Horace Walpole, 4. Earl of Orford


Horace Walpole, 4. Earl of Orford
Horace Walpole, 4. Earl of Orford

Horace Walpole, 4. Earl of Orford (* 24. September 1717 in London, Großbritannien; † 2. März 1797 in London, Großbritannien) war ein britischer Schriftsteller, Politiker und Künstler. Er gilt sowohl als Begründer der „Gothic Novel“ als auch des englischen Landschaftsgartens. 1754 nutzte er in seinen Briefen den Wissenschafts-Begriff Serendipity, den der Soziologe Robert K. Merton dann prägend verbreitete.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Horace Walpole wurde als viertes Kind des ersten Premierministers von Großbritannien (des ersten Regierungschefs Großbritanniens, der Premierminister genannt wurde), Sir Robert Walpole (1676–1745), und seiner Frau Catherine geboren. Er wuchs bei seiner Mutter auf, die praktisch von ihrem sie offen betrügenden Mann getrennt lebte. Nachdem sie 1737 starb, heiratete Robert Walpole gleich darauf seine Geliebte. Ab 1727 besuchte Walpole wie in der britischen Oberklasse üblich das Eton College, wo er sich mit dem später bei seinen Zeitgenossen sehr beliebten Dichter Thomas Gray (1716–1771) und dem früh verstorbenen Dichter Richard West befreundete. Ab 1734 besuchte er das King's College in Cambridge, wo er Musik, Mathematik und Anatomie studierte, aber wie unter Gentlemen damals üblich keinen Abschluss machte.

1739 startete er zusammen mit Thomas Gray zu seiner Grand Tour, einer unter reichen jungen Männern der britischen Oberschicht üblichen Tradition, sich auf einer Rundreise über den Kontinent „die Hörner abzustoßen“ und Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. Mit Gray zerstritt er sich schon bald, blieb seinem Jugendfreund aber später freundschaftlich verbunden. Einige Autoren vermuten, dass Walpole homosexuell war und sich schon in Eton und Cambridge mit Henry Pelham-Clinton, 9. Earl of Lincoln, einließ. Als diese sich in Italien trafen, hätte das Grays Eifersucht erweckt.[1]. Dies ist aber umstritten. In Florenz traf er die bekannte Reiseschriftstellerin Lady Mary Wortley Montagu und freundete sich mit dem britischen Botschafter Horace Mann an, den er später in einem regen Briefwechsel über die Ereignisse im Vereinigten Königreich auf dem Laufenden hielt.

Nach seiner Rückkehr nach Großbritannien verschaffte ihm sein Vater eine Reihe von Wahlbezirken und er saß er von 1741 bis 1768 im House of Commons. Außerdem verschaffte ihm sein Vater eine Reihe gut dotierter Staatsposten. 1791 erbte er nach dem Tod seines Neffen den Titel eines Earl of Orford.

Walpole blieb unverheiratet.

Strawberry Hill

1747 erwarb Walpole ein kleines Landhaus in Twickenham an der Themse (in der Nähe von London), das den Namen Strawberry Hill trug. Dieses Haus baute er in mehreren Phasen bis 1776 in ein bizarres, gotisches Schloss um. Sein Stil begründete die Neogotik und war zum Beispiel Vorbild für das Gotische Haus im Wörlitzer Park. Strawberry Hill gehört heute einer Stiftung und kann besichtigt werden.

Walpole als Schriftsteller

1764 veröffentlichte Walpole unter einem Pseudonym den Roman Das Schloss von Otranto als angebliche Übersetzung eines italienischen Textes von 1529. Als dieser Roman einen ungewöhnlichen Erfolg verbuchte, bekannte sich Walpole in der zweiten Auflage 1765 zur Autorschaft.

