Marxistische Archäologie


Marxistische Archäologie

Unter Marxistischer Archäologie sind unterschiedliche archäologische Ansätze zu verstehen, die archäologische Fragestellungen mithilfe marxistischer Überlegungen oder innerhalb eines marxistischen Rahmens behandeln.

Inhaltsverzeichnis

Marx und Engels

Historischer Materialismus

Marx und Engels äußerten sich nicht ausführlich zu der Thematik. Die grundsätzliche Herangehensweise zum Studium der Altertums- bzw. Vor- und Frühgeschichte orientiert sich an der historisch-materialistischen Geschichtstheorie, nach der es entscheidend zum Verstehen der Menschheitsgeschichte wäre, nicht die Ideen sondern die Arbeit als Ausgangspunkt der Überlegungen zu nehmen, die Entwicklung der materiellen Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens und damit auch des menschlichen Wesens und seiner Ideen selbst. Die Entwicklung der Ideen und Kultur müsse sich immer auf einer materiellen Basis bewegen, denn keine Gesellschaft könne auch nur wenige Wochen überleben, würde sie nicht ihre materielle ökonomische Grundlage reproduzieren. Aufgrund weitgehend fehlender schriftlicher Überlieferungen ist die Analyse der materiellen Kultur (Gebäude, Werkzeuge, Kunstwerke, usw.) vorwiegendes Material der Forschung.

„Der Gegenstand, dessen sich der Arbeiter unmittelbar bemächtigt - abgesehn von der Ergreifung fertiger Lebensmittel, der Früchte z.B., wobei seine eignen Leibesorgane allein als Arbeitsmittel dienen - ist nicht der Arbeitsgegenstand, sondern das Arbeitsmittel. So wird das Natürliche selbst zum Organ seiner Tätigkeit, ein Organ, das er seinen eignen Leibesorganen hinzufügt, seine natürliche Gestalt verlängernd, trotz der Bibel. Wie die Erde seine ursprüngliche Proviantkammer, ist sie sein ursprüngliches Arsenal von Arbeitsmitteln. Sie liefert ihm z.B. den Stein, womit er wirft, reibt, drückt, schneidet usw. Die Erde selbst ist ein Arbeitsmittel, setzt jedoch zu ihrem Dienst als Arbeitsmittel in der Agrikultur wieder eine ganze Reihe andrer Arbeitsmittel und eine schon relativ hohe Entwicklung der Arbeitskraft voraus. Sobald überhaupt der Arbeitsprozeß nur einigermaßen entwickelt ist, bedarf er bereits bearbeiteter Arbeitsmittel. In den ältesten Menschenhöhlen finden wir Steinwerkzeuge und Steinwaffen. Neben bearbeitetem Stein, Holz, Knochen und Muscheln spielt im Anfang der Menschengeschichte das gezähmte, also selbst schon durch Arbeit veränderte, gezüchtete Tier die Hauptrolle als Arbeitsmittel. Der Gebrauch und die Schöpfung von Arbeitsmitteln, obgleich im Keim schon gewissen Tierarten eigen, charakterisieren den spezifisch menschlichen Arbeitsprozeß, und Franklin definiert daher den Menschen als "a toolmaking animal", ein Werkzeuge fabrizierendes Tier. Dieselbe Wichtigkeit, welche der Bau von Knochenreliquien für die Erkenntnis der Organisation untergegangner Tiergeschlechter, haben Reliquien von Arbeitsmitteln für die Beurteilung untergegangner ökonomischer Gesellschaftsformationen. Nicht was gemacht wird, sondern wie, mit welchen Arbeitsmitteln gemacht wird, unterscheidet die ökonomischen Epochen. Die Arbeitsmittel sind nicht nur Gradmesser der Entwicklung der menschlichen Arbeitskraft, sondern auch Anzeiger der gesellschaftlichen Verhältnisse, worin gearbeitet wird. Unter den Arbeitsmitteln selbst bieten die mechanischen Arbeitsmittel, deren Gesamtheit man das Knochen- und Muskelsystem der Produktion nennen kann, viel entscheidendere Charaktermerkmale einer gesellschaftlichen Produktionsepoche als solche Arbeitsmittel, die nur zu Behältern des Arbeitsgegenstandes dienen und deren Gesamtheit ganz allgemein als das Gefäßsystem der Produktion bezeichnet werden kann, wie z.B. Röhren, Fässer, Körbe, Krüge usw.“[1]

