Die Kameliendame (Ballett)

Die Kameliendame (Ballett)

Die Kameliendame ist ein Ballett in einem Prolog und drei Akten von John Neumeier. Von ihm stammt nicht nur die Choreografie, sondern auch das Libretto. Es basiert auf dem Roman Die Kameliendame (La dame aux camélias) von Alexandre Dumas d. J.. Als Musik verwendete er ausschließlich Klavierkompositionen von Frédéric Chopin. Das Werk erlebte seine Uraufführung durch das Stuttgarter Ballett am 4. November 1978 im Großen Haus der Württembergischen Staatstheater in Stuttgart. Die Titelrolle tanzte Marcia Haydée. Ihr hatte Neumeier das Ballett auch gewidmet. In den weiteren Hauptrollen sah man Egon Madsen, Birgit Keil, Richard Cragun, Jean Allenby, Vladimir Klos, Ruth Papendick, Reid Anderson, Nora Kimball, Marcis Lesins und Mark A. Neal. Eine Aufführung dauert etwa drei Stunden (mit jeweils einer Pause zwischen den Akten).

Inhaltsverzeichnis

Personen

  • Marguerite Gautier, die Kameliendame
  • Armand Duval
  • Manon Lescaut
  • Des Grieux
  • Prudence Duvernoy
  • Gaston Rieux
  • Nanina, Marguerites Kammerfrau
  • Monsieur Duval, Armands Vater
  • Olympia
  • Der Herzog
  • Graf N.
  • Prudences Freundin
  • Ein Pianist
  • Ein Ehepaar
  • Der Auktionator
  • Dessen Assistent
  • Arbeiter auf der Auktion
  • Verehrer Manons
  • Arthur, Edouard und Eugène, Verehrer Marguerites
  • Gäste beim Bal Masqué
  • Gesellschaft unterwegs zur Landpartie
  • Gäste auf dem Land
  • Marguerites Diener
  • Spaziergänger auf den Camps-Elysées
  • Ballgäste

Handlung

Einführung

Das Ballett spielt in Paris und Umgebung Mitte des 19. Jahrhunderts. Es beginnt mit dem Ende der Geschichte und lässt das Geschehen in Rückblenden – wie in einem Film – Revue passieren, mehrmals unterbrochen durch die – aus der Sicht des Betrachters – in der Gegenwart spielende Rahmenhandlung.

Prolog

Der Hausrat einer luxuriös ausgestatteten Wohnung soll versteigert werden, weil die Inhaberin verstorben ist. Die Kammerfrau Nanina trauert um ihre Herrin. Besucher betreten den Raum und besichtigen die Gegenstände, die zur Versteigerung anstehen. Einer von ihnen ist Monsieur Duval. Er wird von einem hereinstürzenden jungen Mann entdeckt, seinem Sohn Armand. Dieser scheint beim Anblick der vertrauten Sachen einer Ohnmacht nahe zu sein. Als er zu fallen beginnt, fängt ihn sein Vater auf. Der Sohn kommt aber gleich wieder zu sich und erzählt, was ihn bedrückt.

Erster Akt

Die Rückblende beginnt an einem Abend im Théâtre des Variétés. Auf dem Programm steht das Ballett „Manon Lescaut“, das von einer Kurtisane handelt, die sich zwar nach einem Leben in Luxus sehnt, aber auch nicht auf ehrliche Liebe verzichten will. Unter den Zuschauern befindet sich Marguerite Gautier, die „Kameliendame“, selbst eine der begehrenswertesten Kurtisanen von Paris. Das Geschehen auf der Bühne wühlt sie innerlich auf, weil sie darin ihr eigenes Schicksal erkennt. Ebenfalls im Publikum ist Armand Duval, der aus einer der angesehensten französischen Familien stammt. Er hat schon viel von der Kameliendame gehört und brennt darauf, sie persönlich kennenzulernen. Heute wird er ihr vorgestellt. Sogleich verliebt er sich in die schöne Frau. Fortan verfolgt er das Ballett mit anderen Augen. Mit der Figur des Des Grieux, dem treuen Liebhaber Manons, fühlt er sich seelenverwandt und glaubt, darin seine eigene Zukunft zu erkennen.

Am Ende der Vorstellung lädt Marguerite einige ihrer Bekannten und Armand zu sich ein. Sie hatte gehofft, in dem jungen Grafen N. einen charmanten Liebhaber zu finden; doch stattdessen entpuppt er sich als Langweiler. Um ihn zu ärgern, flirtet sie mit Armand. Es dauert nicht lange, und der Graf verlässt rasend vor Eifersucht das Haus.

