Schachweltmeisterschaft 1978

Schachweltmeisterschaft 1978

Bei der Schachweltmeisterschaft 1978 verteidigte Weltmeister Anatoli Karpow seinen 1975 gegen Bobby Fischer kampflos erlangten Titel vom 18. Juli bis 17. Oktober 1978 im 32 Partien dauernden Zweikampf erfolgreich gegen Viktor Kortschnoi.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Karpow war 1975 mit einem 12½:11½-Sieg im Kandidatenfinale gegen Kortschnoi Herausforderer des Weltmeisters Bobby Fischer geworden. Da Fischer nicht antrat, wurde Karpow kampflos Weltmeister. Kortschnoi erhob in der Folge Vorwürfe, die sowjetischen Funktionäre hätten ihn bewusst benachteiligt, da man Karpow größere Chancen gegen Fischer einräumte. Im Jahre 1976 setzte er sich anlässlich eines Schachturniers in Amsterdam in den Westen ab. Daraufhin wurde er von sowjetischer Seite als abtrünnig gebrandmarkt und boykottiert.

Qualifikation

Modus

Wie seit 1965 üblich, wurde der Herausforderer des Weltmeister durch Matchkämpfe im K.o.-System ermittelt.

Kandidatenwettkämpfe

Viertelfinale

Halbfinale

  • Viktor Kortschnoi – Lew Polugajewski 8½:4½
  • Boris Spasski – Lajos Portisch 8½:6½

Finale

  • Viktor Kortschnoi – Boris Spasski 10½:7½

Organisation und Regeln

Der Wettkampf fand im philippinischen Baguio City statt. Die FIDE hatte die Regeln dahingehend geändert, dass nicht mehr 24 Partien gespielt werden sollten; Sieger sollte vielmehr derjenige sein, der als erster 6 Partien gewonnen hätte. Damit wurde zum einen das Weltmeisterprivileg abgeschafft (zuvor konnte der Weltmeister bei einem 12:12 seinen Titel behalten), zum anderen war die Zahl der Partien nicht mehr begrenzt. Als Schiedsrichter fungierten Lothar Schmid und Miroslav Filip.

Verlauf

Karpow zog bis zur 17. Partie mit 4:1 davon, führte nach der 27. Partie mit 5:2. Mit 3 Siegen in den folgenden 4 Partien konnte Kortschnoi auf 5:5 ausgleichen. Die nächste Partie aber gewann Karpow zum entscheidenden 6:5.

Schachweltmeisterschaft 1978
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 Siege Punkte
Karpow ½ ½ ½ ½ ½ ½ ½ 1 ½ ½ 0 ½ 1 1 ½ ½ 1 ½ ½ ½ 0 ½ ½ ½ ½ ½ 1 0 0 ½ 0 1 6 16½
Kortschnoi ½ ½ ½ ½ ½ ½ ½ 0 ½ ½ 1 ½ 0 0 ½ ½ 0 ½ ½ ½ 1 ½ ½ ½ ½ ½ 0 1 1 ½ 1 0 5 15½

Aufgrund der angespannten Atmosphäre zwischen den Kontrahenten entwickelte sich der Wettkampf zu einem Nervenkrieg mit zahlreichen Protesten. Bereits vor Beginn entspann sich ein Streit darüber, ob Kortschnoi unter Schweizer Flagge spielen dürfe. Zum Wettkampfbeginn wurde für Karpow versehentlich die Internationale statt der sowjetischen Hymne gespielt.

Die erste Kontroverse während des Wettkampfs ergab sich aus der Tatsache, dass Karpow ab der zweiten Partie während der Spiele Joghurt serviert bekam. Kortschnoi befürchtete, dass seinem Gegner dadurch versteckte Botschaften übermittelt werden könnten. Nach einem entsprechenden Protest wurde von Lothar Schmid festgelegt, dass Farbe des Joghurt und Zeitpunkt der Darreichung dem Schiedsrichter vor Beginn der Partie mitgeteilt werden mussten. Für andere Speisen und Getränke wäre separat Erlaubnis einzuholen. Um sich vor Karpows Blicken zu schützen, trug Kortschnoi zunächst eine abgedunkelte Brille.

