Yom Kipur


Yom Kipur
Maurycy Gottlieb (1856-1879): Juden in der Synagoge am Jom Kippur (1878)

Jom Kippur (hebr. יום הכיפורים, Jom oder Yom ha-Kippurim, jiddisch Jom Kipper) ist der jüdische Versöhnungstag und gleichzeitig der wichtigste jährliche Festtag im Judentum, nach dem wöchentlichen Schabbat. Im jüdischen Kalender beginnt der Versöhnungstag bei Sonnenuntergang vor dem 10. Tischri (d. h. September/Oktober, siehe Jüdischer Kalender), und dauert bis zum nächsten Sonnenuntergang.

In den nächsten Jahren findet Jom Kippur an folgenden Daten statt:

  • 2009: 28. September
  • 2010: 18. September
  • 2011: 8. Oktober
  • 2012: 26. September
  • 2013: 14. September

Anmerkung: Der Festtag beginnt jeweils am Vorabend des angegebenen Tages.

Inhaltsverzeichnis

Biblischer Ursprung

Die Einsetzung von Jom Kippur wird im 16. Kapitel von Levitikus beschrieben (siehe auch (Ex 30,10 EU); (Lev 23,27-31 EU) und 25, 9; (Num 29,7-11 EU) ). Er wird als feierlicher Tag des Fastens beschrieben, an dem jede Arbeit verboten ist. Im Jerusalemer Tempel wurden früher an diesem Tag Opfer dargebracht. Zu dieser Zeit war Jom Kippur der einzige Tag, an dem der Hohepriester - allein und streng abgeschirmt - das Allerheiligste im Tempel betreten durfte, um stellvertretend für das Volk die Vergebung der Sünden zu empfangen. Dort besprengte er die Bundeslade mit dem Blut von zwei Opfertieren und sprach dreimal den Namen Gottes aus, dessen Aussprache im Übrigen verboten war, worauf das außerhalb stehende Volk sich zu Boden warf. Ebenso wurde über zwei Böcken das Los geworfen. Der eine wurde geopfert, der andere als Sündenbock in die Wüste gejagt, nachdem ihm der Hohepriester die Sünden des Volkes auferlegt hatte.

Bedeutung im Judentum

Der Jom Kippur steht in der Ordnung der Feiertage nach dem heiligen wöchentlichen Schabbat; er gilt als heiligster und feierlichster Tag des jüdischen Jahres bezüglich Umkehr, Reue und Versöhnung. Essen, Trinken, Baden, Körperpflege, das Tragen von Leder (einschließlich Lederschuhen) und sexuelle Beziehungen sind an diesem Tag verboten. Das Fasten – der gänzliche Verzicht auf Essen und Trinken – beginnt kurz vor Sonnenuntergang und endet am folgenden Tag nach Einbruch der Nacht.

Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung ist Jom Kippur kein trauriger Tag. Sephardische Juden bezeichnen diesen Festtag als „weißen Fasttag“. Viele Juden pflegen sich an diesem Tag weiß zu kleiden, als Symbol der Reinheit von Sünden[1].

„ ‚Auf dein Wort hin habe ich vergeben‘ (Num 14,19-20). Denn dies ist der weiße Fasttag, nicht der schwarze. Es ist eine Zeit der Freude über die Gewissheit der Versöhnung und des Nach-Hause-Kommens.“

Rabbiner Dr. Jonathan Magonet: Jom Kipur: Verschlossene Tore

In der jüdischen Literatur spielt Jom Kippur eine große Rolle, so beispielsweise bei dem jiddischen Autor Shalom Aleichem oder Franz Kafka[2].

Jom Kippur ist der Abschluss der zehn Tage der Reue und Umkehr, die am Neujahrstag Rosch ha-Schana beginnen. Zwar ist reuevolles Gebet zu allen Zeiten möglich, gilt aber an diesem Tag als besonders wirkungsvoll.

Der Gottesdienst beginnt mit dem Gebet „Kol Nidre“, das vor Sonnenuntergang gelesen wird. Das Morgengebet enthält zahlreiche Litaneien und Bitten um Vergebung, die auf hebräisch Selichot genannt werden.

