Kohlengräberei

Kohlengräberei

Als Kohlengräberei bezeichnet man eine Methode der Kohlengewinnung, bei der die zutage tretenden Steinkohlenflöze mit einfachen Werkzeugen abgebaut wurden. In einigen Regionen wurde die Kohlengräberei auch Kohlengrafften, Kohlpfützen oder Kaulen genannt.[1]

Inhaltsverzeichnis

Anfänge

Wann genau die ersten Kohlengräbereien stattgefunden haben, ist nicht bekannt. Mit ziemlicher Sicherheit kann man den Zeitraum der Kohlengräberei in einigen Steinkohlerevieren nennen. Im Bereich des Ruhrgebietes fanden bereits um das Jahr 1000 erste Kohlengräbereien statt.[2] Im 13. Jahrhundert begann die Kohlengräberei im gesamten südlichen Ruhrgebiet von Unna bis Mülheim (Ruhr).[3] Begünstigt wurde diese Art der Kohlengewinnung dadurch, dass die „unedle“ Steinkohle nicht unter das Bergregal fiel. Deshalb waren die Kohlenflöze Eigentum des jeweiligen Grundbesitzers. Viele Bauern oder Kleinbauern, sogenannte Kötter, betrieben diese Kohlengewinnung nur neben ihrer eigentlichen Feldarbeit für den eigenen Bedarf, z.B. für den Hausbrand.[4] Aber auch in anderen Bergbaugebieten gab es die Kohlengräberei. Im Saarland gab es gemäß urkundlicher Erwähnungen in der Stadt Sulzbach im Jahr 1462 erste Kohlengräbereien. Auch hier wurde die Kohlengewinnung unplanmäßig durch Bauern und Handwerker getätigt.[5] Begünstigt wurde die Kohlengräberei dort, wo durch Gebirgsverwerfungen und Aufschiebungen die Kohlenflöze bis an die Tagesoberfläche traten.[6]

Die Methode

Ausbiss des Rußkohlenflözes am Westufer der Zwickauer Mulde nahe dem Cainsdorfer Bahnhof

Die Methode der Kohlengewinnung mittels Kohlengräberei lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Höchstwahrscheinlich benutzten die Kohlengräber hierfür die Werkzeuge, die sie auch für die Feldarbeit brauchten. Mit Hacke und Schaufel wurden Löcher in den Erdboden gegraben, das Kohlenflöz freigelegt und die Kohle losgehackt und eingesammelt.[7]

Die Kohlengräberei wurde meist plan- und regellos betrieben, denn die Abbaupunkte wurden mehr oder weniger zufällig gefunden.[8] Vermutlich orientierte man sich zunächst an den Flözausbissen. Als man die Kohlengräberei schon länger betrieb, richtete man sich wohl auch an schwarz gefärbten Maulwurfshügeln aus. Diese Schwarzfärbung entstand durch die knapp unter der Bodenschicht liegende Kohle, die durch den Maulwurf hochgeworfen wurde.[9] Die Abbaupunkte wurden dann in Streichrichtung der Flöze bearbeitet. Dadurch entstanden Pingen als Vertiefungen im Boden. Abgebaut wurde an einem Punkt so lange, bis die Pinge voll Wasser gelaufen war, danach wurde an einer anderen Stelle ein neuer Arbeitsplatz errichtet.[8] Belegt wurden die einzelnen Abbaupunkte mit nur wenigen Leuten. Oftmals nahm der Grundeigentümer seine Frau, die Kinder, Knechte und Mägde zu Hilfe. Es wurde nur so viel Steinkohle abgebaut, wie benötigt wurde.[6]

Die Kohlengräberei, die überwiegend der Deckung des Eigenbedarfs diente, geschah hauptsächlich in der Winterzeit, wenn die Felder nicht bestellt werden mussten. Zu einem geringen Teil wurden die Kohlen auch an örtliche Handwerksbetriebe wie z.B. Schmieden verkauft. Eine andere Methode der Kohlengewinnung neben der Kohlegräberei war das sogenannte Kohlenbrechen. Diese Methode war dem Brechen von Steinen sehr ähnlich. Die beiden Methoden werden in den Urkunden oftmals miteinander gleichgesetzt und nicht eindeutig auseinander gehalten, sodass es heute manchmal problematisch ist, genaue Aussagen über die jeweils verwendete Methode zu treffen.[2]

