Chatyn


Chatyn
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Chatyn (Weißrussland)
Chatyn
Chatyn

Chatyn (weißrussisch/russisch Хатынь) ist ein ehemaliges Dorf in Weißrussland im Gebiet Minsk. Seine Bevölkerung wurde 1943 von Mitgliedern der deutschen SS ermordet; dabei wurde das Dorf niedergebrannt. Es wurde nach 1945 nicht wieder aufgebaut. Die Sowjetunion ließ dort 1969 die Nationale Gedenkstätte der Republik Belarus für alle im Deutsch-Sowjetischen Krieg von Deutschen zerstörten weißrussischen Dörfer errichten. Der Ortsname bezeichnet daher auch das SS-Massaker von 1943 und das Gedenken an dieses und andere NS-Verbrechen in Weißrussland.

Dieser weißrussische Gedenkort wird mitunter mit dem russischen Ort Katyn verwechselt, bei dem 1940 das sowjetische Massaker von Katyn stattfand.[1]

Inhaltsverzeichnis

Das Massaker der SS

Am Vormittag des 22. März 1943 beschossen Partisanen auf der Straße von Minsk nach Witebsk nahe dem Dorf Kosyri (Козыри), wenige Kilometer westlich von Chatyn, eine Autokolonne der 1. Kompanie des Schutzmannschafts-Bataillons 118 und töteten dabei deren Kompaniechef, Hauptmann Hans Woellke, sowie drei ukrainische Kollaborateure der Deutschen. Das Bataillon verfolgte die Partisanen, die sich Richtung Chatyn zurückzogen, zunächst, brach diese Verfolgung aber aus Mangel an Kräften ab und forderte per Funk Unterstützung an. Auf dem Rückmarsch ermordeten die Schutzmannschaftsleute 20 bis 25 Waldarbeiter, die die Partisanen begünstigt haben sollten. Zur Verstärkung traf am Nachmittag die 1. Kompanie der SS-Sondereinheit Dirlewanger ein. Gemeinsam mit der Schutzmannschaft umstellten und besetzten sie am Nachmittag Chatyn, plünderten dann das Eigentum der Dorfbewohner und trieben diese in eine Scheune. Dabei vergewaltigten sie auch eine junge Frau und brachten sie danach zu den anderen in die Scheune, setzten diese in Brand und schossen auf die darin eingesperrten Menschen, die versuchten, sich aus dem Feuer zu retten. 152 Personen, davon 76 Kinder, wurden auf diese Weise ermordet. Nur drei Kinder, darunter der verletzte Anton Baranowskij, und der 56-jährige Dorfschmied Josif Kaminskij konnten sich aus der brennenden Scheune retten. Stefan Rudak wurde von den Tätern als Kutscher für den Transport des geraubten Gutes mitgenommen. Sonst überlebte niemand das Massaker. [2]

Aufarbeitung

Gedenkstätte

Mahnmal für die im Zweiten Weltkrieg ausgelöschten weißrussischen Dörfer

Chatyn wurde in den 1960er Jahren als Standort für die Nationale Gedenkstätte der Republik Belarus ausgewählt, die an die Zerstörung von 5295 weißrussischen Dörfern während des Zweiten Weltkriegs und die Opfer der nationalsozialistischen Kriegsverbrechen erinnert und 1969 eingeweiht wurde.

Die Wahl dieses Dorfes für die Gedenkstätte wurde verschiedentlich mit der Absicht erklärt, das Massaker von Katyn, ein sowjetisches Staatsverbrechen an vorwiegend polnischen Gefangenen von 1940, durch Ausnutzung der Namensähnlichkeit der beiden Orte zu verschleiern, so durch den britischen Historiker Norman Davies[3] und in einer Studie der CIA aus dem Jahre 2007.[4]

Strafverfolgung

In Deutschland wurde nie jemand für diesen Massenmord strafrechtlich belangt. Ende 1975 stellte die Staatsanwaltschaft Itzehoe, der der Bundesgerichtshof den Fall übergeben hatte, ein Ermittlungsverfahren dazu ein. Der Prozess gegen den Kommandeur des Schutzmannschafts-Bataillons, den Ukrainer Hryhorij N. Wasjura, fand 1986 statt.

Künstlerische Verarbeitung

Die Geschichte mehrerer solcher Dörfer beschreiben Augenzeugenberichte, die von Ales Adamowitsch und Janka Bryl zu einem Buch zusammengestellt wurden, das unter dem russischen Titel Ich bin aus einem verbrannten Dorf (russ.: Я из огненной деревни, weißruss.: Я з вогненнай вёскі …) bekannt wurde. Die Tragödie von Chatyn wurde von Adamowitsch auch in seinem 1972 zunächst auf Russisch, 1976 auch auf Weißrussisch erschienen Roman Хатынская аповесць (dt.: Die Erzählung von Chatyn) behandelt, der später als Grundlage für das Drehbuch zu dem Film Geh und sieh diente.

Siehe auch

Andere Ortsnamen mit Verwechslungsgefahr sind:

Literatur

  • Bernd Boll: Chatyn 1943. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Darmstadt 2003, ISBN 3-89678-232-0, S. 19–29.
  • Jochen Fuchs, Janine Lüdtke, Maria Schastnaya: Stätten des Gedenkens in Belarus: Chatyn und Maly Trostinec. Teil 1: Chatyn. In: Gedenkstättenrundbrief 2007. 138, S. 3–10.
  • N.V. Kirylava: Chatyn. Minsk 2005, ISBN 985010564X.
  • Astrid Sahm: Im Banne des Krieges. Gedenkstätten und Erinnerungskultur in Belarus. In: Osteuropa. 6, 2008, S. 229–245.

Weblinks

 Commons: Chatyn – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Einige westliche Historiker führten die sowjetische Wahl Chatyns als Gedenkort auch darauf zurück, dass damit das sowjetische Massaker von Katyn vergessen gemacht werden sollte: so Gerd Kaiser: Katyn. 2002, S. 416f.; George Sanford: Katyn and the Soviet massacre of 1940: truth, justice and memory. 2005, S. 220; vgl. New York Times, 2. Juli 1974: Nixon Sees Khatyn, A Soviet Memorial, Not Katyn Forest und andere
  2. Bernd Boll: „Chatyn 1943“. In: Gerd R. Ueberschär (Hrsg.): Orte des Grauens. Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Darmstadt 2003, ISBN 3-89678-232-0, S. 22-25
  3. Norman Davies: Europe: A History. Oxford University Press, 1996, S. 1005. ISBN 0-19-513442-7.
  4. Benjamin B. Fischer: The Katyn Controversy: Stalin's Killing Field, Studie des Center for the Study of Intelligence, 2007.

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