Gemäß Maimonides „hängt alles davon ab, ob die Verdienste eines Menschen die von ihm begangenen Fehler überwiegen“. Deshalb sind zahlreiche gute Taten vor dem Urteil am Versöhnungstag angebracht. Wer von Gott als wertvoll erachtet wird, wird ins Buch des Lebens eingeschrieben, und so wird im Gebet gesagt: „Schreibe uns ins Buch des Lebens ein“. Auch begrüßt man sich mit den Worten: „Mögest du (im Buch des Lebens) für ein glückliches Jahr eingeschrieben werden.“

Auch nach der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahre 70 wurde der Versöhnungstag beibehalten. „Auch ohne dargebrachte Opfer bewirkt der Tag an sich Versöhnung“ (Midrasch Sifra, Emor, XIV). Nach der jüdischen Lehre ist der Tag nutzlos, solange er nicht von Reue begleitet ist. Das reuevolle Eingeständnis von Sünden war eine Bedingung zur Sühne. „Der Versöhnungstag befreit von Sünden gegen Gott, jedoch von Sünden gegen den Nächsten erst, nachdem die geschädigte Person um Verzeihung gebeten worden ist“ (Talmud Joma VIII, 9). Daher stammt der Brauch, am Vorabend des Fasttages alle Streitigkeiten beizulegen. Am Versöhnungstag erhalten auch die Seelen der Toten Vergebung. Im Gebet Jiskor wird in der Synagoge der Verstorbenen gedacht.

Liturgie

Schon am Vorabend wird der Tallit angezogen - das einzige Mal im Jahr, in dem dies während eines Abendgebets geschieht. Eine weitere Besonderheit ist das Gebet Neïlah, worin der Abschluss des Tages thematisiert wird. Der endgültige Abschluss von Jom Kippur wird mit dem Schofar bekanntgegeben. Sowohl in Israel als auch außerhalb dauert das Fest einen ganzen Tag.

Gemäß talmudischer Überlieferung öffnet Gott am ersten Tag des Jahres drei Bücher: eines für die ganz Schlechten, ein zweites für die ganz Frommen, und das dritte für die überwiegenden Durchschnittsmenschen. Das Schicksal der ganz Schlechten und der ganz Frommen wird sogleich entschieden; die Entscheidung über die Durchschnittsmenschen wird jedoch bis Jom Kippur aufgehoben, an dem das Urteil für alle gefällt wird. Im Gebet Unetaneh tokef, das Leonard Cohen auszugsweise in der englischen Fassung vertont hat („Who by Fire“), heißt es:

„Am Neujahrstag werden sie eingeschrieben und am Versöhnungstag besiegelt, wie viele dahinscheiden sollen und wie viele geboren werden, wer leben und wer sterben soll, wer zu seiner Zeit und wer vor seiner Zeit, wer durch Feuer und wer durch Wasser, wer durch Schwert und wer durch Hunger, wer durch Sturm und wer durch Seuche, wer Ruhe haben wird und wer Unruhe, wer Rast findet und wer umherirrt, wer frei von Sorgen und wer voll Schmerzen, wer hoch und wer niedrig, wer reich und wer arm sein soll. Doch Umkehr, Gebet und Wohltun wenden das böse Verhängnis ab.“

Im Zentrum der Liturgie steht das Sündenbekenntnis, das in der jüdischen Tradition im Unterschied zur Beichte in christlichen Kirchen stets in der kollektiven Wir-Form abgelegt wird. „Denn wir sind nicht frechen Angesichtes und hartnäckig, vor dir zu sagen, wir seien Gerechte und hätten nicht gesündigt, in Wahrheit haben wir gesündigt.“ Die traditionellen Melodien und Klagegesänge drücken gleichermaßen die Unsicherheit des einzelnen Menschen angesichts eines ungewissen Schicksals aus, wie auch die kollektive Erinnerung an vergangene Größe. Am Versöhnungstag suchen Juden die ausschließliche Beschäftigung mit geistigen Dingen. In der Haftara des Morgengottesdienstes wird ein Abschnitt aus dem Buch Jesaja vorgelesen, in dem der biblische Prophet die Bedeutung des echten Fastens erläutert. „Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke der Unterdrückung zu lösen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen. Wenn du einen Nackten siehst, bekleide ihn, und dem, der deines Fleisches ist, entziehe dich nicht. Dann wird wie die Morgenröte dein Licht anbrechen und deine Heilung rasch aufsprießen, deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen und die Herrlichkeit des Ewigen wird dich aufnehmen.“ (Kapitel 58, 6-8.)

