorbau

Die beiden Kammern wurden ursprünglich durch eine Mauer nach außen abgeschlossen, die aber im Zuge der Ausgestaltung im 13. Jahrhundert durch ein tempelartiges Gebäude ersetzt wurde, das den Eingang zum Heiligtum bildete. Es war in der typischen auch in Hattuša vielfältig zu findenden Lehmziegelbauweise erstellt. Daher sind heute nur noch die niedrigen Mauerfundamente aus Stein zu sehen. Man betrat den Tempel von der Schmalseite über Treppen durch ein allein stehendes Torgebäude. Dahinter führten weitere Stufen in den Innenhof des eigentlichen Tempelgebäudes, der von verschiedenen Räumlichkeiten, wahrscheinlich Wirtschaftsräumen und Depots, umgeben war.[9] Ein Altar im Innenhof lässt Seeher darauf schließen, dass hier Reinigungen und erste rituelle Handlungen stattfanden.[1] Wiederum über Treppen gelangte man hinaus in offenes Gelände, das geradeaus in die größere Kammer A übergeht, während rechts ein schmaler Gang in Kammer B führt.

Kammer A

Kammer A, Großkönig Tudhalija IV.
Hauptszene in Kammer A, Zeichnung von Charles Texier - Foto siehe unten

Die erheblich größere der beiden Kammern ist zu Anfang etwa 20 m breit und verjüngt sich, bis nach etwa 30 m die Wände aufeinandertreffen. Der Fußboden war ursprünglich gepflastert, im hinteren Teil von einer Stufe unterbrochen und stieg danach bis zur Rückwand leicht an. Die Felswände sind fast vollständig mit Reliefs versehen. Unterhalb der Reliefs sind teilweise aus dem Fels gehauene, teilweise aus Steinen gebaute Podeste, die vermutlich dem Abstellen von Weihegaben dienten.[9] Auf der linken Wand ist eine Prozession von (mit zwei Ausnahmen) männlichen Göttern zu sehen, den Blick nach rechts gewendet, denen auf der rechten Seite weibliche Gottheiten entgegenkommen. Die Prozessionen treffen sich schließlich in einem etwa rechteckigen Raum, an dessen linker Wand sich die Hauptszene befindet. Zu den männlichen Göttern gehören der Wassergott, der Sonnengott des Himmels, Kriegsgötter, Berggötter, Unterweltsgötter, zwei Stiermenschen und einige nicht identifizierbare. Dazwischen die beiden weiblichen Gestalten Ninatta und Kulitta, die Dienerinnen von Šawuška, einer hethitischen, vermännlichten Form der akkadisch-assyrischen Ištar[10]. Die weiblichen Gottheiten auf der rechten Seite sind durch ihren Erhaltungszustand noch schlechter zu bestimmen, darunter sind die Schicksalsgöttinnen, die Gemahlinnen des Wassergottes und des Mondgottes und einige andere, von denen lediglich der Name bekannt ist. Der Name der Göttin Šawuška taucht auch in der Reihe der Göttinnen auf, jedoch ist die Zuordnung des Namens zu einer bestimmten Figur problematisch.[11] Die Götter tragen Schnabelschuhe, kurzen Rock und Spitzmütze und sind zum Teil bewaffnet, während die Göttinnen ebenfalls mit Schnabelschuhen, aber langen Faltenröcken und hohen Hüten bekleidet sind. Vor den Köpfen über den ausgestreckten Armen der meisten Gestalten sind luwische Hieroglyphen, die den Namen angeben und die noch nicht vollständig entziffert werden konnten. (Stand 2009)

Auf der Hauptszene treffen sich die beiden Hauptgötter. Links steht Teššup, der Wettergott des Himmels auf zwei Berggöttern, ihm gegenüber seine Gemahlin Hepat auf einem Leoparden, der wiederum auf vier Bergen steht. Links von Teššup steht auf zwei Bergkegeln ein anderer Wettergott, vielleicht von Hattuša[1], nach anderer Ansicht Tašmišu[12], und ein weiterer Gott, den Seeher wie auch schon Güterbock für Kumarbi, den Vater von Teššup hält. Rechts hinter Hepat ist Šarruma zu sehen, Sohn des obersten Götterpaares (und persönlicher Schutzgott von Tudhalija IV.), ebenfalls auf einem Leoparden stehend. Dahinter folgen zwei gleich aussehende Göttinnen, die über einem Doppelkopfadler mit ausgebreiteten Schwingen stehen. Nach H. G. Güterbock handelt es sich um Allanzu und Kunzišalli, Tochter und Enkelin des Hauptgötterpaares.[9]

Auf einer Felswand am Ende der weiblichen Götterprozession, die gegenüber dem Hauptrelief liegt, ist der einzige Mensch unter den Göttern abgebildet, Großkönig Tudhalija IV. Er ist größer dargestellt als alle anderen Figuren und blickt als vermutlicher Erbauer der Stätte direkt auf die Hauptgötter. Bekleidet ist er mit einem langen Mantel und Schnabelschuhen. In der Hand hält er eine Art Krummstab. Er steht auf zwei Bergkuppen und trägt rechts ein Schwert, das allerdings vom Gewand verdeckt ist, sodass nur der Griff sichtbar ist.[9] Über seinem ausgestreckten Arm ist seine Namenskartusche eingemeißelt.

