Zentaur (Mythologie)


Zentaur (Mythologie)
Mosaik aus der Villa Hadriana bei Tivoli (118 - 138 n. Christus): Kentaurenpaar im Kampf gegen Raubkatzen (Ausschnitt), Altes Museum
Drohender Kentaur, Terrakotte, spätes 8. Jahrhundert v. Chr., Staatliche Antikensammlungen
Kampf zwischen einem Kentaur und einem Lapithen

Ein Kentaur (altgriechisch: Κένταυρος Kentauros) oder Zentaur – nach dem latinisierten Centaurus – ist ein Pferdemensch der griechischen Mythologie.

Meistens werden diese Mischwesen mit dem Kopf und den Schultern eines Mannes und dem Körper und den Beinen eines Pferdes dargestellt. Seltener sind dagegen Darstellungen von Kentauren mit menschlichen Vorderfüßen, so z. B. auf dem im Louvre zu besichtigenden Vasenbild "Herakles und der Kentaur Pholos" (um 550 v. Chr.). Offenbar ist das bestimmende Merkmal eines Kentaur die Ausbildung von sechs Extremitäten: zwei Arme und vier Beine. Kentauren wurden auch magnentes (Große) genannt. In spät-hellenistischer Zeit brachte die zeitgenössische Kunst auch weibliche Kentauren hervor, die in krassem Widerspruch zum betont maskulinen Grundcharakter dieser wilden und auch als lüstern geschilderten Wesen stehen. Ein Beispiel für einen weiblichen Kentaur ist Hylonome, Ehefrau des Kentauren Kyllaros (beides Kinder von Ixion und Nephele). Sie ist im Nationalmuseum von Bardo in Tunis auf einem aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. stammenden römischen Mosaik zu besichtigen.

Inhaltsverzeichnis

Ursprungsmythen

Die Kentauren sollen von Ixion, dem König der Lapithen in Thessalien, und einer Wolke abstammen, der Hera auf den Rat des Zeus ihre Gestalt gegeben hatte, als sie der betrunkene Ixion bei einem Gelage der Götter belästigte. Als Ixion das Trugbild „anstach“, zeugte er damit entweder einen Bastard, den Kentauros, der sich später mit den Stuten des Magnesias paarte und damit die Kentauren schuf, oder aber die Kentauren entstanden direkt aus dieser Wolke, die den Namen Nephele bekam.

Dementsprechend werden die Kentauren als unbeherrschtes und lüsternes Volk bezeichnet, ganz im Gegensatz zu den Lapithen selbst, die nach älterer Auffassung als Sturmdämonen beziehungsweise Personifikation des Sturmes selbst gelten, und deren König Peirithoos von so edler Gestalt war, dass er den ebenso edlen Theseus so beeindrucken konnte, dass beide einander lebenslange Freundschaft schworen.

Der Name selbst wird unterschiedlich hergeleitet. Die Deutung einer Kombination von „ich steche“ und „Stier“ (griechisch tauros) soll auf jene Geschichte zurückzuführen sein, dass berittene Bewohner des Dorfes Nephele die Rinder des Ixion mit Speeren getötet haben sollen, so dass sie als Kentauren von Nephele bezeichnet wurden. Ich steche und Wolke ist eine ebenfalls mögliche etymologische Deutung, weil Ixion eben in die Wolke gestochen habe. Daneben wird Kentaur auch vom italischen centuria (eine hundertköpfige Kriegsbande) abgeleitet.

Die Taten der Kentauren

Die Zentauren waren die Erzfeinde der Lapithen und wurden von diesen aus Thessalien auf den Peloponnes vertrieben, als sich die Zentauren bei der Hochzeit des Königs der Lapithen, Peirithoos „vom Wein erhitzt“ über deren Frauen hermachten. Vom berühmtesten Kentauren, Cheiron oder Chiron, wird dort erzählt. Er verstand sich auf die Jagd und Heilkunde und soll viele der griechischen Helden erzogen haben, etwa Achilles und Odysseus. Der Sage nach wurde Cheiron von Zeus in ein Sternbild verwandelt.

Laut Robert von Ranke-Graves wurde die früheste Darstellung von Kentauren auf einem Schmuckstück aus Mykene gefunden. Dort stehen sie sich gegenüber und tanzen. Im Pferdekult, bei dem Männer mit Pferdemasken tanzten, sollte damit der Regen herbeigerufen werden.

Kentauren in Literatur und Werbung

Leuchtreklame mit Logo der Firma Rossmann als Kentaur

Auf dem Logo der Drogeriemarktkette Rossmann ist im Buchstaben O symbolhaft ein Kentaur abgebildet. Die Figur spielt dabei auf den Firmennamen Rossmann an, deren Begründer Dirk Rossmann ist. Wahrscheinlich ist mit dem Sinnbild von "Ross" (Pferd) und "-mann" in Form der Kentaur-Darstellung beabsichtigt, einen höheren Wiedererkennungs- bzw. Wiedererinnerungswert bei den Kunden zu erzielen.

