Friedrichstadt-Palast

Friedrichstadt-Palast
Der neue Friedrichstadt-Palast an der Berliner Friedrichstraße.

Der Friedrichstadt-Palast ist ein Revuetheater im Berliner Ortsteil Mitte (Bezirk Mitte). Der Begriff Friedrichstadt-Palast bezeichnet dabei sowohl das Gebäude an sich, als auch das Revuetheater als Einrichtung mit seinem Ensemble. Das heutige Gebäude wird zur Abgrenzung zu seinem Vorgängerbau, dem Alten Friedrichstadt-Palast, auch Neuer Friedrichstadt-Palast genannt. 2011 erfolgte die Umbenennung von Friedrichstadtpalast in die historische Schreibweise Friedrichstadt-Palast. [1]

Inhaltsverzeichnis

Der alte Friedrichstadt-Palast

Die Geschichte des Friedrichstadt-Palastes geht auf eine frühere Markthalle zurück, die sich etwa 200 Meter südwestlich des heutigen Standortes zwischen dem Bertolt-Brecht-Platz und der Straße Am Zirkus befand, offizielle Adresse war seit 1867 Am Zirkus 1. Später wurde direkt neben ihr das Theater am Schiffbauerdamm errichtet. An der Stelle der Markthalle befindet sich bis heute eine durch den Abriss des alten Friedrichstadt-Palastes entstandene Freifläche.

Dieses Gebäude war von 1865 bis 1867 im Auftrag der Berliner Immobilien-Aktien-Gesellschaft nach Plänen des Geheimen Oberbaurates Friedrich Hitzig unter Leitung des Baumeisters Lent errichtet und am 29. September 1867 als erste Berliner Markthalle eröffnet worden. Sie war 84 Meter lang und 64 Meter breit. Nur sieben Monate nach ihrer Eröffnung, am 18. April 1868, musste sie wegen Unwirtschaftlichkeit, die aus der damals schlechten Verkehrssituation herrührte, wieder schließen. Danach stand das Gebäude zunächst leer und wurde später als Lebensmitteldepot verwendet. Während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71 richtete die preußische Heeresleitung in dem Bau ein Nachschubarsenal ein. Nach Kriegsende blieb die Halle wieder ungenutzt.

1873 erfolgte der erste Umbau des Hauses zu einem festen Zirkusgebäude mit etwa 5.000 Plätzen. Am 25. Dezember 1873 wurde es als Markthallen-Zirkus unter Direktor Albert Salomonsky eröffnet. Die Vorstellungen boten vor allem Pferdedressuren, denn Salmonsky war selbst Parforcereiter. Am 20. April 1879 erwarb Ernst Renz das Haus und führte dort seinen Zirkusbetrieb fort. 1888 ließ Renz das Haus erneut umbauen. Über die anschließende Zuschauerkapazität schwanken die Angaben verschiedener Quellen, sie soll bis zu 8000 Plätze[2] betragen haben. Renz machte sich für seine Wassernummern auch die Tatsache zu Nutze, dass das Gebäude auf 863 Pfahlrosten über dem sumpfigen Lauf eines durch die Oranienburger Vorstadt fließenden Pankearms errichtet worden war. Dieser Flusslauf, bereits zur Zeit der Markthalle zum Frischhalten von Fischen, Blumen und Gemüse genutzt, wurde nun offen durch das Gebäude geführt. Nach Renz' Tod 1892 führte dessen Sohn Franz Renz das Unternehmen fort, musste es aber unter dem großen Konkurrenzdruck am 31. Juli 1897 schließen.

Das Haus kam durch Versteigerung an Bolossy Kiralfy und Hermann Haller. Diese richteten nach erneutem Umbau den Amüsierbetrieb Neues Olympia-Riesen-Theater bzw. Riesen-Olympia-Theater ein. Das Bühnenportal wurde auf 44 Meter verbreitert und vier der acht großen Säulen im Zuschauerraum wurden entfernt. Bereits nach zwei Jahren musste das Duo Kiralfy/Haller allerdings wieder aufgeben – ihre pompösen Shows mit zu wenig Gehalt gefielen dem Publikum nicht.

