Ärzte ohne Grenzen e.V.


Ärzte ohne Grenzen e.V.

Ärzte ohne Grenzen ist der Name der deutschsprachigen Sektionen der 1971 gegründeten internationalen Organisation Médecins sans frontières. Die private, unabhängige Hilfsorganisation leistet medizinische Nothilfe in Krisen- und Kriegsgebieten. Auf internationaler Ebene wird meist die französische Bezeichnung Médecins Sans Frontières, deren Abkürzung MSF oder auch die englische Übersetzung Doctors Without Borders bevorzugt.

1971 hatte eine kleine Gruppe französischer Ärzte die Organisation als Reaktion auf den Biafra-Krieg gegründet. Die meisten Mitarbeiter sind Ärzte und Pflegekräfte; auch Vertreter anderer Berufsgruppen unterstützen aktiv. Eine internationale Verwaltung, die ihren Sitz in Genf hat, leitet das internationale Netzwerk von Ärzte ohne Grenzen, das sich aus Sektionen in 19 Ländern zusammen setzt. Jährlich werden für Projekte der Organisation etwa 3000 Ärzte, Krankenschwestern, Hebammen und Logistiker rekrutiert. Etwa 1000 Angestellte sind dauerhaft damit beschäftigt, Freiwillige anzuwerben, die Finanzen zu verwalten und Beziehungen zu den Medien zu pflegen. Zu etwa 80 % finanziert sich Ärzte ohne Grenzen aus Privatspenden, während staatliche Gelder und Zuwendungen aus der Wirtschaft die restlichen 20 % ausmachen. Auf diese Weise verfügt die Organisation über ein jährliches Budget von etwa 400 Millionen US-Dollar.

In mehr als 70 Ländern unterhält MSF Gesundheitssysteme und gewährleistet medizinische Ausbildung. Die Hilfsprojekte sind unterschiedlich und reichen von medizinischer Nothilfe und dem (Wieder-)Aufbau von Krankenhäusern über Brunnenbau bis zur medizinischen Aufklärung der Bevölkerung. MSF weist, wie im Falle Tschetscheniens oder des Kosovo, beharrlich auf die Verantwortung der politischen Machthaber für die Leiden der Bevölkerung hin. Erst ein einziges Mal hat die Organisation seit ihrem Bestehen auf militärisches Eingreifen gesetzt, nämlich im Falle des Völkermordes in Ruanda im Jahr 1994.

Die humanitäre Arbeit von MSF für die Opfer von Not und Gewalt wurde 1999 durch die Verleihung des Friedensnobelpreises besonders geehrt.

„Das norwegische Nobel-Komitee hat entschieden, den Friedensnobelpreis 1999 an Ärzte ohne Grenzen zu vergeben, in Anerkennung der bahnbrechenden humanitären Arbeit dieser Organisation auf mehreren Kontinenten.“

The Nobel Foundation

Inhaltsverzeichnis

Grundsätze

Ärzte ohne Grenzen arbeitet immer unabhängig, unparteiisch und, abhängig von der konkreten Einsatzsituation, auch so neutral wie möglich. Nur das ermöglicht es nach Auffassung der Organisation, in Krisenregionen wirkungsvoll humanitäre Hilfe zu leisten. MSF sieht auch das Witnessing („Zeuge sein“) im Rahmen der medizinischen Nothilfe als eine wichtige Aufgabe. Witnessing bedeutet, auf Völker in Not aufmerksam zu machen. Anhand von Berichten der Mitarbeiter vor Ort wird in der MSF-Einsatzzentrale entschieden, welche Maßnahmen zu ergreifen sind. Mögliche Aktionen sind: Gespräche mit Verantwortlichen, Lobbying oder öffentliche Aufklärungskampagnen, im schlimmsten Falle sogar der Rückzug aus einem Einsatzgebiet. Nach Meinung von MSF ist zwischen Witnessing und Neutralität in der praktischen humanitären Arbeit unter Umständen eine Abwägung notwendig, die im Einzelfall eine Aufgabe der Neutralität notwendig macht. Diese Auffassung zur Neutralität unterscheidet MSF von der strikt praktizierten Neutralität des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), aus dessen Einsatzerfahrungen MSF entstand. MSF ist, nach den Worten des Mitbegründers Bernard Kouchner, stets unparteiisch, aber nicht immer neutral.

Gründung

Organisationen wie Oxfam, die Essensvorräte und medizinische Hilfe an Bevölkerungen weitergeben, die in Not sind, gab es schon lange, bevor im Jahr 1971 die Organisation Ärzte ohne Grenzen gegründet wurde. Das 1863 gegründete Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hatte als erste Organisation medizinische Notfallversorgung in Ländern geleistet, deren Bevölkerung an den Folgen von Krieg oder Naturkatastrophen zu leiden hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das IKRK allerdings dafür kritisiert, dass es mit Hinblick auf den Holocaust kaum Verantwortung übernommen habe. Manche, wie Bernard Kouchner, der spätere Mitbegründer von Ärzte ohne Grenzen, sahen darüber hinaus die stetige Neutralität in Krisensituationen als Mittäterschaft an.

Biafra

Während des Biafra-Krieges (1967–70) verhängte das nigerianische Militär eine Blockade der ehemals unabhängigen Region Biafra im Südosten des Landes. Zu dem Zeitpunkt war Frankreich das einzige Land, das die Bevölkerung von Biafra unterstützte. Großbritannien, die USA und die Sowjetunion hatten für die nigerianische Regierung Partei ergriffen. Die Lage der Bevölkerung innerhalb der Blockade war der restlichen Welt unbekannt. Eine Reihe französischer Ärzte, darunter auch Bernard Kouchner, meldeten sich zusammen mit dem Französischen Roten Kreuz freiwillig, um in Krankenhäusern und Nahrungsversorgungszentren im belagerten Biafra zu arbeiten. Das Rote Kreuz verlangte von seinen Freiwilligen jedoch die Unterzeichnung einer Erklärung, die eine Neutralität unter allen Umständen vorsah. Kouchner und einige andere französische Ärzte sahen darin zwar eine Verschwiegenheitsverpflichtung, unterschrieben die Erklärung jedoch trotzdem.

