Youth bulge


Youth bulge
Jacek Malczewskis Gemälde Melancholia versinnbildlicht nach Meinung Gunnar Heinsohns das Konfliktpotential überproportional schnell anwachsender männlicher Bevölkerungsteile

Youth Bulge (Englisch Jugendüberschuss) ist ein von Gary Fuller erstmals 1995 verwendeter Begriff, der die überproportionale Ausstülpung (bulge) der demografischen Alterspyramide in einer Gesellschaft bezeichnet. Nach Fuller liegt ein youth bulge überall dort vor, wo die 15-24-Jährigen mindestens 20 Prozent, bzw. die 0-15-Jährigen mindestens 30 Prozent der Gesamtgesellschaft ausmachen.

Nach Gunnar Heinsohn entstehen durch bevölkerungspolitisch verursachte youth bulges die Voraussetzungen für Bürgerkrieg, Völkermord, Imperialismus und Terrorismus. Wenn große Teile der männlichen Jugend zwar ausreichend ernährt sind, aber keine Aussicht haben, eine angemessene Position in der Gesellschaft zu finden, stehe ihnen als einziger Weg die Gewalt offen: "Um Brot wird gebettelt. Getötet wird für Status und Macht." (Heinsohn, "Söhne und Weltmacht", S. 18)

Politische Herrscher, so Heinsohn, bedienten sich dieser demografischen Charakteristik der Bevölkerung, wie z. B. der ägyptische Staatspräsident Nasser im Abnutzungskrieg. Anderseits wurde in Europa vom Ende des 15. Jahrhunderts an die Geburtenkontrolle unter Todesstrafe gestellt und damit - nach Heinsohn - ein Gewaltpotential geschaffen, das erst den Aufstieg Europas ermöglichte und in der Folge zur europäischen Eroberung weiter Teile der bekannten Welt führte. Über Jahrhunderte gab es in Europa Geburtenraten wie im heutigen Pakistan oder Afghanistan.

Die rund 2 Milliarden in islamischen und afrikanischen Staaten lebenden Menschen haben heute einen Anteil von 300 Millionen jungen Männern im Alter von 15 bis 30 Jahren. Diese erhalten aber aufgrund der dortigen Demografie sowie der vielfach desolaten und rückständigen wirtschaftlichen Strukturen keine Möglichkeit, einen für sie hinnehmbaren sozialen Status zu erlangen.

Der Grund liegt teilweise in den traditionelleren Gesellschaftsformen zahlreicher Länder der Dritten Welt. Aufgrund der Primogenitur bestehen lediglich für die Erstgeborenen entsprechende gesellschaftliche Aufstiegschancen, die restlichen überschüssigen Nachkommen finden keinen adäquaten Platz in der Gesellschaft; wodurch bei diesen eine große Diskrepanz zwischen individuellem Anspruchsniveau und gesellschaftlicher Realität besteht.

Das infolge der Bevölkerungsentwicklung hohe Angebot an unzufriedenen Jugendlichen in diesen Ländern der Dritten Welt, welche für die Ziele terroristischer Organisationen angeworben werden können, gilt so als partielle Ursache für den Terror - gerade gegen die zivilisatorisch fortgeschrittene Erste Welt, der gegenüber von Seiten dieser Jugendlichen - aufgrund des Bewusstseins der Rückständigkeit und Unterlegenheit - erhebliche Ressentiments bestehen.

Inhaltsverzeichnis

Vertreter

Der französische Konfliktforscher Bouthoul vermutete bereits früh, dass ein hoher Anteil junger Menschen an der Bevölkerung ursächlich für kriegerische Auseinandersetzungen ist. Er bezeichnete den demographischen Faktor als ein grundlegendes Strukturelement kollektiver Aggressivität und stellt die These auf, dass das gesellschaftliche Phänomen des Krieges einem sozialen Bedürfnis entspricht: Dem der Auslese. Bouthoul redet in diesem Zusammenhang von einer Wiederherstellung des demographischen Gleichgewichts, wobei völlig offen bleibt, worin dieses Gleichgewicht besteht.

Während Bouthoul im Krieg also eine biologische Notwendigkeit sieht, machen andere Autoren, wie zum Beispiel Urdal, den zentralen Grund für wachsende Gewaltbereitschaft bei der begrenzten Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes fest. Gerade die Kombination starker Jugendanteil und schwache Ökonomie stellt nach empirischen Untersuchungen eine explosive Mischung dar. Oft steht dies auch in Koexistenz zu einem schwachen politischen System. Genauer gesagt wurde festgestellt, dass es bei einer starken Jugendkohorte verstärkt Verteilungskämpfe um gesellschaftliche Stellungen gibt, in denen viele leer ausgehen. Die Wahrscheinlichkeit, Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit und mangelnden Zukunftsaussichten zu machen, ist in einer solchen Gesellschaft sehr hoch. Enttäuschung taucht auf, die schnell zur Frustration werden kann. Kommt hierzu noch mangelnde politische Einflussnahme oder eine Bildungsexpansion bei gleichzeitigem Stellenmangel sinken die Opportunitätskosten, bei gewaltsamen Auseinandersetzungen teilzunehmen. Wenn es nun keine anderen Alternativen gibt, ist ein Aufstand eine ernst zu nehmende Alternative, um dem sogenannten Flaschenhalsphänomen zu entrinnen.

Populär gemacht hat den Begriff der youth bulges der Demograf und Konfliktforscher Gunnar Heinsohn. Er konstatierte, dass insbesondere der Mangel an akzeptablen Positionen bei gleichzeitigem "Überschuss an jungen Männern" den Auslöser für bewaffnete Konflikte liefert. Somit wird auch hier der youth bulge als Schlüsselgröße für Instabilität ausgemacht.

Literatur

  • Gary Fuller, The Demographic Backdrop to Ethnic Conflict: A Geographic Overview, in: Central Intelligence Agency, Hg., The Challenge of Ethnic Conflict to National and International Order in the 1990's, Washington: CIA (RTT 95-10039, Oktober), S.151-154
  • Gunnar Heinsohn, Söhne und Weltmacht: Terror im Aufstieg und Fall der Nationen, Zürich 2003, ISBN 3-280-06008-7, verfügbar als vollständiger, kostenloser Download als kommentierbare PDF-Datei beim 4eBook-Verlag.de
  • Christian G. Mesquida und Neil I. Wiener, Male age composition and severity of conflicts, in: Politics and the Life Sciences 18 (1999) 181-189, zugänglich unter [1]
  • Gaston Bouthoul, Kindermord aus Staatsraison: Der Krieg als bevölkerungspolitischer Ausgleich. Stuttgart, 1972.
  • Steffen Kröhnert: Warum entstehen Kriege? Welchen Einfluss die demographische und ökonomische Entwicklung auf die Entstehung bewaffneter Konflikte haben. 2006
  • Uwe Wagschal, Thomas Metz und Nicolas Schwank, Ein "demographischer Frieden"? Der Einfluss von Bevölkerungsfaktoren auf inner- und zwischenstaatliche Konflikte, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft 18(3) (2008) 353-383.

Weblinks

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