Jüngere Dryaszeit


Jüngere Dryaszeit
Serie/
(Glazial)
  Klimastufen   Zeitraum
v. Chr.
Holozän
Präboreal 9.610–8.690
Pleistozän
(Weichsel-
-Spätglazial)
Jüngere Dryaszeit 10.730–9.700 ± 99
Alleröd-Interstadial 11.400–10.730
Ältere Dryaszeit 11.590–11.400
Bölling-Interstadial 11.720–11.590
Älteste Dryaszeit 11.850–11.720
Meiendorf-Interstadial 12.500–11.850
(Weichsel-
-Hochglazial)
Mecklenburg-Phase

Die Jüngere Dryaszeit, auch nur Jüngere Dryas, Jüngere Tundrazeit, Jüngere Tundrenzeit oder Dryas 3 war in der Erdgeschichte ein scharfer Kälterückfall (Stadial) nach dem Alleröd-Interstadial am Ende der Weichsel-Kaltzeit (Quartär). Auf die Jüngere Dryaszeit folgte das Präboreal des Holozän: die Jüngere Dryas ist somit der letzte Zeitabschnitt der Weichsel-Kaltzeit und des Pleistozän.

Verschiedene Berechnungen ergeben für die Jüngere Dryaszeit etwa einen Zeitraum von 10.730–9.700 v. Chr.

Inhaltsverzeichnis

Namensgebung und Begriffsgeschichte

Die Weiße Silberwurz, hier auf Spitzbergen, ist heute nur noch auf extremen Standorten zu finden

Der Begriff Jüngere Dryaszeit wurde von Knud Jessen im Jahr 1935 geprägt. Der Name Dryas ist der botanische Gattungsname der Weißen Silberwurz (Dryas octopetala), die während dieser Zeit in ganz Deutschland und Skandinavien verbreitet war.

Definition, Korrelation

Die Untergrenze ist geprägt von einem deutlichen Anstieg der Nicht-Baumpollen und relativ hohen Anteilen an Sonnenpflanzen (Heliophyten). Die Pollen zeigen damit eine deutliche Abkühlungsphase nach dem Alleröd-Interstadial an. Die Jüngere Dryaszeit ist außerdem gekennzeichnet durch eine stärkere klastische Sedimentation in den Seen durch die geringe Pflanzenbedeckung. Ein Typusprofil existiert nicht, ebenso auch keine Typuslokalität. Eindeutige Kriterien wurden von Johannes Iversen im Profil Bølling Sø (Jütland, Dänemark) beschrieben.

In Irland wird dieser Zeitabschnitt als Nahanagan Stadial bezeichnet, in Großbritannien als Loch Lomond Stadial.

Datierung

Nach Warvenjahren im Meerfelder Maar dauerte sie von 12.680 Warvenjahren v. h.[1] und endete vor 11.590 Warvenjahren v. h.[2] Nach den Warven des Vansees in der Türkei endete das jüngere Dryas 10.920 ± 132 Jahre vor heute[3]. Die seit dem Beginn des Holozäns (und damit seit dem Ende der Jüngeren Dryaszeit) verstrichene Zeit wird nach der Definition des Holozän-GSSP von der ICS mit 11.700 ± 99 Kalenderjahren angegeben[4]. Daraus ergibt sich umgerechnet für die Jüngere Dryaszeit ein Zeitraum von 10.730 bis 9.640 v. Chr. (Warvenjahre) bzw. 9700 ± 99 v. Chr. für das Ende der Jüngere Dryaszeit nach der Definition durch die ICS.

Mittels der Dendrochronologie wurde das Ende auf 11.570 BP[5] bestimmt[2], was 9.620 v. Chr. bedeutet. Das Geozentrum in Hannover gibt als Dauer den Zeitraum 12.700 bis 11.560 cal. v. h. an,[6] also 10.750 bis 9.610 v. Chr. In den grönländischen Eisbohrkernen wurde der Beginn des Holozäns (und damit das Ende der Jüngeren Dryaszeit) mit 11.700 ± 99 Jahre b2k[7] definiert (also 9.700 v. Chr.). Dies bedeutet, dass nur noch sehr geringe Differenzen zwischen den verschiedenen Methoden der absoluten Altersbestimmung bestehen.