Die Gastgeberin bekommt einen Hustenanfall und zieht sich zurück. Armand eilt hinterher und kümmert sich rührend um sie. Gleichzeitig macht er ihr eine Liebeserklärung.

In den nächsten Wochen treffen sich Marguerite und Armand immer öfters. Obwohl Marguerite dem jungen Mann sehr zugetan ist, verzichtet sie aber nicht auf ihr gewohntes Leben. Sie eilt weiterhin von Ball zu Ball und gibt sich zahlreichen Liebhabern hin. Einer von ihnen ist ein Herzog. Der merkt, dass es mit ihrer Gesundheit abwärts geht, und stellt ihr ein Landhaus in einem Pariser Vorort zur freien Verfügung, damit sie sich im Grünen erhole. Armand zieht bei ihr ein.

Zweiter Akt

Bei einem Fest in Marguerites Landhaus kommt es vor allen Gästen zu einer Auseinandersetzung zwischen dem Herzog und Armand. Marguerite muss jetzt Farbe bekennen. Zum ersten Mal erklärt sie vor der Gesellschaft, dass ihr die Liebe zu Armand mehr wert sei als aller Reichtum. Damit hat sie den Herzog brüskiert. Wütend eilt er davon, gefolgt von den übrigen Gästen. Armand und Marguerite geben sich ihrer Liebe hin.

Armand wird sich bewusst, dass diese glückliche Zeit für immer zu Ende ist. Der Gedanke daran lässt ihn erneut zusammenbrechen. Aber auch seinen Vater lässt die Erzählung nicht kalt. Er selbst hatte darin auch eine tragende Rolle gespielt. Er erinnert sich.

Als Monsieur Duval zugetragen wird, welchen Lebenswandel sein Sohn führt, ergreift er die Offensive. Er sucht die Kameliendame in ihrem Landhaus auf und verlangt von ihr, die Affäre mit Armand sofort zu beenden. Marguerite lässt sich überzeugen, dass dies das beste für ihn ist. Sie reist nach Paris zurück stürzt sich in ihr altes Leben.

Bei seiner Ankunft im Landhaus übergibt Nanina Armand einen Brief, in welchem sich seine Geliebte von ihm verabschiedet. Armand will dies nicht wahrhaben. Er eilt nach Paris. In ihrer Stadtwohnung trifft er sie in den Armen eines anderen an. Verzweifelt rennt er davon.

Dritter Akt

Ein paar Wochen später geht Armand auf den Champs-Elysées spazieren. Rein zufällig kommt ihm Marguerite entgegen, begleitet von einer anderen Kurtisane, der rassigen Olympia. Um sich an Marguerite für ihr schändliches Verhalten zu rächen, macht Armand sogleich Olympia den Hof und tut so, als wäre zwischen ihm und Marguerite nie etwas gewesen.

Wieder ist einige Zeit vergangen. Von der schweren Lungenkrankheit gezeichnet, sucht Marguerite Armand auf und bittet ihn, sie nicht weiter zu demütigen. Beide erkennen, wie sehr sie sich immer noch lieben und verbringen die Nacht miteinander. Marguerite wird von Fieberträumen geplagt, in denen ihr immer wieder Manon Lescaut erscheint. Als sie erwacht, erinnert sie sich an das Versprechen, das sie dem alten Duval gegeben hatte, und verlässt ihren noch schlafenden Geliebten.

Armand ist Marguerites Verhalten ein Rätsel. Vom Wahn getrieben will er sie nun in aller Öffentlichkeit brüskieren. Gelegenheit dazu findet er bei einem großen Ball. Vor allen Gästen überreicht er ihr einen Umschlag, der prall mit Geldscheinen gefüllt ist, quasi als Symbol der Entlohnung für die ihm geleisteten Liebesdienste.

Damit endet Armands Erzählung. Sein Vater verlässt die Auktion. Inzwischen hat Nanina Armands Ankunft bemerkt und reicht ihm das Tagebuch ihrer Herrin. Daraus erfährt Armand, wie sehr seine Geliebte mit ihrer Krankheit zu kämpfen hatte. In einer letzten Rückblende sieht man, wie Marguerite ein zweites Mal der Aufführung des Balletts „Manon Lescaut“ beiwohnt. Die Protagonistin wurde nach Amerika verbannt. Des Grieux ist ihr in die Neue Welt gefolgt. Völlig erschöpft haucht Manon in seinen Armen ihr Leben aus.

