Ernst Lohmeyer


Ernst Lohmeyer

Ernst Lohmeyer (* 8. Juli 1890 in Dorsten; † 19. September 1946 bei Hanshagen) war ein deutscher evangelischer Theologe. Er gehörte zu den profiliertesten neutestamentlichen Exegeten des 20. Jahrhunderts.

Leben

Ernst Lohmeyer war der Sohn des Heinrich Lohmeyer (1851–1918), Pfarrer in Schildesche, und dessen Frau Marie Niemann (1856–1937). Seine Kindheit verbrachte er überwiegend in Vlotho, wohin sein Vater 1895 versetzt wurde. Nach dem Besuch des Friedrichs-Gymnasiums in Herford studierte er ab 1908 an der Universität Tübingen Theologie, Philosophie und Orientalische Sprachen, ging 1909 für ein Semester an die Universität Leipzig und anschließend bis 1911 an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. Danach arbeitete er ein Jahr als Hauslehrer beim Grafen von Bethusy-Huc in Klein Gaffron bei Raudten.

1912 wurde er zum Lizenziaten der Theologie promoviert und bestand die 1. Theologische Prüfung beim Evangelischen Konsistorium in Münster. 1913 ging er als Einjährig-Freiwilliger zum Westfälischen Jäger-Bataillon Nr. 7. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs verhinderte seine planmäßige Entlassung. 1914 wurde er mit der Dissertation „Die Lehre vom Willen bei Anselm von Canterbury“ zum Dr. phil. an der Universität Erlangen promoviert. Im Rahmen einer Kriegstrauung heiratete er 1916 Melie Seyberth. Nach dem Ende seines Kriegsdienstes habilitierte er sich 1918 an der Universität Heidelberg.

Am 1. Oktober 1920 wurde er als Nachfolger von Rudolf Bultmann außerordentlicher, im folgenden Jahr ordentlicher Professor für neutestamentliche Theologie an der Universität Breslau. Von 1930 bis 1931 war er Rektor der Hochschule. Lohmeyer stand dem aufkommenden Nationalsozialismus ablehnend gegenüber und machte seine Haltung auch öffentlich. Als 1932/1933 die Vorlesungen des Juristen Ernst J. Cohn durch planmäßige antisemitische Aktionen der nationalsozialistischen Studenten gestört wurden, ließ Lohmeyer in Vertretung des Rektors die Störer durch die Polizei aus dem Hörsaal entfernen. Der Cohn-Skandal und sein Eintreten für Martin Buber, mit dem er nach der Machtergreifung demonstrativ Kontakt hielt, waren neben seiner Betätigung im Sinne der Bekennenden Kirche einige der Gründe für seine Strafversetzung an die Universität Greifswald 1935, wo er Nachfolger von Joachim Jeremias wurde. Die Staatsanwaltschaft in Stettin eröffnete 1937 ein Verfahren im Sinne des Heimtückegesetzes gegen Lohmeyer, das 1938 ohne Ergebnis eingestellt wurde.

1939 wurde er zum Kriegsdienst bei den rückwärtigen Diensten eingezogen und als Besatzungsoffizier der Wehrmacht in Polen, Belgien und den Niederlanden eingesetzt. Zuletzt war er während des Russlandfeldzuges im Rang eines Hauptmanns Militärkommandant des Kreises Slawjansk. 1943 wurde er vom Dienst freigestellt und später aus der Wehrmacht entlassen, um wieder den theologischen Lehrstuhl in Greifswald zu übernehmen.

Nach der kampflosen Übergabe der Stadt an die Rote Armee, an der Ernst Lohmeyer Anteil hatte, wurde er wenige Tage nach der Verhaftung des bisherigen Rektors Carl Engel mit der provisorischen Leitung der Rektorats beauftragt. Der Lehrbetrieb wurde jedoch durch das Oberkommando der Roten Armee in Stettin unterbrochen und die Hochschule blieb bis Februar 1946 geschlossen. Wegen seiner Personalpolitik, er versuchte, sich der von der KPD und der Besatzungsmacht geforderten Säuberung der Universität auch von nominellen NSDAP-Mitgliedern zu entziehen, um die Funktionsfähigkeit der Hochschule zuerhalten, geriet er mit der Landesverwaltung in Konflikt.

Ernst Lohmeyer wurde vom Amt des Rektors enthoben und in der Nacht vor der Wiedereröffnung der Universität am 15. Februar 1946 von der sowjetischen Geheimpolizei verhaftet. Außer unklaren Erklärungen durch deutsche Stellen, die die Verhaftung mit seiner Militärzeit begründeten, gab es keine Informationen über seinen Verbleib. Die Pommersche Landeskirche, hochrangige Wissenschaftler und auch der KPD-Vorsitzende Wilhelm Pieck erhielten auf ihre Bemühungen keine Antwort von der sowjetischen Besatzungsmacht. Erst 1951 wurde seiner Familie mitgeteilt, dass Lohmeyer am 19. September 1946 „in russischem Gewahrsam“ verstorben sei.

Tatsächlich war er in der Greifswalder Domstraße Nr. 7 in Einzelhaft interniert und wurde am 28. August 1946 von einem sowjetischen Militärtribunal wegen seiner Tätigkeit als Militärkommandant des Kreises Slawjansk zum Tode verurteilt. Am 19. September 1946 soll Ernst Lohmeyer neben anderen Verurteilten in einem Wald bei Hanshagen erschossen worden sein.

Am 15. Oktober 1996 wurde das Todesurteil von der Moskauer Militäroberstaatsanwaltschaft formell aufgehoben. Im abschließenden Rehabilitierungsgutachten wurde festgestellt, „daß Ernst Lohmeyer ohne ausreichende Gründe und nur aus politischen Motiven heraus verhaftet und verurteilt wurde.“

Literatur

  • Gerhard Saß: Lohmeyer, Ernst. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 15, Duncker & Humblot, Berlin 1987, S. 132 f.
  • Wolfgang Weiß: Lohmeyer, Ernst. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 5, Herzberg 1993, ISBN 3-88309-043-3, Sp. 186–189.
  • Andreas Hilger: „Tod den Spionen!“: Todesurteile sowjetischer Gerichte in der SBZ/DDR und in der Sowjetunion bis 1953. V&R unipress, 2006, ISBN 978-3-89971-286-5, S. 109–113.
  • Andreas Köhn: Der Neutestamentler Ernst Lohmeyer. Studien zu Biographie und Theologie. Mohr Siebeck, 2004, ISBN 978-3-16-148376-9.
  • Werner Schmauch (Hg.), In Memoriam Ernst Lohmeyer, Evangelisches Verlagswerk Stuttgart 1951.
  • Ernst Lohmeyer, Andreas Köhn: Ernst Lohmeyers Zeugnis im Kirchenkampf. Breslauer Universitätspredigten. Vandenhoeck & Ruprecht, 1990, ISBN 978-3-525-55382-4.
  • Ernst Lohmeyer, Wolfgang Otto: Freiheit in der Gebundenheit. Zur Erinnerung an den Theologen Ernst Lohmeyer anlässlich seines 100. Geburtstages. Vandenhoeck & Ruprecht, 1990, ISBN 3525535880.

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