Verlauf

Drei Rekonstruktionen vergangener Temperaturen. Die rote Grip-Sequenz der Nordhalbkugel zeigt mit einer Gruppe von deutlichen Ausschlägen das Dryas-Ereignis (Jüngere und Ältere Dryas) vor ca. 13.000 Jahren (1,3 × 104). In den Kurven der Südhalbkugel (Wostok, EPICA aus der Antarktis) zeigt sich fast zeitgleich ein Absinken des Isotopenverhältnisses.

Die Jüngere Dryaszeit begann mit einer raschen Abkühlung innerhalb eines Jahrzehnts, die in den höheren Breiten der nördlichen Erdhalbkugel zu neuerlichen Vergletscherungen führten, ähnlich denen der Älteren Dryaszeit ca. 1000 Jahre früher. Kernbohrungen im grönländischen Eis (GRIP) und Isotopenuntersuchungen von Argon und Stickstoff haben gezeigt, dass die Temperaturen dort in der Jüngeren Dryas um ca. 15 K tiefer waren als heute. Für Großbritannien wurden Durchschnittstemperaturen von ca. -5 °C festgestellt. Vergletscherungen in höheren Regionen und periglaziale Ablagerungen (Löss) in der Ebene waren die Folge.

In Skandinavien kam es zum Verschwinden der Nadelwälder und zur Ausbreitung der Tundra, dem Lebensraum der namensgebenden Silberwurz Dryas octopetala. In den Gebirgsregionen der gesamten Erde sank die Waldgrenze ab.

Die mit der jüngeren Dryaszeit fast gleichzeitige Huelmo-Mascardi-Kälteperiode auf der südlichen Hemisphäre nahm einen weniger dramatischen Verlauf als die Jüngere Dryaszeit auf der Nordhalbkugel. Möglicherweise handelt es sich nicht um eine globale Abkühlung, sondern die Folge einer Entwicklung, die primär die Nordhalbkugel (und hier vor allem den Nordatlantik) betraf.

Ursachen

Als Ursache der raschen Abkühlung wird heute eine Störung oder Unterbrechung des thermohalinen Kreislaufs im Nordatlantik (dessen östlicher Ausläufer uns als Golfstrom bekannt ist) durch rasch abschmelzende Gletscher in der vorangegangenen Wärmeperiode angenommen. Möglicherweise war das „Hudson Bay-Ereignis“ der auslösende Faktor: Hinter dem Eisriegel im Bereich der Hudson Bay hatte sich im Agassizsee sehr viel Schmelzwasser angesammelt. Nach Süden hin konnte es nicht abfließen, da hier das Land ansteigt. Als die Eisbarriere brach, ergossen sich auf einen Schlag ungeheure Süßwassermengen in den Nordatlantik und stoppten den thermohalinen Zyklus.

Erst die neuerliche Abkühlung stoppte die Süßwasserzufuhr durch das schmelzende Eis und der Kreislauf kam wieder in Gang. Diese Theorie erklärt jedoch nicht, warum die Abkühlungsperiode auf der Südhalbkugel früher begann. Die genauen Ursachen einer so raschen Abkühlung und des ebenso abrupten Endes dieser paläoklimatisch interessanten Zeitspanne zu erforschen, ist daher nach wie vor eine Herausforderung für die Wissenschaft.

Im Mai 2007 wurde auf einer Tagung der American Geophysical Union von einer Forschergruppe um Richard Firestone vom Lawrence Berkeley National Laboratory zahlreiche Indizien für die Explosion eines Meteoroiden geringer Dichte über Kanada als Ursache für den plötzlichen Wechsel vorgelegt.[8] Der Himmelskörper dürfte beim Eintritt in die Atmosphäre in einzelne Stücke gebrochen sein und verursachte neben weitläufigen Waldbränden auch ein Artensterben, eine Destabilisierung des Eisschildes und den Untergang der steinzeitlichen Clovis-Kultur (weitere Details siehe dort). Dafür sprechen in kohlenstoffreichen Sedimenten gefundene, ungewöhnlich zahlreiche Ablagerungen von außerirdischem Gestein, kleine Kohlenstoffkügelchen, die durch schnelle Abkühlung in der Luft entstehen, sowie das auf der Erde äußerst selten vorkommende Helium-3-Isotop.