Als Marguerite das Theater verlässt, verfolgen sie die Figuren des Balletts. In der Nacht wird sie erneut von fieberhaften Albträumen heimgesucht. Sie sehnt sich danach, nur noch einmal Armand in den Armen zu liegen. Völlig allein gelassen bringt sie ihre Gedanken zu Papier. Als sie damit fertig ist, übergibt sie das Tagebuch ihrer Kammerfrau mit der Bitte, es Armand zukommen zu lassen. Danach stirbt sie.

Anmerkungen

Dumas‘ Roman war so erfolgreich, dass der Autor selbst drei Jahre nach seinem Erscheinen eine Bühnenfassung davon herausbrachte. Neumeier beruft sich jedoch bei seiner Ballettversion ausdrücklich auf den Roman und nicht auf das gleichnamige Drama. Das Ballett im Ballett, von dem Neumeier Teile in sein Werk eingebaut hat, gibt es nicht.

John Neumeiers „Kameliendame“ ... ist ein Höhepunkt, der schwerlich so schnell wieder erreicht werden dürfte. Einfach deshalb, weil sie, so wie sie vom Staatstheaterballett realisiert wird, ein Modellfall dramaturgischer Überlegung, musikalischer Stimmigkeit, bildnerischen Geschmacks und choreographischer Reife darstellt. Ein Modellfall, der fast zwangsläufig Ausnahme bleiben muß.[1]

Musik

Reihenfolge der verwendeten Klavierkompositionen Frédéric Chopins:

Im Prolog:

  • Largo aus der Sonate h-moll, op. 58 (1844)

Im ersten Akt:

  • Second Concerto pour le piano avec orchestre, f-moll, op. 21 (1829)

Im zweiten Akt:

  • Walzer Nr. 1 As-Dur aus Trois Valses Brillantes, op. 34 (1835)
  • Trois Ecossaises aus Nocturne, Marche Funèbre et Trois Ecossaises, op. 72 (1826)
  • Walzer Nr. 3, F-Dur, aus Trois Valses Brillantes, op. 34 (1838)
  • Largo aus der Sonate h-moll, op. 58
  • Prélude Nr. 2 a-moll
  • Prélude Nr. 17 As-Dur
  • Prélude Nr. 15, Des-Dur aus Vingt-quatre Préludes, op. 28 (1836-39)
  • Largo aus der Sonate h-moll, op. 58
  • Prélude Nr. 2 a-moll,
  • Prélude Nr. 24, d-moll, aus Vingt-quatre Préludes, op. 28

Im dritten Akt:

  • Grande Fantaisie sur des airs polonais pour le piano avec orchestre, A-Dur, op. 13 (1828), Largo ma non troppo, Andantino, Allegretto gestrichen, Vivace
  • Ballade g-moll, op. 23 (1831-35)
  • Grande Polonaise brillante précédée d’un Andante spianato pour le piano avec orchestre, Es-Dur, op. 22 (1830-31/1834)
  • Romanze, 2. Satz aus dem Grand Concerto pour le piano avec orchestre, e-moll, op. 11 (1830)
  • Largo aus der Sonate h-moll, op. 58

Verfilmung

John Neumeier selbst verfilmte sein Ballett 1987 mit Marcia Haydée, Ivan Liska, François Klaus, Colleen Scott und Vladimir Klos in den Hauptrollen. Der 129 Minuten dauernde Film kam am 19. November 1987 in die Kinos. Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden verlieh ihm das Prädikat „besonders wertvoll“. Das Lexikon des internationalen Films urteilt: „Das berühmte Liebesschicksal der Pariser ‚Kameliendame‘ ... als lyrisch-morbides Ballett von exemplarischer künsterlicher Geschlossenheit. Durch Ästhetisierung und Romantisierung erfährt der gesellschaftliche Kontext des sozial bedingten Seelendramas jedoch eine nicht angemessene Schwächung. Eindrucksvoll vor allem wegen der meisterhaften Choreografie und der tänzerischen Glanzleistungen.“

Einzelnachweise

  1. Otto Friedrich Regner, Heinz-Ludwig Schneiders: Reclams Ballettführer. 8. Auflage. Stuttgart 1980, ISBN 3-15-008042-8, S. 514.

Weblinks


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