Ruth Barcan Marcus


Ruth Barcan Marcus

Ruth Barcan Marcus (* 2. August 1921 in der Bronx, New York)[1] ist eine US-amerikanische Philosophin und Logikerin. Sie ist eine der Begründerinnen der quantifizierten Modallogik (modale Prädikatenlogik) und der Theorie der starren Desigantion ('direct reference') und hat zahlreiche einschlägige Aufsätze über Identität, logischen Essentialismus, possibilia, Überzeugungen, zur Logik von Pflichtenkollisionen und einige historische Studien verfasst. Nach ihr ist die Barcan-Formel benannt, die sie selbst zuerst formulierte.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Akademischer Werdegang

Stipendien, Auszeichnungen und Gastprofessuren

Positionen

Formale Logik

Ruth Barcan Marcus früheste Veröffentlichungen stellen die erste axiomatische Formulierung einer modalen Prädikatenlogik dar.[2] Diese frühen Arbeiten stellten eine Erweiterung der modalen aussagenlogischen Systeme von Clarence Irving Lewis dar und markieren einen Meilenstein in der Entwicklung der formalen Logik im 20. Jahrhundert.

In der Philosophie der Logik vertritt sie eine Lesart, nach der der Gegenstandsbereich einer Interpretationsfunktion die Gegenstände der wirklichen Welt umfasst. Sie hat auch eine Alternative zur üblichen modelltheoreischen Semantik (Alfred Tarski für bestimmte Anwendungen der Logik vorgeschlagen, falls "die Wahrheitsbedingungen der quantifizierten Terme ausschließlich in Form von Wahrheitsbedingungen ohne Inanspruchnahme einer Belegung [der Logischen Terme] angegeben werden können."[3] Barcan Marcus ist der Nachweis gelungen, dass eine solche, auch als Wahrheitswert-Semantik (truth value semantics) oder Substitutionssemantik (substitutional semantics) bezeichnete Theorie nicht zu Widersprüchen führt. Während eine solche Semantik insbesondere für eine formalistische Theorie der Mathematik relevant ist, setzt nach Barcan Marcus ein korrektes Verständnis von ontologischen Begriffen wie (numerischer) Identität notwendig eine objektbezogene Semantik und eine Belegungsfunktion voraus. Barcan Marcus vertritt zugleich einen modalen Aktualismus, nach dem bloß mögliche Objekte (sogenannte possibilia, mögliche, aber nicht wirkliche Gegenstände) keine logisch sinnvollen Entitäten sind - eine direkte Folge davon, dass sie die Belegungsfuktionen auf Individuen aus der aktuellen Welt einschränkt.[4]

In formalen Systemen, die Barcan Marcus vorschlägt, gilt daher die Notwendigkeit der Identität.[5] Ihre Interpretation der Identität, die in Zusammenhang mit ihrer Theorie der Eigennamen und der Barcan-Formel beruht, löste eine unabgeschlossene Debatte aus. Siehe zur Barcan-Formel auch Modallogik#Quantoren.

Darüber hinaus hat Barcan Marcus Argumnte gegen die Ansicht von Willard Van Orman Quine argumentiert, das modale Systeme notwendig einen aristotelischen Essentialismus implizieren. Ihr gelang eine Definition essentialistischer Eigenschaften im Rahmen formaler Systeme, von der sie zeigen konnte, dass sie in bestimmten Interpretationen der Moralischen Systeme die Ansprüche einer essentialistischen Theorie nicht erfüllen. Dieser Beweis wurde späte von Terence Parsons formalisiert.[6]

Bedeutungstheorie

In der Sprachphilosophie vertritt Barcan Marcus eine Theorie der starren Designation, derzufolge Eigennamen lediglich Etiketten (tags) sind, die sich unmittelbar auf ihren Träger beziehen (direct reference).[7] Die Bedeutung von Eigennamen soll sich in dieser referentiellen Funktion völlig erschöpfen, und nicht etwa von einer Intension des Namens abhängig sein. Damit widersprach Barcan Marcus den herrschenden Theorien, der Kennzeichnungstheorie von Bertrand Russell und der Bündeltheorie von John Searle. Diese Position, die Barcan Marcus schon 1962 in Rahmen eines Quine-Kolloquiums vorstellte, weist deutliche Ähnlichkeiten zur Bedeutungstheorie von Saul Kripke auf, die dieser wenige Jahre später Name und Notwendigkeit vorstellte.[8] Es ist jedoch keineswegs auszuschließen, das Kirpke, der im selben Problemfeld arbeitete, unabhängig von Barcan Marcus zu seiner Ansicht kam.[9]

Deontologische Logik

Barcan Marcus entwickelte eine modale Theorie zur Erklärung der Pflichtenkollision. Ihrzufolge ist eine Menge moralisch präskriptiver Sätze als konsistent anzusehen, wenn es eine mögliche Welt gibt, in der sie alle zugleich befolgt werden können. Damit ist verträglich, dass es in der aktualen Welt einen Konflikt zwischen Geboten aus diese Menge gibt - eine Pflichtenkollision.[10] Somit wären Systeme moralischer Regeln nicht notwendigerweise inkonsistent, nur weil konkret eine Pflichtenkollision vorliegt. Dieser Ansicht wurden große Widerstände entgegengebracht.