Die geistige Entwicklung einer Gesellschaft wäre an diese ökonomisch-materielle Basis gekoppelt und wirke auf deren Entwicklung zurück. Erst dadurch, dass eine Gesellschaft nicht mehr ihre gesamte Zeit für notwendige Reproduktionsarbeit (Nahrung, Nachfahren usw.) aufbrauchen musste, wurde überhaupt Zeit frei, um größere ideologische und technologische Entwicklungen einzuleiten. Weitreichende technologische und geistige Revolutionen würden oftmals aus unmittelbaren praktischen gesellschaftlichen Interessen heraus entstehen. Mit der Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte würde sich tendenziell auch die geistige Entwicklung entfalten. Den konkreten Überlebenskampf mit der ihnen gegenüberstehenden Natur und oftmals anderen Gesellschaften würden die Menschen auf Basis ihres gesellschaftlichen Entwicklungsstands ideologisch in ihren Vorstellungen reproduzieren, z.B. in religiösen Vorstellungen und Ritualen, in Kunstwerken. Diese geistigen oder ideologischen Vorstellungen würden wieder zurückwirken auf die ökonomischen und kulturellen Praxen und diese verändern.

Engels Epocheneinteilung in Anschluss an Morgan

Als ein Pionierwerk kann möglicherweise Engels Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats gelten. Dieser Unterscheidet darin anschließend an Henry Lewis Morgan drei Entwicklungsstufen der Menschheit: Wildheit, Barbarei und Zivilisation. Diese Stadien wären entscheidend durch die Art und Weise geprägt, wie die Menschen ihr gesellschaftliches Leben produzierten.

„Morgan ist der erste, der mit Sachkenntnis eine bestimmte Ordnung in die menschliche Vorgeschichte zu bringen versucht; solange nicht bedeutend erweitertes Material zu Änderungen nötigt, wird seine Gruppierung wohl in Kraft bleiben. Von den drei Hauptepochen: Wildheit, Barbarei, Zivilisation beschäftigen ihn selbstredend nur die ersten zwei und der Übergang zur dritten. Jede der beiden teilt er ein in eine untere, mittlere und obere Stufe, je nach den Fortschritten der Produktion der Lebensmittel; denn, sagt er:
"Die Geschicklichkeit in dieser Produktion ist entscheidend für den Grad menschlicher Überlegenheit und Naturbeherrschung; von allen Wesen hat nur der Mensch es bis zu einer fast unbedingten Herrschaft über die Erzeugung von Nahrungsmitteln gebracht. Alle großen Epochen menschlichen Fortschritts fallen, mehr oder weniger direkt, zusammen mit Epochen der Ausweitung der Unterhaltsquellen."[2]
...
Das Bild, das ich hier von der Entwicklung der Menschheit durch Wildheit und Barbarei zu den Anfängen der Zivilisation nach Morgan skizziert habe, ist schon reich genug an neuen und, was mehr ist, unbestreitbaren, weil unmittelbar der Produktion entnommenen Zügen. Dennoch wird es matt und dürftig erscheinen, verglichen mit dem Bild, das sich am Ende unsrer Wanderschaft entrollen wird; erst dann wird es möglich sein, den Übergang aus der Barbarei in die Zivilisation und den schlagenden Gegensatz beider ins volle Licht zu stellen. Vorderhand können wir Morgans Einteilung dahin verallgemeinern: Wildheit - Zeitraum der vorwiegenden Aneignung fertiger Naturprodukte; die Kunstprodukte des Menschen sind vorwiegend Hülfswerkzeuge dieser Aneignung. Barbarei - Zeitraum der Erwerbung von Viehzucht und Ackerbau, der Erlernung von Methoden zur gesteigerten Produktion von Naturerzeugnissen durch menschliche Tätigkeit. Zivilisation - Zeitraum der Erlernung der weiteren Verarbeitung von Naturerzeugnissen, der eigentlichen Industrie und der Kunst.“ [3]

Vere Gordon Childe

Der aus Australien stammende Vere Gordon Childe popularisierte vor allem über Großbritannien seine archäologischen Theorien. Von ihm ist wohl auch das bekannteste Konzept marxistisch orientierter Archäologie produziert worden: das Konzept der Neolithischen Revolution.

Sowjetische Archäologie

In den 1920er Jahren kam in der Sowjetunion die Forderung nach einer marxistischen bzw. sowjetischen Archäologie in Abgrenzung zur bürgerlichen Archäologie auf. 1929 veröffentlichte der Archäologe Vladislav I. Ravdonikas einen Text, der Grundlagen eines solchen archäologischen Ansatzes skizzierte. Diese sowjetische Archäologie wurde zur dominanten Strömung innerhalb der UdSSR.

Einzelnachweise

  1. Marx, Das Kapital, MEW 23: 194f.
  2. Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, MEW 21:30
  3. Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats, MEW 21:35

Weblinks


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