Im Land angekommen, waren die Freiwilligen, einschließlich der Beschäftigten in der Gesundheitsvorsorge und der Krankenhausmitarbeiter, den Angriffen der nigerianischen Armee ausgesetzt. Dabei wurden sie Zeugen, wie Zivilisten ermordet wurden und verhungern mussten. Auch Kouchner war Augenzeuge dieser Ereignisse. Er sah sehr viele Kinder, die in Folge der Hungersnot sterben mussten. Als er nach Frankreich zurückkehrte, kritisierte er die nigerianische Regierung, aber auch das Rote Kreuz, indem er deren Verhalten als Mittäterschaft bezeichnete. Mit der Unterstützung weiterer französischer Ärzte half er, die Region Biafra in das Interesse der Medien zu rücken, und rief dazu auf, auf internationaler Ebene Verantwortung für die Situation zu übernehmen. Diese Ärzte, allem voran Kouchner, waren überzeugt, dass eine Hilfsorganisation nötig war, die dem Wohlergehen der Opfer Vorrang gegenüber politischen und religiösen Interessen einzuräumen bereit war.

Etablierung im Jahr 1971

Bernard Kouchner, Gründungsmitglied und erster Vorsitzender von Ärzte ohne Grenzen

Die Groupe d’Intervention Médicale et Chirurgicale en Urgence (deutsch „Gruppe für medizinisches und chirurgisches Eingreifen in Notfällen“) wurde 1970 von französischen Ärzten gebildet, die in Biafra gearbeitet hatten, um Hilfe zu leisten und um die Priorität der Opferrechte über die Neutralität zu betonen.

Der Herausgeber der medizinischen Fachzeitschrift TONUS, Raymond Borel, hatte als Reaktion auf den Bhola-Wirbelsturm in Bangladesch von 1970 mit etwa 500.000 Toten eine Organisation mit dem Namen Secours Médical Français (deutsch „französische medizinische Katastrophenhilfe“) gegründet. Borel suchte Ärzte, die den Opfern von Naturkatastrophen Hilfe leisten sollten. Am 20. Dezember 1971 vereinigten Borel, Kouchner und ihre Kollegen die beiden Gruppen zu Médecins Sans Frontières.

Der erste Einsatz der neuen Organisation betraf Managua, die Hauptstadt von Nicaragua. Dort hatte ein Erdbeben am 23. Dezember 1972 den größten Teil der Stadt zerstört und mehr als 10.000 Todesopfer gefordert. MSF brauchte drei Tage mehr als das Rote Kreuz, um seinen Einsatz zu beginnen. Am 18. und 19. September 1974 verursachte der Hurrikan Fifi schwere Zerstörungen in Honduras mit mehreren Tausend Toten. Hierbei richtete Ärzte ohne Grenzen den ersten länger dauernden Einsatz für Katastrophenhilfe ein.

Nachdem Südvietnam an Nordvietnam gefallen war, emigrierten Millionen Kambodschaner zwischen 1975 und 1979 nach Thailand, um den Roten Khmer zu entkommen. Als Reaktion darauf richtete „Ärzte ohne Grenzen“ in Thailand zum ersten Mal ein Flüchtlingslager ein. Als Vietnam sich 1989 aus Kambodscha zurückzog, startete die Hilfsorganisation langfristige Einsätze für Katastrophenhilfe, um den Überlebenden der „Killing Fields“ zu helfen und die Gesundheitsversorgung des Landes wieder aufzubauen. Obwohl die Einsätze in Thailand darauf abzielten, Kriegsopfern zu helfen, wird die Operation in Südostasien als erster Kriegseinsatz von MSF angesehen. Thailand galt als Kriegszone, da MSF 1976 feindlichem Feuer gegenüberstand. Während des Bürgerkrieges von 1976 bis 1984 half Ärzte ohne Grenzen in Krankenhäusern des Libanon bei chirurgischen Einsätzen.

Neue Führung

1977 wurde Claude Malhuret zum neuen Vorsitzenden von Ärzte ohne Grenzen gewählt. In der Folgezeit begann die Diskussion über die Zukunft der Organisation. Malhuret und seine Unterstützer lehnten das Konzept der témoignage („Zeuge sein“ oder witnessing) ab oder spielten es herunter. Sie waren der Auffassung, dass die Organisation Kritik an den Regierungen der jeweiligen Staaten, in denen sie tätig waren, vermeiden solle, während Kouchner glaubte, dass die Dokumentation des Elends, das in einem Land herrscht, die beste Möglichkeit sei, ein Problem zu lösen. Die Frage der Zeugenschaft, also der Veröffentlichung von Verbrechen in Krisenregionen durch Hilfsorganisationen, spaltete die MSF.

Nach den Ereignissen in Südvietnam im Jahr 1979, bei der Menschen auch auf Schiffen flüchteten, gehörte Kouchner zu den Unterzeichnern eines Appells, den französische Intellektuelle in der linksliberalen Zeitung Le Monde veröffentlichten. Sie unterstützten das Projekt „Ein Boot für Vietnam“ mit dem Ziel, den Flüchtlingen medizinische Hilfe zur Verfügung zu stellen. Die meisten Mitglieder von Ärzte ohne Grenzen unterstützten das Projekt nicht. Dennoch charterte Kouchner ein Boot namens L’Île de Lumière (deutsch „Die Insel des Lichtes“), reiste zusammen mit anderen Ärzten, Journalisten und Fotografen zum Südchinesischen Meer und half tausenden Patienten medizinisch. Obwohl der Einsatz ein Erfolg war, unterstützte Ärzte ohne Grenzen Kouchner weiter kaum - woraufhin er im März 1980 mit rund 15 weiteren Ärzten eine neue Organisation namens Médecins du Monde („Ärzte der Welt“) gründete. Kouchners neue Hilfsorganisation ist Ärzte ohne Grenzen sehr ähnlich, und so führen beide Organisationen oft in denselben Ländern Feldeinsätze durch.

Entwicklung von Ärzte ohne Grenzen

1982 gelang es Malhuret und Rony Brauman, die finanzielle Situation der Organisation zu verbessern, indem sie Wohlfahrtsbriefmarken bei der Post einführten. Dies erleichterte die Spendenbeschaffung. Brauman wurde im selben Jahr neuer Vorsitzender von Ärzte ohne Grenzen. In den achtziger Jahren entstanden operative Sektionen der Organisation in anderen Ländern: in Belgien wurde 1980 die zweite Sektion gegründet, die Schweizer Sektion mit Sitz in Genf bildete sich 1981. Weitere Sektionen folgten 1984 in den Niederlanden und 1986 in Spanien. Im gleichen Jahr wurde in Luxemburg die erste unterstützende Sektion gegründet.