Probleme

Entstehung einer Pinge durch Kohlengräberei

Da durch diese Methode das Kohlenflöz an immer neuen Stellen abgebaut wurde, entstanden aufgrund des steigenden Bedarfs an Brennmaterial immer mehr Pingen. Verstärkt wurde dies auch durch den Umstand, dass die Pingen, je nach Tiefe des Grundwasserspiegels, schnell voll Wasser liefen.[6] Etwa um das Jahr 1285 war das Gelände bei Newcastle in England mit sechs bis fünfzehn Meter tiefen Trichtergruben verwüstet. Aus diesem Grund war es bei Dunkelheit nur unter Lebensgefahr möglich, das Gelände zu betreten.[2] Aber auch im Ruhrgebiet kam es im 16. Jahrhundert immer häufiger zu Flurschäden und Verwüstungen ganzer Landstriche. Aus diesem Grund beschlossen im Jahr 1578 die Herren von Witten und Steinhausen, die Kohlengräberei einzuschränken. Diese ersten Regelungsversuche konnten sich jedoch nicht genügend durchsetzen.[10]

Ende der Kohlengräberei in Europa

Die Kohlengräberei ging im Ruhrgebiet etwa ab der Mitte des 18. Jahrhunderts allmählich zu Ende. Die Gründe hierfür waren vielfältig. Ab Anfang des 17. Jahrhunderts wurde auch die Steinkohle unter das Bergregal gestellt. Durch die Abgaben des Kohlenzehnten wurde die Kohlengräberei unrentabel. Außerdem regelte der Staat von diesem Zeitpunkt an durch Berggesetze den Bergbau, wilde Kohlengräberei und Raubbau wurden so stark eingeschränkt. Zur Überwachung wurden Bergbeamte eingesetzt. In der Grafschaft Mark wurde etwa um das Jahr 1609 der erste Bergmeister ins Amt gesetzt.[11]

Später wurden mit Hilfe des Staates Bergleute aus den alten Erzrevieren im Ruhrgebiet angesiedelt. Diese brachten ihr bergmännisches Fachwissen und ihre Erfahrung über einen zeitgemäßen Bergbau mit in das Ruhrrevier. Außerdem ließ sich der gestiegene Bedarf an Brennmaterial für die Industrie nicht mehr durch die Kohlengräberei decken. Die Verwendung von Holzkohle war „Zum Schutz der Wälder“ per Gesetz durch den preußischen Staat unter Strafandrohung verboten worden.[12]

Auch im Saarland wurde die Kohlengräberei ab der Mitte des 18. Jahrhunderts stark eingeschränkt. Im Jahr 1754 wurde der gesamte Kohlenabbau durch Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken unter landesfürstliche Verwaltung genommen. Die wilde Kohlengräberei wurde unter Strafe gestellt.[5] Letztmalig wurde die Kohlengräberei in Deutschland in den ersten zehn Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt. In dieser Zeit war die Kohlennot sehr groß und so wurde auch aus Kostengründen die Kohle nach dieser Methode von oberflächennahen Restflözteilen hereingewonnen.[2]

Einzelnachweise

  1. Die Geschichte des Steinkohlenbergbaues. Historische Skizze nach dem „Saarbrücker Bergmannskalender 1876“.
  2. a b c d Joachim Huske: Der Steinkohlenbergbau im Ruhrrevier von seinen Anfängen bis zum Jahr 2000. 2. Auflage, Regio-Verlag Peter Voß, Werne, 2001, ISBN 3-929158-12-4
  3. Joachim Huske: Die Steinkohlenzechen im Ruhrrevier. 3. Auflage, Selbstverlag des Deutschen Bergbau-Museums, Bochum, 2006, ISBN 3-937203-24-9
  4. Der Bergbau in Barop
  5. a b Der Saarkohlenwald Geschichte und Zukunft
  6. a b c K. C. v. Leonhard: Naturgeschichte des Steinreichs. Neue, durchaus umgearbeitete und vermehrte Auflage, Verlag von J. B. Müller, Stuttgart 1854
  7. Wilhelm Hermann, Gertrude Hermann: Die alten Zechen an der Ruhr. 4. Auflage, Verlag Karl Robert Langewiesche, Nachfolger Hans Köster KG, Königstein i. Taunus, 1994, ISBN 3-7845-6992-7
  8. a b Delf Slotta: Von Pingen, Schürfen und Hohlwegen. Steinkohle 9/2003
  9. Ralf Volkert: Kleine Geschichte des Ruhrbergbaus. Informationsschrift, Verkehrsverein Witten (Hrsg)
  10. Uwe Kortengräber: Kleine Geschichte des Ruhrbergbaus
  11. Eichlinghofen und der Bergbau. Website der Ortschaft Eichlinghofen
  12. Krooß, A. Busch, L. Benner: Exkursion: Geo-Energiegewinnung im Ruhrgebiet. RWTH Aachen

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