Das Schweigen der Sirenen


Das Schweigen der Sirenen

Das Schweigen der Sirenen ist ein Prosastück von Franz Kafka, entstanden 1917. Die Erstveröffentlichung erfolgte 1931. Es ist eine ironische Demontage eines Bildungs-Mythos,[1] nämlich des Zwölften Gesanges aus der Odyssee von Homer.

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

In der ursprünglichen Fassung Die Irrfahrten des Odysseus wird unter anderem davon berichtet, wie sich Odysseus und seine Männer vor der Verlockung der Sirenen schützen, indem den Männern Wachs in die Ohren gestopft wird und Odysseus, der den Sirenengesang hören möchte, am Mast angekettet wird. Bei Kafka werden die alten Formulierungen verändert, in dem Odysseus beide Schutzmittel an sich selbst erprobt, Mitstreiter gibt es hier nicht. Außerdem wird das Schweigen der Sirenen als neues entscheidendes Moment eingebracht. Der ursprünglich titellose Text entstand 1917 und wurde aus dem Nachlass von Max Brod mit „Das Schweigen der Sirenen“ betitelt. [2]

Inhalt

Der Einleitungssatz lautet:

„Beweis dessen, daß auch unzulängliche, ja kindische Mittel zur Rettung dienen können.“

Die Mittel des Ohrenverstopfens und des Festbindens, die Odysseus wählt, werden vom anonymen Erzähler als völlig unwirksam bewertet. Jedoch daran dachte Odysseus nicht und er fuhr mit unschuldiger Freude über seine Mittelchen den Sirenen entgegen. Die noch schrecklichere Waffe als der Gesang ist aber das Schweigen der Sirenen und tatsächlich schwiegen sie, als Odysseus kam. Er nun dachte an seine Mittel Wachs und Ketten und wähnte sich durch sie vor dem Gesang geschützt. Er passierte die Gewässer der Sirenen unbeschadet und frei. Gerade dadurch wird er aber nun für die Sirenen selbst zum Objekt der Verlockung. Ein überlieferter Anhang zu der Geschichte sagt, dass Odysseus sehr wohl bemerkte, dass die Sirenen schwiegen, dies aber mit List verbergen konnte.

Textanalyse

Der Erzähler sieht mit einer gewissen Skepsis und Herablassung auf Odysseus; nach seiner Einschätzung benutzt dieser „kindische“ Mittelchen, um sich vor der Macht der Sirenen zu retten. Odysseus aber zeichnet eine besondere Selbstgewissheit aus. Er glaubt an seine Mittel und lässt sich nicht verunsichern vom Hörensagen des Schreckens, vielmehr zeigt sich „der Anblick der Glückseligkeit“ in seinem Gesicht. Er ist der naive Held, der die Gefahr, die ihm droht, gelassen ignoriert.[3] Aber im Gegensatz zur Vorstellung von Odysseus, dem Listenreichen, ist Kafkas Odysseus ein Tölpel.[4] Die schlimme Waffe des Sirenenschweigens deutet er um in sein spezielles Behütetsein aufgrund seiner „Mittelchen“. So entfernt er sich räumlich und innerlich ganz von den Sirenen, den ursprünglichen Objekten seiner Begierde. Und so wendet sich die Richtung des Verlangens. Die Sirenen sind nun diejenigen, die „nur noch den Abglanz vom großen Augenpaar des Odysseus“ erhaschen wollen. Also ist der Beweis entsprechend dem Eingangssatz erbracht: die Mittelchen haben gerettet.

Der überlieferte Anhang sagt aber, dass Odysseus so listenreich war, dass „selbst die Schicksalsgöttin nicht in sein Innerstes dringen konnte“ und dass er den „obigen Scheinvorgang nur gewissermaßen als Schild den Göttern entgegengehalten“ hat. Dies wäre nun allerdings tatsächlich ein Vorgehen nach der Art des Odysseus, wie man ihn kennt, und sicher kein kindisches Mittel sondern eine raffinierte Inszenierung.und Täuschung.

Biografische Bezüge

Mit der Wahl des Odysseus und ebendieser Variante begibt sich Kafka auf ein von ihm selten begangenes Terrain, indem er hier von einem erfolgreichen Protagonisten erzählt. Dieser Protagonist ist scheinbar in naiver Weise selbstbewusst, er zweifelt und zaudert nicht, sondern glaubt an sich. Bei der zweiten denkbaren Variante mit der Täuschung steht er natürlich ganz unangefochten und übermenschlich da.[4] Diese Sieghaftigkeit ist nicht die Gedankenwelt, in der Kafka selbst und seine Figuren normalerweise beheimatet sind.