Malhuret und Brauman führten nach Kouchners Abgang auch zahlreiche Veränderungen an der Organisation durch. Nachdem die sowjetische Armee im Dezember 1979 in Afghanistan einmarschiert war, wurden sofort Feldeinsätze durchgeführt, um den Mudschahid-Kämpfern medizinische Hilfe zu ermöglichen. Im Februar 1980 prangerte die Organisation die Roten Khmer öffentlich an.

Während der Hungersnot in Äthiopien 1984–1985 führte sie Ernährungsprogramme in Land durch, wurde aber 1985 ausgewiesen, nachdem sie die Unterschlagung internationaler Hilfeleistungen und die durch das Mengistu-Regime durchgeführten Zwangsumsiedlungen angeprangert hatte. Aufgrund des Drucks der internationalen Öffentlichkeit sowie der Androhung einer Sperre von Geldern durch die wichtigsten Geberländer lenkte das Regime ein.

Nachdem San Salvador, die Hauptstadt von El Salvador, am 10. Oktober 1986 von einem Erdbeben heimgesucht worden war, stellte sie der dortigen Bevölkerung Ausrüstung zur Verfügung, um sauberes Trinkwasser herstellen zu können. 1993 erhielt die Organisation vom UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge die Nansen-Medaille.

Sudan

1979 führte Ärzte ohne Grenzen Einsätze im Süden des Sudan durch, um Zivilisten zu helfen, die dem Verhungern nahe waren oder an anderen Folgen des dortigen Bürgerkrieges litten. Freiwillige Helfer der Organisation berichteten mehrfach von Folter, Massenhinrichtungen, Kannibalismus und schwerer Hungersnot.

Im Jahr 1989 kamen bei einem Abschuss eines Piloten ohne Grenzen-Flugzeugs mit einer Rakete neben anderen Opfern zwei Mitarbeiter ums Leben. Die Organisation verließ daraufhin den Südsudan bis 1992. Allerdings hat sie innerhalb der letzten 25 Jahre dem Sudan trotzdem weiterhin Katastrophenhilfe geboten, obwohl einige freiwillige Helfer verhaftet wurden und es immer wieder Kampfmassaker, auch von Seiten von Zivilisten gab.

Ärzte ohne Grenzen hat zur Situation im Sudan in der Öffentlichkeit wiederholt um Hilfe gebeten. Allerdings erhielt die Organisation gemäß ihren eigenen Angaben weder aus den USA noch aus Europa in ausreichendem Maße Unterstützung.

Frühe neunziger Jahre

In den frühen neunziger Jahren entstanden dann die meisten anderen unterstützenden Sektionen: Griechenland und die USA folgten 1990, Kanada 1991, Japan 1992, Großbritannien, Italien, der deutsche Ableger Ärzte ohne Grenzen e. V. 1993 und Australien sowie der österreichische Ableger, dessen Sitz in Wien ist, folgten im Jahr 1994. Auch in Dänemark, Schweden, Norwegen und Hongkong bildeten sich MSF-Gruppen, später kam auch noch eine in den Vereinigten Arabischen Emiraten hinzu.

Die in den frühen neunziger Jahren durchgeführten Hilfseinsätze gehörten zum Teil zu den gefährlichsten und erschreckendsten Situationen, mit denen sich die Mitarbeiter der Organisationen jemals konfrontiert sahen.

1990 wurde in Afghanistan ein MSF-Logistiker ermordet. Die Organisation unterbrach daraufhin die Aktivitäten im Land bis 1992. Im selben Jahr traf Ärzte ohne Grenzen in Liberia ein, um Zivilisten und Flüchtlingen im liberianischen Bürgerkrieg zu helfen. Die andauernden Kämpfe während der neunziger Jahre und der zweite liberianische Bürgerkrieg führten dazu, dass die Mitglieder aktive Unterstützung bei der Nahrungsversorgung und beim Aufbau eines Gesundheitssystems leisteten sowie Impfkampagnen durchführten. Außerdem sprachen sie sich gegen Angriffe auf Krankenhäuser und Nahrungsversorgungsstationen aus, die insbesondere in der Hauptstadt Monrovia stattgefunden hatten.

Weitere Hilfsmissionen wurden durchgeführt, um Katastrophenhilfe für kurdische Flüchtlinge leisten zu können, die vor der Anfal-Kampagne des Iraks flüchten mussten. Dafür wurden 1991 auch Beweise für die dortigen Gräueltaten gesammelt. Im selben Jahr begann der Bürgerkrieg in Somalia und mit ihm weit verbreitete Hungersnot und Krankheiten, auf die MSF ab 1992 mit Hilfseinsätzen reagierte. 1993 kam es zu einer scharfen Verurteilung der Vorgehensweise der Vereinten Nationen in Somalia, da humanitäre Prinzipien verletzt wurden; allerdings stellten Freiwillige weiterhin Gesundheits- und Nahrungsversorgung zur Verfügung. Aber auch nach dem Rückzug der UN-Mission UNOSOM II (1995) setzte sich die Gewalt in Somalia ungehindert fort, und Ärzte ohne Grenzen gehört zu den wenigen Organisationen, die Zivilisten, die Kampfhandlungen zum Opfer fallen, helfen, indem sie Kliniken und Krankenhäuser betreiben. 1993 stellte die Organisation die Aktivität im irakischen Kurdistan nach der Ermordung eines Handicap International-Mitarbeiters ein.

Ihre Arbeit in Srebrenica (Bosnien und Herzegowina) nahm die Organisation im Jahr 1993 als Teil eines UN-Konvois auf, ein Jahr nachdem der bosnische Krieg begonnen hatte. Die Stadt war von der Vojska Republike Srpske, die etwa 60.000 Bosniaken enthielt, umzingelt gewesen, und war dadurch zu einer Enklave geworden, die von einer UN-Schutztruppe bewacht worden war. Ärzte ohne Grenzen war die einzige Organisation, die den eingeschlossenen Zivilisten medizinische Versorgung leistete.