Erkenntnistheorie

Barcan weist den spachzentrierten Ansatz zur Erklärung von Überzeugungen, wie er sich etwa bei Donald Davidson findet, zurück. Nach der klassischen Definition von Wissen ist dies gerechtfertigte wahre Meinung (justified true belief). Barcan Marcus zu Folge ist es falsch, einem Erkenntnissubjekt eine gerechtfertigte Meinung zuzuschreiben, deren Inhalt etwas unmögliches (z.B. eine widersprüchliche Aussage) darstellt. Ein epistemisches Subjekt, dass eine Überzeugung besessen hat, deren Gehalt sich in Nachhinein als falsch herausstellt, kann nicht sinnvoll sagen, dass es diese Überzeugung als gerechtfertigte Meinung besessen habe, sondern dass es sich diese selbst fälschlich als gerechtfertigte Überzeugung zugeschrieben habe.[11]

Sammelbände und Herausgeberschaften

  • The Logical Enterprise, ed. with A. Anderson, R. Martin, Yale, 1995
  • Logic, Methodology and Philosophy of Science, VII, eds. R. Barcan Marcus et al., North Holland, 1986
  • Modalities: Philosophical Essays, Oxford University Press, 1993. Paperback; 1995 (Sammlung ihrer wichtigsten Aufsatzveröffentlichungen)

Literatur

  • Sinnott-Armstrong, Walter, Diana Raffman and Nicholas Asher, eds. Modality, Morality, and Belief: Essays in Honor of Ruth Barcan Marcus. Cambridge & New York: Cambridge University Press, 1995.
  • Dialectica (1999), 53(3-4). "Festschrift zu Ehren von Ruth Barcan Marcus," herausgegeben von Henri Lauener.
  • Max Cresswell, Ruth Barcan Marcus, in: A.P. Martinich, David Sosa, A Companion to Analytic Philosophy , Blackwell Publisher, Malden-Oxford 2001, s. 357
  • Paul W. Humhreys, Jame H. Fetzer (Hrsg.), The New Theory of Reference. Kripke, Marcus, and its Origins Kluwer Academic Publishers, Dordrecht - Boston - London 1999

Einzelnachweise

  1. Ruth Barcan Marcus in: Jewish Women. A Comprehensive Hisortical Encyclopedia. Abgerufen am 22. Oktober 2011.
  2. Es handelt sich um drei Artikel, die Unter ihrem Geburtsnamen Ruth C. Barcan im Journal of Symbolic Logic erschienen: "A Functional Calculus of First Order Based on Strict Implication",(1946), "The Deduction Theorem in a Functional Calculus of First Order Based on Strict Implication" (1946), "The Identity of Individuals in a Strict Functional Calculus of Second Order", (1947).
  3. "... [if] the truth conditions for quantified formuli are given purely in terms of truth with no appeal to domains of interpretation" Ruth Barcan Marcus, Modalities and Intensional Language in: Synthese Vol. 13, No. 4 (1961), S. 303-322
  4. "Dispensing with Possibilia" (Proceedings of the American Philosophical Association, 1975–76); "Possibilia and Possible Worlds" (Grazer Philosophische Studien, 1985–86).
  5. Journal of Symbolic Logic, (1947) 12: S. 12–15
  6. Terence Parsons, Essentialism and Quantified Modal Logic in: The Philosophical Review, Vol. 78, No. 1 (1969),S. 35-52.
  7. "Modalities and Intentional Languages" (Synthese (Zeitschrift), 1961)(und anderswo)
  8. Vgl. Quentin Smith Marcus, Kripke, and the Origin of The New Theory of Reference, in: Synthese 104/2, August 1995, S. 179-189.
  9. So auch Timothy Williamson: "One of the ideas in them that resonates most with current philosophy of language is that of proper names as mere tags, without descriptive content. This is not Kripke's idea of names as rigid designators, designating the same object with respect to all relevant worlds, for ‘rigidified’ definite descriptions are rigid designators but still have descriptive content. Rather, it is the idea, later developed by David Kaplan and others, that proper names are directly referential, in the sense that they contribute only their bearer to the propositions expressed by sentences in which they occur." Timothy Williamson's Tribute to Ruth Barcan Marcus on the Occasion of Her Receipt of the Lauener Prize, Leiter Reports: A Philosophical Blog, October 14, 2008.
  10. See "Moral Dilemmas and Consistency" (Journal of Philosophy, 1980)
  11. See "A Proposed Solution to The Puzzle About Belief" (Foundations of Analytic Philosophy in Midwest Studies, 1981) and "Rationality and Believing the Impossible" (The Journal of Philosophy, 1983 and elsewhere).

Weblinks


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