Albert Schumann war der nächste Nutzer des Hauses, der am 28. Oktober 1899 wieder einen Zirkus eröffnete. Schumann setzte auf klassische Zirkusprogramme mit zahlreichen Pferdedressuren als Hauptbestandteil. Ein weiterer Umbau im Jahr 1901 führte zur Vergrößerung der Bühnenfläche auf 800 Quadratmeter und zu einer Modernisierung der installierten Technik. Ab den 1910er Jahren interessierte sich das Berliner Publikum mehr für moderne Raubtierdressuren, das Besucherinteresse an Schumanns Darbietungen ließ nach. Der Erste Weltkrieg brachte ihm schließlich den Ruin. Zu Beginn der Krieges wurden seine Pferde für den Dienst in der Kaiserlichen Kavallerie requiriert, während des Krieges gingen die Gewinne für die zu zahlenden Steuern drauf. Am 31. März 1918 gab der Circus Schumann seine letzte Vorstellung.

Den Zirkusdirektoren Salomonsky, Renz, Schumann und den Artisten Kiralfy/Haller folgte Max Reinhardt, der den Zirkus zur Inszenierung seiner monumentalen Bühnenstücke und Klassiker nutzen wollte. Am 1. April 1918 übernahm die National-Theater AG das Haus im Auftrag von Reinhardt.[3] Reinhardt ließ das Haus für die neue Nutzung abermals umbauen und konnte dafür den renommierten Architekten Hans Poelzig gewinnen. Nachdem dieser die Markthallenarchitektur der gusseisernen Stützen und Streben durch eine Stuckdecke mit tropfenförmig herabhängenden Zapfen umgestaltet hatte[4][5], sprachen die Berliner nur von ihrer Tropfsteinhöhle. Die Hauptbühne war nun 30 Meter breit und 22 Meter tief. Sie hatte eine Drehbühne von 18 Metern Durchmesser und verfügte über verschiebbare Vorbühnen. Hinzu kam moderne Beleuchtungs- und Effekttechnik.

Am 28. November 1919 wurde das nun Großes Schauspielhaus genannte Gebäude mit Die Orestie von Aischylos in der Bearbeitung und Übersetzung Karl Gustav Vollmoellers unter der Regie von Max Reinhardt feierlich eröffnet.

Ab 1924 inszenierte Erik Charell hier seine „Charellrevue“ mit Texten von Robert Gilbert sowie die Musikschau „Im weißen Rößl“. Am 12. Juli 1925 brachte Erwin Piscator seine politische Revue „Trotz alledem“ auf die Bühne.[6]

In der Nazizeit wurde das monumentale Gebäude in Theater des Volkes umbenannt, die von der Kuppel hängenden Zapfen wurden abgeschlagen, sie galten als entartete Kunst. Jetzt kamen spätbürgerliche Operetten zur Aufführung. Das Haus wurde in dieser Zeit auch zeitweise unter dem Namen Palast der 5000 unter der privaten Leitung Marion Spadonis und Nicola Lupos geführt.

Das Gebäude erlitt im März 1945 durch wiederholte Luftangriffe stärkste Beschädigungen, die zwischen Kriegsende und August 1945 notdürftig beseitigt werden konnten. Nun führten die Künstler Spadoni und Lupo das Haus als Palast der 3000/Haus der 3000 oder Palast am Bahnhof Friedrichstraße bzw. Palast-Varieté weiter.

FDJ-Gründungsfeier im Friedrichstadt-Palast 1947
Abschlusskundgebung des Deutschen Frauenkongress für den Frieden März 1947

In diesem Gebäude fand am 2. November 1947 die Gründungsfeier der FDJ statt. Auch für weitere gesellschaftliche Großveranstaltungen wurde es genutzt.

1949 wurden die Besitzer enteignet und die Stadt Berlin übernahm die Einrichtung, die in Friedrichstadt-Palast umbenannt wurde. Der erste Intendant nach der Enteignung war Gottfried Herrmann, ihm folgte 1961 Wolfgang E. Struck.

Am 29. Februar 1980 wurde das Gebäude unmittelbar nach der Besichtigung durch Bauexperten wegen starker Setzungen der verfaulten Fundamentpfeiler im Boden geschlossen. In einer ADN-Meldung vom gleichen Tag hieß es dazu: „Im Friedrichstadt-Palast können ab 1. März keine Vorstellungen mehr stattfinden. Der Magistrat von Berlin hat im Interesse der öffentlichen Sicherheit eine entsprechende Festlegung getroffen. Die ständige Überwachung des Palastes durch die staatliche Bauaufsicht sowie spezielle Untersuchungen haben ergeben, daß sich die Gründungskonstruktion ständig verschlechtert ….[7]“ So ging am Abend dieses Tages mit der Revue Seekiste die letzte Vorstellung im alten Friedrichstadtpalast über die Bühne. Obwohl als Spielstätte geschlossen, diente das Haus dem Ensemble in der Folge weiterhin als Probenbühne. Auch das Magazin, die Werkstätten und die Verwaltungsräume wurden noch weiter genutzt. Nach dem Umzug des Ensembles in den Neubau begann 1985 der Abriss des fast 120 Jahre alten Gebäudes.

