Äsopos


Äsopos
So sah der spanische Maler Diego Velasquez den griechischen Dichter Äsop
Aesop, Abbildung in der Schedel'sche Weltchronik von Hartmann Schedel von 1493
Äsop: 2600 Jahre Rezeptionsgeschichte, hier ein Beispiel von 1275, Der Wolf und der Kranich und Der Fuchs und das Lamm, Brunnen von Perugia, Italien , gestaltet von Nicola Pisano und Giovanni Pisano

Äsop (altgriechisch Αἴσωπος Aísōpos, latinisiert Aesopus, eingedeutscht Aesop, Aisop, seltener Aisopus) war ein berühmter griechischer Dichter von Fabeln und Gleichnissen und lebte um 600 v. Chr. Er gilt für Europa als der Begründer der Fabeldichtung, und so wurde sein Name zum Gattungsnamen für die Fabeldichtung überhaupt.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Da von Äsop fast nur legendenhaft und Sagen umsponnen, fast mythisch, berichtet wird, ist wenig über seine Person bekannt, nur dass er ein griechischer Sklave (gr. δοῦλος, dúlos) war. Da Fabeln in Griechenland, etwa von Hesiod oder Archilochos, zur mündlichen Kultur des Volkes eher niederer Abkunft, nicht des Adels, gehörten, wird vermutet, dass Äsop, ähnlich wie sein Publikum, ein Mann des Volkes gewesen ist.

Der Überlieferung nach soll er aus Phrygien stammen, nach Aristoteles aber war er Thraker. Lokalisiert wird er durch Herodot in Ionien, in Samos im 6. Jahrhundert v. Chr., zeitgleich mit Sappho. Er soll als Sklave mehreren Herren gedient haben, bis ihn der Samier Iadmon freiließ. Angeblich kam er dann an den Hof des Königs Kroisos, dessen Vertrauen er durch seinen klugen Witz in solchem Maß gewann, dass er ihn auf mehrere Gesandtschaften schickte; auf einer solchen nach Delphi wurde Äsop von den dortigen Priestern wegen Gotteslästerung ermordet, wie Aristophanes berichtet.

Was von seiner Hässlichkeit und Eulenspiegelhaftigkeit gemeldet wird, ist späteren Erfindungen zuzurechnen. Im ersten Jahrhundert nach Christus erschien ein Äsop-Roman, nach dem er zuerst stumm gewesen, dann von der Göttin Isis die Sprache erhalten hat und vor seiner Freilassung Sklave des Philosophen Xanthos gewesen ist. Äsop wurde auch beschuldigt, die Feige seines Herren gegessen zu haben. Doch mit einem simplen Trick bezeugte er seine Unschuld. Er spielte Xanthos auch einen Streich: Als dieser sagte: „Bring das Essen meiner Liebsten“, gab Äsop es dem Hund.

Fabeln

Äsops Fabeln erhielten sich in prosaischer Form lange nur durch Tradition in mündlicher Überlieferung des Volkes; eine Sammlung der Fabeln soll zuerst Demetrios von Phaleron um 300 v. Chr. vorgenommen haben, die aber im 10. Jahrhundert verloren gegangen ist. Die verschiedenen auf uns gekommenen Sammlungen Äsopischer Fabeln sind teils späte prosaische Auflösungen der metrischen Bearbeitung des Babrios, teils Produkte der Rhetorenschulen aus verschiedener Zeit und von verschiedenem Wert.

Äsops Fabeln sind uns aus der Antike nur in den metrischen Bearbeitungen des Phaedrus, Babrios und Avianus bekannt. Bei den Äsopischen Fabeln handelt es sich um mythische und säkulare kurze Geschichten, die als Gleichnis in Erscheinung treten. Die angesprochenen menschlichen Schwächen sind nie außergewöhnlich: Neid, Dummheit, Geiz, Eitelkeit usw. Stoffe und Figuren stammen aus dem Horizont des kleinen Mannes im Griechenland des 6. Jahrhunderts v. Chr., Handlungsträger sind Tiere, Pflanzen, gar Götter oder bekannte Menschen der Zeit. Das Geschehen in den Äsopischen Fabeln hatte für die Menschen seiner Zeit eine unmittelbar einleuchtende Aussage oder aber eine behutsam in Form einer Allegorie verpackte Bedeutung. Äsops Fabeln werten, urteilen und demaskieren zwar, vernichten oder verdammen aber nicht.

Einfluss

Die europäische Fabeldichtung geht auf Äsop zurück, nicht auf ähnliche Erzählungen mit Gleichnischarakter, die bereits im Alten Orient etwa in Sumer um 3000 v. Chr. erzählt worden sind. Nur zwei der Fabeln von Äsop ähneln Fabeln des indischen Pancatantra, der Grundlage auch der persischen und arabischen Fabel. Erst im 13. Jahrhundert wurden die europäischen Fabeln, nach ihrer Entfaltung im Mittelalter, wieder mit indisch-arabischem Gut bereichert. Lessing berief sich beim Schreiben seiner Fabeln im Rahmen der Aufklärung auf Äsop. Noch heute finden wir Äsops Fabeln in gebräuchlichen Redewendungen; so geht z.B. „mit fremden Federn schmücken“ laut Büchmann auf die Fabel von der Dohle und der Eule zurück.

Beispiele

Überlieferung

Μῦθοι (Mýthoi; Corpus Fabularum Aesopicarum; Fabeln) aus dem 6. Jahrhundert. Kleine Fragmente sind im Papyrus Rylands 493 aus dem 1. Jahrhundert erhalten. Die erhaltene Auswahl der Fabeln ist im Codex parisinus suppl. gr. 690 aus dem 12. Jahrhundert erhalten.

Die Fabeln Äsops waren in den mittelalterlichen Klosterschulen ein häufig verwendeter Lesestoff. Nach Erfindung des Buchdrucks erschienen eine Vielzahl von Ausgaben der Äsop-Fabeln. Als herausragende Edition gilt Heinrich Steinhöwels 1476 in Ulm erschienener Aesop, wegen seiner qualitätvollen Holzschnitt-Illustrationen. Der sogenannte »Ulmer Aesop« enthielt alle damals bekannten Fabeln Äsops. Die 190 prächtigen Holzschnitt-Illustrationen werden dem Meister des Ulmer Chorgestühls, Jörg Syrlin d.Ä., zugeschrieben. Steinhöwel ließ dem lateinischen Text eine von ihm gefertigte deutsche Übersetzung folgen.

Im 17. und 18. Jahrhundert belebten Jean de La Fontaine (1621–1695) und Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) die Fabel Äsops neu.

Sonstiges

Äsop ist auch der Name des angeblichen Verfassers einer romanhaften Geschichte Alexanders des Großen, welche um 400 n. Chr. von einem Julius Valerius unter dem Titel: Res gestae Alexandri Macedoms translatae ex Aesopo Graeco ins Lateinische übersetzt worden ist. Später wurde jedoch das griechische Original in der Pariser Bibliothek entdeckt, wo Kallisthenes als Verfasser genannt ist.

Literatur

  • Reinhard Dithmar: Existenz- und Gesellschaftskritik in der Fabel von Äsop bis Brecht, in: Die Schulwarte, 1/1971.
  • Klaus Grubmüller: Meister Esopus. Untersuchungen zu Geschichte und Funktion der Fabel im Mittelalter. Zürich und München 1977.
  • August Hausrath: Aesopische Fabeln. Reihe Tusculum. Leipzig 1970. Griechisch-Deutsch.
  • Kindlers Literaturlexikon, Band V, Zürich 1985.

Weblinks


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