Ruanda

1994 mussten Delegierte von MSF in Ruanda in die dort tätige Delegation des IKRK aufgenommen werden, um sie vor der Bedrohung durch Hutu-Extremisten im Rahmen des beginnenden Völkermordes zu schützen. Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen trugen dabei das Emblem des Roten Kreuzes und erklärten sich bereit, nach den Einsatzregeln des Roten Kreuzes tätig zu sein, da dies im Rahmen der örtlichen Gegebenheiten der einzige effektive Schutz vor einer möglichen Ermordung war. Die Vorgehensweise von MSF, Verstöße gegen die Menschenrechte und das humanitäre Völkerrecht zu thematisieren und humanitäre Hilfe dadurch effektiver zu gestalten, war in diesem Einsatz an ihre Grenzen gestoßen. Beide Organisationen konnten erreichen, dass alle wichtigen Krankenhäuser im ruandischen Kigali während der schlimmsten Phase des Völkermordes betriebsfähig blieben. Zusammen mit insgesamt 37 anderen humanitären Organisationen wurde Ärzte ohne Grenzen ein Jahr später aus Ruanda ausgewiesen, obwohl viele Freiwillige von Ärzte ohne Grenzen und des Roten Kreuzes zusammen unter den Einsatzregeln des Roten Kreuzes arbeiteten, die besagen, dass Neutralität oberste Priorität haben solle. Allerdings hatte Ärzte ohne Grenzen zuvor das Blutbad durch ruandische Truppen im Vertriebenenlager Kibeho kritisiert. Diese Ereignisse führten innerhalb der Organisation zu einer Debatte über den Widerspruch, einerseits für humanitäre Hilfe zuständig zu sein und auf der anderen Seite die Rolle des Augenzeugen zu übernehmen. Als Reaktion auf den Einsatz in Ruanda näherte sich die Position der Organisation bezüglich der Neutralität an die des Roten Kreuzes an. Dies war eine bemerkenswerte Entwicklung angesichts des Anlasses und der Umstände, die zur Gründung von MSF geführt hatten.

Das Rote Kreuz verlor 56 Mitarbeiter, und Ärzte ohne Grenzen fast hundert ihrer jeweiligen lokalen Belegschaften in Ruanda, woraufhin die französische Sektion beschloss, ihr Team aus dem Land zu schaffen. Dabei war die lokale Belegschaft gezwungen, im Land zu bleiben. Allerdings gab sie die Morde bekannt und verlangte, dass ein Eingreifen der französischen Streitkräfte den Völkermord stoppen solle. Ebenso gab sie in den Medien die Parole „Man kann mit Ärzten allein keinen Völkermord verhindern“ bekannt, und nicht einmal einen Monat später folgte die umstrittene Opération Turquoise. Dieses Eingreifen resultierte entweder direkt oder indirekt aus den Wanderungen der ruandischen Flüchtlinge nach Zaire und Tansania, die auch als „Flüchtlingskrise in der Region der großen Seen“ bekannt wurden und später Cholera-Epidemien, Hungertode und andere Formen des Massensterbens zur Folge hatte.

Russland, Nigeria, Afghanistan und Sierra Leone

In den späten neunziger Jahren führte die Organisation Einsätze im Gebiet des Aralseees durch. Dort litten viele Menschen unter Tuberkulose, Cholera, AIDS, Anämie, drogenbedingten Krankheiten und Unterernährung.

Während einer Meningitis-Epidemie die im Jahr 1996 25.000 Tote forderte impfte MSF insgesamt drei Millionen Nigerianer. 2009 sollen in ihrem bisher größten Impfprogramm 8 Millionen Menschen vor der endemisch in der Sahelzone auftretenden Krankheit geschützt werden.[1]

1997 prangerte sie die Weigerung der Taliban an, eine Gesundheitsvorsorge für Frauen einzuführen.

Der bedeutendste Feldeinsatz von Ärzte ohne Grenzen in den späten neunziger Jahren war in Sierra Leone, wo 1991–2002 Bürgerkrieg herrschte. 1998 begannen Freiwillige, bei chirurgischen Eingriffen in Freetown zu helfen, um der wachsenden Anzahl der Amputationen Abhilfe zu schaffen, und Statistiken über Zivilisten (Männer, Frauen, Kinder) zu sammeln, die für sich in Anspruch nahmen, die ECOWAS Monitoring Group zu vertreten. In Sierra Leone reisten marodierende Männergruppen von den RUF-Rebellen zwischen den Dörfern umher und hackten systematisch den Bewohnern Gliedmaßen ab, vergewaltigten Frauen, schossen Familien nieder, zerstörten Häuser und zwangen Überlebende, die Region zu verlassen. Langfristige Projekte, die nach dem Ende des Bürgerkriegs folgten, sahen unter anderem die Behandlung von Phantomschmerzen nach den gewaltsamen Amputationen vor.

Weitere Einsätze

Ende des Jahres 1999 wurde die „Kampagne für den Zugang zu lebenswichtiger Medizin“ gegründet. Diese verschaffte der Organisation mehr Gehör, als es darum ging, den Mangel an effektiven Behandlungen und Impfstoffen in Entwicklungsländern ins Bewusstsein zu rufen. Im selben Jahr sprach sie auch über den Mangel an humanitärer Hilfe im Kosovo und in Tschetschenien, nachdem sie Feldeinsätze durchgeführt hatte, um denjenigen Zivilisten zu helfen, die unter der jeweiligen politischen Situation zu leiden hatten. Obwohl Ärzte ohne Grenzen seit 1993 in der Region Kosovo gearbeitet hatte, veranlasste der Beginn des Kosovo-Kriegs einen Flüchtlingsstrom, dessen Anzahl an Flüchtlingen im fünfstelligen Bereich lag und ebenso auch einen Rückgang angemessener Lebensbedingungen. Ärzte ohne Grenzen stellte den Opfern der NATO-Bombardierung Unterkünfte, Wasser und Gesundheitsversorgung zur Verfügung. Eine ähnliche Situation fand sie in Tschetschenien vor, deren Bevölkerung in großem Maße gezwungen war, ihr Zuhause zu verlassen, wodurch sie unter gesundheitsschädlichen Bedingungen und unter den Gewalttaten des Zweiten Tschetschenienkrieges zu leiden hatte.