Im alten und neuen Friedrichstadt-Palast wurden regelmäßig Fernsehshows des DDR-Fernsehens produziert, bei denen zahlreiche internationale Stars auftraten. Einige Teile der Samstagabendshow Ein Kessel Buntes entstanden hier. – In Erinnerung an deren populäre Moderatorin Helga Hahnemann wurde von 1995 bis 2010 im Friedrichstadtpalast alljährlich der Preis Goldene Henne verliehen.

Kleine Melodie

Im alten Friedrichstadt-Palast befand sich in den 1960er und 1970er Jahren der Jazzclub Kleine Melodie. Es war wohl ursprünglich die Kleine Bühne des Hauses. Dort haben zahlreiche Jazz-Ensembles ihr Können dargeboten, die später im Haus der Jungen Talente (Klosterstraße) und im Jazz-Club in der Fredersdorfer Straße (Fredersdorfer Club) auftraten und zur Entstehung der DDR-Pop-Kultur beitrugen.

Der heutige Friedrichstadt-Palast

Trotz des Namens befindet sich der Friedrichstadt-Palast nicht in der Friedrichstadt, sondern in der Spandauer Vorstadt. Das Gebäude liegt an der schon seit ca. 1900 als Amüsiermeile bekannten Friedrichstraße und trägt die Hausnummer 107, etwa 400 Meter nördlich des Bahnhofs Friedrichstraße. Es wurde als Ersatz für den 1980 wegen seiner Baufälligkeit geschlossenen „Alten Friedrichstadt-Palast“, das frühere Große Schauspielhaus, gebaut.

Als Standort des Neubaus diente ein Areal, auf dem im 18. Jahrhundert die Kaserne des 2. Garderegiments zu Fuß stand, später vom Finanzamt genutzt. Die Kaserne wurde durch die Bombardements am Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört, auf ihren Fundamenten stand zwischen 1949 und etwa 1960 die Zirkusmanege des früheren Zirkus Barlay.

Dann erfolgte der Neubau des Friedrichstadt-Palastes auf einem 7.700 m² großen Teil dieser Fläche; er wurde am 27. April 1984 eröffnet. Das neue Palastgebäude ist ein Betonbau auf rechteckigem Grundriss und fällt durch seine strukturierten und mit Rundbogenformen gegliederten Fassadenelemente auf. Grundideen der Innenausstattung des alten Palastes sind im Vestibül, in den Umgängen, im Foyer und in den Kronleuchtern erkennbar. Die drei Reliefs an der Südseite sowie das Relief an der Nordseite des Gebäudes schuf die Bildhauerin Emilia N. Bayer. Die Reliefs befassen sich mit der Geschichte des Palastes als Zirkus, Schauspielhaus und Varieté-Theater.

Der Friedrichstadt-Palast verfügt über einen großen Saal mit 1.895 amphitheatrisch angelegten Plätzen, in dem regelmäßig Shows aufgeführt werden. Er besitzt mit 2.854 m² bespielbarer Gesamtfläche die größte Theaterbühne der Welt[8] und weist zudem mit 24 Metern das breiteste Bühnenportal in Europa auf. Zur Beschallung dient das moderne Tonsystem Meyer Sound.

Quatsch-Comedy-Club

Ein Element, das in keiner Show des Hauses fehlen darf, ist das aus der Unterbühne ausfahrbare zwei Meter hohe Wasserbecken, das ein Fassungsvermögen von 140.000 Liter hat. Bei winterlichen Shows wird an seiner Stelle eine Eisfläche genutzt. Ein wesentlicher Bestandteil der Revuen ist das aus 60 Tänzerinnen und Tänzern bestehende Friedrichstadt-Palast-Ballett. Allabendlich bilden die 32 Tänzerinnen die längste Girlreihe (Kickline) der Welt.[8] 2009 war das Haus erstmals Veranstaltungskino der Berlinale und Veranstaltungsort der Fashion Show von Michael Michalsky im Rahmen der Berliner Fashion Week 2009.[9] Am 23. April 2010 wurde im Friedrichstadt-Palast der Deutsche Filmpreis vergeben.

