Bezugsgruppe (Soziologie/Sozialpsychologie)

Bezugsgruppe (Soziologie/Sozialpsychologie)

Unter Bezugsgruppe oder Referenzgruppe wird in Soziologie und Sozialpsychologie eine soziale Gruppe verstanden, die einem Individuum entweder als normative oder als komparative Bezugsgröße dient. Im ersten Fall identifiziert sich das Individuum mit dieser Gruppe, macht sich deren Normen und Werte zu eigen, ohne aber ihr als Gruppenmitglied angehören oder mit deren Mitgliedern direkt in sozialer Interaktion stehen zu müssen. Im zweiten Fall misst das Individuum seinen sozialen Status an dem der Mitglieder einer Vergleichsgruppe, etwa wenn sich ein Facharbeiter mit der Gruppe der Angestellten vergleicht.

Inhaltsverzeichnis

Bezugsgruppentheorie

Robert K. Merton und andere Soziologen haben vornehmlich die normative Bezugsgruppe zur Erklärung bestimmter empirischer Ergebnisse (relative Deprivation) von Samuel A. Stouffers Studie The American Soldier[1] verwendet.

Walter G. Runciman hat das Konzept der Referenzgruppe weiter ausdifferenziert und für seine Untersuchung über wahrgenommene soziale Gerechtigkeit versus Ungerechtigkeit im England des 20. Jahrhunderts operationalisiert. Die von ihm gebildeten Gruppen wurden nach Klassenzugehörigkeit (manual – non-manual) und politischer Orientierung (Labour – Conservative) gebildet.

Ralf Dahrendorf verknüpfte seine Rollentheorie mit der Bezugsgruppentheorie. Ihm zufolge können Bezugsgruppen sowohl Fremd- als auch Eigengruppen sein. Sie bestimmen Erwartungen (in Form sozialer Normen) an bestimmte soziale Rollen und sanktionieren deren Verletzung. Zu den Bezugsgruppen zählt er auch die "Gesellschaft mit ihrem Rechtssystem".[2]

Einzelbelege

  1. Samuel A. Stouffer: The American Soldier: Adjustment During Army Life. Sunflower University Press: 1949. ISBN 089126034X, 9780891260349
  2. Ralf Dahrendorf: Homo Sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle. 4. Auflage. Westdeutscher Verlag, Köln und Opladen 1964, S. 40.

Literatur

  • Ralf Dahrendorf: Homo Sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle. 16. Auflage mit einem neuen Vorwort 2006. VS Verlag Wiesbaden (1.Auflage 1965). ISBN 978-3-531-31122-7
  • Robert King Merton / Paul Felix Lazarsfeld: Studies in the Scope and Method of "The American Soldier." Free Press of Glencoe 1950.
  • Herbert H. Hyman: Reference Groups. In: David Sills (Hrsg..), International Encyclopedia of the Social Sciences, vol. 13. Free Press, New York 1968, S. 353-359.
  • Herbert H. Hyman / Eleanor Singer (Hrsg.): Readings in Reference Group Theory and Research. New York 1968.
  • Walter G. Runciman: Relative Deprivation and Social Justice: a Study of Attitudes to Social Inequality in Twentieth-Century Britain. Routledge & Kegan, London 1966.

Weblinks


Wikimedia Foundation.

См. также в других словарях:

  • Bezugsgruppe — bezeichnet: eine Soziale Gruppe, an der sich ein bestimmtes Individuum orientiert und mit der er sich vergleicht (Bezugsgruppe (Soziologie/Sozialpsychologie)) eine Affinity Group in politischen Zusammenhängen Diese Seite ist …   Deutsch Wikipedia

  • Soziologie der Emotionen — Die Soziologie der Emotionen beschäftigt sich mit der soziologischen Analyse menschlicher Emotionen. Innerhalb der Soziologie rückte sie Ende der 1970er Jahre in den Blickpunkt der Wissenschaft. In vorherigen Jahren war die Emotionsforschung in… …   Deutsch Wikipedia

  • Gruppe (Soziologie) — Eine Gruppe in der Steinzeit (Gemälde von Wasnezow, 19. Jh.) Der Begriff Soziale Gruppe bezeichnet eine Sammlung von mindestens drei Personen (umstritten, auch zwei wird genannt). Der Begriff soziale Gruppe grenzt sich damit, was die Dreizahl der …   Deutsch Wikipedia

  • Theorie mittlerer Reichweite — Reichweite von Theorien Theorien mittlerer Reichweite (engl. middle range theory) ist ein von Robert K. Merton 1962 eingebrachter Begriff für Theorien, die in der Soziologie bevorzugt angestrebt werden sollten. Er benutzt den Begriff um das… …   Deutsch Wikipedia

  • Tabubruch — Dieser Artikel oder Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (Literatur, Webseiten oder Einzelnachweisen) versehen. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst gelöscht. Hilf Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und… …   Deutsch Wikipedia

  • Tabuisierung — Dieser Artikel oder Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (Literatur, Webseiten oder Einzelnachweisen) versehen. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst gelöscht. Hilf Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und… …   Deutsch Wikipedia

  • Tabuthema — Dieser Artikel oder Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (Literatur, Webseiten oder Einzelnachweisen) versehen. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst gelöscht. Hilf Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und… …   Deutsch Wikipedia

  • Tabuwort — Dieser Artikel oder Abschnitt ist nicht hinreichend mit Belegen (Literatur, Webseiten oder Einzelnachweisen) versehen. Die fraglichen Angaben werden daher möglicherweise demnächst gelöscht. Hilf Wikipedia, indem du die Angaben recherchierst und… …   Deutsch Wikipedia

  • Erich-Fromm-Gesellschaft — Erich Fromm (* 23. März 1900 in Frankfurt am Main; † 18. März 1980 in Muralto, Tessin) war ein deutsch amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe. Inhaltsverzeichnis 1 Lebenslauf …   Deutsch Wikipedia

  • Autoritärer Charakter — Das Konzept des autoritären Charakters geht wesentlich auf Erich Fromm zurück, der es am Institut für Sozialforschung unter der Leitung Max Horkheimers in den 1930er Jahren entwickelte. Inhaltsverzeichnis 1 Definition 2 Theorie nach Erich Fromm 2 …   Deutsch Wikipedia


Поделиться ссылкой на выделенное

Прямая ссылка:
Нажмите правой клавишей мыши и выберите «Копировать ссылку»