In den Chroniken von Narnia von C. S. Lewis tauchen Kentauren als Teil der Streitmacht unter der Führung des göttlichen Löwen Aslan auf.

In der Romanreihe Die Elfen von Bernhard Hennen gehören Kentauren zu den Albenvölkern und leben in Albenmark.

In den Romanen der englischen Schriftstellerin Joanne K. Rowling um den Zauberlehrling Harry Potter kommen ebenfalls Kentauren vor, die im Wald um die Zauberschule Hogwarts leben.

In der Romanserie Artemis Fowl ist der Kentaur Foaly der Technische Leiter der "Zentralen Untergrund Polizei".

In Michael Endes Unendlicher Geschichte sorgt ein Kentaur namens Caíron dafür, dass das Medaillon Auryn dem jungen Atréju übergeben wird. Mit seinem Namen ist dieser Kentaur eine Paraphrase auf den mythologischen Cheiron.

Bildliche und plastische Darstellungen von Kentauren

Kentaurenkopf aus den Römermuseum Schwarzenacker
Kampf des Kentauren gegen einen Drachen Barockbrunnen auf dem Marktplatz von Frohburg (1899)

Eine neuzeitliche plastische Darstellung eines Kentauren aus dem Barock wird auf dem Marktplatz in Frohburg (Sachsen) dargestellt. Die Plastik aus Bronzeguss zeigt einen Kentaur, der mit einem Drachen kämpft. Die Figurengruppe sollte im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen werden, sie wurde jedoch nach Kriegsende zufällig in einem Garten in Leipzig wiedergefunden. Seitdem ziert sie wieder den Brunnen auf dem Frohburger Marktplatz.

Theseus besiegt den Centauren von Antonio Canova - Wien, Kunsthistorisches Museum

Die monumentale Marmorgruppe des klassizistischen Künstlers Antonio Canova von 1805-1819 wurde von Napoleon für den Corso in Mailand in Auftrag gegeben. Nach dem Sturz Napoleons wurde es nach Wien gebracht und steht heute dort im Kunsthistorischen Museum.


Bekannte Kentauren

Kampf der Kentauren von Arnold Böcklin 1873. Kunstmuseum Basel.

Weitere:

Abas, Agrius, Amphion, Amydas, Amykus, Anchius, Antimachus, Aphareus, Aphidas,
Arktus, Areos, Argeus, Astylus, Bravenor, Bretus, Bromus, Chromis, Chtonius,
Clanis, Crenaeus, Criton, Cyllarus, Daphnis, Demoleon, Diktys, Dorpus, Dortlas,
Dryalus, Dupo, Dynaeus, Emmachius, Enopion, Erygdupus, Eurynomus, Eurytion, Eurytus,
Foaly, Gryneus, Gryphaeus, Harmandio, Harpagus, Helimus, Helops, Hippasos, Hippe,
Hippotion, Hylaeus, Imbreus, Iphinous, Isopleus, Latreus, Lykabas, Lycetus, Lykidas,
Lykothas, Lykus, Medon, Melanchaetas, Melaneus, Mermerus, Mimas, Monychus, Nessus,
Nykton, Odites, Oeklus, Oreus, Orneus, Paeantor, Perimedes, Petraeus, Phaekomes,
Phlegraeus, Phryxus, Pisenor, Polenor, Praxion, Pyrakmon, Pyretus, Ripheus, Rhoekus,
Rhoetus, Stiphelus, Teleboas, Thaumas, Theramon, Theroktonus, Thonius, Thurius  
Cheiron belehrt einen jungen Achill

Literatur

  • Michael Grant, John Hazel: Lexikon der antiken Mythen und Gestalten. 18. Aufl. Dtv, München 2004, ISBN 3-423-32508-9.
  • Karl Kerényi: Die Heroen-Geschichten (Die Mythologie der Griechen; 2). 21. Aufl. Dtv, München 2004, ISBN 3-423-30031-0.
  • Robert von Ranke-Graves: Griechische Mythologie. Neuausgabe. Anaconda-Verlag, Köln 2008, ISBN 978-3-86647-211-2.

Verwandte Themen

  • Liste der Fabelwesen
  • Silen sind ebenfalls Mischwesen aus Mensch und Pferd.
  • Der Centaurus ist ein Sternbild des südlichen Sternenhimmels.
  • Die Zentauren sind Planetoiden zwischen Jupiter und Neptun.
  • Der Freiheitskämpfer Pancho Villa trug den Beinamen Centaurus des Nordens.
  • In der Literatur: "Die Gelehrtenrepublik" von Arno Schmidt.
  • Tauren oder Zentauroiden sind fiktive Wesen der modernen Science-Fiction- und Fantasy-Literatur.

Weblinks


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