Deutschlandweit einzigartig ist auch das Kinder- und Jugendensemble. Mehr als 250 Kinder im Alter von sechs bis sechzehn Jahren stehen unter dem Motto Kinder spielen für Kinder auf der großen Bühne an der Friedrichstraße und zeigen ihr Können.

Seit 1995 wird das Theater als GmbH geführt, zunächst unter dem Intendanten Alexander Iljinskij, von 2004 bis Oktober 2007 unter der Leitung von Thomas Münstermann und Guido Herrmann. Seit dem 1. November 2007 ist Berndt Schmidt Intendant und alleiniger Geschäftsführer des Friedrichstadt-Palastes.

In der früheren Kleinen Revue im Keller des Friedrichstadt-Palastes befindet sich seit 2002 der Quatsch Comedy Club.

Berühmte Künstler oder Gruppen, die im Friedrichstadt-Palast auftraten

– alphabetisch –

Literatur

  • Roland Welke (Hrsg.): Sternstunden. 25 Jahre Neuer Friedrichstadtpalast. Henschel Verlag, Leipzig 2009. ISBN 3-89487-635-2
  • Wolfgang Schumann: Friedrichstadtpalast – Europas größtes Revuetheater. Henschel Verlag, Berlin 1995
  • Hans Ludwig: Altberliner Bilderbogen. Altberliner Verlag, Berlin 1965, 1967, 1990. ISBN 3-357-00077-6
  • Das hat Berlin schon mal gesehn. Eine Historie des Friedrichstadt-Palastes von Wolfgang Carlé nach einer Dokumentation von Heinrich Martens. Henschelverlag Berlin 1975
  • Wolfgang Carlé: Markt, Manege, Musentempel – aus der Geschichte des Friedrichstadtpalastes. In: Wochenpost Nr. 14/1984
  • Wolfgang Carlé, Heinrich Martens: Kinder, wie die Zeit vergeht – Eine Historie des Friedrichstadt-Palastes Berlin. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft. Berlin 1987
  • Die Bau- und Kunstdenkmale der DDR, Berlin, I; Institut für Denkmalpflege (Hrsg.), Henschelverlag, Berlin 1984. Seiten 326ff
  • Hans Prang, Günter Kleinschmidt: Mit Berlin auf du und du – Erlesenes und Erlauschtes aus 750 Jahren Berliner Leben. F.A. Brockhaus Verlag, Leipzig 1980. Seiten 170/171 Markthalle, Zirkus, Theater und Varieté
  • Wolfgang Tilgner, Eva Senger: Das Haus an der Spree – Von der Markthalle zum Friedrichstadtpalast. Friedrichstadt-Palast (Hrsg.), Berlin 1974

Weblinks

 Commons: Friedrichstadtpalast – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. [1]. Welt-Online Friedrichstadtpalast mit alter Schreibweise vom 24. Oktober 2011
  2. Wolfgang Carlé, Heinrich Martens: Kinder, wie die Zeit vergeht – Eine Historie des Friedrichstadt-Palastes Berlin Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1987, S. 18
  3. Wolfgang Carlé, Heinrich Martens: Kinder, wie die Zeit vergeht – Eine Historie des Friedrichstadt-Palastes Berlin Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1987, S. 46
  4. Hans Poelzig: Bau des Großen Berliner Schauspielhauses. Festschrift zur Eröffnung
  5. Heike Hambrock: Marlene Moeschke – Mitarbeiterin?, das wiederentdeckte Werk der Bildhauerin und Architektin liefert neue Erkenntnisse über Hans Poelzigs Großes Schauspielhaus in Berlin. in: Kritische Berichte. Marburg 29.2001,3, S. 37–53 ISSN 0340-7403
  6. Ludwig Hoffmann, Daniel Hoffmann-Ostwald: Deutsches Arbeitertheater 1918-1933. Henschel, Berlin 1961, 1977, Rogner & Bernhard, München 1973. ISBN 3-920802-90-X
  7. Wolfgang Carlé, Heinrich Martens: Kinder, wie die Zeit vergeht – Eine Historie des Friedrichstadt-Palastes Berlin Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1987, S. 168
  8. a b Dr. Bernd Schmidt: Programm zur 'Sommer-Revue', Friedrichstadtpalast, Berlin 2008
  9. Wie der Friedrichstadtpalast zum Kino wird, Artikel in der Berliner Morgenpost vom 3. Februar 2009; abgerufen am 12. Februar 2009
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