Ein anderes Land, in dem der Krieg die Zivilisten direkt betroffen hatte, war Kolumbien, wo die Organisation 1985 mit der Durchführung ihrer ersten Programme begann. Da fast die ganze Zeit über Kämpfe zwischen Streitkräften der Regierung, Guerilla-Gruppen wie der FARC und paramilitärischen Gruppen wie der Autodefensas Unidas de Colombia tobten, wurden Millionen von Zivilisten aus ihrer Heimat vertrieben und häusliche Gewalt und Entführungen waren weit verbreitet. Ärzte ohne Grenzen stellte aktive Beratung für Menschen zur Verfügung, die durch Gewalttaten in Bedrängnis geraten waren. Ebenso errichtete sie Anlagen zur Gesundheitsversorgung für die großen Gruppen der Vertriebenen. Mobile Kliniken dienten der Unterstützung von isolierten Gruppen.

Seit 1991 ist die Organisation in Haiti tätig. Aber seitdem der ehemalige Präsident Jean-Bertrand Aristide gestürzt worden war, gab es eine Zunahme gewalttätiger Übergriffe ebenso wie von Vergewaltigungen durch bewaffnete Gruppierungen. MSF leistete medizinische und psychologische Hilfe in den vorhandenen Krankenhäusern, wobei es aber nur eine einzige freie Praxis in der Hauptstadt Port-au-Prince gab. Ebenso kümmerte sie sich um die Opfer des Hurrikans Jeanne und versorgte Patienten die an AIDS oder an Malaria litten.

Afrika

Die Organisation ist seit Jahrzehnten in Afrika aktiv. Manchmal war sie alleiniger Garant für Gesundheitsvorsorge, Nahrungs- und Wasserversorgung. Sie hat ständig versucht, die Berichterstattung in den Medien über die dortige Situation zu verbessern, um die internationale Unterstützung zu erhöhen. Dennoch sind weiterhin langfristige Feldeinsätze notwendig. Die Hauptaufgabe der Helfer besteht darin, die Öffentlichkeit über HIV und AIDS in Schwarzafrika aufzuklären, da dies die meisten Toten und Krankheitsfälle in der ganzen Welt hervorruft. Nur vier Prozent aller HIV-infizierten Afrikaner erhalten Medikamente gegen Aids, weshalb Ärzte ohne Grenzen die Regierungen und Firmen dazu drängt, die Erforschung und Entwicklung zur Aids-Bekämpfung zu erhöhen, damit die Kosten gesenkt werden können und somit die Wahrscheinlichkeit, dass ein Medikament gegen Aids gefunden wird, zu erhöhen. Nähere Informationen siehe Aids in Afrika.

Obwohl die Hilfsorganisation seit 1985 auch in der afrikanischen Kongo-Region aktiv ist, brachten sowohl der erste als auch der zweite Kongokrieg erhöhte Gewalt und Instabilität in die dortige Region. Sie musste ihre Teams aus Bunia, der Hauptstadt der Provinz Ituri, während der dort eskalierenden Gewalt wegschaffen. Allerdings setzt sie ihre Arbeit in anderen Gebieten fort, um Zehntausenden vertriebener Zivilisten Essen zur Verfügung zu stellen sowie um Überlebende von Massenvergewaltigungen und weit verbreiteter Kämpfe zu behandeln. Die Behandlungen und die möglichen Schutzimpfungen gegen Krankheiten wie Cholera, Masern, Kinderlähmung, Marburgfieber, Schlafkrankheit, Aids und die Pest sind auch wichtig um Epidemien vorzubeugen oder sie zumindest zu einzudämmen.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1980 in Uganda tätig und leistete Zivilisten Katastrophenhilfe während des Guerilla-Krieges, der während der zweiten Amtszeit von Milton Obote tobte. Aber die Bildung der Lord’s Resistance Army war der Anfang eines langen Feldzuges von Gewalt, der den Norden Ugandas und den Süden des Sudan in Mitleidenschaft zog. Zivilisten waren hierbei Massenhinrichtungen, -vergewaltigungen, Folter und Kindesentführungen ausgesetzt. Die entführten Kinder sollten später entweder als Sexsklaven oder als Kindersoldaten dienen. Während man sich 1,5 Millionen Menschen gegenübersah, die aus ihren Häusern vertrieben wurden, führte Ärzte ohne Grenzen Hilfsprogramme für Lager durch, in denen Opfern interner Vertreibungen sauberes Wasser, Essen und saubere Hygiene zur Verfügung gestellt wurden.

Asien und Amerika

Im Jahr 2001 wurden zwei Mitarbeiter entführt. Einer von ihnen wurde nach sechsmonatiger Entführung in Kolumbien unversehrt wieder freigelassen, ein weiterer Mitarbeiter in Tschetschenien kam nach einem Monat wieder frei. 2002 wurde in Dagestan der MSF-Mitarbeiter Arjan Erkel entführt und im Mai 2004 nach 20 Monaten freigelassen. Am 2. Juni 2004 wurden in Afghanistan fünf Mitarbeiter (eine Belgierin, ein Norweger, ein Niederländer und zwei Afghanen) in einem Hinterhalt der Taliban getötet. MSF sieht eine der Ursachen für dieses Attentat in der bereits davor kritisierten Instrumentalisierung und dem Missbrauch humanitärer Hilfe für politische Zwecke durch die Koalitionstruppen unter US-amerikanischer Führung. So wurden zum Beispiel Afghanen mittels Flugblättern dazu aufgefordert, Informationen über die Taliban und Al Kaida zu liefern, um weiterhin humanitäre Hilfe zu erhalten. Aufgrund dieses Vorfalls und des trotzdem anhaltenden Missbrauchs durch die Koalitionstruppen stellte die Organisation die Arbeit in Afghanistan am 28. Juli 2004 nach 24-jähriger Tätigkeit ein.

Im Jahr 2005 kritisierte Ärzte ohne Grenzen die Vereinten Nationen scharf: Man habe die Hungerkatastrophe im Niger zu spät an die Öffentlichkeit getragen; bis heute sind Hunderttausende von der Dürre betroffen.

Struktur der Feldeinsätze

Bevor in einem Land ein Feldeinsatz durchgeführt wird, besucht ein Team von Ärzte ohne Grenzen die Gegend, um die Gegebenheiten des humanitären Notfalls, den dortigen Sicherheitsgrad und die Art benötigter Hilfe zu ermitteln. Medizinische Hilfe ist das Hauptziel der meisten Einsätze, obwohl einige Einsätze vorrangig der Reinigung von Wasser und der Nahrungsversorgung dienen.