In Baguio gingen Gerüchte um, Karpow hätte außerhalb der Partien Zugang zu einem Supercomputer per Telefon, während Kortschnoi, wie öffentlich bekannt war, einen Kleincomputer benutzen konnte.

Während des Wettkampfs hatte der als Parapsychologe bezeichnete Wladimir Suchar als Mitglied der sowjetischen Delegation die Aufgabe, in einer der vorderen Zuschauerreihen sitzend Kortschnoi anzustarren und damit seine Konzentration zu stören. Kortschnoi setzte sich dagegen, indem er nun verspiegelte Sonnenbrille trug, wodurch sich wiederum Karpow gestört fühlte. Zu Beginn der 8. Partie verweigerte Karpow den schriftlich festgelegten Handschlag wegen seines Erachtens „unsportlicher Angriffe“.

Zwischen der 17. und 18. Runde, nachdem Kortschnoi die Sonnenbrille abgelegt hatte, wurde der Spielsaal von einer Atomenergie-Kommission auf radioaktive Strahlung untersucht, nachdem Karpows Delegation eine Woche zuvor die Vermutung geäußert hatte, die Brille sende schädliche Strahlen aus. Es wurde im leeren Spielraum jedoch nichts festgestellt.

Ab der 19. Partie befanden sich zwei Mitglieder von Ananda Marga in auffälliger Kleidung im Spielsaal, die Kortschnoi durch Meditation unterstützen sollten. Die sowjetische Delegation versuchte durch mehrere Protestschreiben, ihnen den Zutritt zum Spielsaal untersagen zu lassen. Der Protest wurde zunächst zurückgewiesen, doch die „Gurus“ wurden nach der 20. Partie aus dem Saal entfernt.

Beim Stand von 5:5 nach der 31. Partie hatte Karpow eine Auszeit genommen. Während dieser reiste FIDE-Präsident Max Euwe ab, woraufhin trotz eines entsprechenden Verbots Hauptschiedsrichter Lothar Schmid durch Miroslav Filip ersetzt wurde. Suchar kehrte in die vierte Reihe des Zuschauerraums zurück und Kortschnois Yogalehrer wurden der Stadt verwiesen, wovon Kortschnoi jedoch erst nach der letzten Partie erfuhr. Er spielte eine laut Raymond Keene minderwertige Eröffnungsidee, nach der Karpow in Vorteil gelangte und gewann. Bei einem Remis wäre davon auszugehen gewesen, dass sich der Nervenkrieg jedoch weiterhin verschärft hätte. So wurde der Nervenkrieg außerhalb des Wettkampfs fortgesetzt, beispielsweise war auf Kortschnois Scheck vermerkt, dass Kortschnoi durch die Einlösung Karpows Sieg anerkenne.

Karpow sendete nach dem Wettkampf ein Telegramm an Leonid Breschnew, in dem er von „unserem Sieg“ sprach, wodurch Kortschnoi und Pachman vermuteten, dass auch politisch an der Weltmeisterschaft mitagiert wurde. Neben Karpow wurden zehn Funktionäre und Spieler von der Sowjetführung ausgezeichnet, die „wesentlich zum Sieg des Weltmeisters“ beigetragen hätten, darunter auch Suchar und Karpows umstrittener Delegationsleiter Baturinski.

Nach Ende des Wettkampfs strengte Kortschnoi vor einem Gericht in Amsterdam wegen der seiner Ansicht nach unfairen Bedingungen einen Prozess gegen die FIDE und Karpow an. Euwe erkannte bereits nach dem Wettkampf an, dass die Bedingungen gegen Kortschnoi gerichtet waren; er habe jedoch nicht intervenieren können. Die Klage auf Annullierung der 32. Partie wurde 1981 abgewiesen, mithin Karpows Titelverteidigung bestätigt.

Folgen

Für die folgende Schachweltmeisterschaft 1981 qualifizierte sich Kortschnoi erneut als Herausforderer, unterlag aber wiederum.

Literatur



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