Unterstützung erhielt die Theorie durch Funde von Nano-Diamanten[9] sowie von Gold und Silber, was an vielen Stellen in Nordamerika von verschiedenen Arbeitsgruppen nachgewiesen werden konnte.[10] Allerdings konnte die Anwesenheit von Nanodiamanten in den entsprechenden Sedimenten von anderen Arbeitsgruppen bislang nicht nachgewiesen werden. [11] Vermutlich wurden Graphen – Graphan Oxidaggregate als Nanodiamanten falsch interpretiert.

Einzelnachweise

  1. vor heute, bezieht sich in der Warvenchronologie auf das Jahr 1950
  2. a b Thomas Litt, Karl-Ernst Behre, Klaus-Dieter Meyer, Hans-Jürgen Stephan und Stefan Wansa: Stratigraphische Begriffe für das Quartär des norddeutschen Vereisungsgebietes. Eiszeitalter und Gegenwart (Quaternary Science Journal), 56(1/2), 2007, S. 7-65 ISSN 0424-7116 (PDF-Download)
  3. Günter Landmann, Andreas Reimer, Gerry Lemcke, Stephan Kempe, Dating Late Glacial abrupt climate changes in the 14,570 yr long continuous varve record of Lake Van, Turkey. Palaeogeography, Palaeoclimatology, Palaeoecology 122, 1996, 107-118
  4. Mike Walker, Sigfus Johnson, Sune Olander Rasmussen, Trevor Popp, Jørgen-Peder Steffensen, Phil Gibbard, Wim Hoek, John Lowe, John Andrews, Svante Björck, Les C. Cwynar, Konrad Hughen, Peter Kershaw, Bernd Kromer, Thomas Litt, David J. Lowe, Takeshi Nakagawa, Rewi Newnham und Jakob Schwander: Formal definition and dating of the GSSP (Global Stratotype Section and Point) for the base of the Holocene using the Greenland NGRIP ice core, and selected auxiliary records. Journal of Quaternary Science, 24(1) (2008), S. 3–17 doi:10.1002/jqs.1227
  5. Die Angabe BP in der Dendrochronologie bezieht sich ebenfalls auf das Jahr 1950
  6. Das Quartär in Niedersachsen und benachbarten Gebieten (PDF)
  7. b2k = vor dem Jahr 2000
  8. Rex Dalton: „Blast in the past?“, in: Nature 447 (7142), 2007, S. 256-257. doi:10.1038/447256a
  9. D. J. Kennett, J. P. Kennett,. A. West, C. Mercer, S. S. Que Hee, L. Bement, T. E. Bunch, M. Sellers, W. S. Wolbach: Nanodiamonds in the Younger Dryas Boundary Sediment Layer. Science, Vol. 323, No. 5910, S. 942, Januar 2009 Abstract (engl.)
  10. University of Cincinnati
  11. Tyrone L. Daulton, Pinter, Nicolas, Scott, Andrew C.: No evidence of nanodiamonds in Younger–Dryas sediments to support an impact event. In: PNAS Early Edition. 107, Nr. 34, august 2010. doi:0.1073/pnas.1003904107.

Literatur

  • Richard B. Alley, et al.: Abrupt increase in Greenland snow accumulation at the end of the Younger Dryas event, in: Nature 362, 1993, S. 527–529. doi:10.1038/362527a0
  • Richard B. Alley: The Younger Dryas cold interval as viewed from central Greenland, in: Quaternary Science Reviews 19, 2000, S. 213–226. doi:10.1016/S0277-3791(99)00062-1
  • W. H. Berger: The Younger Dryas cold spell – a quest for causes, in: Global and Planetary Change 3, 1990, S. 219–237. doi:10.1016/0921-8181(90)90018-8
  • M. Spurk, et al.: Revisions and extension of the Hohenheim oak and pine chronologies: New evidence about the timing of the Younger Dryas/Preboreal transition, in: Radiocarbon 40, 1998, S. 1107-1116.

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