Der ernste Charakter, der diesen Tag seit seiner Einsetzung prägt, hat sich bis heute erhalten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen dauert der Gottesdienst in sämtlichen jüdischen Gemeinden, von orthodoxen bis zu liberalen Richtungen, den ganzen Tag hindurch.

Der Sündenbock

In biblischen Zeiten galt als wichtigste Zeremonie die Opferung des „Sündenbocks“ (Levitikus 16:8-10), der zu Asasel in die Wüste geschickt wurde. Gemäß Gesenius, Hoffmann und Oxford Hebrew Dictionary ist Asasel ein seltenes hebräisches Nebenwort, das „Entlassung“ oder „gänzliche Entfernung“ bedeutet. Es ist ein alter Fachausdruck für die völlige Beseitigung von Sünde und Schuld der Gemeinschaft, die durch Fortsendung des Bockes in die Wildnis symbolisiert wurde. Zur Erklärung der Bedeutung dieses Wortes sind verschiedene Theorien aufgestellt worden. Im Talmud wird Asasel mit „steiles Gebirge“ übersetzt und auf den Felsen in der Wüste bezogen, von dem in späterer Zeit das Tier herabgestürzt wurde. Schon frühzeitig wurde jedoch das Wort Asasel personifiziert, ebenso wie die hebräischen Worte für Unterwelt (Scheol) und Zerstörung (Abbadon). Laut dem apokryphen Buch Henoch ist Asasel oder Asalsel der vornehmste unter den gefallenen Engeln, die die Menschenkinder die Sünde lehrten. Gemäß dieser Interpretation scheint die Idee der Zeremonie darin zu liegen, die Sünden an den bösen Geist zurückzusenden, dessen Einfluss sie ihr Entstehen verdankten. Ähnliche Sühneriten haben sich auch in anderen Völkern erhalten. Moderne Bibelkritiker ordnen die obigen Passagen dem Priesterkodex zu und datieren sie auf ein nachexilisches Datum; sie sehen die Entsendung des Sündenbocks zu Asasel als Einbeziehung einer früher bestehenden Zeremonie.

Einige konservative Bibelexegeten weisen darauf hin, dass der Platz, zu dem der Bock geschickt wird, die „Wildnis“ außerhalb des bewohnten Gebiets ist (und nicht eine lebensfeindliche Wüste), und dass Asasel weder ein Orts- noch ein Personenname ist. Nach ihrer Meinung wurde der „Bock der Entfernung“ einfach in die Freiheit „entlassen“.

Einzelnachweise

  1. Jom Kippur - der jüdische Versöhnungstag in Israel; „(...) Am Fastentag tragen die Männer weiße Linnentücher, wie sie für das Einwickeln der Toten verwendet werden, die in Israel ohne Sarg, nur in diese Tücher gewickelt, begraben werden. Wie einst die Priester im Tempel, bis zu dessen Zerstörung durch die Römer im Jahr 70, ist es auch Sitte, Schuhe ohne Ledersohlen zu tragen. (...)“; Neilah: Himmlische Ruhe in Israel, von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 9. Oktober 2008;
  2. Siehe auch: Vor dem Gesetz steht ein Türhüter, eine Parabel zum Abschluss des Jom Kipur; von Franz Kafka

Siehe auch

Literatur

  • Gebetbuch für die Festtage, Band VII: Versöhnungstag. Übersetzt von Rabbiner Dr. Selig Bamberger, Victor Goldschmidt Verlag, Basel 1970.
  • Pentateuch und Haftaroth. Hebräischer Text und deutsche Übersetzung. Kommentar von Dr. Joseph Herman Hertz. Verlag Morascha, Zürich 1984.
  • Susanne Galley: Das jüdische Jahr - Feste, Gedenk und Feiertage, München 2003.

Weblinks


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