Feldeinsatz-Mannschaft

Eine Mission für einen Hilfseinsatz besteht gewöhnlich aus einer kleinen Anzahl von Koordinatoren, die jeden Bestandteil eines Feldeinsatzes leiten sollen, und einem Leiter der Mission. Dieser ist von allen Mitgliedern gewöhnlich der Erfahrenste, und es ist seine beziehungsweise ihre Aufgabe, mit den Medien, den Regierungen der jeweiligen Länder oder anderen humanitären Organisationen zu verhandeln.

Unter den Freiwilligen in der medizinischen Versorgung sind Ärzte, Krankenschwestern und zahlreiche andere Fachleute, die alle in der Regel über eine Ausbildung in Sachen Tropenmedizin und Epidemiologie verfügen. In Ergänzung zu den medizinischen und Ernährungsbestandteilen der Feldeinsätze sind diese Freiwilligen manchmal mit lokalen Ärzte-Belegschaften zusammen und schulen diese auch.

Obwohl diese Freiwilligen in der medizinischen Versorgung fast immer die meiste Aufmerksamkeit in den Medien erhalten, wenn die Welt von den Feldeinsätzen von Ärzte ohne Grenzen erfährt, gibt es eine Reihe Freiwilliger außerhalb der medizinischen Versorgung, die dafür sorgen, dass der Feldeinsatz funktionsfähig bleibt. Die Logistiker sind oft die wichtigsten Mitglieder einer Mannschaft. Sie sind für alles verantwortlich, was von der medizinischen Ausrüstung, die im Einsatz benötigt wird, von der Auswahl von Sicherheitstechnik und Fahrzeugen bis zur Nahrungs- und Elektrizitätsversorgung reicht. Sie können als Ingenieure oder Vorarbeiter tätig sein, aber gewöhnlich helfen sie dabei mit, Behandlungszentren aufzubauen oder lokale Belegschaften zu beaufsichtigen. Andere Gruppen außerhalb der medizinischen Belegschaft sind Fachleute für Wasser und Hygiene, die meistens erfahrene Ingenieure in den Bereich Wasser sind und Finanz- oder Verwaltungsexperten, die bei Feldeinsätzen eingesetzt werden.

Medizinische Bestandteile

Impfkampagnen sind der Hauptbestandteil der medizinischen Versorgung, die während der Einsätze zur Verfügung gestellt wird. Krankheiten wie Diphtherie, Masern, Meningitis, Tetanus, Pertussis, Gelbfieber, Kinderlähmung und Cholera, die in wohlhabenden Staaten selten sind, kann man durch Impfungen vorbeugen. Einige dieser Krankheiten wie Cholera und Masern breiten sich bei hoher Bevölkerungsdichte, etwa in Flüchtlingslagern, rasch aus. Die dort untergebrachten Menschen müssen zu Hunderten oder gar Tausenden innerhalb kürzester Zeit geimpft werden. So wurde zum Beispiel in der Stadt Beira in Mosambik ein Versuchsimpfstoff gegen Cholera ungefähr 50.000 Bewohnern innerhalb eines Monats zweimal verabreicht.

Ein weiterer Teil der medizinischen Versorgung während der Einsätze besteht in der Behandlung von Aids, dessen Überwachung und die Unterrichtung der Öffentlichkeit über diese Krankheit. Für viele Länder in Afrika, deren Einwohner weltweit die Mehrheit der mit HIV Infizierten bilden, ist Ärzte ohne Grenzen oft die einzige Anlaufstelle für die Behandlung von Aids. Da antiretrovirale Medikamente gegen Aids in der Regel nicht in ausreichendem Maße verfügbar sind, stellt die Organisation Mittel zur Verfügung, um Infektionen von vornherein zu vermeiden, und unterrichtet die Öffentlichkeit darüber, wie man die Übertragung dieser Krankheit verlangsamen kann.

In den meisten Ländern fördert Ärzte ohne Grenzen außerdem lokale Krankenhäuser, indem zum Beispiel die Hygiene verbessert wird, zusätzliche Ausstattung und Medikamente zur Verfügung gestellt werden und die lokalen Belegschaften der Krankenhäuser fortgebildet werden. Wenn die lokale Belegschaft mit den Patienten zahlenmäßig überfordert ist, ist Ärzte ohne Grenzen in der Lage, neue Fachkliniken zur Behandlung endemischer Krankheiten oder für chirurgische Eingriffe bei Kriegsopfern zu errichten. Eröffnet werden diese Kliniken zwar mit ausländischen Mitarbeitern, Ärzte ohne Grenzen bemüht sich jedoch, durch entsprechende Anleitung und Weiterbildungsmaßnahmen den Betrieb dieser Kliniken in zunehmendem Maße in die Hände von lokalen Mitarbeitern zu geben. In einigen Ländern wie Nicaragua bietet die Organisation öffentliche Aufklärung an, um das Bewusstsein über Gesundheitsvorsorge und die Verbreitung sexuell übertragbarer Erkrankungen zu erhöhen.

Kind im Biafra-Krieg, das an Kwashiorkor leidet, einer Krankheit, die in Folge von Unterernährung entsteht

Ernährung

Wenn Ärzte ohne Grenzen einen Einsatz durchführt, gibt es oft Situationen, in denen zumindest in Teilen oder sogar in sehr starkem Maße Mangelernährung als Folge von Krieg, Dürre oder schlechter Verwaltung von Seiten der Regierung herrscht. Während eines Krieges wird absichtliches Herbeiführen von Hunger manchmal auch als Waffe verwendet, und zusätzlich zur Essensversorgung ruft die Organisation die jeweilige Situation in das Bewusstsein der Menschen und besteht auf dem Eingreifen ausländischer Regierungen. Ansteckende Krankheiten und Durchfall, die beide Gewichtsverlust und die Schwächung eines menschlichen Körpers, besonders bei Kindern, verursachen, müssen mit Medikamenten und angemessener Ernährung behandelt werden, um weiteren Infektionen und Gewichtsverlusten vorzubeugen. Eine Kombination der oben genannten Szenarien, also wenn ein Bürgerkrieg in Dürrezeiten tobt und ansteckende Krankheiten ausbrechen, kann zur Hungersnot führen.