In Das Schloss von Otranto wird das für seine Familie verderbliche Wirken einer mächtigen Vaterfigur (Manfred) geschildert, die sich tyrannisch und intrigant um die genealogische Nachfolge sorgt, als sein schwächlicher Sohn von einem mysteriösem Riesenhelm erschlagen wird. Manfred, nun ohne Sohn und Erben, stellt daraufhin des Sohnes versprochener Braut Isabella nach, die er zuvor für diesen entführen ließ, um eine Verbindung zwischen seinem Fürstentum Otranto und dem Herrschaftsbereich des Marcheses von Vicenza, dessen Tochter die Braut ist, herzustellen. Nun will Manfred Isabella vergewaltigen, danach seine devote Ehefrau Hippolyta verstoßen, um dann Isabella heiraten zu können. Isabella graut es jedoch vor ihrem alten, finsteren Verfolger und versucht kurz nach Manfreds „Antrag“ aus der Burg von Otranto zu fliehen, wobei ihr ein edelmütiger Bauernbursche, der durch Manfreds tyrannische Unbeherrschtheit und Ungerechtigkeit zum Tode verurteilt wurde, hilft.

Wie in der Architektur eröffnete Horace Walpole mit seinem Text auch in der Literatur ein neues Kapitel, den Horror-Roman (englisch Gothic Novel). „The Castle of Otranto“ gilt zwar als der Prototyp der Gattung Schauerromantik, ist aber noch ganz im Sinne der Aufklärung der Vernunft und Moral verpflichtet. Erst Matthew Lewis' The Monk (1794) vollzieht den Bruch mit den Werten der Aufklärung.

Das Schloss von Otranto spielt zwar zur Zeit der Kreuzzüge in Italien, aber das Vorbild für die Burg steht nicht in Otranto (Apulien). Es ist, wie Walpole in einem seiner vielen Briefe erklärte, sein Landhaus Strawberry Hill, das durch den jahrelangen Umbau zu einem verwinkelten Schloss mit vielen Hallen und Gängen geworden war.

Seinen zweiten großen Erfolg und einen Großteil seiner Berühmtheit erlangte er mit dem 1794 erschienenen Buch „Über die englische Gartenkunst“ (Essay on modern gardening), in dem er das Konzept des Englischen Landschaftsgarten beschreibt.

Seine annähernd 3000 Briefe gelten als wichtige Quelle für das Großbritannien des 18. Jahrhunderts. Walpole hatte eine eigene Druckerei, in der seine Werke und auch solche von Thomas Gray erschienen. Weitere Bücher von ihm sind ein Katalog der umfangreichen Kunstsammlung, die sein Vater hinterließ, Catalogue of the Royal and Noble Authors of England (1758), das Theaterstück Mysterious Mother (1768), in dem es um Inzest geht und das zu seinen Lebzeiten nie aufgeführt wurde, Historical doubts on the life and reign of Richard III. (1768), Letters of Xo Ho to his friend Lien Chi at Pekin (1757), Memoirs of the last 10 years of George II., Memoirs of the reign of George III. und Anecdotes of painting in England (in 4 Bänden 1762–1771).

Literatur

  • Ian R. Christie: Horace Walpole, the gossip as historian. In: History Today. Jg. 4, Nr. 5, 1954, ISSN 0018-2753, S. 291–300.

Zitate

  • Die Welt ist für den Denkenden eine Komödie, für den Fühlenden aber eine Tragödie (The world is a comedy to those that think, a tragedy to those that feel)[2]

Weblinks

 Commons: Horace Walpole, 4. Earl of Orford – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Timothy Mowl: Horace Walpole. The great outsider. 1996
  2. Ein Lieblingsspruch von Walpole in seinen Briefen, zum Beispiel 31. Dezember 1769 an Horace Mann. Der Ausspruch wird auch La Bruyere zugeschrieben.


Vorgänger Amt Nachfolger
George Walpole Earl of Orford
1791–1797
Titel erloschen
Baron Walpole
1791–1797
Horatio Walpole

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