Die größte der Figuren ist mit über zwei Metern Tudhalija, die beiden Hauptgötter Teššup und Hepat sind fast lebensgroß, danach nimmt die Größe der Götter ab. Die kleineren Gestalten an den Längswänden sind etwa 75 bis 85 cm groß.[9]

Kammer B

Prozession der zwölf Unterweltgötter in Kammer B

Den Eingang zur Kammer B bildet ein enger Felsspalt, der rechts und links von zwei Dämonenreliefs flankiert wird. Der eigentliche Innenraum ist 18 m lang und zwischen zwei und vier Meter breit. Man betritt die Kammer am breiteren Ende. Hier ist eine Kalksteinplatte zu erkennen, die zu einer jetzt im Museum von Boğazkale ausgestellten Statuenbasis passt, die 1981 in einem Nachbardorf gefunden wurde. Da sich an der Wand eine weitere Namenskartusche Tudhalijas befindet, ist es möglich, dass sich hier ein Standbild des Großkönigs befand.[13] Es wird auch vermutet, dass die Ausgestaltung dieser Kammer von Großkönig Šuppiluliuma II. als Gedenkstätte für seinen Vater Tudhalija in Auftrag gegeben wurde. Untermauert wird diese Vermutung durch einen Text,[14] in dem Šuppiluliuma von der Errichtung eines NA4hekur (ein Felsenheiligtum) und einer Statue für den Totengeist seines Vaters berichtet. Da die Kammer mit Erde verschüttet war und erst im 19. Jahrhundert freigeräumt wurde, sind die Reliefs erheblich besser erhalten als in Kammer A.

An der linken Wand der sich verjüngenden Kammer entdeckt man zunächst das Bild des Schwert- bzw. Unterweltgottes Nergal. Es zeigt unten die Klinge eines Schwertes, die nach oben in den Oberkörper eines Mannes übergeht. Die Schultern werden von zwei Löwen gebildet, der Schwertgriff beziehungsweise Rumpf nochmals durch zwei senkrecht mit dem Kopf nach unten liegende Löwen. Rechts daneben ist nochmals Tudhalija in ähnlicher Kleidung wie in Kammer A abgebildet, hier jedoch, wie er von seinem persönlichen Schutzgott Šarruma umarmt wird. Hinter der Spitzmütze des Gottes ist wieder die Namenskartusche des Großkönigs, zusätzlich über dem gestreckten Arm das Zeichen für Held.

Auf der gegenüberliegenden Wand befindet sich das wohl bekannteste Relief von Yazılıkaya, die Prozession der Unterweltgötter. Die zwölf absolut gleichen Figuren mit einem Sichelschwert in der rechten Hand, bekleidet mit kurzem Rock, Schnabelschuhen und dem Spitzhut, der sie als Götter kennzeichnet, marschieren im Gleichschritt nach rechts. Die gleichen zwölf Götterfiguren bilden auch in Kammer A den Abschluss der männlichen Götterprozession, dort allerdings wesentlich schlechter erhalten.[15] Tudhalija ist auch in dieser Kammer das einzige dargestellte menschliche Wesen.

Forschungsgeschichte

Im Gegensatz zur Stadt Hattuša lagen die Reliefs von Yazılıkaya, zumindest die der großen Kammer A, immer offen zu Tage. Als erstes dokumentierte sie der französische Reisende Charles Texier im Jahre 1834, der den Ort fälschlich als Pteria identifizierte. Auch in der Folgezeit wurden sie von vielen Reisenden besucht und beschrieben, konnten aber nicht zugeordnet werden. 1858 legte H. Barth erstmals die Reliefs in Kammer B frei, die aber später teilweise wieder verschütteten und 1893 endgültig von Ernest Chantre aufgedeckt wurden. Carl Humann erstellte 1882 Abgüsse, die sich heute in der Gipsformerei verschiedener Berliner Museen befinden. Erst nachdem der deutsche Archäologe Hugo Winckler 1906 Hattuša als die Hauptstadt des Hethiterreiches erkannt hatte, konnte auch das Heiligtum dem bis dahin nahezu unbekannten Volk zugeschrieben werden. Eine systematische Erforschung des Geländes nahm 1935 Kurt Bittel vor, die 1939 kriegsbedingt eingestellt wurde und 1966–1972 weitergeführt wurde.[9]

Gemeinsam mit Hattuša wurde Yazılıkaya 1986 in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen.[16]