In Notfallsituationen, in denen Mangel an nährstoffreichem Essen herrscht, aber trotzdem keine wirkliche Hungersnot herrscht, ist eine Protein-Unterernährung unter jungen Kindern am geläufigsten. Marasmus, eine Form von Kalorienmangel, ist die häufigste Form von Unterernährung während der Kindheit und zeichnet sich durch eine erhebliche und oft auch verhängnisvolle Schwächung des Immunsystem aus. Kwashiorkor, eine Form von Kalorien- und Proteinmangel, ist eine wesentlich gefährlichere Art von Unterernährung. Sie tritt vor allem bei jungen Kindern auf und kann schlimme Auswirkungen auf die körperliche Entwicklung haben. Beide Arten von Unterernährung können dazu führen, dass sich mögliche Infektionen fatal auswirken.

Zur Behandlung von Marasmus und Kwashiorkor gibt es zwei Methoden: die stationäre Behandlung des Patienten im therapeutischen Ernährungszentrum oder die Behandlung im Haus der Familie, die sogenannte Häusliche Pflege. Letztere ist eine Neuerung in der Behandlung von schwerer Unterernährung, die gegenüber den bislang üblichen Ernährungszentren entscheidende Vorteile für den Patienten und deren Familien hat. Im therapeutischen Ernährungszentrum wird durch die schrittweise Einführung spezieller Diäten auf Milchbasis (F75, F100) sowie einer Standardmedikation die Unterernährung behandelt, wodurch die gewünschte Gewichtszunahme eintritt. Die Behandlung wird dabei in zwei Phasen unterteilt: Die erste Phase diente der medizinischen Stabilisierung des Patienten und der Wiedererlangung des Appetits und dauert meist 1–2 Tage. In dieser Zeit werden alle 3 Stunden Milchmahlzeiten (F75) gereicht. In der zweiten Phase von 2–4 Wochen wird die rasche Gewichtszunahme zum Normalgewicht durch Einsatz einer zweiten therapeutischen Milch (F100) erreicht. Für die gesamte Behandlung ist neben dem Patienten auch immer die Mutter oder eine anderes Familienmitglied zur Pflege anwesend.

Durch die Entwicklung einer mit Nährstoffen angereicherten Erdnussbutterpaste (Plumpy’nut), die sofort verzehrfähig ist und im wesentlichen der F100 Milch gleicht, kann die Behandlung von schwerer Unterernährung bei den meisten Patienten auch als Häusliche Pflege durchgeführt werden. Nach der Aufnahme ins Programm wird wöchentlich bei einem ambulanten medizinischen Check-up der Gewichtszuwachs bewertet und eine in verzehrfähiges Tütenformat verpackte Ration Erdnussbutterpaste für die nächste Woche ausgehändigt. Bei medizinischen Komplikationen erfolgt zur Stabilisierung ein Krankenhausaufenthalt (Ernährungszentrum) mit dem Ziel schnellstmöglicher Entlassung in Häusliche Pflege. Die Behandlung in Häuslicher Pflege dauert in der Regel länger (total ca. 6–8 Wochen) als im therapeutischen Ernährungszentrum. Sie kann jedoch problemlos in den Arbeitsalltag der Familie integriert werden und zerstört nicht die Familienstrukturen.

Wasser und Hygiene

Sauberes Wasser ist die Grundlage für Hygiene, zur Verwendung als Trinkwasser und für Ernährungsprogramme, zum Beispiel zur Zubereitung von therapeutischer Trockenmilch und Haferbrei, sowie zur Vermeidung der Ausbreitung von Krankheiten, die durch unsauberes Wasser entstehen. Deshalb mussten Wasseringenieure und Freiwillige von Ärzte ohne Grenzen einen Weg finden, um sauberes Wasser zu produzieren. Dies wird gewöhnlich durch die Reinigung sowie den Um- und Ausbau bestehender Brunnen erreicht. Die Reinigung von Wasser erfolgt in solchen Situationen oftmals durch Lagerung zur Sedimentation und eine anschließende Filtration und Behandlung mit Chlor. Der tatsächliche Ablauf ist jedoch von den entsprechenden Umständen und vorhandenen Mitteln abgängig.

Hygiene ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil von Feldeinsätzen. Deshalb wird eine lokale medizinische Belegschaft hin und wieder über richtige Sterilisationsverfahren, Errichtung von Kläranlagen, und richtige Abfallwirtschaft unterrichtet. Ebenso wird die Bevölkerung über körperliche Hygiene informiert. Korrekte Reinigung von Abwasser und Wasserhygiene haben sich als die effektivsten Möglichkeiten erwiesen, bestimmte Infektionskrankheiten zu vermeiden. Einfache Abwassersysteme können durch Freiwillige installiert werden, um Trinkwasser vor der Verunreinigung zu bewahren. Abfallbeseitigung kann dadurch ermöglicht werden, dass Löcher für normalen Abfall gegraben werden und medizinischer Abfall verbrannt wird. Das wichtigste Augenmerk bei der Hygiene besteht aber darin, die lokalen Bewohner darüber zu unterrichten, mit Abfall und Wasser richtig umzugehen. Dadurch wird die Bevölkerung in die Lage versetzt, auch nach dem Abzug von MSF weiterhin selbstständig die entsprechenden Tätigkeiten durchzuführen.

Statistiken

Um dem Rest der Welt und den Regierungspersonen den Zustand eines humanitären Notfalls genau zu dokumentieren, werden während eines jeden Feldeinsatzes Daten gesammelt. Die Rate der unterernährten Kinder wird verwendet, um die Größenordnung der Unterernährten in der Bevölkerung zu ermitteln und um auf diese Weise herauszufinden, ob Ernährungszentren benötigt werden. Verschiedene Typen von Sterberaten werden verwendet, um den Ernst eines humanitären Notfalls zu dokumentieren; eine gebräuchliche Methode, um die Sterblichkeitsrate in der Bevölkerung zu messen, besteht darin, dass eine Belegschaft die Anzahl der Beerdigungen auf Friedhöfen ständig beobachtet. Indem Daten über die Häufigkeit von Krankheiten in Krankenhäusern erstellt werden, kann die Organisation die vermehrten Vorfälle von Epidemien zurückverfolgen und lokalisieren sowie Vorräte an Impfstoffen und anderen Medikamenten anlegen. So wurde der sogenannte „Meningitis-Gürtel“ im Afrika südlich der Sahara geortet, da dort während der „Meningitis-Saison“ von Dezember bis Juni weltweit die meisten Fälle von Meningitis auftreten. Verlagerungen dieses Gürtels und das Eintreffen der entsprechenden Saison können vorausgesagt werden, indem die gesamten Daten, die über viele Jahre gesammelt wurden, benutzt werden.