Der verführerische Gesang der weiblichen Kreaturen, die das unwiderstehlich Andere darstellen, kann gedeutet werden als die Gefährdung für Kafka und sein Schreiben durch die Frau an sich.[5]

Textausgaben

Audiobook

Sekundärliteratur

Weblinks

 Wikisource: Das Schweigen der Sirenen – Quellen und Volltexte

Einzelnachweis

  1. Reiner Stach: Kafka: Die Jahre der Erkenntnis. S. Fischer, ISBN 978-3-10-075119-5, S. 252
  2. DNB: Franz Kafka: „Das Schweigen der Sirenen“
  3. Peter-André Alt: Franz Kafka: Der ewige Sohn. Eine Biographie. C.H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-53441-4, S. 574
  4. a b Hans Dieter Zimmermann: Kafka für Fortgeschrittene. C.H. Beck, 2004, ISBN 3-406-51083-3, S. 178
  5. Bettina von Jagow, Oliver Jahraus (Hrsg.): Kafka-Handbuch Leben–Werk–Wirkung. Vandenhoeck & Ruprecht, 2008, ISBN 978-3-525-20852-6, S. 67 Vivian Liska

Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Das Schloss — ist neben Der Verschollene (auch bekannt unter Amerika) und Der Prozess einer der drei unvollendeten Romane von Franz Kafka. Das 1922 entstandene Werk wurde 1926 von Max Brod postum veröffentlicht. Es schildert den vergeblichen Kampf des… …   Deutsch Wikipedia

  • Der Bau — ist eine 1923–1924 entstandene, unvollendete Erzählung von Franz Kafka, die postum erstmals 1928 in der Zeitschrift Witiko und 1931 von Max Brod [1] veröffentlicht wurde. Sie schildert den vergeblichen Kampf eines Tieres um die Perfektionierung… …   Deutsch Wikipedia

  • Der Verschollene — ist neben Das Schloss und Der Process einer der drei unvollendeten Romane von Franz Kafka, entstanden zwischen 1911 und 1914 und 1927 von seinem Freund und Herausgeber Max Brod postum veröffentlicht. In den frühen Ausgaben wurde der Roman unter… …   Deutsch Wikipedia

  • Das Ehepaar — ist eine Erzählung von Franz Kafka, die 1922 entstand und postum veröffentlicht wurde. Sie schildert Vorgänge in einem Kaufmannshaushalt und die enge Verbundenheit eines alten Ehepaares. Inhaltsverzeichnis 1 Inhalt 2 Textanalyse und… …   Deutsch Wikipedia

  • Das Stadtwappen — von Prag Das Stadtwappen ist eine kurze Erzählung von Franz Kafka. Sie ist wahrscheinlich 1920 entstanden und postum veröffentlicht worden. Ihr Bericht über den Bau eines gigantomanischen Turmes korrespondiert mit der Geschichte Beim Bau der… …   Deutsch Wikipedia

  • Der Aufbruch (Kafka) — Der Aufbruch ist eine 1922[1] von Franz Kafka verfasste Parabel und wurde 1936 postum und zunächst gekürzt von seinem Freund Max Brod veröffentlicht.[2] Sie beschreibt den Ritt eines Ich Erzählers, der seine Heimat mit ungewissem Ziel verlässt.… …   Deutsch Wikipedia

  • Der Heizer — ist eine Erzählung von Franz Kafka, die 1913 im Rahmen der Schriftenreihe Der jüngste Tag im Kurt Wolff Verlag erschien.[1] Gleichzeitig ist sie das erste Kapitel des Romanfragmentes Amerika (Titel von Max Brod), das laut Kafka Der Verschollene… …   Deutsch Wikipedia

  • Der Kübelreiter — ist eine Erzählung von Franz Kafka aus dem Jahr 1917, deren Hintergrund der extreme Kriegswinter 1917 ist. Sie sollte eigentlich Bestandteil des Erzählbandes Ein Landarzt werden. Da es dazu nicht kam, erschien sie stattdessen separat 1921 in der… …   Deutsch Wikipedia

  • Der Nachbar — ist eine Erzählung aus dem Nachlass von Franz Kafka. Sie wurde 1917 geschrieben und 1931 in Berlin von Max Brod und Hans Joachim Schoeps herausgegeben. Die Geschichte Der Nachbar, die Merkmale einer Kurzgeschichte aufweist, handelt von einem… …   Deutsch Wikipedia

  • Der Schlag ans Hoftor — ist ein parabelartiges Prosastück von Franz Kafka, das im April 1917 [1] entstand und 1931 veröffentlicht wurde. Es wird das Eintreten in eine geheimnisvolle Ordnung beschrieben als Akt der unerlaubten Überschreitung, der bestraft wird [2].… …   Deutsch Wikipedia