Literatur

  • Kurt Bittel u.a.: Yazilikaya. Architektur, Felsbilder, Inschriften und Kleinfunde. Otto Zeiler, Osnabrück 1967 (Neudruck der Ausgabe von 1941) (Wissenschaftliche Veröffentlichungen der Deutschen Orient-Gesellschaft. Bd. 61).
  • Kurt Bittel u.a.: Das hethitische Felsheiligtum Yazilikaya. Gebr. Mann, Berlin 1975, ISBN 9783786122128 (Bogazköy-Hattusa. Bd. 9).
  • Birgit Brandau, Hartmut Schickert: Hethiter, die unbekannte Weltmacht. Piper, München 2001, ISBN 3-492-04338-0.
  • Hans Gustav Güterbock: Les Hiéroglyphes de Yazilikaya. A propos d'un Travail récent. Institut Francais d'etudes anatoniennes, Paris 1982, ISBN 2-86538-039-4 (Editions Recherche sur les civilisations. Synthèse. Bd. 11).
  • Emilia Masson: Le panthéon de Yazilikaya. Nouvelles lectures. Editions ADPF, Paris 1981, ISBN 2-86538-012-2 (Recherche sur les grandes civilisations, Synthèse. Nr. 3).
  • Peter Neve: Ḫattuša: Stadt der Götter und Tempel ; neue Ausgrabungen in der Hauptstadt der Hethiter. Philip von Zabern, Mainz 1993, ISBN 3-8053-1478-7.
  • Jürgen Seeher: Hattuscha-Führer, Ein Tag in der hethitischen Hauptstadt. Verlag Ege Yayınları, Istanbul 2002 (2. überarb. Aufl.) ISBN 975-807-048-7.

Weblinks

Siehe auch

Hethitische Mythologie

Einzelnachweise

  1. a b c Jürgen Seeher: Hattuscha-Führer, Ein Tag in der hethitischen Hauptstadt. S. 125.
  2. Birgit Brandau, Hartmut Schickert: Hethiter, die unbekannte Weltmacht. S. 73
  3. Kurt Bittel: Hattuscha - Hauptstadt der Hethiter. DuMont, Köln 1983, ISBN 3-7701-1456-6, S. 135.
  4. Volkert Haas: Geschichte der hethitischen Religion. Brill, Leiden 1994, ISBN 9789004097995, S. 638 bei GoogleBooks.
  5. Daniel Schwemer: Das hethitische Reichspantheon. In: R. G. Kratz u. a. (Hrsg.): Götterbilder, Gottesbilder, Weltbilder: Ägypten, Mesopotamien, Persien, Kleinasien, Syrien, Palästina. Mohr Siebeck, Tübingen 2006, ISBN 9783161486739, S. 263 bei GoogleBooks.
  6. Siehe dazu mit weiterführender Literatur Daniel Schwemer: Das hethitische Reichspantheon. In: R. G. Kratz u. a. (Hrsg.): Götterbilder, Gottesbilder, Weltbilder: Ägypten, Mesopotamien, Persien, Kleinasien, Syrien, Palästina. Mohr Siebeck, Tübingen 2006, ISBN 9783161486739, S. 260 mit Anmerkung 64.
  7. Kurt Bittel: Hattuscha - Hauptstadt der Hethiter. DuMont, Köln 1983, ISBN 3-7701-1456-6, S. 158.
  8. Volkert Haas: Geschichte der hethitischen Religion. Brill, Leiden 1994, ISBN 9789004097995, S. 636 bei GoogleBooks.
  9. a b c d e f Peter Neve: Hattuscha Information. Archaeology and Art Publications, Istanbul 1987.
  10. Birgit Brandau, Hartmut Schickert: Hethiter, die unbekannte Weltmacht. S. 72.
  11. Es handelt sich entweder um die Beischrift zu dem verlorenen Stein 55b oder um die Beischrift der Gestalt Nr.56, vgl. dazu H.G. Güterbock: Les Hiéroglyphes de Yazilikaya. A propos d'un Travail récent. S. 45.
  12. Volkert Haas: Geschichte der hethitischen Religion. Brill, Leiden 1994, ISBN 9789004097995, S. 634 bei GoogleBooks sowie H. G. Güterbock: Die Inschriften. In: Kurt Bittel u.a.: Das hethitische Felsheiligtum Yazilikaya. Gebr. Mann, Berlin 1975, ISBN 9783786122128, S. 172.
  13. Jürgen Seeher: Hattuscha-Führer, Ein Tag in der hethitischen Hauptstadt. S. 148.
  14. KBo 12 Nr. 38, in Übersetzung bei Volkert Haas: Geschichte der hethitischen Religion. Brill, Leiden 1994, ISBN 9789004097995, S. 639.
  15. Jürgen Seeher: Hattuscha-Führer, Ein Tag in der hethitischen Hauptstadt. S. 140.
  16. Eintrag in die Liste der UNESCO.

40.02527777777834.6327777777787Koordinaten: 40° 1′ 31″ N, 34° 37′ 58″ O


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