Zusätzlich zu den Statistiken über Epidemien führt Ärzte ohne Grenzen Volksbefragungen durch, um die Gewaltrate in verschiedenen Regionen zu ermitteln. Indem man das Ausmaß potentieller Massaker abschätzt und die Rate der Entführungen, Vergewaltigungen und Tötungen ermittelt, hat man eine empirische Basis für psychosoziale Programme zur Senkung der Selbstmordrate und zur Stärkung des Sicherheitsgefühls in der Bevölkerung. Größere Migrantenströme, übermäßige zivile Todesfälle und Massaker können mengenmäßig durch Befragungen erfasst werden. Die Ergebnisse kann die Organisation z. B. dazu verwenden, Druck auf die Regierungen auszuüben, damit diese Hilfe zur Verfügung stellen. Im Extremfall kann dadurch vielleicht sogar einem Völkermord vorgebeugt werden.

Kampagne für den Zugang zu unentbehrlichen Medikamenten

Die „Kampagne für den Zugang zu unentbehrlichen Medikamenten“ (Campaign for access to essential Medicins) wurde 1999 in die Wege geleitet, um den Zugang zu lebensnotwendiger Medizin in Entwicklungsländern zu verbessern. Als „unentbehrliche Medikamente“ werden diejenigen Medikamente bezeichnet, die man in ausreichendem Vorrat braucht, um eine Krankheit zu behandeln, die in der Bevölkerung sehr häufig auftritt. Allerdings sind viele Krankheiten, die in Entwicklungsländern häufig auftreten, in den wohlhabenden Ländern fast ausgestorben; daher halten die Pharmaunternehmen die Herstellung dieser Medikamente oft für unrentabel und erhöhen dementsprechend die Preise, entwickeln die Medikamente nicht mehr weiter oder stellen zum Teil die Produktion dieser Präparate ganz ein. Für andere Krankheiten wie z. B. HIV/AIDS die auch in Industrieländern wichtig sind, gibt es oft wirkungsvolle Medikamente, die aber aufgrund des internationalen Patentrechts für Menschen in Entwicklungsländern oft unbezahlbar sind. Der Organisation Ärzte ohne Grenzen haben während der Feldeinsätze daher oft wirksame und bezahlbare Medikamente gefehlt, so dass diese Kampagne gestartet wurde, um auf Regierungen und Pharmaunternehmen Druck auszuüben, damit eine angemessene Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Medikamenten finanziert werden kann.

Gefahren, denen sich die Mitarbeiter gegenüber sehen

Neben Verletzungen und Tod, die gelegentlich durch Kugeln, Minen und epidemische Krankheiten entstehen, werden Helfer von Ärzte ohne Grenzen aus politischen Gründen manchmal angegriffen oder entführt. Da humanitäre Hilfsorganisationen in einigen Ländern während eines Bürgerkriegs arbeiten, laufen sie häufig Gefahr, als „Helfer des Feindes“ betrachtet zu werden, wenn ein Hilfseinsatz ausschließlich für Opfer einer Seite des Konflikts initiiert wurde. Auch der Krieg gegen den Terror hat in einigen Ländern, die von den USA besetzt werden, die Haltung hervorgebracht, dass Nichtregierungsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen mit der Koalition der Willigen verbündet sind oder gar für sie arbeiten. Seitdem die USA ihre Kriegseinsätze als „humanitäre Aktionen“ bezeichnen, waren einige unabhängige Hilfsorganisation gezwungen, ihre Position zu verteidigen oder sogar ihre Mannschaften zu entfernen. Die Sicherheitssituation in einigen Städten Afghanistans und im Irak hat sich stetig verschlechtert seit dem Einmarsch der USA in diesen Ländern. Daraufhin hatte Ärzte ohne Grenzen erklärt, dass Hilfeleistungen in diesen Ländern zu gefährlich seien. Die Organisation sah sich am 28. Juli 2004 gezwungen, ihre Missionen aus Afghanistan zu entfernen, da fünf ihrer Mitarbeiter (die Afghanen Fasil Ahmad und Besmillah, die Belgierin Helene de Beir, der Norweger Egil Tynæs und der Niederländer Willem Kwint) am 2. Juni von einer unbekannten Miliz bei Khair Khana in der Provinz Badghis aus dem Hinterhalt getötet worden waren.

Verhaftungen und Entführungen von Mitarbeitern sind in politisch instabilen Regionen möglich. In einigen Fällen sind Missionen von MSF ganz aus dem Land verwiesen worden. Arjan Erkel, der Anführer des Einsatzes in Dagestan im Nordkaukasus, wurde entführt und an einem unbekannten Ort von unbekannten Entführern vom 12. August 2002 bis zum 11. April 2004 als Geisel gehalten. Paul Foreman, Leiter der Sektion in den Niederlanden, wurde im Mai 2005 im Sudan verhaftet. Er hatte die Herausgabe von Dokumenten abgelehnt, die benutzt wurden, um einen Bericht über Vergewaltigungen durch die regierungsfreundlichen Milizen der Dschandschawid zu erstellen (siehe Konflikt in Darfur). Foreman führte die Privatsphäre der betroffenen Frauen an und Ärzte ohne Grenzen behauptete, dass die sudanesische Regierung ihn verhaftet hatte, weil ihr die schlechte Publicity durch diesen Bericht missfiel.

Literatur

  • Elliott Leyton, Greg Locke: Touched By Fire: Doctors Without Borders in a Third World Crisis. McClelland & Stewart, Toronto 1998, ISBN 0-7710-5305-3
  • Dan Bortolotti: Hope in Hell: Inside the World of Doctors Without Borders. Firefly Books Ltd, Richmond Hill 2006, ISBN 1-55407-142-9
  • David Morley: Healing Our World: Inside Doctors Without Borders. Fitzhenry & Whiteside Limited, Calgary 2006, ISBN 1-55041-565-4
  • Petra Meyer (Hrsg.): Schmerzgrenzen: unterwegs mit Ärzte ohne Grenzen. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008, ISBN 3-579-06979-9
  • Kimberly S. Greenberg: Humanitarianism in the Post-Colonial Era: The History of Médecins Sans Frontières. In: The Concord Review. 13(2)/2002. The Concord Review Inc., Sudbury MA, S. 57–92

Einzelnachweise

  1. taz: Epidemie ohne Aufmerksamkeit. 4. Mai 2009.

Weblinks


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